Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Buchstabe
Lateinischer Buchstabe

Schriftzeichen für einen Sprachlaut; Zeichen zur visuellen Sprachfixierung von Vokalen und Konsonanten. Ein Buchstabe kodifiziert also die auditive Wahrnehmung und wird demgemäß in der Linguistik als ein
Graphem definiert, das einem Phonem entspricht. Das Zeichen »charakterisiert« den Laut - und umgekehrt – als Einheit, als eine untrennbare semantische Verknüpfung, die besonders in den romanischen Sprachen deutlich wird, beispielsweise im Französischen, wo das Wort »caractère« noch immer die Grundbedeutung von Buchstabe, Schriftzeichen, Letter und Type hat.

Etymologisch geht das Wort »Buchstabe« auf das Gotische des 8. Jahrhunderts n.Chr. zurück, als eine verdeutlichende Kombination aus dem altnordischen weiblichen Wurzelnomen »bok/-s« für »gesticktes Kissen, Buch« mit dem germanischen männlichen »stabi/a«, in der Bedeutung von »Stab, Element«, zur unterscheidenden Bezeichnung von lateinischen Buchstaben gegenüber den Runen. Beide Wörter im Plural (»boks« bzw. »staba«) bedeuteten auch allein »die Buchstaben« ganz allgemein. Das griechische Wort für »Buchstabe, Geschriebenes« lautet »grámma«, als eine Ableitung von »gráphein« für »einritzen, schreiben«; im lateinischen »littera« wurzelt das Wort »Letter«, das den gedruckten Buchstaben, also die Type, meint.

Die systematische Aneinanderreihung aller Buchstaben einer bestimmten Sprache wird »Alphabet« genannt. Das gesamte Zeicheninventar wird als »alphanumerischer Code« bezeichnet. Das deutsche Alphabet besteht aus je 26
Minuskeln und Majuskeln sowie sprachspezifischen Buchstabenkombinationen mit Umlauten, Akzentzeichen und anderen diakritischen Zeichen.

Typometrisch werden die Buchstabenfiguren aus den Elementen Gerade und Bogen gebildet. Vorstufen der Buchstaben sind archaische Symbole und Piktogramme, die sich im Laufe der Schriftentwicklung zu Lautzeichen wandelten. Die Buchstaben für die Darstellung der deutschen Wortsprache basieren auf der »Scriptura capitalis«, der römischen Majuskelschrift.

Die Protoformen unserer lateinischen Buchstaben sind somit die Großbuchstaben der Römer. Das älteste Zeugnis für diese Form der Buchstaben ist eine »Lapis Niger« genannte Tuffstein-Stele auf dem Forum Romanum in Rom, die aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert stammt; ihre lateinischsprachige Inschrift ergibt, mit Ausnahme des Buchstabens B, ein vollständiges Alphabet, das formal noch genau dem westgriechischen Typus der schon von Herodot als »grammata phoinikeia« bezeichneten altsemitischen Urbuchstaben entspricht. In der Folge entstand daraus das klassische römische Alphabet im Zweiliniensystem mit seinen 21 modifizierten, nunmehr lateinischen Buchstaben, das im ersten vorchristlichen Jahrhundert durch die griechischen Originalzeichen Ypsilon und Zeta auf 23 Großbuchstaben vervollständigt wurde.

Die Kleinbuchstaben im Dreiliniensystem entwickelten sich nach der Karolingischen Schreibreform im westfränkischen Stil aus der »Gotica«. Im 11./12. Jahrhundert entstand aus einer Ligatur von zwei »v« der 24. eigenständige Buchstabe, das »w«. Bis zur »Humanistica formata« der Frührenaissance wurde im Zweiliniensystem von Grundline zur H-Linie in Majuskel- oder in Minuskelzeilen geschrieben. Ab der Humanistica formata bildeten die Minuskeln systematisch Oberlängen (x-Linie bis H-Linie), Mittellängen (Grundlinie bis x-Linie) und Unterlängen (Grundlinie bis p-Linie) aus.

Das konsequente Vierliniensystem wurde erst mit der Venezianischen Renaissance-Antiqua der Prototypographen Gebrüder von Speyer und Nicolas Jenson, welche die »Sublacensische Antiqua« der Prototypographen Conrad Sweynheym und Arnold Pannartz kultivierten, zum Standard in der Schriftgestaltung.

Die Majuskeln verfügten bereits über standardisierte Kopf-, Stand- und Querserifen; die Minuskeln über Auslaufpunkte, Tropfen und wie auch die Majuskeln über schräge Dachansätze und Wechselschwünge, die von den skriptographischen Vorlagen und vom Schreiben mit der Rohrfeder herrührten.

Typometrisches Hauptliniensystem der Antiqua von oben nach unten:

Á-Linie (Akzentlinie)
k-Line (Minuskeloberlängenhöhe bei Renaissance-Antiquas)
H-Linie (Majuskel- oder Versalhöhe)
x-Linie (Minuskelhöhe)
Grundlinie (Schriftline)
p-Linie (Unterlänge)


Typometrischen Hauptschriftlinien der Antiqua mit Überhangslinien von oben nach unten:

Großer Überhang
Majuskelhöhe (H-Linie)
Kleiner Überhang
Minuskelhöhe (x-Höhe)
Grundline
Unterer Überhang
Unterlänge (Grundlinie zur p-Linie)
Tiefer Überhang


Erst der venezianische Typograph und Verleger Aldus Manutius (1449/50-1515) und sein Schriftschneider Francesco Griffo folgten – inspiriert durch ihren Lektor, den Humanisten und späteren Kardinal Pietro Bembo – in ihren Aldinen konsequent dem philologischen Regelkanon von Grammatik, Orthographie und systematischer Groß- und Kleinschreibung.

Im Zuge der Reflexion auf die griechische und römische Klassik begannen die ersten Schriftgestalter, so unter anderen Felice Feliciano (Rom um 1460), Damianus Moyllus (Parma um 1483), Luca Pacioli (1509), Albrecht Dürer ( »Underweysung der Messung« von 1525) und Geoffroy Tory (Paris um 1549), ihre Buchstaben nach dem Humanistischen Formprinzip zu konstruieren. Mittels der Typometrie suchten sie nach der idealen Form. In dieser Frühphase der Antiqua wurde der einzelne Buchstabe zum Zentrum des Bemühens. Buchstaben wurden nach dem »Goldenen Schnitt« konstruiert und die weißen Binnenräume waren keine Zufallsprodukte mehr.

Erst während des 17. Jahrhunderts erfolgte die eindeutige skriptographische Differenzierung von »i« und »j« sowie von »u« und »v« als den nunmehr 25. und 26. Buchstaben des deutschen Alphabets. Die Buchstaben der Vorklassizistischen Antiqua im 18. Jahrhundert waren dann die ersten Drucktypen, die konsequent und systematisch mittels der Typometrie konstruiert wurden.

Bis zur digitalen Schriftlichkeit wurden Buchstaben händisch entworfen und skizziert. In den Anfängen des Bleisatzes wurden beispielsweise diese Skizzen von einem »Schriftschneider« mit Stahlstäbchen, Sticheln und Messern von Hand in das Metall geschnitten. Aus dieser Protogußform (Patrize-Matrize) wurde dann der Buchstabe ausgegossen. Ab dem 18. Jahrhundert wurde dieser Vorgang ständig perfektioniert und in der Folge automatisiert.

Heute sind nachfolgende typometrische Termini zur Beschreibung eines Buchstabens geläufig (inklusive Synonyme):

Abschluß
Abschlußserifen einseitig
Abschlußserifen zweiseitig
Abstrich
Achse
Anstrich
Arm
Aufstrich
Auge
Ausgleichserife
Auslauf
Auslaufbogen
Auslaufpunkte
Balken
Bauch
Bein
Binnenraum
Bogeneinlauf
Brücke
Dachansatz
Diagonale
Dickte (Satzzeichenbreite)
Einlauf
Fleisch
Grundform
Grundstrich
Haarstrich
Hals
Hauptstrich
Innenbogen
Kopfserifen einseitig
Kopfserifen zweiseitig
Kurve
Kurvenbalken
Nachbreite
Nase
Mittellänge
Oberer Bogen
Oberkante
Ohr
Oberlänge
Punkt
Punze
Querbalken
Querstrich
Querserifen einseitig
Querserifen doppelseitig
r-Kopf
Rundungen
Rundung links
Rundung rechts
Seitliches Verbindungsstück
Scheitel
Schräge
Schrägstrich
Schleife
Schlinge
Schulter
Schweif
Senkrechter Aufstrich
Serifen
Serifenansatz
Serifenhöhe
Serifenlänge
Serifenoberkante
Serifenübergang
Serifenunterkante
Serifenseitenkante
Spitze
Sporn
Standserifen einsitig
Standserifen zweiseitig
Standstrich
Steg
Strichabschluss
Taille
Tropfen
Überhang
Untere Bogen
Untere Schlaufe
Unterlänge
Unterkante
Verbindungsstrich
Versalbreite
Vorbreite


[T] Schriften werden von den Herstellern regelmäßig überarbeitet und für neue Satzsysteme adaptiert. Deshalb sollte grundsätzlich für die Belichtung, z.B. auf Film, Platte oder in die Druckmaschine, der exakte Schriftstil inklusive der Bezugsquelle der verwendeten Schrift angegeben werden. Also Schriftname [z.B. Baskerville], Schriftbreite [z.B. normal], Schriftstärke [z.B. halbfett], Schriftlage [z.B. kursiv] und Schriftenbibliothek [z.B. Berthold ®]. Denn je nach Hersteller oder Distributor kann es zu markanten Unterschieden der Figuren und der Schriftstilbezeichnung kommen. Schrift ist nicht gleich Schrift!
[T] Schriftklassifikation und die kunstgeschichtliche Zuordnung von Schriften werden in der Paläographie und Paläotypie erforscht.
[T] Mal-, Kerb und Ritzzeichen zum Anfassen: Höhle von Lascaux in Frankreich. Wandmalereien aus einer Zeit vor etwa 30.000 bis 25.000 v.Chr.
[L] Harald Haarmann: Geschichte der Schrift, Verlag C. H. Beck, München 2002, ISBN 3406479987.
[L]
Jan Tschichold: Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952, ISBN 3-473-61100-x.
[L] R. Rudgley: Lost civilisations of the Stone Age, London und Sydney 1998.
[L] H. Günther und O. Ludwig: Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch, Berlin und New York 1994.
[L] Otto Mazal: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Otto Mazal: Lehrbuch der Handschriftenkunde, Reichert, Wiesbaden 1986.
[L] Károly Földes-Papp: Vom Felsbild zum Alphabet: Die Geschichte der Schrift von ihren frühesten Vorstufen bis zur lateinischen Schreibschrift, Belser, Stuttgart 1984.
[L] Franz Dornseiff: Das Alphabet in Mystik und Magie, Leipzig und Berlin 1925.
[L] Hermann Delitsch: Geschichte der abendländischen Schreibschriftformen, Leipzig 1928.
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[L] Hans Jensen: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 1958.
[L] Hans Foerster: Abriß der lateinischen Paläographie, Verlag Haupt, Bern 1949; Nachdruck Stuttgart 1981.
[L] Carl Faulmann, Schriftzeichen und Alphabete aller Zeiten und Völker, Reprint im Augustus Verlag, ISBN 3-8043-0142-8.
[L] Frutiger, Adrian: Der Mensch und seine Zeichen, 1978, Vourier Verlag ISBN 3-925037-39-X.
[L] Peter Karow: Schrifttechnologie, Methoden und Werkzeuge, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, N.Y., ISBN 3-540-54918-8.
[L] Wilfried Seipel (Hrsg.: Der Turmbau zu Babel, Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Band 2, 3a und 3b, Ausstellungskatalog des Kunsthistorischen Museum Wien, 2003, ISBN 3-85497-055-2.
[L] Herbert Brekle: Die Antiqualinie von ca. -1500 bis ca. +1500, Nodus Publikationen Münster, 1994, ISBN 3-89323-259-1.
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Karen Cheng: Designing Type, Anatomie der Buchstaben, Verlag Hermann Schmidt Mainz, ISBN 3-87439-689-4.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 30.10.2008
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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