Sweynheym, Conrad

Deutscher Prototypograph und Kupferstecher aus Mainz. Geboren Anfang des 15. Jahrhunderts. Gestorben um 1477 in Rom. Conrad Sweynheym und Arnold Pannartz (o.A.–um 1476) gelten als die »Erfinder« der Antiqua-Drucktype (Serif) und des Cicero-Schrifschnitts. Alternative Schreibweisen seines Namens: Konrad bzw. Schwanheim, Schweinheim, Suueynhem und Sweynheim.

Conrad Sweynheym war Schüler des deutschen Kalligraphen und Prototypographen Peter Schöffer (um 1425/1430–1502/1503), dem zweiten Typographen nach Johannes Gutenberg (um 1400–1468). Arnold Pannartz lernte in der Mainzer Offizin des Johann Fust (um 1400–1466) – infolge Fust-Schöffer´sche Offizin – seinen späteren Partner Arnold Pannartz sowie den Typographen Nicolas Jenson (um 1420–1480) kennen.

Nach der gewaltsamen Einnahme von Mainz durch die Truppen des von Papst und Kaiser favorisierten Adolf von Nassau (um 1423–1475), mussten in der Nacht vom 28. Oktober 1462 Conrad Sweynheym und seine Kollegen die Offizin im Humbrechthof (die Keimzelle der Prototypographie) geradezu fluchtartig verlassen, da Fust und Schöffer Günstlinge des nunmehr abgesetzten Erzbischofs Diether von Isenburg (1412–1482) gewesen waren.

Sweynheym und Pannartz folgten deshalb nach der Schließung der Fust-Schöffer´schen Offizin 1462 einem Ruf des Kardinals Juan de Torquemada (um 1388–1468) nach Rom und brachten somit die Typographie, die bis dahin geheime »Deutsche Kunst«, um 1464 nach Italien. Nicolas Jenson begleitete die beiden in den Süden, wobei er dann über Mailand (und die Region Latium?) weiter nach Venedig zog.

Sweynheym und Pannartz stellten im Benediktinerkloster Santa Scolastica in Subiaco bei Rom (in den Abruzzen, ehemals Provincia di Roma, ca. 70 km von Rom entfernt) 1 ) 2 ) von 1465 bis 1467 (mindestens) drei Inkunabeln her. Sie druckten dort 1465 erstmals eine Antiqua, die sie aus der »Humanistica formata« einer Minuskelschrift (skriptographisches Kleinbuchstabenalphabet) u.a. von Coluccio Salutati (1331–1406) und Poggio Bracciolini (1380–1459) sowie aus der römischen Majuskelschrift (skriptographisches Großbuchstabenalphabet), der Capitalis Quadrata (Römische Quadratschrift), als Druckschrift adaptierten. Sie wird als »Archetype« der Antiqua verstanden. Als erster (datierter) Druck gilt die Werksausgabe des lateinischen christlichen Philosophen Caelius Firmianus Lactantiu (um 250–325), welche auf den 29.10.1465 datiert ist.

Sweynheym und Pannartz verwendeten Großbuchstaben nur als in sich geschlossene Auszeichnung. Die Minuskelzeilen waren in sich geschlossen, einzelne Großbuchstaben, sogenannte »Majuskeln« (Versalien), hoben nur den Versbeginn hervor und hatten noch keine orthographische Funktion; bis zu dieser Zeit wurden Griechisch und Latein ausschließlich in Minuskeln geschrieben und gedruckt.

Die Bibliothek des Klosters Santa Scolastica besaß somit die frühesten Druckwerke deutscher Provenienz im Ausland sowie die ersten Inkunabeln, welche in einer Antiqua gesetzt bzw. gedruckt wurden.

Eine Reinform der »Sublacensischen Antiqua« in gemischter Schreibweise, wie sie bis Mitte der 1470er Jahre von der Offizin von Arnold Pannartz und Conrad Sweynheym in Rom genutzt wurde. Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Typenrepertorium der Wiegedrucke, online verfügbar unter http://tw.staatsbibliothek-berlin.de/ma09720 (2.8.2017).
Eine Reinform der »Sublacensischen Antiqua« (Schnellwertskizze) in gemischter Schreibweise, wie sie bis Mitte der 1470er Jahre von der Offizin von Arnold Pannartz und Conrad Sweynheym in Rom genutzt wurde. Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Typenrepertorium der Wiegedrucke, online verfügbar unter http://tw.staatsbibliothek-berlin.de/ma09720 (2.8.2017).

In ihrer eigenen Offizin in Rom 3 ) druckten Sweynheym und Pannartz 1467 die erste Ausgabe der berühmten »Epistulae ad familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.), einem römischen Dichter, Redner und Staatsmann, in ihrer zur Reinform weiterentwickelten »Sublacensischen Antiqua«, deren Zeichenrepertoire neben Minuskeln nun auch Majuskeln umfasste.

Sie legten damit den Grundstein des Cicero-Schriftschnitts, welcher in Venedig um 1468 von den deutschen Gebrüdern Johannes (o.A.–1469/1470) und Wendelin (o.A.–1477) von Speyer (Giovanni and Vendelino da Spira) und letztendlich vom französischen Typographen und Graveur Nicolas Jenson (um 1420–1480) zu den »Litterae Venetae« (siehe Venezianische Renaissance Antiqua) weiterentwickelt wurde. Diese »Venezianischen Lettern« gelten als die erste vollkommen ausgebildeten Reinform einer gedruckten Antiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition.

Eine Innenseite der »Epistulae ad familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.). Gedruckt um 1471 von der Offizin von Arnold Pannartz und Conrad Sweynheym in Rom. Quelle: MDZ der Bayerische Staatsbibliothek, München. Online verfügbar unter http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0006/bsb00066416/images/ (3.8.2017).
Eine Innenseite der »Epistulae ad familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.). Gedruckt um 1471 von der Offizin von Arnold Pannartz und Conrad Sweynheym in Rom. Quelle: MDZ der Bayerische Staatsbibliothek, München. Online verfügbar unter http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0006/bsb00066416/images/ (3.8.2017).

Als Lektor und Korrektor für Sweynheyms und Pannartzs Werke, unter ihnen Ciceros Familienbriefe (1469), die Historia naturalis von Plinius dem Älteren (1470) und Apuleius Opera (1471), fungierte der Humanist, Bischof und erster Bibliothekar der päpstlichen Bibliothek Giovanni Andrea (de) Bussi (1417–1475).

In Rom druckten Sweynheym und Pannartz von 1467 bis 1471 insgesamt dreiunddreißig (bekannte) Werke, meist in einer Auflage von 275 Stück. 4 ) Ihr Wirken in Italien war engsten mit der Römischen Kurie verbunden. 1472 wurden sie – auf Antrag von Giovanni Andrea Bussi 5 ) – im Namen von Papst Sixtus IV. (Francesco della Rovere, 1414 –1484) in den Stand von Geistlichen (Kleriker) der römisch-katholischen Kirche erhoben, einhergehend mit einem kirchlichen Pfründerecht (z.B. Schenkung eines Amtstitels und einer Rente). Pannartz und Sweynheym trennten sich vermutlich um 1473/1474. Über die Gründe kann nur spekuliert werden.

Sweynheym arbeitete nach der Trennung von Pannartz als Graveur und Kupferstecher am Atlas »Cosmographia« (Geographike Hyphegesis) von Claudius Ptolemäus (um 100–nach 160), der nach seinem Tod  von seinem deutschen Kollegendrucker und Kupferstecher Arnold Bucking (o.A.) im Oktober 1478 in Rom vollendet wurde. 6 ) 7 )

Conrad Sweynheym starb vermutlich kurz nach Arnold Pannartz, möglicherweise um 1477 in Rom. Vermutlich wurde er wie Pannartz im Benediktinerkloster Sancta Scholastica in Subiaco beerdigt. 8 )

Conrad Sweynheym und Arnold Pannartz haben bis heute mit ihrer gedruckten Antiquaprototype Generationen von Typographen inspiriert; die ersten unter ihnen waren neben Nicolas Jenson u.a. auch der venezianische Typograph Aldus Manutius (1449–1515) und sein bologneser Schriftgießer und Stempelschneider Francesco Griffo (Francesco da Bologna, 1450–1518). 9 ) 10 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Das »Monastero di Santa Scolastica« gibt es heute noch. Die Website des Klosters ist online verfügbar unter http://www.benedettini-subiaco.org (2.8.2017). Vermutlich lebten Pannartz und Sweynhym als Laienbrüder bei den Benediktinern.
2.Anmerkung: Die Abtei Subiaco wurde von Juan de Torquemada ab 1455 geleitet und zur Kommende reformiert.
3.Anmerkung: Sweynheym und Pannartz bekamen von der römischen Aristokratenfamilie »Massimo« in Parione ( VI. Rione) ein Haus für ihre »Deutsche Kunst« zur Verfügung gestellt. Vermutlich entstand der Kontakt über Kardinal Camillo Massimo (1620–1677).
4.Quelle: Neddermeyer, Uwe: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, Habilitationsschrift, Haarrassowietz Verlag, Wiesbaden, 1996, ISBN 3-447-04068-8.
5.Sekundärquelle: Abschrift einer Fürsprache von Bischof Giovanni Andrea Bussian an Papst Sixtus IV. in Form einer Dedikation in »Postilla super totam Bibliam« von Nikolaus von Lyra (um 1270/75–1349), Band 5, Offizin Pannartz und Sweynheym, Rom, 1472.
6.Quelle: Falkenstein, Constantin Karl: Geschichte der Buchdruckerkunst in ihrer Entstehung und Ausbildung, Verlag und Druck von Teubner, Leipzig, 1840, Seite 210.
7.Anmerkung: Die Texte in diesem Atlas sind nicht von Hand graviert, sondern mit eigens dazu hergestellten stählenden Patrizen in die Druckplatte eingeschlagen; es handelt sich um den ältesten bekannten Gebrauch dieser Technik für diesen Zweck.
8.Quelle und Literaturempfehlung: Meusel, Johann Georg (Hrsg.): Historisch-litterarisch-bibliographisches Magazin, Drittes Stück, Verlag Ziegler und Söhne, Zürich, 1791.
9.Literaturempfehlung: Mazal, Otto: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
10.Literaturempfehlung: Modigliani, Anna: Tipografi a Roma prima della stampa. Due società per fare libri con le forme (1466-1470), Roma nel Rinascimento, Roma, 1989, ISBN-10: 8885913083 und ISBN-13: 978-8885913080.