Typolexikon.de : Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie : Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin.
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Egyptienne
Slab Serif, Serifenbetonte Linear-Antiqua

Schriftart; Unterschriftgruppe, die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation zur Schriftgattung der Antiqua gehört. Rundbogige Druckschrift römischen Ursprungs mit betonten Serifen. Auch als »Serifenbetonte Linear-Antiqua« oder im englischsprachigen Raum als »Slab Serif« bezeichnet.

Egyptienne-Schriften entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England. Sie wurden im Zuge der rasanten Industrialisierung und des progressiven ökonomischen Liberalismus als Anzeigen- und Reklameschriften aus der Klassizistischen Antiqua entwickelt. Der früheste dieser Schriftschnitte mit den charakteristischen, monumental und plakativ wirkenden Serifen hieß noch »Antique«. Er stammte aus der Hand des Londoner Schriftschneiders Vincent Figgins (1766–1844), der sich von den klassizistischen Druckschrifttypen Firmin Didots (1764–1836) inspirieren lies. 1817 wurde diese erste serifenbetonte Linear-Antiqua im Supplement zu einem Schriftmusterbuch von 1815 als Akzidenzschrift publiziert. In den folgenden Jahren entwarf Figgins zahlreiche Varianten zu dieser Aufmerksamkeit erregenden und darum höchst werbewirksamen Schrift, mit denen er dann ganz im Trend der Zeit so assoziative Bezeichnungen wie »Ramses« oder »Giza« verknüpfte.

Der Begriff »Egyptienne« (frz. die Ägypterin) wurde erstmals von Thomas Curson Hansard (»TC«), dem »schlagwörtlich« legendären Drucker der britischen Parlamentsdebatten, im Jahre 1825 in seiner »Typographia« verwendet und als »typographical monstrosity« interpretiert. Der Name ist vermutlich ein Resultat der zu dieser Zeit grassierenden »Ägyptomania«, einer Modetendenz, die in Paris nach Napoleons »erfolgreichem« Ägypten-(Raub)feldzug aufkam, den Empire-Stil manieristisch infizierte und mit Jean-François Champollions epochaler Entzifferung der Hieroglyphen den klassizistischen Zeitgeist und die Bildung nachhaltig prägte. Über London breitete sich diese Strömung rasch auf ganz Westeuropa und die USA aus. Sie gipfelte gegen Ende des Jahrhunderts in der geradezu »kleingeistigen«, rein kommerziell motivierten Typographie der Verlagshäuser und Druckereien, deren typographische Kultur sich mehrheitlich am kitschig banalisierten Kunsthandwerk aus Historismus und Jugendstil orientierte.

Eine Revitalisierung der Egyptomania im 20. Jahrhundert löste die Entdeckung des Grabes des Pharaos Tutanchamun durch den Britischen Archäologen Howard Carter am 4. November 1922 in Luxor aus. Unzählige neue kunstgewerbliche Egyptienne-Schriften in Europa und den USA entstanden. Dieser typographischen Unkultur trat eine junge Generation von deutschen und schweizer Typographen entgegen: Sie propagierten eine »Moderne (Neue) Typographie«, die »Grotesk-Typographie«.

Egyptienne-Schriften wurden in der Periode des materiellen Schriftsatzes (Bleisatz) des 19. und 20. Jahrhunderts insbesondere als Zeitungs- und Schreibmaschinenschriften eingesetzt. Neben modischen und wirkungsästhetischen Aspekten war vor allem ihre Stabilität auf den oftmals sehr minderwertigen Zeitungs- und Briefpapieren ein Grund für ihren Erfolg. Bei der Konstruktion von mechanischen Schreibmaschinen [1] war insbesondere die gleichmäßige Buchstabenbreite, also die lineare, tektonisch aufgebaute Schrifttype der Egyptienne technisch vorteilhaft.

Zu der Schriftart Egyptienne gehören neben den »reinen Egyptiennes« der Nebengruppen »Egyptienne« und »Clarendon« traditionsgemäß bis zu einem gewissen Grad auch Display- bzw. Zierschriften mit sehr stark ausgeprägten Serifen im sogenannten »Westernstil« (Ultra Slab Serif), die auch als »Italienne« oder »Toscanienne« bezeichnet werden, serifenbetonte »Schreibmaschinenschriften« bzw. deren digitale Imitate und sogenannte »Zeitungs-Antiquas«, eine Hybridtype, die speziell für den Zeitungsrotationsdruck geschaffen wurde. Da reine Egyptienne-Schriften oft sehr geschmäcklerisch wirken, wurden und werden sie überwiegend in der Gebrauchstypographie (Akzidenztypographie, Werbetypographie) eingesetzt.

Im Segment der Lesetypographie ist die Egyptienne als Grundschrift aufgrund ihrer mäßigen Lesbarkeit bei längeren Textpassagen nicht geeignet. Die sogenannte »Zeitungs-Antiqua« mit ihrer hybriden Letternarchitektur bildet hier eine Ausnahme. Trotz ihrer betonten Serifen besitzen sie typometrische Eigenschaften, die von der Französischen Renaissance-Antiqua, Vorklassizistischen oder Klassizistischen Antiqua stammen.

Die typographische Schriftklassifikation nach der deutschen
Matrix Beinert gliedert Egyptienne-Schriften in folgende Nebengruppen:

Egyptienne-Schriften
Dachansätze: Gerade
Minuskeloberlängen: Enden bei der H-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Eckig
Serifenseitenkante: Gerade
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Optisch gleich
Sonstiges: Alle Senkrechten, Rundungen und Serifen haben in der Regel optisch die gleichen Strichstärken. Kantige Serifenform. Wirkt in der Gesamtanmutung sehr konstruiert
Vertreter: Beton™ (
Heinrich Jost, 1936), Boton™ (Albert Boton, 1986), Calvert, Cairo (Intertype, 1931), City (Georg Trump, 1930), Glypha (Adrian Frutiger, 1977), Karnak (Ludlow, 1931), Lubalin Graph (Herb Lubalin, 1974), Memphis 1 und 2 oder Geometric Slabserif 703 (Rudolf Wolf und C.H. Griffith, 1929/1938), Officina Serif ITC (Erik Spiekermann und Just van Rossum, 1990), Pharaon (Deberney & Peignot, 1933), Rockwell (F.H. Pierpont, 1934), Scarab (Stephenson, Blake & Company, 1937) und Serifa (Adrian Frutiger, 1967).

Clarendon-Schriften
Dachansätze: Gerade
Minuskeloberlängen: Enden bei der H-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Rund
Serifenseitenkante: Gerade
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Leicht bis mittelstark
Vertreter: Amasis (Ron Carpenter, 1990), Clarendon (Hermann Eidenbenz, 1953), Exelsior (Chancey H. Griffith, 1931) und Melior (Hermann Zapf, 1952).

Hypride Egyptienne/Clarendon-Varianten
Vertreter: Egyptian 710, Caecilia PMN (Peter Matthias Noordzij, 1991) und Corporate E (Kurt Weidemann, 1990).

Zeitungs-Antiquas
Dachansätze: Gerade oder schräg
Minuskeloberlängen: Enden bei H-Linie oder k-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Eckig
Serifenseitenkante: Gerade
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Vorhanden, orientiert sich oft an Vorklassizistischer Antiqua
Vertreter: Candida (Jakob Erbar, 1936), Joanna (Eric Gill, 1930), Lino Letters (Reinhard Haus, 1992), Lucida Serif (C. Bigelow und K. Holmes, 1985) und Scala FF (Martin Majoor, 1991).

Italienne-Schriften
Dachansätze: Gerade
Minuskeloberlängen: Enden bei der H-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Eckig
Serifenseitenkante: Gerade
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie oder bei scriptographischen Varianten geschrägt
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken zu den Serifen: Sehr stark bis übertrieben
Vertreter: Figaro ®, Old Towne No 536 ™ (Elsner + Flake) und Pro Arte.

Schreibmaschinenschriften
Dachansätze: Gerade oder gekehlt
Minuskeloberlängen: Enden bei der H-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Rund oder eckig
Serifenseitenkante: Bogenform oder eckig
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie oder ist leicht bis stark gekehlt
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Optisch gleich
Vertreter: American Typewriter (Joel Kaden und Tony Stan, 1974), Courier 12 (Howard Kettler, 1956), New Courier, Pica 10 Pitch, Prestige 12 Pitch (Clayton Smith, 1953) und Schreibmaschinenschrift ™ (Elsner + Flake).


[1] Durch die Erfindung der Schreibmaschine kamen erstmals Frauen in die »Typographie«; Männer weigerten sich nämlich, mit den »neuen Maschinen« zu schreiben. Der Beruf der Sekretärin war geboren.
[T] Da die Egyptienne in der traditionellen Buchtypographie niemals eine Rolle spielte, ist sie in der deutschen typographischen Literatur nicht oder nur marginal dokumentiert.
[L] Ruari McLean: An examination of Egyptians, Shenval Press, London 1946.
[L] Keith Chi-hang Tam: The revival of slab-serif typefaces in the twentieth century, University of Reading, United Kingdom, May 2002.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 31.10.2008
von
Wolfgang Beinert

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