Arabische Ziffern

Die »Ara­bi­schen Zif­fern« (typo­gra­phi­sche Bezeich­nung) bzw. die »Indo-ara­bi­schen Zif­fern« (mathe­ma­ti­sche Bezeich­nung) 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 0 lös­ten mit Beginn des 13. Jahr­hun­derts in West­eu­ro­pa die Römi­schen Zah­len suk­zes­si­ve ab und ermög­lich­ten durch ihre wesent­li­ch ein­fa­che­re und über­sicht­li­che­re Schreib­wei­se – und natür­li­ch der Null – die Wei­ter­ent­wick­lung der kom­ple­xen Mathe­ma­tik und der Natur­wis­sen­schaf­ten. Das Wis­sen über die indo-ara­bi­sche Rechen­kunst gelang­te mit den Mau­ren (711‑1492) nach Spa­ni­en und u.a. auch über den Geld­um­lauf und die Kreuz­zü­ge (1095–1254) ins katho­li­sche Euro­pa. Sehr frü­he Abbil­dun­gen die­ser ara­bi­schen Zif­fern zeigt der spa­ni­sche Codex Vigi­la­nus (Escori­al d, I, 2) aus dem Jahr 976.

Bereits im 9. Jahr­hun­dert n. Chr. kann­ten die Ara­ber die­ses ursprüng­li­ch aus Indien – mög­li­cher­wei­se auch aus der süd­ame­ri­ka­ni­schen Maya­kul­tur – stam­men­de Stel­len­wert­sys­tem (ara­bi­sch »as-sifr«, mit­tel­la­tei­ni­sch »cifra« oder »cephirum«, spät­mit­tel­hoch­deut­sch »zif(f)er«) und auch die Null (»sun­ya« für »leer« oder »figu­ra nihi­li« bzw. »nul­la figu­ra« für »nichts«). Der Über­lie­fe­rung nach hat­te »Abu Dscha­far Moha­med ibn Musa Alch­wa­riz­mi« um 820 n. Chr. die ers­te Theo­rie über das Rech­nen mit dem indi­sch-ara­bi­schen Zah­len­sys­tem ver­fasst, das nach ihm die Bezeich­nung Algo­ris­mus oder Algo­rith­mus erhielt. Erst zu Beginn des 12. Jahr­hun­derts n. Chr. ver­fass­ten die bei­den eng­li­schen Mön­che Adel­ard von Bath und Robert von Ches­ter latei­ni­sche Über­set­zun­gen die­ses Wer­kes, des­sen Urschrift als ver­lo­ren gilt.

Ins­be­son­de­re dem Fran­zo­sen »Ger­bert aus Auril­lac« (940/950–12.5.1003, Gelehr­ter, Poli­ti­ker, Abt von Bob­bio, Erz­bi­schof von Reims und Raven­na, Papst Sil­ves­ter II.) wird es zuge­schrie­ben, die indo-ara­bi­schen Zif­fern – anfäng­li­ch gegen den mas­si­ven Wider­stand in der katho­li­schen Kir­che – im katho­li­schen Kul­tur­kreis pro­te­giert zu haben. Ger­bert stu­dier­te nach sei­ner Zeit als Mön­ch im mau­ri­schen Spa­ni­en, im Kali­fat von Cór­do­ba, wel­ches als die Kapi­ta­le der euro­päi­schen Wis­sen­schaft und Kunst galt und den intel­lek­tu­el­len Mit­tel­punkt Euro­pas dar­stell­te. Das mul­ti­kul­tu­rel­le Cór­do­ba war um 960‑1060 mit rund einer hal­ben Mil­lio­nen Ein­woh­ner die größ­te, wohl­ha­bends­te und kul­ti­vier­tes­te Stadt Euro­pas; sie galt auch als die »Stadt der Bücher«.

Das frü­hes­te, aller­dings frag­men­ta­ri­sche Bei­spiel für das Vor­kom­men der indo-ara­bi­schen Zif­fern in Form von Mediä­val­zif­fern im mit­tel­eu­ro­päi­schen, katho­li­sch gepräg­ten Raum ist eine Salz­bur­ger Hand­schrift aus dem Jahr 1143 n. Chr. im Kodex 275 der ehe­ma­li­gen Wie­ner Hof­bi­blio­thek, der heu­ti­gen Öster­rei­chi­sche Natio­nal­bi­blio­thek.

Erst der 1202 n. Chr. erschie­ne­ne Trak­tat »Liber Aba­ci« des Leo­nar­do Fibo­nac­ci aus Pisa, der auf 459 Sei­ten die Arith­me­tik und Alge­bra der indo-ara­bi­schen Rechen­kunst, der »Mathe­sis uni­ver­sa­lis« sys­te­ma­ti­sch dar­stell­te, mach­te die ara­bi­schen Zif­fern in west­eu­ro­päi­schen Gelehr­ten­krei­sen geläu­fig. Die Erfin­dung der Typo­gra­phie im 15. Jahr­hun­dert n. Chr. konn­te schließ­li­ch durch »Rechen­bü­cher« in hohen Auf­la­gen, bei­spiels­wei­se die von Adam Ries, 1 ) die ara­bi­sche Zah­len­schreib­wei­se im christ­li­chen Euro­pa popu­lär machen.

In der Typo­gra­phie unter­schei­det man ara­bi­sche Zif­fern in Mediä­val­zif­fern und Majus­kel­zif­fern bzw. Mediä­valbruch­zif­fern und Majus­kel­bruch­zif­fern. Zif­fern wer­den sowohl als dick­ten­glei­che Tabel­lenzif­fern als auch als dick­ten­in­di­vi­du­el­le Pro­por­tio­nal­zif­fern ange­bo­ten. 2 ) 3 ) 4 )

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Ries, Adam: »Ein­bli­cke in die Coß«, Fak­si­mi­le, Kom­men­ta­re von R. Geb­hardt zum 500. Geburts­tag von Adam Ries, 1992. Schrif­ten des Adam-Ries-Bun­des Anna­berg-Buch­holz, Band 4.
2.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Men­nin­ger, Karl: Zahl­wort und Zif­fer. Eine Kul­tur­ge­schich­te der Zahl. Ver­lag Van­den­hoeck und Ruprecht, Göt­tin­gen 1979.
3.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Nau­mann, Fried­rich: Vom Aba­kus zum Inter­net, Die Geschich­te der Infor­ma­tik, Pri­mus Ver­lag 2001, ISBN 3–89678-224-X.
4.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Cajori,Florian : A His­to­ry of Mathe­ma­ti­cal Nota­ti­ons. Dover Publ., New York 1993.