Theinhardt, Ferdinand

Deutscher Typograph, Orientalist und »Königlich-Preußischer Schriftschneider«. Geboren am 3.5.1820 in Halle an der Saale. Inhaber der »Ferd. Theinhardt Schriftgiesserei Berlin«. Ferdinand Theinhardt entwarf mutmaßlich um 1880 für die wissenschaftlichen Publikationen der »Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin« eine vier Didot Punkt große »Liliput Grotesk« sowie eine »Royal-Grotesk« in vier Schriftschnitten, die vermutlich als eine der Archetypen der »Akzidenz Grotesk« der Berthold AG diente.

Theinhardt, der in Preussen auch ein einflußreicher Schrifttheoretiker war,  1 ) machte damit die Grotesk in der Berliner Gesellschaft salonfähig, die bis dahin als reine extratypographische Industrieschrift aus England galt. 

1885 verkaufte Ferdinand Theinhardt seine Schriftgießerei (Font Foundry) an die Schriftgieserei »Gebrüder Mosig und Oskar Mommen«, die 1908 von der von Hermann Berthold (1831–1904) gegründeten H. Berthold AG übernommen wurde. Nach dem Ende der Monarchie (1918) verkaufte die H. Berthold AG sinnigerweise die »Royal Grotesk« dann unter der Schriftbezeichnung »Akzidenz-Grotesk (AG mager)«. 2 ) 3 ) Diese Akzidenz-Grotesk gilt neben der »Helvetica« des Grafikdesigners Max Miedinger (1910-1980) bis heute als »die Grotesk« schlechthin.

Theinhardt entwarf u.a. mutmaßlich folgende Schriften römischen Ursprungs: »Altdeutsch« (Gotische Fraktur um 1851), »Breite Grotesque (um 1895), Klassik (o.A.), »Liliput« (Miniaturgrotesk um 1880) und Royal Grotesk (nach 1880?). 4 )

Im Bereich der Orientalistik wurde Ferdinand Theinhardt dadurch bekannt, dass er im Auftrag des Berliner Ägyptologen, Sprachforschers und Bibliothekars Karl Richard Lepsius (1810–1884) altägyptische Hieroglyphen rekonstruierte und diese auch schnitt. Des Weiteren fertigte er weitere nichtlateinische Schriften und Schriftzeichen, beispielsweise chinesische Han-Schriftzeichen. 5 ) Ferdinand Theinhard starb 15.3.1906 in Berlin. 6 ) 7 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Share / Beitrag teilen:

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Literaturempfehlung: »Gutachten über die Z(z)eichen für ch und sch von Ferdinand Theinhardt, Schriftgieiessereibesitzer«. Veröffentlicht von: Grimm, Jacob: Ueber die Anordnung des Alphabets, besonders in wissenschaftlichen Wörterbüchern von G. Michaelis, Ferd. Dümmler´s Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1858, ab Seite 36.
2.Quelle: Schwemmer-Scheddin, Yvonne: Interview mit Günter Gerhard Lange: Schrift, die spröde Geliebte – ein mäanderndes Gespräch, Typografische Monatsblätter, 71. Jahrgang, 2.2003, Zürich.
3.Anmerkung: Der Typograph Eckehart Schumacher-Gebler stellt mit seinem lesenswerten Aufsatz »Ferdinand Theinhard, die Akzidenz-Grotesk und die sächsische Großmutter der Helvetica« die Argumentation von Günter Gerhard Lange in Frage.
4.Anmerkung: Im »Journal für Buchdruckerkunst, Schriftgiesserei und die verwandten Fächer« vom 21.9.1864 wird auf der Titelseite und auf Seite 36 wird von neuen »registrierten Originalerzeugnissen« gesprochen. Esplizit wird eine neue Antiqua, eine neue Fraktur und eine neue Zeitungsfraktur erwähnt.
5.Quelle: Lehner, Georg: Der Druck chinesischer Zeichen in Europa: Entwicklungen im 19. Jahrhundert, Harrassowitz Verlag, 2004, Seite 126, ISBN-10: 3447050055 und ISBN-13: 978-3447050050.
6.Literaturempfehlung : Musterbuch von Ferdinand Theinhardt Schriftgiesserei, Berlin, 1890.
7. Literaturempfehlung: Theinhard, Ferdinand: Liste der hieroglyphischen Typen aus der Schriftgiesserei des Herrn F. Theinhard in Berlin (mit einem Vorwort von Richard Lepsius), Buchdruckerei der Königl. Akademie der Wissenschaften (G. Vogt)., Universitätsstraße 8, Berlin, 1875.