Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Französische Renaissance-Antiqua
Mediäval (Mediaeval), Garalde Oldstyle

Schriftart; Nebenschriftgruppe, die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation zur Unterschriftgruppe der Renaissance-Antiquas gehört, welche wiederum zur Schriftgattung (Hauptschriftgruppe) Antiqua zählt; rundbogige Druckschrift römischen Ursprungs mit Serifen. In der typographischen Literatur auch als »Französische Mediäval-Antiqua«, »Französische Elzevir«, »Französische Ältere Antiqua« oder als »Renaissance-Antiqua im Sinne Garamonds« bezeichnet. Im englischsprachigen Raum als »Geraldes« bezeichnet.

Das Nomen »Französisch« bezieht sich auf Frankreich, insbesondere auf die Stadt Paris. Paris entwickelte sich nach dem Ende der römisch katholischen Inquisition, ausgehend von den fundamentalen Theologen der Sorbonne, in der Spätrenaissance zu einem der wichtigsten europäischen Zentren der Typographie.

Unter »Renaissance« wird eine europäische Kulturepoche verstanden, die sich durch die »Wiederbelebung« antiker Ideale - insbesondere in Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Malerei und Architektur - auszeichnet. Der Ursprung der Renaissance liegt in Italien, insbesondere in Florenz, Venedig, Rom und Mailand. Die Kulturwissenschaft unterscheidet in Frührenaissance (ab ca. 1420), Hochrenaissance (ab ca. 1500) und Spätrenaissance (ab ca. 1520). In der Frührenaissance entwickelte sich auch ab 1450–1457 die Typographie durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Durch sie konnten von nun an Ideen und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte. Humanismus, Aufklärung, die Entdogmatisierung der Wissenschaft, Liberalisierung und Typographie sind deshalb untrennbar miteinander verbunden. Etymologisch bedeutet Renaissance »Rückbesinnung, Wiederbelebung«, was aus dem frz. »renaissance« für »Wiedergeburt« zu frz. »renitre« für »wiedergeboren werden, aufleben« zu frz. »naitre« für »geboren werden »und« re-« für »wieder« stammt. In Deutschland ist der Begriff ab Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich, um kulturwissenschaftlich den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zu skizzieren.

Die Bezeichnung »Antiqua« leitet sich etymologisch von der lateinischen weiblichen Form zu »antiquus« für »vorig, alt«, einer Nebenform von »anticus« für »der vordere« vom lateinischen »ante« für »vor« ab. Mit »Antiqua« ist somit die »alte Schrift« gemeint. Der Begriff »Antiqua« wird als Terminus primär im deutschsprachigen Raum sowohl für die Schriftgattung als auch für eine Schriftart verwendet. Er bezeichnet ausschließlich eine typographische Schrifttype mit - in der Regel - einem Majuskel- und einem Minuskelfigurenverzeichnis. Die Antiqua ist heute die führende Verkehrsschrift der westlichen Welt.

Eine Französische Renaissance-Antiqua zeichnet sich durch ein harmonisches Schriftbild und in gedruckter Form durch eine sehr gute Lesbarkeit selbst unterhalb von Lesegrößen aus. Sie wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre venezianische Vorlage; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet.

Primäre Klassifikationsmerkmale:

Dachansätze der Minuskeln: Schräg
Minuskeloberlängen: Enden bei der k-Linie
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Nach links geneigt
Serifenübergänge: Rund | Bei manchen Neuinterpretationen, z.B. der Trump Mediaeval (Georg Trump, 1954), nahezu kantig [*]
Serifenseitenkante: Bogenform | Bei manchen Neuinterpretationen, z.B. der Trump Mediaeval (Georg Trump, 1954) oder der Minion (Robert Slimbach, 1992), nur sehr flache Bogenform [*]
Serifenunterkante: Leicht gekehlt | Bei manchen Neuinterpretationen, z.B. der Trump Mediaeval (Georg Trump, 1954) oder der Minion (Robert Slimbach, 1992), stehen die Serifenunterkanten fast flach auf der Grundlinie [*]
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Stärker als bei der Venezianischen Renaissance-Antiqua


Die französische Variante der Renaissance-Antiqua entwickelte sich in Frankreich ab 1530 aus der Venezianischen Renaissance-Antiqua, insbesondere aus den Griffo-Lettern. An der Formgebung der Französischen Renaissance-Antiqua waren maßgeblich die Pariser Typographen Antoine Augereau (um 1485-1534) und Claude Garamond (1480/1500–1561) beteiligt. Ab 1529/1530 entwarf Garamond unter dem Eindruck der Alphabetsammlung des »Champfleury« seines Mentors Geoffroy Tory (1480-1533) 1533 eine eigene Antiqua, die um 1620 leicht modifiziert unter dem Namen »Garamond« von Jean Jannon europaweit publiziert wurde und heute noch als Referenztype für den Schriftentwurf fungiert.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts reformierte der französische Typograph Pierre Simon Fournier (1712–1768) die Französische Renaissance-Antiqua; aus ihr entstand die »Halbmediäval«, die sogenannte Vorklassizistische Antiqua.

VERTRETER DIESER SCHRIFTART: Aldus (Hermann Zapf, 1954), Apollo (Adrian Frutiger, 1964), Beinert Geraldes (Wolfgang Beinert, 2002), Bembo (Original von Francesco Griffo, 1496, Neuinterpretation von Monotype, 1929), Berling (Karl-Erik Forsberg, 1951), Breughel (Adrian Frutiger, 1981), Caxton (Leslie Usherwood, 1981), Celestia, Columbus, Comenius, Corporate A (Kurt Weidemann, 1990), Dante (Giovanni Mardersteig und Charles Malin, 1952, Ron Carpenter, 1993), De Roos, Esprit ITC (Jovica Veljovic, 1985), Diotima (Gudrun Zapf-von Hesse, 1954) Galliard ITC (Matthew Carter, 1978), Gamma ITC (Jovica Veljovic, 1986), Garamond Adobe (Robert Slimbach, 1989/1991), Garamond Amsterdam (Morris Fuller Benton, 1917), Garamond Berthold (Günter Gerhard Lange, 1972), Garamond ITC (Tony Stan), Garamond Simoncini, Garamond Stempel (D. Stempel AG, 1925), Garth Graphic, Giovanni ITC (Robert Slimbach, 1989), Goudy (Frederic W. Goudy, 1915), Goudy Modern Monotype (Frederic W. Goudy, 1918), Granjon (George W. Jones, 1928), Griffo (Franko Luin, 1993), Granjon (George W. Jones, 1928), Helicon (David Quay, 1989), Hiroshige (Cynthia Hollandsworth Batty, 1986), Hollander (Gerard Unger, 1983), Horley Old Style (Robert Norton, 1977), Leawood ITC (Leslie Usherwood, 1985), Lutetia, Mendoza ITC (Jose Mendoza Almeida, 1991), Meridien (Adrian Frutiger, 1957), Minion (Robert Slimbach, 1992), Minister (Carl Albert Fahrenwaldt, 1929), Novarese ITC (Aldo Novarese, 1984), New Aster (Linotype ®, 1958), Octavian (Will Carter und David Kindersley, 1962), Old Claude, Palatino (Hermann Zapf, 1950), Perpetua (Eric Gill, 1928), Platin, Poliphilus, Poppl-Pontifex (Friedrich Poppl, 1974), Post-Antiqua (Herbert Post, 1932–1939), Quadraat FF, Quadriga, Remer, Romanée, Romulus, Ruit, Sabon (Jan Tschichold, 1967), Spectrum (Jan van Krimpen, 1952), Stone Serif ITC (Sumner Stone, 1988), Trinité, Trump Mediaeval (Georg Trump, 1954), Van Dijck, Veljovic (Jovica Veljovic, 1984), Vendome (Francois Ganeau, 1952), Weiß-Antiqua und Zapf-Renaissance-Antiqua (Hermann Zapf).

[*] Bei manchen Neuinterpretationen einer Französischen Renaissance-Antiqua, z.B. der Trump Mediaeval (Georg Trump, 1954), sind die leicht gekehlten Serifenunterkanten, flachbogigen Serifenseitenkanten sowie die leicht gerundeten Serifenübergänge in der VGA-/LCD-Bildschirmdarstellung auch bei mehrfacher Vergrößerung nicht zu erkennen. Die exakte Typometrie kann bei diesen Varianten erst im Druck bewertet werden.
[T] Bis zum Ende des materiellen Schriftsatzes in den 1970er Jahren konnten handelsübliche Schriften relativ einfach klassifiziert und in Gruppen eingeteilt werden. Dies ist seit dem optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) und insbesondere seit Beginn der digitalen Typographie (OTF, PostScript, TT) nicht mehr – oder nur zum Teil möglich. Zu viele Varianten und Mischformen sind existent. Einheitliche Formmerkmale sind nicht mehr konkret nachweisbar und es ist nahezu unmöglich geworden, Antiquaschriften kunstgeschichtlich zuzuordnen.

[T] Schriftklassifikation und die kunstgeschichtliche Zuordnung von Schriften werden in der Paläographie und Paläotypie erforscht.
[T] Schriften werden von den Herstellern regelmäßig überarbeitet und für neue Satzsysteme adaptiert. Deshalb sollte grundsätzlich für die Belichtung, z.B. auf Film oder Platte, der exakte Schriftstil inklusive der Bezugsquelle der verwendeten Schrift angegeben werden. Also Schriftname [z.B. Baskerville], Schriftbreite [z.B. normal], Schriftstärke [z.B. halbfett], Schriftlage [z.B. kursiv] und Schriftenbibliothek [z.B. Berthold ®]. Denn je nach Hersteller oder Distributor kann es zu markanten Unterschieden der Figuren und der Schriftstilbezeichnung kommen. Schrift ist nicht gleich Schrift!
[T] Auch für sehr geübte Typographen ist es oftmals unmöglich, eine späte Venezianische Renaissance-Antiqua von einer Französische Renaissance-Antiqua und eine Französische Renaissance-Antiqua aus der Spätrenaissance von einer »Barock-Antiqua« zu unterscheiden. Den Schrifschnitte können durchaus über hybride Klassifikationsmerkmale verfügen.
[L] Herbert Brekle: Die Antiqualinie von ca. -1500 bis ca. +1500, Nodus Publikationen Münster, 1994, ISBN 3-89323-259-1.
[L] Jan Tschichold, Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952, ISBN 3-473-61100-x.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 16.01.2012
von
Wolfgang Beinert

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