Berthold, Hermann

Typograph, Galvaniseur und Unternehmer. Hermann Berthold wurde am 19. August 1831 als Sohn eines Kattundruckers in Berlin geboren. Nach einer Ausbildung zum Präzisions-Werkzeugmacher beschäftigte sich Berthold intensiv mit der innovativen Technik der Galvanographie, einem 1840 vom Münchener Naturwissenschafter, Mineralogen und zu jener Zeit sehr bekannten bayrisch-pfälzischen Mundartdichter Franz von Kobell (1803–1882) entwickelten neuen Verfahren zur Herstellung von Kupferdruckplatten.

1858 gründete Berthold in der Berliner Wilhelmstraße Nr. 1 ein »Institut für Galvano-Technologie« und profilierte sich rasch als eine dem technischen Fortschritt verpflichtete und dabei höchst erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeit. Sein Institut firmierte ab 1864 als »H. Berthold Schriftgießerei und Messinglinienfabrik« und Berthold widmete seine Forschungen vor allem einer praktikablen Umsetzung der Galvanik und Modifikation der Galvanoplastik für den Buchdruck. Er wurde so zu einem der Wegbereiter für die Technik der Galvanotypie, beziehungsweise der Elektrotypie.

Berthold entwickelte eine den Typenguß und das Druckereiwesen revolutionierende Methode zur Produktion von kreisförmigen Zeilen aus Messing und nicht, wie zur damaligen Zeit üblich, aus Blei oder Zink, wodurch sich auch das bei diesen Materialien normalerweise notwendige Löten erübrigte; und er stellte als erster Achtelpetitlinien aus elastisch biegsamem Messing her, was den Druck besonders feiner Haarlinien ermöglichte. Schon 1869 bezog der Betrieb den neuerrichteten, imposant fünfgeschossigen und klinkerverkleideten »Mehring-Hof« in der Belle-Alliance-Straße 88 (1947 umbenannt in Gneisenaustraße 2A) hinter dem bereits 1859 erbauten Mietshaus Mehringdamm 43 in Berlin-Kreuzberg.

In freundschaftlicher Kooperation mit Wilhelm Foerster (1832–1921) 1 ) befaßte sich Hermann Berthold mit der Vereinheitlichung des typographischen Punktsystems, das er 1879 im Auftrag aller deutschen Schriftgießereien auf das metrische System (siehe Maßsysteme) abstimmte. Hermann Berthold gilt seither als der Begründer des Normalsystems der Typographie:

1 mm = 2,66 pt Didot
1 p = 0,376 mm
1 Cicero (12 pt Didot) = 4,512 mm

Bis 1888 leitete Berthold sein kommerziell höchst erfolgreiches Unternehmen selbst, danach widmete er sich ausschließlich seinen naturwissenschaftlichen sowie schrift- und druckhistorischen Forschungen. 1893 wurden Firmendependancen in Stuttgart und St. Petersburg etabliert, 1896 erfolgte die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft. Um die Jahrhundertwende galt das Haus Berthold als die renommierteste und später größte Schriftgießerei der Welt. 2 )

Hermann Berthold starb am 23. Dezember 1904 in Berlin; sein Grab befindet sich auf dem »Landeseigenen Friedhof Grunewald« im Stadtteil Charlottenburg-Wilmersdorf.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmerkung: Wilhelm Foerster war der Sohn eines schlesischen Tuchfabrikanten, Mathematiker, Naturwissenschafter, Universitätsprofessor für Astronomie und Rektor der Universität Berlin sowie von 1868 bis 1884 Direktor der Normaleichungskommission und der europäischen Gradmessung.
2.Anmerkung: Die Berthold AG wurde im II. Weltkrieg weitgehend durch Bomben zerstört. Sie zog nach dem Krieg in die Nähe von München, wo u.a. der Typograph Günter Gerhard Lange der künstlerische Leiter war. Im Zuge der Digitalisierung ging die H. Berthold AG 1993 in Konkurs. Ein Rechtsnachfolger der Berthold AG existiert nicht, auch wenn dies der eine oder andere Schriftenhändler beteuert.