Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Bodoni, Giambattista
Typograph, Italien [1], 1740–1813

Italienischer Typograph. Geboren am 26. Februar 1740 im piemontesischen Saluzzo, gestorben am 30. November 1813 in Parma. Schüler von Abbate Ruggieri in der vatikanischen Polyglottendruckerei der Propaganda Fide.

In der Absicht nach England zu gehen, verließ Giambattista Bodoni 1766 Rom; doch eine Krankheit hielt ihn in Italien zurück. 1768 wurde er zum Leiter der »Stamperia reale« in Parma ernannt. Dort verwendete er anfangs nur die Typen von Pierre Simon Fournier aus Paris und entwarf dann aber zahlreiche neue, auch orientalische
Alphabete. Denn auf Wunsch der kunstfanatischen Fürsten von Parma sollte die Stamperia alle anderen Druckereien Italiens an Schriftenreichtum übertreffen.

1771 erschien Bodonis erstes Schriftmusterbuch »Saggio tipografico di fregi e maiuscole«; 1775 ein in fünfundzwanzig verschiedenen Sprachen gedrucktes Huldigungsbuch »Epithalamia exoticis linguis reddita« [2]. 1791 erlaubte ihm Herzog Ferdinand sogar die Errichtung einer privaten
Offizin im Palast, um ihn an seinen Hof zu binden. Hier entstanden 1793 eine Prachtausgabe des Vergil und 1794 Torquato Tassos »La Gerusalemme liberata« in drei Folianten. 1806 druckte Bodoni die berühmte »Oratio dominica in CLV linguis versa et exoticis characteribus plerumque expressa«, also das »Vater unser« in 155 Sprachen; 1808 dann die »Iliade« des Homer, ein typographisches Meisterwerk in drei Bänden mit einer Zueignung an Napoleon Bonaparte.

Der italienische »Fürst der Typographen« (»principe dei tipografi«) und »Drucker der Könige« beeinflußte mit seinem streng durchkonstruierter Stil die Drucker in ganz Europa. Giambattista Bodonis Handbuch, das »Manuale tipografico«, wurde posthum 1818 von seiner Witwe Margherita Dall'Aglio in nur 250 Exemplaren publiziert; es enthält neben 142 originale Schriften samt korrespondierenden Kursiven auch eine Kollektion von floralen Ornamenten und geometrischen Mustern.

Giambattista Bodonis frühe Editionen sind noch illustriert, mit Schrifttypen im alten Stil. Um 1800 ist dann alles schmückende Beiwerk verschwunden und es dominiert die kühle Eleganz der Klassizistische Antiqua mit ihrer streng symmetrischen, fast monumental anmutenden
Typometrie. Die Schönheit seiner Drucke, vor allem der Titelblattgestaltungen, resultiert aus Bodonis hohem Sinn für die Proportion, aus dem feinst ausgewogenen Verhältnis des Satzspiegels zu den Stegen, der exakten Anordnung  des Durchschusses und dem konsequenten Halten des Registers (Registerhaltigkeit). Auch das Papier ist stets sorgfältig gewählt und die Druckerschwärze sogar speziell nachbehandelt, um ein tiefes, glänzendes Schwarz zu erzielen.

Bodonis Drucke und seine legendäre Antiqua »Bodoni« gelten als epochale Meisterwerke des Klassizismus. Seine klassizistische Antiqua »Bodoni« wurde deshalb unzählige Male von anderen Schriftentwerfern repliziert. Die Renaissance der Bodoni-Schriften im 20. Jahrhundert begann 1910 mit der Neuinterpretation von Morris F. Benton für die »American Type Founders Company« (ATF). Unter den zahlreichen Abkömmlingen gilt die »Bauer Bodoni« von Heinrich Jost als der schönste Nachschnitt mit der stimmigsten Neuinterpretation der »Manuale tipografico«.

[1] Damals: Herzogtum Parma, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation (962–1806)
[2] Facsimile des Bodoni-Drucks mit einer Klassizistischen Antiqua, Parma 1775, aus der Cary Collection, New York unter http://wally.rit.edu/cary/cc_db/subject_library.html. Melbert B. Cary war in den 1920er Jahren Direktor der Continental Type Founders Association; seine Sammlung umfaßt rund 2.300 bedeutende Werke zur Geschichte des Buchdrucks und gehört zum Rochester Institute of Technology.
[T] Bodoni zum Anfassen: Museo Bodoniano di Parma, Piazza della Pilotta 5, Telefon 0039.0521-282217. Besichtigung nur nach Voranmeldung. Das Museum befindet sich im obersten Stockwerk der Biblioteca Palatina im Palazzo della Pilotta.
[T] Bodoni schnitt seine Schriften so, dass sie erst in Verbindung mit »seinen« speziellen Farben und auf »seinem« besonderen Papier zu ihren wahren Formen fanden. Die »dünnen«
Serifen seiner klassizistischen Schriftschnitte verdickten sich nämlich, sobald sie »auf« dem Papier standen. Zum einen durch den Druckprozess selbst, also das Eindringen der Type in das Material, dann durch die Eigenschaften des Papiers und durch das Wegschlagverhalten der Farbe.
In Anbetracht dessen und dass Giambattista Bodoni ein Perfektionist war - er entwickelte seine Druckfarben selbst und er hatte eine unbestreitbar große Affinität zu außergewöhnlichen Papieren - sind sämtliche Neuinterpredationen oder Modifikationen seiner Schriften sehr fragwürdig. So fallen beispielsweise die Serifen nahezu aller gedruckten Bodoni-Nachschnitte entweder zu dünn oder zu dick aus; was wiederum die Anmutung und Lesbarkeit der ursprünglichen Formen zerstört. Der Grund hierfür: Die meisten Schriftgestalter haben die jeweiligen Produktionstechniken beim Entwurf nicht berücksichtigt. Insbesondere seit dem 20. Jahrhundert - im Zuge der Spezialisierung - besitzen die meisten Schriftgestalter in der Regel nur wenig Wissen über Farbe, Papier und Drucktechnik. Dies trifft insbesondere für Schriftentwürfe zu, die nur im virtuellen, digitalen Prozess entstanden sind.
[L] Stefano Ajani und Luigi Cesare Amletto: Conoscere Bodoni, G. Altieri, Turin 1990.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 31.10.2008
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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