Buchsatzspiegel

Typographischer Terminus aus der Periode des materiellen Schriftsatzes (z.B. Bleisatz) für ein schematisches Ordnungssystem einer Buchdoppelseite; Bezeichnung für die bedruckten Flächen zwischen den Stegen einer Buchdoppelseite. Kurzform »Satzspiegel«. Auch als »Schriftspiegel« bezeichnet.

Die Bezeichnung Buchsatzspiegel bzw. Satzspiegel wird heute in der Regel nur noch in der klassischen Buchtypographie für Bücher oder buchähnliches Druckerzeugnisse, beispielsweise Geschäftsberichte, verwendet. Wobei streng genommen die Bezeichnung »Buchsatzspiegel« das gesamte schematische Ordnungssystem einer Doppelseite, also die  unbedruckten und bedruckten Flächen, der Begriff »Satzspiegel« hingegen nur die gedruckte Kolumne, also die bedruckte Fläche beschreibt. 

Ein Buchsatzspiegel beschreibt die unbedruckten und bedruckten Flächen einer Buchdoppelseite. Beispiel: Einspaltiger Satzspiegel mit Beschnitt, Symmetrieachse, Kopfsteg, Bundsteg, Außensteg und Fußsteg. Die linke Seite wird als »Verso« (Widerdruck) und die rechte Seite als »Recto« (Schöndruck) bezeichnet. Infografik: www.typolexikon.de
Ein Buchsatzspiegel beschreibt die unbedruckten und bedruckten Flächen einer Buchdoppelseite. Beispiel: Einspaltiger Satzspiegel mit Beschnitt, Symmetrieachse, Kopfsteg, Bundsteg, Außensteg und Fußsteg. Die linke Seite wird als »Verso« (Widerdruck) und die rechte Seite als »Recto« (Schöndruck) bezeichnet.

Schematische Konstruktions- und Ordnungssysteme für die Gestaltung anderer Medien (z.B. Zeitungen, Websites) werden als Gestaltungsraster bezeichnet. Der Entwurf eines Satzspiegels gehört in den Bereich der Makrotypographie und ist eine Methode zur Definition und Dokumentation ästhetischer Proportionen.

Zum Buchsatzspiegel zählen:

  • Beschnitt
  • Bundsteg
  • Fußsteg
  • Kolumnentitel
    • lebend
    • tod
  • Kopfsteg
  • Marginalien
  • Satzspiegel (Register)
    • Textkolumne 
    • Fußkolumne 
  • Symmetrieachse

 

Ein Buchsatzspiegel dokumentiert immer eine Doppelseite und beschreibt das Seitenformat (Papierrand, Beschnitt), die unbedruckten Flächen (Kopfsteg, Bundsteg, Außensteg, Fußsteg), das Register (Zeilenraster, BildrasterTabellenrasterFlächenrasterZeilenabstandDurchschuß, Satzspalten, Satzbreite,Schriftsatzarten, Spaltenabstand, Headlines, Tabellen) und die bedruckte Flächen außerhalb des Register-Umbruchsystems (lebender und toter Kolumnentitel, Legenden, Pagina, Fußnoten, Marginalien).

Die Konstruktion von »Kodexregistern«, einer Archeform des Buchsatzspiegels, gehörte bereits seit dem 1. Jahrhundert zum Standardrepertoire eines Kalligraphen (Kalligraphie) oder Kopisten. 

In der Buchtypographie existieren etliche Möglichkeiten, um Buchsatzspiegel systematisch durch mathematische Teilungsverhältnisse bzw. Zahlenreihen zu proportionierten, zu gliedern oder zu vereinheitlichen. Bereits der Prototypograph Johannes Gutenberg (um 1400–1468) nutzte den Villardschen Teilungskanon als geometrisches Prinzip, um die bedruckten und unbedruckten Flächen, also den »Buchsatzspiegel«, seiner 42-zeiligen Bibel (um 1455) zu proportionieren. 

Faksimile einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009.
Zweispaltiger Satzspiegel der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009.

Andere geometrischen Teilungsverhältnisse sind beispielsweise die Fibonacci-Zahlen (siehe Goldener Schnitt) des italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci (um 1170–1240), die Renard-Serien des französischen Militäringenieurs Charles Renard (1847–1905) oder das Modulor-Raster des schweizerisch-französischen Architekten und Designers Le Corbusier (Charles-Édouard Jeanneret-Gris, 1887–1965).

Konstruktionsprinzip des Villardschen Teilungskanons für einen Buchsatzspiegel. Infografik 4: Die Schnittpunkte auf Recto und Verso ergeben bereits einen klassischen Buchsatzspiegel mit Außen-, Kopf-, Fuß- und Bundstegen.
Konstruktionsprinzip des Villardschen Teilungskanons für einen Buchsatzspiegel. Die Schnittpunkte auf Recto und Verso ergeben bereits einen klassischen Buchsatzspiegel mit Außen-, Kopf-, Fuß- und Bundstegen.
Aus den Fibonacci-Zahlen 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610 (...) kann beispielsweise ein Seitenformat im Goldenen Schnitt (1:1,618) bestehend aus 21 x 34 Quadraten und ein Satzspiegel mit einem Bundsteg von 3 Quadraten, einem Kopf- und Seitensteg aus 5 Quadraten und einer Kolumne aus 13 x 21 Quadraten abgeleitet werden.
Aus den Fibonacci-Zahlen 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610 (…) kann beispielsweise ein Seitenformat im Goldenen Schnitt (1:1,618) bestehend aus 21 x 34 Quadraten und ein Satzspiegel mit einem Bundsteg von 3 Quadraten, einem Kopf- und Seitensteg aus 5 Quadraten und einer Kolumne aus 13 x 21 Quadraten abgeleitet werden.

Konstruktion eines Buchsatzspiegels nach Fibonacci-Zahlen

Beispiel eines Seitenformats im Goldenen Schnitt (1:1,618) und Konstruktion eines Satzspiegels nach der Fibonacci-Reihe. Schritt 1: Bestimmung eines Seitenformats im Verhältnis 1:1,618. Entwurf: Wolfgang Beinert, Berlin.
Beispiel eines Seitenformats im Goldenen Schnitt (1:1,618) und Konstruktion eines Satzspiegels nach der Fibonacci-Reihe. Schritt 1: Bestimmung eines Seitenformats im Verhältnis 1:1,618. Entwurf: Wolfgang Beinert, Berlin.
Beispiel eines Seitenformats im Goldenen Schnitt (1:1,618) und Konstruktion eines Satzspiegels nach der Fibonacci-Reihe. Schritt 2: Ableitung des Proportionsverhältnisses aus dem Major in immer kleiner werdende Quadrate. Entwurf: Wolfgang Beinert, Berlin.
Beispiel eines Seitenformats im Goldenen Schnitt (1:1,618) und Konstruktion eines Satzspiegels nach der Fibonacci-Reihe. Schritt 2: Ableitung des Proportionsverhältnisses aus dem Major in immer kleiner werdende Quadrate. Entwurf: Wolfgang Beinert, Berlin.
Beispiel eines Seitenformats im Goldenen Schnitt (1:1,618) und Konstruktion eines Satzspiegels nach der Fibonacci-Reihe. Schritt 3: Auf Basis des gewählten Quadrats, wird ein Zellenraster aus den Fibonacci-Zahlen 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610 (…) abgeleitet, in diesem Falle im Teilungsverhältnis 21:34. Entwurf: Wolfgang Beinert, Berlin.
Beispiel eines Seitenformats im Goldenen Schnitt (1:1,618) und Konstruktion eines Satzspiegels nach der Fibonacci-Reihe. Schritt 3: Auf Basis des gewählten Quadrats, wird ein Zellenraster aus den Fibonacci-Zahlen 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610 (…) abgeleitet, in diesem Falle im Teilungsverhältnis 21:34. Entwurf: Wolfgang Beinert, Berlin.
Beispiel eines Seitenformats im Goldenen Schnitt (1:1,618) und Konstruktion eines Satzspiegels nach der Fibonacci-Reihe. Schritt 4: Fertiger Satzspiegel im Teilungsverhältnis 21:34. Entwurf: Wolfgang Beinert, Berlin.
Beispiel eines Seitenformats im Goldenen Schnitt (1:1,618) und Konstruktion eines Satzspiegels nach der Fibonacci-Reihe. Schritt 4: Fertiger Satzspiegel im Teilungsverhältnis 21:34. Entwurf: Wolfgang Beinert, Berlin.

Über die Konstruktion von Satzspiegeln existieren seit Jahrhunderten in Bezug auf Aufbau, Technik, Wirtschaftlichkeit, Psychologie, Kultur und Ästhetik unterschiedliche Betrachtungsweisen. Allerdings sind sich renommierte Typographen/innen einig, dass ästhetisch ausgewogene Buchsatzspiegel spürbar den Leseprozess optimieren. Beispielsweise erhöhen großzügig vermaßte Stege die Lesemotivation sowie die Konzentration auf den Text und bieten genügend Platz für die Hände beim Halten eines Buches bzw. für das störungsfreie Umblättern einer Seite. 1 ) 2 ) 3 )

 © Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Literaturempfehlung: Morison, Stanley und Caflisch, Max: Grundregeln der Typographie; Nachdruck Köln u.a.: Carl Heymanns, 1987.
2.Literaturempfehlung: Hochuli, Jost: Bücher machen. Eine Einführung in die Buchgestaltung, im besonderen in die Buchtypographie, Wilmington, Agfa Compugraphic, 1989.
3.Literaturempfehlung: Ambrose, Gavin und Harris, Paul: Das Layout-Buch, Stiebner Verlag, ISBN: 978-3-8307-1429-3.