|
DIN 16518
Klassifikation von physischen Druckschriften (Bleisatztypen)
Schriftklassifikationsmodell; deutsche Norm aus der späten Periode (ca. 19641975) des materiellen Schriftsatzes (Bleisatz) für Werksatzschriften (Werksatz) sowie in Teilen für Akzidenzschriften, die durch das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN) 1964 empfohlen wurde. Sie teilt pysische Druckschriften in 11 Hauptgruppen ein:
01. Venezianische Renaissance-Antiqua
02. Französische Renaissance-Antiqua
03. Barock-Antiqua [1]
04. Klassizistische Antiqua
05. Serifenbetonte Linear-Antiqua
06. Serifenlose Linear-Antiqua
07. Antiqua-Varianten
08. Schreibschriften
09. Handschriftliche Antiqua [2]
10. Gebrochene Schriften
11. Fremde Schriften
Die fachliche Arbeit der Normung wurde in Arbeitsausschüssen und Komitees [3] durchgeführt. Seit 1998 hat das Deutsche Institut für Normung e.V. eine Überarbeitung der seit 1964 bestehenden DIN-Norm vorgelegt. Dieser Norm-Entwurf ordnet die Welt der abendländischen Schriften in eine Matrix mit 5 Hauptgruppen:
01. Gebrochene Schriften
02. Römische Serifen-Schriften
03. Lineare Schriften
04. Serifenbetonte Schriften
05. Geschriebene Schriften [4]
[1] In der internationalen Terminologie existiert der Begriff »Barock-Antiqua« nicht. In England wird diese Schriftart korrekt als »Transitional«, (Vorklassizistische Antiqua) bezeichnet, so wie in Deutschland vor 1964. Die ab 1964 in Deutschland gebräuchliche DIN-Begrifflichkeit »Barock-Antiqua« ist schlicht und ergreifend falsch. Beispielsweise gilt in England die »Baskerville« von John Baskerville (17061775) keinesfalls als »barock« sondern eher als »antibarock«; sie wird dort als präviktorianisch klassifiziert.
[2] Nur eine Druckschrift römischen Ursprungs wird als Antiqua bezeichnet, nicht eine handschriftliche, also kalligraphische Formvariante. Für kalligraphischen Schriftarten bedient sich die Paläographie anderer Termini. Eine Antiqua ist immer Druckschrift. Eine »handschriftliche Antiqua« gibt es nicht.
[3] In diesen »Arbeitsausschüssen und Komitees« befanden sich primär Lobbyisten und Vertreter klassischer Schriftgießereien, die Mitte der 1960er Jahre durch diese Norm u.a. auch die technische Entwicklung des optomechanischen Schriftsatzes (Fotosatzes) bremsen wollten.
[4] Geschriebene Schriften gibt es in der typographischen Schriftklassifikation nicht. Geschrieben Schriften (Kalligraphie) werden in der Paläographie erforscht und klassifiziert.
[T] Die DIN 16518 korrespondiert nicht mit den westeuropäischen bzw. internationalen Termini und mit den in der westlichen Hemisphäre üblichen wissenschaftlichen Standards. Sie ist kunstgeschichtlich irreführend und gilt spätestens seit dem Ende des Bleisatzes als nicht mehr praktikabel. Sie wird deshalb im typographischen Sprachgebrauch als »Bleisatz-DIN« bezeichnet.
[T] Obwohl die Ratifizierung der DIN 16518 von 1964 als auch der neue Entwurf theoretisch und praktisch bereits seit über zwanzig Jahren nicht mehr anwendbar ist, geistert die Bleisatz-DIN immer und immer wieder durch die spärliche deutschsprachige Typo-Literatur. Ein Indiz dafür, dass die deutsche Typoszene seit Jahren nur kommentarlos und unkritisch voneinander abschreibt und sich philologisch scheinbar ungern weiterbildet.
[T] Schriftklassifikation und die kunstgeschichtliche Zuordnung von Schriften werden in der Paläographie und in der Paläotypie erforscht.
[T] Eine für das Electronic Publishing zugeschnitte Schriftklassifikationsmodell ist die Matrix Beinert.
[T] Schriften werden von den Herstellern regelmäßig überarbeitet und für neue Satzsysteme adaptiert.
[T] Bis zum Ende des materiellen Schriftsatzes (Bleisatz) in den 1970er Jahren, konnten Druckschriften problemlos klassifiziert und in Gruppen eingeteilt werden. Dies ist seit dem optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) und insbesondere seit der Ära der digitalen Fonts nicht mehr möglich. Zu viele Varianten, digital generierte Formen und Hypride sind existent. Einheitliche Formmerkmale sind deshalb selbst von geübten Typographen nicht mehr konkret nachweisbar und es ist nahezu unmöglich geworden, Druck- und Screen-Schriften kunstgeschichtlich zuzuordnen.
[L] DIN-Taschenbuch 153, Publikation und Dokumentation 1, Gestaltung von Veröffentlichungen, terminologische Grundsätze, Drucktechnik, Alterungsbeständigkeit von Datenträgern, Lagerung.
Aufsatz zuletzt bearbeitet am 11.03.2011
von Wolfgang Beinert
|
|
COPYRIGHT
Bibliographisches Zitieren
TYPO-SEMINARE
24.02.2012 Hamburg
03.03.2012 Berlin
09.03.2012 Düsseldorf
12.03.2012 Frankfurt a.M.
17.03.2012 München
LINKS
Atelier Beinert | Berlin
Archiv mit Zitaten
Designcenter Berlin
Typoakademie
Typolexikon

|
|