Egyptienne

Hauptschriftgruppe, die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation zur Schriftgattung der Antiqua-Schriften gehört. Rundbogige Screen- und Druckschrift römischen Ursprungs mit betonten, teils blockartigen Serifen; auch als »Serifenbetonte Antiqua« bzw. reine Egyptiennes als »Serifenbetonte Linear Antiqua«, im englischsprachigen Raum als »Slab Serif«  bezeichnet.

Egyptienne Schriften entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England. Sie wurden im Zuge der rasanten Industrialisierung und des progressiven ökonomischen Liberalismus als Anzeigen- und Reklameschriften aus der Klassizistischen Antiqua entwickelt. Der früheste dieser Schriftschnitte mit den charakteristischen, monumental und plakativ wirkenden Serifen hieß noch »Antique«. Er stammte aus der Hand des Londoner Schriftschneiders Vincent Figgins (1766–1844), der sich von den klassizistischen Druckschrifttypen Firmin Didots (1764–1836) inspirieren lies. 1817 wurde diese erste Serifenbetonte Linear Antiqua im Supplement zu einem Schriftmusterbuch von 1815 als Akzidenzschrift publiziert. In den folgenden Jahren entwarf Figgins zahlreiche Varianten zu dieser Aufmerksamkeit erregenden und darum höchst werbewirksamen Schrift, mit denen er dann ganz im Trend der Zeit so assoziative Bezeichnungen wie »Ramses« oder »Giza« verknüpfte.

Eine Egyptienne ist eine Antiqua Schrift mit stark betonten Serifen. Sie wird auch als »Serifenbetonte Antiqua« bzw. »Serifenbetonte Linear Antiqua« oder als »Slab Serif« bezeichnet. Beispiele gesetzt jeweils im normalen Schriftschnitt der Rockwell von Frank Hinman Pierpont, einer reinen Egyptienne mit eckigen Serfenübergängen, der Clarendon von Benjamin Fox, einer Egyptienne mit runden Serifenübergängen, der Exelsior von Chauncey H. Griffith, einer Zeitungsegyptienne, der P.T. Barnum von Bitstream, einer Italienne und der ITC American Typewriter von Joel Kaden und Tony Stan, einer Schreibmaschinenschrift. Infografik: www.typolexikon.de
Eine Egyptienne ist eine Antiqua Schrift mit stark betonten Serifen. Sie wird auch als »Serifenbetonte Antiqua« bzw. »Serifenbetonte Linear Antiqua« oder als »Slab Serif« bezeichnet. Beispiele gesetzt jeweils im normalen Schriftschnitt der Rockwell von Frank Hinman Pierpont, einer reinen Egyptienne mit eckigen Serfenübergängen, der Clarendon von Benjamin Fox, einer Egyptienne mit runden Serifenübergängen, der Exelsior von Chauncey H. Griffith, einer Zeitungsegyptienne, der P.T. Barnum von Bitstream, einer Italienne und der ITC American Typewriter von Joel Kaden und Tony Stan, einer Schreibmaschinenschrift.

Der Begriff »Egyptienne« (frz. die Ägypterin) wurde erstmals von Thomas Curson Hansard (1776–1833) dem »schlagwörtlich« legendären Drucker (»TC«) der britischen Parlamentsdebatten im Jahre 1825 in seiner »Typographia« verwendet und als »typographical monstrosity« interpretiert. Der Name ist vermutlich ein Resultat der zu dieser Zeit grassierenden »Ägyptomania«, einer Modetendenz, die in Paris nach Napoleons »erfolgreichem« Ägypten-(Raub)feldzug aufkam, den Empire-Stil manieristisch infizierte und mit Jean-François Champollions (1790–1832) epochaler Entzifferung der Hieroglyphen den klassizistischen Zeitgeist und die Bildung nachhaltig prägte. Über London breitete sich diese Strömung rasch auf ganz Westeuropa und die USA aus. Sie gipfelte gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der geradezu bizarren, rein kommerziell motivierten Typographie der Verlagshäuser und Druckereien, deren typographische Kultur sich mehrheitlich am kitschig banalisierten Kunsthandwerk aus Historismus und Jugendstil orientierte.

Eine Revitalisierung der Egyptomania im 20. Jahrhundert löste die Entdeckung des Grabes des Pharaos Tutanchamun durch den Britischen Archäologen Howard Carter (1874–1939) am 4. November 1922 in Luxor aus. Unzählige neue kunstgewerbliche Egyptienne Schriften in Europa und den USA entstanden. Dieser typographischen Unkultur trat eine junge Generation von deutschen und schweizer Typographen entgegen: Sie propagierten eine »Moderne (Neue) Typographie«, die »Grotesk Typographie«.

Schriften im Stile der Egyptienne werden außerhalb des Akzidenzsatzes ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Schreibmaschinenschriften (Typewriter) und in der Typographie ab Mitte des 20. Jahrhundert als Zeitungsschriften (Zeitungsantiquas) verwendet. 1 )

Neben modischen und wirkungsästhetischen Aspekten war vor allem ihre Stabilität auf den oftmals sehr minderwertigen Zeitungs- und Briefpapieren ein Grund für ihren Erfolg. Bei der Konstruktion von mechanischen Schreibmaschinen 2 ) war insbesondere die dicktengleiche Buchstabenbreite, also die lineare, tektonisch aufgebaute Schrifttype der Egyptienne technisch vorteilhaft. 3 ) 4 )

Zu der Schriftart (Untergruppe) Egyptienne zählen die »reinen« Egyptienne Schriften (Serifenbetonte Linear Antiquas mit optisch gleichen Strichstärkenkontrasten und eckigen Serifenübergängen), die Clarendon Schriften 5 ) (Serifenbetonte Antiquas mit Strichtärkenkontrasten und runden Serifenübergängen) sowie die sogenannte Zeitungsegyptienne, eine serifenbetonte Antiqua-Hybridtype, die speziell als Textschrift für den Zeitungsrotationsdruck geschaffen wurde.

Traditionell werden auch Display Schriften bzw. Zierschriften mit sehr stark ausgeprägten Serifen im sogenannten »Wild West Style« (Ultra Slab Serif), die auch als »Italienne« oder »Toscanienne« bezeichnet werden und serifenbetonte »Schreibmaschinenschriften« bzw. deren digitale Imitate zu der Untergruppe der Egyptiennes gezählt.

Im Segment der Lesetypographie sind reine Egyptiennes, Italiennes und Schreibmaschinenschriften als Grundschrift für längere Textpassagen nur bedingt bis nicht geeignet. Zeitungsegyptiennes – auch als Zeitungsantiquas bezeichnet – und einige Egyptienne Varianten mit ihren hybriden Letternarchitekturen bilden hier eine Ausnahme. Sie können allerdings – je nach Interpretationsweise – auch als Französische Renaissance Antiquas oder Vorklassizistische Antiquas klassifiziert werden.

Egyptiennes im Stile einer Italienne (Westernschrift) und digitalisierte Schreibmaschinenschriften (Typewriter) zählen heute in der Regel zu den Display Schriften bzw. Zierschriften.

Die Schriftklassifikation ordnet Egyptienne Schriften in folgende Schriftuntergruppen:

Egyptienne 

Beschreibung: Serifenbetonte Linear Antiqua mit optisch gleichen Strichstärkenkontrasten und eckigen Serifenübergängen
Dachansätze: Gerade
Minuskeloberlängen: Enden bei der H-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Eckig
Serifenseitenkante: Gerade
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Optisch gleich (linear)
Sonstiges: Alle Senkrechten, Rundungen und Serifen haben in der Regel optisch die gleichen Strichstärken. Kantige Serifenform. Wirkt in der Gesamtanmutung sehr konstruiert

Vertreter dieser Schriftart
SchriftSchriftgestalterOriginal Font FoundryJahr
BetonJost, HeinrichBauersche Gießerei1936
BotonBoton, AlbertBerthold1986
CairoIntertype1931
CityTrump, GeorgBerthold1930
Geometric Slabserif 703Wolf, RudolfD. Stempel1929
GlyphaFrutiger, AdrianLinotype1977
KarnakMiddleton, Robert HunterLudlow Typograph1931
Lubalin GraphLubalin, HerbITC1974
MemphisWolf, RudolfD. Stempel1929
Officina SerifSpiekermann, Erik
Van Rossum, Just
ITC1990
RockwellPierpont, Frank HinmanMonotype1934
ScarabStephenson Blake1934
SerifaFrutiger, AdrianBauersche Gießerei1967

Clarendon 

Beschreibung: Serifenbetonte Antiqua mit unterschiedlichen Strichstärkenkontrasten und runden Serifenübergängen
Dachansätze: Gerade
Minuskeloberlängen: Enden bei der H-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Rund
Serifenseitenkante: Gerade
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Leicht bis mittelstark

Vertreter dieser Schriftart
SchriftSchriftgestalterOriginal Font FoundryJahr
AmasisCarpenter, RonMonotype1990
ClarendonFox, BenjaminFann Street1845

Zeitungsegyptienne

Beschreibung: Serifenbetonte Zeitungsantiqua mit unterschiedlichen Strichstärkenkontrasten und runden oder eckigen Serifenübergängen
Dachansätze: Gerade oder schräg
Minuskeloberlängen: Enden bei H-Linie oder k-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Eckig oder rund
Serifenseitenkante: Gerade oder abgerundet
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Vorhanden, orientiert sich oft an Vorklassizistischer Antiqua

Vertreter dieser Schriftart
SchriftSchriftgestalterOriginal Font FoundryJahr
CandidaErbar, JakobLudwig & Mayer1936
ExelsiorGriffith, Chauncey H.Linotype1931
JoannaGill, EricHague and Gill1930
LinoLetterGürtler, André
Haus, Reinhard
Linotype1992
Lucida SerifBigelow, Charles
Holmes, Kris
Bigelow & Holmes1985
MeliorZapf, Hermann D.D. Stempel1952
ScalaMajoor, MartinFontFont1991

Italienne

Beschreibung: Serifenbetonte Zierschrift im Wild West Style
Dachansätze: Gerade
Minuskeloberlängen: Enden bei der H-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Eckig
Serifenseitenkante: Gerade
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie oder bei scriptographischen Varianten geschrägt
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken zu den Serifen: Sehr stark bis übertrieben

Vertreter dieser Schriftart
SchriftSchriftgestalterOriginal Font FoundryJahr
FigaroMonotype Design StudioMonotype1940
Old Towne No 536 ATF
Pro ArteMiedinger, MaxHaas'sche Schriftgiesserei1954
WestsideFrutiger, AdrianLinotype1989

Schreibmaschine

Beschreibung: Typewriter
Dachansätze: Gerade oder gekehlt
Minuskeloberlängen: Enden bei der H-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Senkrecht
Serifenübergänge: Rund oder eckig
Serifenseitenkante: Bogenform oder eckig
Serifenunterkante: Steht gerade auf der Grundlinie oder ist leicht bis stark gekehlt
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Optisch gleich

Vertreter dieser Schriftart
SchriftSchriftgestalterOriginal Font FoundryJahr
American TypewriterKaden, Joel
Stan, Tony
ITC1974
Courier NewFrutiger, Adrian
Kettler, Howard
Microsoft2000
Courier Kettler, HowardIBM1955
Prestige EliteSmith, ClaytonIBM1953

Egyptiennevarianten

Dazu zählen hybride Antiqua Schriften mit stark betonten Serifen, die nicht eindeutig zu den reinen Egyptiennes, Zeitungsantiquas, Italiennes oder Schreibmaschinenschriften eingeordnet werden können.

Vertreter dieser Schriftart
SchriftSchriftgestalterOriginal Font FoundryJahr
Caecilia PMNNoordzij, Peter MatthiasLinotype1991
DispatchHighsmith, CyrusFont Bureau1999
ForoHofrichter, DieterHoftype2012
GenerellMischler, MichaelGestalten2007

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmerkung: Da die Egyptienne in der deutschen Verlags- und Buchtypographie keine erwähnenswerte Rolle spielte, ist sie in der deutschen typographischen Literatur nicht oder nur marginal dokumentiert.
2.Anmerkung: Durch die Erfindung der Schreibmaschine kamen erstmals Frauen in die »Typographie«. Männer weigerten sich nämlich, mit den »neuen Maschinen« zu schreiben. Der Beruf der Sekretärin war geboren.
3.Literaturempfehlung: McLean, Ruari: An examination of Egyptians, Shenval Press, London 1946.
4.Literaturempfehlung: Chi-hang Tam, Keith: The revival of slab-serif typefaces in the twentieth century, University of Reading, United Kingdom, May 2002.
5.Anmerkung: Semantisch rührt die Bezeichnung »Clarendon« von »Earl of Clarendon«, einem erblichen britischen Adelstitel.