Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Anführungszeichen

Anführung, Abführung, halbes Anführungszeichen, Guillemets


Interpunktionszeichen; Satzausdruckzeichen. Im Volksmund auch »Gänsefüße« oder »Gänsefüßchen« genannt. Optische Auszeichnung von wörtlich wiedergegebenen Äußerungen (direkter Rede) und Textstellen (Zitate) sowie zur Hervorhebung von Wortteilen, Wörtern oder Satzteilen (z.B. Buchtitel, Sprichwörter oder ironische Äußerungen).

Anführungszeichen stehen vor und nach dem ausgezeichneten Wort oder der ausgezeichneten Textpassage. Das eröffnende Anführungszeichen wird als »Anführung«, das schließende Anführungszeichen als »Abführung« bezeichnet. Wird in eine Anführung eine andere Anführung eingeschoben, so erhält diese ein halbes Anführungszeichen [1].

Die Verwendung von Anführungszeichen werden in Deutschland entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung geregelt [2].

Typographische Anführungszeichen stammen aus der
Antiqua-Tradition der Spätrenaissance, welche sich vermutlich aus den Kolumnenkommentaren entwickelt haben. Typographische Anführungszeichen dienten ursprünglich dazu, in lateinisch oder altgriechisch abgefassten Texten Passagen aus anderen Sprachen sowie wörtliche und sinngemäße Zitate zu kennzeichnen.

Positionen (Stellungen) von Anführungszeichen im deutschsprachigen Schriftsatz

Deutsche Anführungszeichen (Umgangssprachlich auch Gänsefüßchen genannt)
‚‚hamburgerfontsitiv‘‘ (unten/oben) [3]

Deutsche Guillemets
»hamburgerfontsitiv« (mitte/mitte, Spitze nach innen, zwischen x-Linie und Grundlinie ohne Leerzeichen) [4]

Schweizer Guillemets (Deutschsprachige Schweiz)
«hamburgerfontsitiv»(mitte/mitte, Spitze nach außen, zwischen x-Linie und Grundlinie ohne Leerzeichen)

Angloamerikanische bzw. englische Anführungszeichen
"hamburgerfontsitiv" (oben/oben, zwischen k-Linie und x-Linie, optisch ausgerichtet an der H-Linie)

Französische Guillemets (Guillemets français)
« hamburgerfontsitiv »(mitte/mitte, zwischen x-Linie und Grundlinie sowie je ein Leerzeichen bzw. 1/4 Geviert Zwischenraum nach dem Guillemet ouvrant (also vor dem angeführten Wort) und vor dem Guillemet fermant (also nach dem angeführten Wort).


Formen (Figuren) von Anführungszeichen im deutschsprachigen Schriftsatz

Eine verbindliche Richtlinie für die Zeichenform bzw. Figur des Interpunktionszeichens im deutschen Schriftsatz existiert nicht. Nur die Position des Satzausdruckzeichens ist im typographischen Schriftsatz geregelt. Je nach Schriftgattung und Schriftstil sind somit unterschiedliche Figuren des Anführungszeichens möglich: Zwei gerade vertikale Striche oder abgeschrägte Striche mit oder ohne Auslaufpunkt oder Tropfen sowie runde Varianten.


Die englische bzw. angloamerikanische Form – nicht Position – der Satzausdruckzeichen, in Deutschland umgangssprachlich mit »99/66« skizziert, ist nur im englischsprachigen Schriftsatz üblich, um eine Verwechslung mit den dort gebräuchlichen Kürzeln für Zoll, Sekunden und Bogensekunden – ein und zwei vertikale Striche auf halber Höhe zwischen x- und H-Linie bzw. k-Linie (siehe Schriftlinien), teilweise nach unten verjüngt – zu vermeiden. Im frühen 18. Jahrhundert wurden aus diesem Grund die Anführungszeichen in England – und somit auch in Nordamerika – mit einem Tropfen versehen und der Fortlauf (Hybrid aus Punkt und Komma) abgeschrägt.

Im Zuge der digitalen Schriftübermittlung [4] geht diese angloamerikanische Tradition zur Zeit verloren, da viele Screen Fonts, wie die von Matthew Carter für Microsoft ® gestaltete »Verdana«, keine englischen Antiqua-Anführungszeichen im Standardzeichenrepertoire (exklusive Glyphen) mehr führen. Insbesondere digitale Grotesk Screen Fonts führen auf der Tastaturbelegung Shift + 2 mehrheitlich nur noch ein »gerades Anführungszeichen«, das dem englischen Zollzeichen gleicht.

[1] Halbe Anführungszeichen werden trotz Unicode in der HTML-Übermittlung oft nicht korrekt dargestellt oder sie fehlen gänzlich.
[2] Deutsche Rechtschreibung, Regeln und Wörterverzeichnis, Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung, Überarbeitete Fassung des amtlichen Regelwerks, 2006.
[3] In einigen typographischen Lehrbüchern werden die »korrekten« deutschen Anführungszeichen umgangssprachlich und fälschlicher Weise mit »99/66« erklärt. Dies ist allerdings nur eine von vielen möglichen Formvarianten. Aber wie kamen die »99/66« nach Deutschland?: Führende Schriften- und Setzmaschinenhersteller, wie beispielsweise Monotype oder Linotype ®, haben diese englische »99/66-Form« weltweit mit ihren Schriftsatzmaschinen und Bleischriften distributiert. In Deutschland mit seiner 500jährigen Frakturtradition haben sich diese englischen Figuren der Anführungszeichen erst nach dem II. Weltkrieg aufgrund der Distribution und Lizenzvergaben von Antiqua-Schriftmatrizen der englischen Monotype und mit den Schriftsatzautomaten von Linotype ® durchgesetzt; insbesondere durch die englische Vorklassizistische Antiqua »Times« (1932) von Stanley Morison (1889–1967) aus der Monotype-Schriftenbibliothek, die in Deutschland bis heute noch eine der meistbenutzten Druck- und Bürokorrespondenzschriften ist. Nebenbei bemerkt, wurde auch der erste »Duden« nach dem Krieg in der Times gesetzt.
[4] HTML: Unabhängig von Figurenverzeichnis und Browsereinstellungen können oftmals abgeschrägte Anführungszeichen nur noch mittels umständlicher Eingaben per ASCII-Code oder Glyphen-Browser realisiert werden, wobei dieser wiederum aufgrund unterschiedlicher Figurenverzeichnisse, Tastaturbelegungen sowie unterschiedlicher Hard- und Software-Landschaften die Sonderzeichen nicht unbedingt korrekt darstellt. In vielen Mailclienten müssen mehrere Tasten gleichzeitig gedrückt werden, nur um ein abgeschrägtes Interpunktionszeichen zu tippen, was der Empfänger-Browser dann sogar oftmals fehlerhaft interpretiert. Insbesondere Guillemets und Sonderzeichen verhalten sich zur Zeit oft noch inkompatibel zu Suchmaschinenalgorithmen.
[T] Vertikale (Gerade) Anführungszeichen sind im deutschsprachigen Schriftsatz absolut korrekt und seit den 1880er Jahren bei der deutschen Grotesk üblich.
[T] In der Tradition der Gebrochenen Schriften, z.B. bei der Fraktur wurden u.a. auch Parenthesen, Schrägstriche zwischen Grund- und Versalhöhe sowie Rauten als Anführungszeichen verwendet.
[T] Geübte Typographen ersetzen oftmals in Anführungszeichen gesetzte Textpassagen durch Auszeichnungen.
[T] Jede Form von Anführungszeichen ist akzeptabel. Die gewählte Form muss aber dann durchgängig verwendet werden.
[L] Frutiger, Adrian: Der Mensch und seine Zeichen, 1978, Vourier Verlag ISBN 3-925037-39-X.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 08.08.2013
von Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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