Fournier, Pierre Simon

Fran­zö­si­scher Typo­gra­ph, Stem­pel­schnei­der und Schrift­gie­ßer. Gebo­ren am 15. Sep­tem­ber 1712 in Paris. Gestor­ben am 8. Okto­ber 1768 in Paris. Pier­re Simon (Pier­re-Simon) Four­nier gilt als der Schöp­fer des »Point typo­gra­phi­que« (Four­nier Punkt) und der varia­blen, run­den Druck­no­ten­ty­pe für den Musik­no­ten­druck.

In der Werk­statt sei­nes Vaters Jean-Clau­de Four­nier (o.A.–1729), der seit 1707 Geschäfts­füh­rer der renom­mier­ten Schrift­gie­ße­rei der Fami­lie Guil­lau­me Le Bé (1525–1598) war, dem eins­ti­gen Kom­pa­gnon von Clau­de Gara­mond (um 1498/99–1561), erlern­te Pier­re Simon das Stem­pel­schnei­den, Ste­chen und Schrif­ten­gie­ßen. Dane­ben wur­de er von J.B.G. Col­son im Zeich­nen, in der Aqua­rell­ma­le­rei und im Holz­schnitt unter­rich­tet. 1 ) Zu die­ser soli­den kunst­hand­werk­li­chen Aus­bil­dung kam ein inten­si­ves Inter­es­se an der Druck­tech­nik und der Ent­wick­lung der Typo­gra­phie, was Pier­re Simon Four­nier zu einem der frü­hes­ten Theo­re­ti­ker und His­to­ri­ker sei­ner Zunft mach­te.

Mit sei­ner »Table des pro­por­ti­ons qu’il faut obser­ver ent­re les carac­tè­res« ver­öf­fent­lich­te er 1737 die fun­da­men­ta­le Abhand­lung über den »Point typo­gra­phi­que« und das von ihm ent­wi­ckel­te typo­gra­phi­sche »Nicht-metri­sche Punkt-Sys­tem«, wel­ches Fir­min Didot (1764–1836) schließ­li­ch per­fek­tio­nier­te. 1739 wur­de Four­nier von der Pari­ser Syn­di­kats­kam­mer als selb­stän­di­ger Schrift­gie­ßer regis­triert und konn­te sei­ne eige­ne, durch­aus pro­fi­ta­ble Werk­statt errich­ten, nach­dem sein älte­rer Bru­der Jean-Pier­re (1706–1783) bereits 1730 das väter­li­che Unter­neh­men über­nom­men hat­te.

Four­nier refor­mier­te die tra­di­tio­nel­le Renais­sance Anti­qua, ins­be­son­de­re die Anglei­chung der Ober­län­gen von Minus­keln von der k-Linie auf die H-Linie der Majus­keln, und schuf in rascher Fol­ge eine Viel­zahl von Vor­klas­si­zis­ti­schen Anti­quas, Schreib­schrif­ten und Orna­men­ten, soge­nann­ten »Zier­rat«, in zeit­ge­nös­si­scher Roko­ko-Manier. Anti­quas, wie bei­spiels­wei­se die Four­nier von Mono­ty­pe, die Wal­baum, die Meri­dien, die Lino­ty­pe Cen­ten­ni­al, die Ver­sailles und die ITC Sto­ne Serif basie­ren auf den Ent­wür­fen von Four­nier.

1742 erschien sei­ne ers­te Samm­lung von Schrift­schnit­ten unter dem Titel »Modè­les des carac­tè­res de l’imprimerie et des autres cho­ses néces­sai­res au dit art«, die auch eine kur­ze Geschich­te des Buch­drucks beinhal­te­te. Um die Mit­te des 18. Jahr­hun­derts erfreu­te sich Four­nier euro­pa­wei­ter Berühmt­heit und war als Meis­ter sei­nes Metiers aner­kannt: Schwe­den und Sar­di­ni­en hol­ten sei­nen Rat für den Auf­bau könig­li­cher Offi­zi­nen und Madame de Pom­pa­dour (Jean­ne-Antoi­net­te Pois­son, dame Le Nor­mant d’Étiolles, mar­qui­se de Pom­pa­dour, duch­es­se de Men­ars, 1721–1764), die illus­tre Mai­tres­se König Lud­wigs XV. (1710–1774), über­trug ihm die Ein­rich­tung einer »Ama­teur­pres­se« in Ver­sailles.

Das typographische Lehrbuch »Manuel Typographique« von Pierre Simon Fournier, Erstausgabe, zweiter Band, Fontispitz, Updike Drucktypen, Paris 1764-1766. Quelle: Privatbesitz. Online verfügbar bei der Gallica, der digitalen Bibliothek der Nationalbibliothek von Frankreich, unter http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1070584h (3.10.2016).
Das typo­gra­phi­sche Lehr­buch »Manu­el Typo­gra­phi­que« von Pier­re Simon Four­nier, Erst­aus­ga­be, zwei­ter Band, Fon­tispitz, Updi­ke Druck­ty­pen, Paris 1764–1766. Quel­le: Pri­vat­be­sitz. Online ver­füg­bar bei der Gal­li­ca, der digi­ta­len Biblio­thek der Natio­nal­bi­blio­thek von Frank­reich, unter http://​gal​li​ca​.bnf​.fr/​a​r​k​:​/​1​2​1​4​8​/​b​p​t​6​k​1​0​7​0​5​84h (3.10.2016).

Four­niers theo­re­ti­sches Haupt­werk ist das 1764–1766 publi­zier­te Lehr­buch »Manu­el typo­gra­phi­que« über das neue Maß­sys­tem. Dane­ben bezeugt eine lan­ge Lis­te von diver­sen Ver­öf­fent­li­chun­gen unter ande­rem sei­nen emi­nen­ten Bei­trag zur Ent­wick­lung des Musik­no­ten­drucks. Sein Wir­ken auf die­sem Gebiet ver­lief im Zei­chen einer hef­ti­gen Pole­mik gegen die Pri­vi­le­gi­en des berühm­ten Ver­lags­hau­ses Le Roy & Ball­ard in Paris, des­sen fast 200 Jah­re altes, erb­li­ches Mono­pol als König­li­che Musik­dru­cker mit Hof­be­am­ten­sta­tus jede Kon­kur­renz und damit jeden Fort­schritt zu ver­hin­dern trach­te­te.

Die Fami­lie Ball­ard hat­te seit 1673 ein Patent inne, das selbst den Schnitt und Guß von neu­en Noten­ty­pen aus­drück­li­ch ver­bot. In einem jah­re­lan­gen, zer­mür­ben­den Rechts­streit kämpf­te Four­nier vehe­ment für die Durch­set­zung sei­ner wesent­li­ch vom Leip­zi­ger Ver­le­ger und Typo­gra­phen Johan­nes Gott­lob Imma­nu­el Breit­kopf (1719−1794) beein­fluss­ten musik­ty­po­gra­phi­schen Inno­va­tio­nen: Four­niers Typen imi­tier­ten in ele­gan­ter Wei­se die run­de Form der geschrie­be­nen oder gesto­che­nen Note, waren voll fle­xi­bel, in allen Tei­len (Noten­kopf, –sti­el, –fah­ne, Lini­en­teil­chen etc.) varia­bel und ent­spra­chen damit bes­ser der moder­nen musi­ka­li­schen Schreib­wei­se als die anti­quier­te, seit dem spä­ten 16. Jahr­hun­dert unver­än­dert geblie­be­ne rau­ten­för­mi­ge Note der Ball­ards, die der Kom­pa­gnon Gara­monds, Guil­lau­me Le Bé (1525–1598), 1554 und 1559 für den Musik­ver­le­ger Robert Ball­ard (um 1525/30–1588) ent­wor­fen und gegos­sen hat­te.

1756 ver­öf­fent­lich­te Four­nier sei­nen »Essai d’un nou­veau carac­tè­re de fon­te pour l’impression de la musi­que, inven­té et exé­cu­té dans tou­tes les par­ties typo­gra­phi­ques« und 1760 voll­ende­te er die Ent­wür­fe für ein neu­es Sys­tem des Musik­no­ten­drucks, das 1762 auch paten­tiert wur­de. Die Pri­vi­le­gi­en von Chris­to­phe-Jean-Fran­cois Ball­ard wur­den dar­auf­hin zwar zeit­li­ch auf die fol­gen­den fünf­zehn Jah­re limi­tiert, eine lega­le Musik­druck­li­zenz der Pari­ser Syn­di­kats­kam­mer erhielt Four­nier aller­dings nicht. Zudem hat­te auf Antrag sei­nes ehe­ma­li­gen Gie­ße­rei­lehr­lings und nun­meh­ri­gen Kon­kur­ren­ten Pier­re-Fran­cois Loi­se­au das Par­la­ment in einem Erlass vom 24. Juli 1764 alle fran­zö­si­schen Dru­cker aus­drück­li­ch auto­ri­siert, Musik zu dru­cken. Four­nier resi­gnier­te, leg­te aber 1765 mit sei­nem »Traité his­to­ri­que et cri­ti­que sur l’origine et les pro­grès des carac­tè­res de fon­te pour l’impression de la musi­que, avec des épreu­ves de nou­veaux carac­tè­res de musi­que, pré­sen­tés aux impri­meurs de Fran­ce« eine ers­te grund­le­gen­de Geschich­te des Musik­drucks in Frank­reich vor, die zugleich sehr ein­drucks­voll sei­ne fun­dier­te Kom­pe­tenz bezeug­te.

Pier­re Simon Four­nier starb am 8. Okto­ber 1768, im Alter von 56 Jah­ren, infol­ge von Stra­pa­zen und Erschöp­fung, wie Zeit­ge­nos­sen berich­ten. Nach sei­nem Able­ben wur­de die Pari­ser Gie­ße­rei bis 1775 von der Wit­we Marie Made­lei­ne Cou­ret de Vil­le­neu­ve (o.A.–1775), dana­ch von sei­nem Sohn Simon Pier­re Four­nier le jeu­ne (1757–o.A.) bis 1803 geführt. 2 ) 3 ) 4 ) 5 )

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Quel­le: Neu­es all­ge­mei­nes Künst­ler-Lexi­con oder Nach­rich­ten von dem Leben und den Wer­ken der Maler, Bild­hau­er (…), Ver­lag von E.A. Fleisch­mann, Mün­chen 1837, Sei­te 427.
2.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Nuñez, Pau­li­ne: Pier­re-Simon Four­nier, Typo­gra­phe abso­lu, Typo­gra­phe accom­pli?, Stu­di­en­ar­beit an der École Esti­en­ne DSAA Créa­ti­on Typo­gra­phi­que Paris, 2007, online ver­füg­bar unter http://​luc​.dev​roye​.org/​0​7​_​n​u​n​e​z​_​f​o​u​r​n​i​e​r​.​pdf (3.10.2016). 
3.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Neue­di­ti­on des »Manu­el typo­gra­phi­que« in Fran­zö­si­sch und Eng­li­sch in drei Bän­den, dazu »Four­nier on Type­foun­ding«, an Eng­lish trans­la­ti­on of the text by Har­ry Car­ter in facsi­mi­le, with an Intro­duc­tion and Notes by James Mos­ley, Darm­stadt 1995.
4.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Beau­jon, Paul.: The XVIII­th cen­tu­ry Fren­ch typo­gra­phy, Edi­ti­on The Lans­ton Mono­ty­pe Cor­po­ra­ti­on, Lon­don 1926 bzw. in deut­scher Spra­che unter dem Titel: Pier­re Simon Four­nier und die Druck­kunst des XVIII. Jahr­hun­derts in Frank­reich, Ber­lin 1928.
5.Lite­ra­tur von Pier­re Simon Four­nier:

  • Table des pro­por­ti­ons qu’il faut obser­ver ent­re les carac­tè­res, Paris 1737.
  • Modè­les des carac­tè­res de l’imprimerie, Paris 1742.
  • Essai d’un nou­veau carac­tè­re de fon­te pour l’impression de la musi­que, Paris 1756.
  • Dis­ser­ta­ti­on sur l’origine et les pro­grès de l’art de gra­ver en bois, Paris 1758.
  • De l’origine et des pro­duc­tions de l’imprimerie pri­mi­ti­ve en tail­le de bois, Paris 1759.
  • Obser­va­ti­ons sur un ouvra­ge inti­tu­lé Vin­di­ciae Typo­gra­phi­cae, Paris 1760.
  • Remar­ques sur un ouvra­ge inti­tu­lé Lett­re sur l’origine de l’imprimerie, Paris 1761.
  • Traité his­to­ri­que et cri­ti­que sur l’origine et les pro­grès des carac­tè­res de fon­te pour.
  • l’impression de la musi­que, Bern 1765.
  • Manu­el typo­gra­phi­que, uti­le aux gens de lett­re et a ceux qui exer­cent les dif­fe­ren­tes par­ties de l’art de l’imprimerie, Paris 1764–66. Online ver­füg­bar bei der Gal­li­ca, der digi­ta­len Biblio­thek der Natio­nal­bi­blio­thek von Frank­reich, unter http://​gal​li​ca​.bnf​.fr/​a​r​k​:​/​1​2​1​4​8​/​b​p​t​6​k​1​0​7​0​5​84h (3.10.2016).