Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Antiqua

Schriftgattung und Schriftart; Haupt- und Unterschriftgruppe im Sinne der typographischen Schriftklassifikation; rundbogige Druck- oder Screenschrift römischen Ursprungs mit und ohne Serifen. Abgesehen von Gebrochenen Schriften und Nichtrömischen Schriften, gehören gemäß der Paläographie und Paläotypie alle westeuropäischen Druckschriftarten römischen Ursprungs (siehe Schriftgeschichte) zu dieser Schriftgattung. Der heute im deutschsprachigen Raum gebräuchliche Terminus »Antiqua« steht ausschließlich für eine Druck- oder Screenschrift, nicht für eine kalligraphische Variante. Die Antiqua ist heute die führende Verkehrsschrift der westlichen Welt. In Deutschland und Österreich ist sie durch Schrift-Verdikt seit 1941 Amts- und Verkehrsschrift (siehe Fraktur).

Der typographische Terminus »Antiqua« ist eine allographische Ableitung von »littera antiqua«. Semantisch rührt die Bezeichnung »littera antiqua« aus dem Sprachgebrauch humanistischer Gelehrter der italienischen Frührenaissance des 15. Jahrhunderts und leitet sich etymologisch von der lateinischen weiblichen Form zu »antiquus« für »vorig, alt«, einer Nebenform von »anticus« für »der vordere« vom lateinischen »ante« für »vor« ab. Im Sinne der Renaissance ist also mit »Antiqua« die neue Schrift mit ihren »alten Buchstabenformen« gemeint, die von den Humanisten, im Gegensatz zur »littera moderna« (Begrifflichkeit aus dem 13. Jahrhundert für gotische Schriftformen), als klar und leichter lesbar empfunden wurde. Beispielsweise beschrieb Enea Silvio Piccolomini (1405–1464), der spätere Papst Pius II., im Jahre 1450 in seinem »Tractatus de liberorum educatione« die »littera antiqua« als eine »Form der antiken Buchstaben, die leichter zu lesen, klarer und den griechischen Buchstaben näher sind, von denen sie ihren Ursprung genommen haben«; und der Architekt und Humanist Giorgio Vasari (1511–1574) beklagte das »Gotische« als ein »(...) Mangel an Funktionalität und der schnörkelhaften und unnützen Geziertheiten«. Die humanistische Schriftdoktrin »littera antiqua« richtete sich also gegen die von den Humanisten als »barbarisch, mühsam und häßlich« empfundene gotische Schriftkultur, die »littera moderna«. Der Begriff »Antiqua« bürgerte sich als Terminus primär im deutschsprachigen Raum ein und wird sowohl für die Schriftgattung als auch für eine Schriftart verwendet. Er bezeichnet ausschließlich eine typographische Schrifttype mit - in der Regel - einem Majuskel- und einem Minuskelfigurenverzeichnis.

Das Vorbild der Antiqua, die »littera antiqua«, die Hand- und spätere Druckschrift der Humanisten, entstand in der Frührenaissance in Italien aus der »Humanistica formata« (Humanistische Minuskel), einer Minuskelschrift (skriptographisches Kleinbuchstabenalphabet) u.a. von Coluccio Salutati (1331–1406) und Poggio Bracciolini (1380–1459) und aus der römischen Majuskelschrift (skriptographisches Großbuchstabenalphabet), der Capitalis quadrata (Römische Quadratschrift).

Mit frühen »Archetypen« einer Antiqua im Minuskelalphabet experimentierten bereits um 1465 die deutschen Prototypographen Conrad Sweynheym und Arnold Pannartz im Benediktinerkloster von Subiaco in der Provinz Rom. In ihrer eigenen Offizin in Rom druckten Sweynheym und Pannartz 1467 die erste Ausgabe der berühmten »Epistulae familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.), einem römischen Dichter, Redner und Staatsmann, in ihrer zur Reinform weiterentwickelten Sublacensischen Antiqua-Type. Sie legten hier auch den Grundstein des Cicero-Schriftschnitts. Sweynheym und Pannartz verwendeten Majuskeln nur als in sich geschlossene Auszeichnung. Die Minuskel-Zeilen waren in sich geschlossen, einzelne Großbuchstaben, sogenannte
Versalien, hoben nur den Versbeginn hervor und hatten noch keine orthographische Funktion; zu dieser Zeit wurden Griechisch und Latein ausschließlich in Minuskeln geschrieben und somit auch in Minuskeln gedruckt.

Ab 1468 entwickelten in Venedig die deutschen Prototypographen Johannes und Wendelin von Speyer (de Spira) aus der »Sublacensischen Antiqua« von Sweynheym und Pannartz die Venezianische Renaissance-Antiqua (Venetian), die der französische Typograph Nicolas Jenson (1420–1480) 1470 in Venedig in seinen »litterae Venetae« perfektionierte. Diese Schriftart, insbesondere die sogenannte »Jenson-Antiqua«, gilt als die erste vollkommen ausgebildete Antiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition. Allerdings orientierte sich die Jenson-Antiqua immer noch am Vorbild der handschriftlichen Vorlagen und folgte in ihrer Anwendung auch noch keiner systematischen Groß- und Kleinschreibung. Das Majuskel- und das Minuskelalphabet waren jedoch bereits aufeinander in ihrer
Typometrie kalibriert.

Nördlich der Alpen druckte als erster der Prototypograph Adolf Rusch ab 1468 in der Straßburger Offizin seines Schwiegervaters Johann Mentelin mit römisch inspirierten Antiquatypen, die sich deutlich von den beispielsweise von Petrus Schoeffer in Mainz praktizierten Gotico-Antiqua-Mischformen abhoben. Als Schüler von Mentelin pflegten auch die Prototypographen Gebrüder Zainer – Günther seit 1470 in Augsburg und Johann ab 1473 in Ulm – die frühe deutsche Antiqua. In der Ulmer Offizin des Lienhart Holl entstand 1483 die größte Antiquatype der Inkunabelzeit überhaupt, in der die prachtvolle »Cosmographia« des Ptolemaeus in der Übersetzung von Jacobus Angelus gedruckt wurde, der erste deutsche Atlas. Mit Erhard Ratdolt schließlich, der seit 1476 in Venedig gedruckt hatte, kam 1486 die elegante
Renaissance-Antiqua venezianischer Prägung nach Deutschland.

Die zweite Generation von italienischen Typographen, allen voran der Venezianer Aldus Manutius (1449/50-1515), kultivierte ab 1495 die Antiqua der Prototypographen für die »humanistische Typographie«. Der Typograph Manutius und sein hochtalentierter »Schriftschneider« Francesco Griffo aus Bologna schufen für ihre Aldinen die »Bembo«-Type, so benannt nach dem bedeutenden Gelehrten und Humanisten Kardinal Pietro Bembo, der die Klassikereditionen der Offizin Manutius textkritisch redigiert hatte. Diese »Aldinische Antiqua« distanzierte sich weitgehend von ihren handschriftlichen Vorlagen und Aldos Typographie folgte erstmals konsequent dem philologischen Regelkanon von Grammatik, Orthographie und systematischer Groß- und Kleinschreibung.

In Frankreich entwickelte sich aus der Venezianischen Renaissance-Antiqua, insbesondere aus den Griffo-Lettern, ab 1530 die Französische Renaissance-Antiqua (Mediäval, Garalde), an deren Formgebung maßgeblich die französischen Typographen Antoine Augereau (um 1485-1534) und Claude Garamond (1480/1500–1561) beteiligt waren. Insbesondere der Schriftschneider Garamond schnitt ab 1529 unter dem Eindruck der Alphabetsammlung des »Champfleury« seines Mentors Geoffroy Tory 1533 eine eigene Schrift, die um 1620 unter dem Namen »Garamond« von Jean Jannon publiziert wurde und heute noch als Referenztype für den Schriftentwurf fungiert.

Aus der Renaissance-Antiqua entstand in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Vorklassizistische Antiqua (Transitional), die in Deutschland auch als Barock-Antiqua, Übergangsantiqua oder als Halbmediäval bezeichnet wird. Insbesondere der englische Typograph John Baskerville (1706–1775) und der französische Typograph Pierre Simon Fournier (1712–1768) schnitten ihre Druckschriften in dieser Schriftart. Die Vorklassizistische Antiqua gilt als die erste Schriftart, deren Buchstaben konsequent und systematisch mittels der Typometrie konstruiert wurden.

Ab cirka 1770 entwickelte der italienische »Principe dei tipografi« (der Fürst unter den Typographen) Giambattista Bodoni (1740–1813) aus der französischen »Réales« Fourniers eine Klassizistische Antiqua (Didone) mit einem streng symmetrischen, fast monumental anmutenden Aufbau, welche die westeuropäische Schriftkultur des gesamten 19. Jahrhunderts maßgeblich prägen sollte.

In England entwickelte um 1815 der Schriftschneider Vincent Figgins (1766-1844) aus der Klassizistischen Antiqua von Firmin Didot (1764–1836) die »Egyptienne« (Clarendon), eine serifenbetonte Linear-Antiqua mit monumental und plakativ wirkenden Serifen. Figgins nannte seine Schrift noch »Antique«. Die Bezeichnung »Egyptienne« (frz. die Ägypterin) erhielt diese Schriftart erst ab 1825 durch Thomas Curson Hansard.

Mit der industriellen Entwicklung entstand ebenfalls in England aus der extratypographischen »Industrie- und Steinschrift« eine geradezu technokratisch nüchterne Linear-Antiqua ohne Serifen, die 1816 in London durch den Schriftgießer William Caslon IV. (1780–1869) in einem Majuskelalphabet unter der Schriftbezeichnung »Two Lines English Egyptian« adaptiert wurde. Im deutschsprachigen Raum bezeichnete man diese serifenlose Antiqua auch als »Endstrichlose Linear-Antiqua« oder als »Grotesk«.

Die typographische Schriftklassifikation nach der deutschen Matrix Beinert gliedert die Hauptgruppe Antiqua (Schriftgattung) in die Untergruppen Antiqua (Antiqua mit Serifen, Serif), Egyptienne (Antiquas mit betonten Serifen, Slab Serif) und Grotesk (Antiquas ohne Serifen, Sans Serif). Diese werden wiederum je nach Stilepoche in unterschiedliche Antiqua-Nebengruppen [1] gegliedert:

ANTIQUA:

Antiqua (Serif)
Venezianische Renaissance-Antiqua
Französische Renaissance-Antiqua
Vorklassizistische Antiqua
Klassizistische Antiqua

Egyptienne (Slab Serif)
Egyptienne-Schriften
Clarendon-Schriften
Schreibmaschinenschriften
Italienne-Schriften
Zeitungs-Antiquas

Grotesk (Sans Serif)
Ältere Grotesk
Amerikanische Grotesk
Konstruierte Grotek
Jüngere Grotesk


[1] Philologische Schriftklassifikationen ordnen Antiquas auch nach anderen Anforderungen und Kriterien, beispielsweise nach sprachlicher Herkunft, Schreibrichtung, Hybriden, Autoren, Schriftgießerein, Stempelschneider, Offizinen, Stilepochen, Geographie etc.
[T] Bis zum Ende des materiellen Schriftsatzes (Bleisatz) in den 1970er Jahren, konnten Antiquaschriften problemlos klassifiziert und in Untergruppen eingeteilt werden. Dies ist seit dem optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) und insbesondere seit Beginn der digitalen Typographie (PostScript, Bitmap, OTF usw.) nicht mehr möglich. Zu viele Varianten und Mischformen sind existent. Einheitliche Formmerkmale sind nicht mehr konkret nachweisbar und es ist nahezu unmöglich geworden, Antiquaschriften kunstgeschichtlich zuzuordnen.
[L] Otto Mazal: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Hermann Degering: Die Schrift. Atlas der Schriftformen des Abendlandes vom Altertum bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, 1952.
[L] Hans Jensen: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 1958.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 01.04.2014
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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