Ausgleichen

Typo­gra­phi­scher Ter­mi­nus für die ästhe­ti­sche Anpas­sung der Weiß­räu­me inner­halb von Zei­chen­grup­pen bei Pro­por­tio­nal­schrif­ten; indi­vi­du­el­ler Aus­gleich von Buch­sta­ben-, Zif­fern- und Zei­chen­ab­stän­den; im Hand­satz auch als »Aus­mit­teln« bezeich­net. Seman­ti­sch »aus­glei­chen« von »Aus­gleich« für »ein Gleich­ge­wicht zustan­de brin­gen« bzw. »das Auf­he­ben von Unter­schie­den durch Anpas­sung bei­der Sei­ten«.

In der Mikro­ty­po­gra­phie zählt der hän­di­sche Aus­gleich dis­har­mo­ni­scher Zei­chen­ab­stän­de inner­halb einer Zei­chen­grup­pe zum Opti­schen Schrift­wei­ten­aus­gleich. Sinn und Zweck ist die Erzie­lung eines gleich­mä­ßi­gen Weiß­raums zwi­schen meh­re­ren Zei­chen, um die Ästhe­tik eines Wort­bil­des zu erhö­hen.

Ausgleich von Majuskeln (Majuskel- bzw. Versalausgleich) innerhalb einer Zeichengruppe bzw. Wortes. Obere Zeile: Normalschriftweite (0 LW). Zweite Zeile: Normalschriftweite mit +120/1000 Geviert spationiert. Dritte Zeile: Normalschriftweite mit +120/1000 Geviert spationiert sowie Weißraum zwischen den Buchstaben A/U, U/S, E/I und C/H mit Minuswerten (-LW) unterschnitten. Beispiel gesetzt mit Photoshop® von Adobe® in der Copperplate Gothic Regular (1905) von Frederic W. Goudy (1865–1947) für die Font Foundry ATF, Vertrieb URW++. Infografik: www.typolexikon.de
Aus­gleich von Majus­keln (Majus­kel- bzw. Ver­sa­l­aus­gleich) inner­halb einer Zei­chen­grup­pe bzw. Wor­tes. Obere Zei­le: Nor­mal­schrift­wei­te (0 LW). Zwei­te Zei­le: Nor­mal­schrift­wei­te mit +120/1000 Geviert spa­tio­niert. Drit­te Zei­le: Nor­mal­schrift­wei­te mit +120/1000 Geviert spa­tio­niert sowie Weiß­raum zwi­schen den Buch­sta­ben A/U, U/S, E/I und C/H mit Minus­wer­ten (-LW) unter­schnit­ten. Bei­spiel gesetzt mit Pho­to­shop® von Ado­be® in der Cop­per­pla­te Got­hic Regu­lar (1905) von Fre­de­ric W. Gou­dy (1865–1947) für die Font Found­ry ATF, Ver­trieb URW++.

Die Tech­nik des Aus­glei­chens von Bucht­a­ben­kom­bi­na­tio­nen stammt aus der Kal­li­gra­phie und wur­de mit Erfin­dung des Buch­drucks durch Johan­nes Guten­berg (um 1400–1468) von der Typo­gra­phie adap­tiert. Bis in die 1950er Jah­re war in der Eng­li­schen Typo­gra­phie damit pri­mär der Aus­gleich von Buch­sta­ben und Liga­tu­ren im Majus­kel­satz (Ver­sa­l­aus­gleich) gemeint. Im deut­schen Frak­tur­schrift­satz wer­den ins­be­son­de­re gesperr­te Schrift­aus­zeich­nun­gen in der Schrift­gat­tung der Gebro­che­nen Schrif­ten (Sperr­satz) aus­ge­gli­chen.

Das Aus­glei­chen von Zei­chen­grup­pen erfolgt über­wie­gend bei Majus­keln und Kapi­täl­chen (Ver­sa­l­aus­gleich), Römi­schen Zah­len und Mediä­val­zif­fern, im Titel­satz (z.B. bei Pla­ka­ten, Büchern oder Maga­zi­nen), bei Akzi­den­zen sowie bei 2D- und 3D-Wort­bild­mar­ken (Cor­po­ra­te Desi­gn). Im gemisch­ten Men­gen­schrift­satz (Werk­satz) ist die­se Form des opti­schen Schrift­wei­ten­aus­gleichs nur sel­ten zu fin­den, da der Auf­wand zu hoch ist.

Die Tech­nik des ästhe­ti­schen Aus­glei­chens basiert auf unter­schied­li­chen Gestal­tungs­prin­zi­pi­en, Pro­por­ti­ons­ver­ständ­nis­sen und der Inter­pre­ta­ti­on von Flä­chen­wir­kung, bei­spiels­wei­se der von Majus­keln.

Begriffsabgrenzung

Man spricht in der Mikro­ty­po­gra­phie von »Aus­glei­chen«, sobald eine in sich geschlos­se­ne Zei­chen­grup­pe durch unter­schied­li­che, also nicht gleich­mä­ßi­ge Lauf­wei­ten­kor­rek­tu­ren ver­än­dert wird. Eine Zei­chen­grup­pe umfasst min­des­tens drei Zei­chen, z.B. ein Wort oder eine Zei­le. Bei einer gleich­mä­ßi­gen Posi­ti­ven Lauf­wei­ten­kor­rek­tur (+LW) von zwei oder meh­re­ren Zei­chen spricht man von Spa­tio­nie­ren oder Sper­ren. Bei einer Nega­ti­ven Lauf­wei­ten­kor­rek­tur (-LW) von zwei oder meh­re­ren Zei­chen, bei­spiels­wei­se bei Kerningpaa­ren wie AV Av Aw oder Ay, spricht man von Unter­schnei­den oder Kerning.

Fotosatz und Desktop Publising

Im opto­me­cha­ni­schen Schrift­satz (Foto­satz) sowie im DTP Desk­top Publis­hing ist mit »Aus­glei­chen« der manu­el­le opti­sche Aus­gleich kri­ti­scher Zei­chen­grup­pen bei Pro­por­tio­nal­schrif­ten durch Posi­ti­ve (+LW) und Nega­ti­ve Lauf­wei­ten­kor­rek­tur (-LW) bzw. der Opti­sche Schrift­wei­ten­aus­gleich mit­tels Spa­tio­nie­ren und Unter­schnei­den (Manu­el­les Kerning) inner­halb einer Zei­chen­grup­pe, eines Wor­tes oder Sat­zes gemeint.

Handsatz

Im mate­ri­el­len Schrift­satz (z.B. Blei­satz oder Holz­let­tern­satz) wird unter »Aus­glei­chen« bzw. »Aus­mit­teln« das Sper­ren eines Wor­tes oder Sat­zes mit unter­schied­li­ch gro­ßen Trenn­fu­gen bzw. Spa­ti­en ver­stan­den.

Im Bleisatz war das »Ausgleichen« von spationierten Zeichengruppen, z.B. der Versalausgleich, nur mit unterschiedlich großen Trennfugen bzw. Spatien möglich. Das erfordert viel Übung und ist sehr zeitaufwendig. Bei Desktop Publishing Computerprogrammen, z.B. InDesign® von Adobe®, ist das Ausgleichen durch gleichzeitige Positive (+LW) und Negative Laufweitenkorrektur (-LW) möglich. Eine spationierte Zeichengruppe kann somit mit Unterschneidungen (Manuelles Kerning) ausgeglichen werden, was den Arbeitsprozess sehr vereinfacht. Beispiel: Handsatzgebinde (Bleisatz) einer Empfehlungskarte vor der Drucklegung. Foto: Wolfgang Beinert, Berlin.
Im Blei­satz war das »Aus­glei­chen« von spa­tio­nier­ten Zei­chen­grup­pen, z.B. der Ver­sa­l­aus­gleich, nur mit unter­schied­li­ch gro­ßen Trenn­fu­gen bzw. Spa­ti­en mög­li­ch. Das erfor­dert viel Übung und ist sehr zeit­auf­wen­dig. Bei Desk­top Publis­hing Com­pu­ter­pro­gram­men, z.B. InDe­si­gn® von Ado­be®, ist das Aus­glei­chen durch gleich­zei­ti­ge Posi­ti­ve (+LW) und Nega­ti­ve Lauf­wei­ten­kor­rek­tur (-LW) mög­li­ch. Eine spa­tio­nier­te Zei­chen­grup­pe kann somit mit Unter­schnei­dun­gen (Manu­el­les Kerning) aus­ge­gli­chen wer­den, was den Arbeits­pro­zess sehr ver­ein­facht. Bei­spiel: Hand­satz­ge­bin­de (Blei­satz) einer Emp­feh­lungs­kar­te vor der Druck­le­gung. Foto: Wolf­gang Bei­nert, Ber­lin.

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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