Typolexikon.de : Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie : Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin.
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Exlibris

Buchbesitzzeichen; Bücher- oder Bibliothekszeichen; typographisches oder/und grafisches Bucheignerzeichen oder -geberzeichen. In ein Buch geklebtes, drucktechnisch vervielfältigtes, kleinformatiges (Papier-)Blättchen, das auf den Besitzer des Buches hinweisen soll. Da Buchbesitzzeichen ursprünglich von Besitzern ganzer Bibliotheken verwendet wurden, bürgerte sich auf ihnen die Inschrift »Ex libris« vor dem Namen des Eigentümers ein, weshalb sie auch kurz »Exlibris« genannt wurden [1]. Hypostasierung des Substantivs »Exlibris« (Pluralitantum) von lat. »ex libris« für »aus den Büchern« bzw. übertragen »aus der Bibliothek« oder »aus der Bücherei« [2]. Das Exlibris entwickelte sich in Deutschland in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit dem Wiege- bzw. Inkunabeldruck aus der Tradition kalligraphischer und illuminierter Besitzervermerke, Deckelpressungen (z.B. Supralibros) und Gravuren auf den Metallschließen des Bucheinbandes [3]. Experten gehen davon aus, dass die ältesten Exlibris (z.B. Igler-Exlibris, Buxheimer Exlibris) zwischen 1470 und 1491 im Holzschnitt entstanden sind. Exlibris wurden anfänglich vom Adel, der Geistlichkeit und von reichen Patriziern bei Offizinen in Auftrag gegeben. Neben seiner ursprünglichen Verwendung als Eigner- oder Geberzeichen wird das Exlibris heute insbesondere als Sammlerobjekt verwendet. Ein Exlibris wird traditionell auf den inneren Vordeckel (linker vorderer Vorsatz) eines Buches eingeklebt [4].

Im Exlibris vereinen sich buchwissenschaftliche, gestalterische und soziologische Aspekte. Ein schlichtes typographisches Exlibris (Schriftexlibris) besteht aus dem auf einem Blatt gedruckten Hinweis »Ex libris« sowie dem Namen des Eigentümers oder des Schenkers bzw. Stifters (z.B.: »Ex libris Wolfgang Beinert« für »Aus der Bibliothek von Wolfgang Beinert«). Alternative Formulierungen können u.a. »Dieses Buch gehört ...« oder »Signum bibliohecac ...« sein. Darüber hinaus kann ein grafisches Exlibris Worte, Wahl- oder Sinnsprüche, Illustrationen, Fotos, Monogramme, Wappen, Emblemata, Symbole, Signete etc. enthalten, die auf die Vorlieben, den sozialen Status oder die Biographie des Besitzers hinweisen. Oft beinhaltet die Gestaltung eines Exlibris auch versteckte Anspielungen, Codes oder verschlüsselte Botschaften, die sich dem Betrachter auf Anhieb nicht erschließen.

Exlibris werden infolge der Exlibriskunst und des Sammelns in unterschiedliche Kategorien und charakteristische Gruppen eingeteilt, so u.a. in Bucheignerexlibris (Eigentümer des Buches), Donatorenexlibris (Stifterexlibris, Buchgeberexlibris), Doppelexlibris (z.B. Wappen- und Inschriftblättchen oder zwei Eignerexlibris zweier Besitzer einer Bibliothek, z.B. Eheleute), Eigenexlibris (das Exlibris eines Designers bzw. bildenden Künstlers, das er für sich selbst gestaltet hat), Einklebeexlibris, Gebrauchsexlibris (Exlibris, das nicht auf das Sammeln ausgerichtet ist), Luxusexlibris (Exlibris, das bereits bei der Gestaltung auf einen hohen Sammlerwert ausgelegt ist), Stempelexlibris (Buchstempel), Supralibros (geprägtes Super-Exlibris), Universalexlibris (loses Blatt oder bereits im Buchdeckel eingedruckt, so das der jeweilige Besitzer seinen Namen selbst eintragen kann), Ornament-, Schrift- und Textexlibris [5].

Exlibris werden in der Regel von Typographen, Grafikdesignern (siehe Grafikdesign), Illustratoren oder bildenden Künstlern gestaltet und in unterschiedlichen Drucktechniken, z.B. in Hochdruckverfahren, Tiefdruckverfahren oder photomechanischen Verfahren [6] hergestellt. Bedruckt werden mehrheitlich industriell hergestellte oder handgemachte grafische Papiere [7] in unterschiedlichen Sorten. Gebrauchsexlibris erreichen selten Formate über dem traditionellen Oktavformat, welches etwas kleiner als ein Taschenbuch ist. Luxusexlibris sowie Eigenexlibris können auch größere, unzweckmäßige Formate aufweisen.

Im Sinne der Kunstgeschichte gelten das 16. Jahrhundert und die Epoche des Jugendstils (Jahrhundertwende, etwa 1896–1910) als die Blütezeiten der Exlibriskunst. Zu den prominenten Gestaltern von Exilbris zählen beispielsweise Albrecht Dürer (1471–1528), Hans Holbein der Jüngere (1497/98–1543), Lucas Cranach der Ältere (1472–1553) [8], Giambattista Bodoni (1740–1813), Wilhelm Busch (1832–1908), Pablo Picasso (1881–1973) oder Jan Tschichold (1902–1974). Große öffentliche Exlibrissammlungen besitzen u.a. das British Museum in London, die Bayerische Staatsbibliothek in München, die Österreichische Nationalbibliothek in Wien, das Gutenberg-Museum in Mainz und das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg (siehe Museen Typographie und Schrift). Die Zahl der Privatsammlungen ist unbestimmbar. Zahlreiche Sammler haben sich weltweit in sogenannten Exlibrisgesellschaften und -vereinen organisiert. In Deutschland wurde 1891 der erste Verein dieser Art von Friedrich Warnecke (1837–1894), einem deutschen Heraldiker und Kunsthistoriker, unter dem Namen »Ex-libris-Verein zu Berlin« gegründet [9].

[1] Quelle: Meyers Konversations-Lexikon (5. Auflage) von 1897, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien.
[2] Quelle: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin/New York.
[3] Quelle: Gustav A. Seyler, Kanzleirath, Bibliothekar und Lektor im Ministerium für Handel und Gewerbe: Illustriertes Handbuch der EX-LIBRIS-KUNDE, Verlag von J. A. Stargardt, Berlin 1895.
[4] Exlibris werden vereinzelt auch auf den Hinterdeckel des Buches geklebt.
[5] Quelle: Dr. Felicitas Marwinski, Weimar. Beitrag aus dem Lexikon der Buchkunst und Bibliophilie, Karl Klaus Walther (Hrsg.), Weltbild Verlag (Lizenz Saur), Augsburg, 1994.
[6] FISAE-Herstellungskategorien und Abkürzungen (Fédération internationale des sociétés d´amateurs d´exlibris): TIEFDRUCKVERFAHREN: C1 Stahlstich, C2 Kupferstich, C3 Radierung inklusive direkte Pinselätzung, C4 Kaltnadel inklusive Crayon- und Punktiermanier, C5 Aquatinta, C6 Weichgrundätzung, C7 Mezzotinto (Schabkunst), C8 Tiefdruck auf nicht metallischer Platte, P3 Heliogravur (handgemachte Strich- und Rasterfotogravur, Fotogalvanografie), P4 industrielle Fotogravur, Rakeltiefdruck, P10 Stichtiefdruck, Stahltiefdruck. HOCHDRUCKVERFAHREN: X1 Holzschnitt, X2 Holzstich, X3 Linolschnitt, X4 Hochdruck von gestochener oder radierter Platte aus Metall, X5 Hochdruck von Metallplatten für Tiefdruck gefertigt, X6 Hochdruck von nicht metallischen Platten, X7 Chinesischer Steinsiegeldruck, T Buchdruck, Typendruck, T1 Linotypie, Zeilensatz, T2 Fotoxylografie, Faksimile-Holzstich, T3 Kommerzieller Gummi-Stempel, P1 Klischee (Stich) von Hand oder fotomechanisch hergestellt, P2 Klischee (Raster), Stereo/Autotypie, Fotozinkografie, FLACH-, STENCIL- UND ELEKTRONISCHE TECHNIKEN: L1 Autolithografie, L2 Umdruckverfahren, Autografie, L3 Zinkflachdruck, L4 Algrafie, Aluminiumdruck, P8 Original-Fotografie, Hologramm, S Schablone, Pfropfen (pochoir), S1 Original-Siebdruck, S2 Mimeografie (Batik-Schablone), S3 Katazome (Durchdruck mit veröltem Papier), S4 Kappa (Katazome mit Kakisaft gefertigt), CGD Original-Computergrafik (Computer generated design, auch CAD). PHOTOMECHANISCHE VERFAHREN: P5 Lichtdruck, P6 Fotolithografie, Fotochrom, P7 Offset, P9 Fotosiebdruck, CRD Computerreproduktion, Y Fotokopie. SONSTIGE TECHNIKEN UND ABKÜRZUNGEN: B Prägedruck, Braille, Blindenschrift, M Monotypie, U Sonstige Verfahren, z.B. Frottage oder andere Durchschreibverfahren, Collografie, etc., xy/... Ziffer nach der Abkürzung ist die Anzahl der Druckdurchgänge, xy/col. handcoloriert. Bei Mischtechniken werden die Abkürzungen durch Pluszeichen getrennt (z.B. C2 + C3 + C5). Quelle: FISAE, Jussy, Schweiz, www.fisae.org und Deutsche Exlibris-Gesellschaft e.V. (DEG), Mönchengladbach, www.exlibris-deg.de. Informationen zur Exlibrisklassifikation stellen die unterschiedlichen Exlibrisgesellschaften und -vereine gerne Interessierten zur Verfügung.
[7] Grafische Papiere sind Papiere zum Bedrucken, Beschreiben und Kopieren. Für den Werterhalt sind alterungsbeständige Papiere vorteilhaft, wie sie z.B. die Deutsche Nationalbibliothek vorschlägt. Vereinzelt wurden/werden natürlich auch andere Trägermaterialien verwendet, z.B. Keramik, Stoff, Papyrus, Pergament, Tapabast oder Kunststoff.
[8] Lucas Cranach d.Ä. gestaltete u.a. das Exlibris für die Universität Wittenberg (Holzschnitt um 1536, 15,2 x 26,4 cm).
[9] Quelle: Zeitschrift für Bücherzeichen – Bibliothekskunde und Gelehrtenkunde, Verlag von C.A. Starke, Königl. Hofl., Görlitz 1896, Archiv The New York Public Library Nr. 484543A.
[L] Friedrich Warnecke: Die deutschen Bücherzeichen (Ex-libris) von ihrem Ursprunge bis zur Gegenwart, Berlin 1890.
[L] Karl Emich Graf zu Leiningen-Westerburg: Deutsche und österreichische Bibliothekzeichen Exlibris. Ein Handbuch für Sammler, Bücher- und Kunstfreunde, Verlag von Julius Hoffmann, Stuttgart 1901.
[L] Karl F. Stock: Österreichische Exlibris-Bibliographie 1881–2003. Verlag K.G. Saur, München 2004. ISBN 978-3-598-11687-2.
[L] Anneliese Schmitt: Deutsche Exlibris. Von den Ursprüngen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Verlag Koehler & Amelang, 1986. ISBN-10: 3733800060, ISBN-13: 978-373380006.
[T] Für das Aufkleben eines Exlibris sind ausschließlich Buchbinderleime zu empfehlen.
[T] Für den Entwurf eines Exlibris werden Vergütungen von ca. 200,- bis zu mehreren tausend Euro bezahlt, je nach Reputation des Designers bzw. Künstlers.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 04.02.2009
von Wolfgang Beinert

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