Fraktur

Die Frak­tur­schrift ist eine Haupt­schrift­grup­pe, die im Sin­ne der euro­päi­schen Schrift­klas­si­fi­ka­ti­on mit römi­scher Alpha­bett­ra­di­ti­on zu der Schrift­gat­tung der »Gebro­che­nen Schrif­ten« zählt. Auch als »Deut­sche Schrift«, im eng­lisch­spra­chi­gen Raum mehr­deu­tig auch als Got­hic, Old Eng­lish oder als Black­let­ter bezeich­net. Die Frak­tur war über 400 Jah­re im Wesent­li­chen die Buch- und Ver­kehrs­schrift der Deut­schen und bis 1941 die offi­zi­el­le Amts­schrift im »Deut­schen Reich«. Als Schöp­fer der ers­ten rei­nen »frac­tu­ra ger­ma­ni­ca« (1507) gilt der Augs­bur­ger Kal­li­gra­ph und Bene­dik­ti­ner­pa­ter Leon­hard Wag­ner.

Ety­mo­lo­gi­sch ist die Bezeich­nung »Frak­tur« dem latei­ni­schen »frac­tu­ra« ent­lehnt und bedeu­tet »Bruch«, ana­log zum Ver­bum »fran­ge­re, fre­gi, frac­tum – bre­chen«. Mit dem begin­nen­den 16. Jahr­hun­dert bezeich­ne­te es jene »gebro­che­ne« Spät­form der goti­schen Minus­kel, die als Frak­tur in Deutsch­land zur vor­herr­schen­den Type wur­de. Beson­ders im Zuge der Refor­ma­ti­on mit Mar­tin Luthers popu­lä­ren Flug­schrif­ten im Quart- und Oktav­for­mat und sei­ner deutsch­spra­chi­gen Bibel wur­de die Frak­tur zum Inbe­griff der »deut­schen Schrift«, ein – zwi­schen­zeit­li­ch auch pole­mi­sch ideo­lo­gi­sier­ter – Nim­bus, den sie bis heu­te bewahrt hat.

Paläo­gra­phi­sch betrach­tet wur­zelt die Frak­tur in der »Bas­tar­da« des 14. Jahr­hun­derts, einer sowohl aus Stil­ele­men­ten der Buch­kal­li­gra­phie wie auch diver­ser aktu­el­ler Kanz­lei­schrif­ten kom­bi­nier­ten Neu­schöp­fung der goti­schen Kur­si­ve. Die­se hybri­de Bas­tar­da konn­te vor allem in West­eu­ro­pa und in den Kul­tur­re­gio­nen nörd­li­ch der Alpen über­aus erfolg­reich den Gegen­satz zwi­schen der streng for­ma­lis­ti­schen Tex­tu­ra, wie sie in den kle­ri­ka­len Skrip­to­ri­en gepflegt wur­de, und den übli­chen kur­si­ven All­tags­schrif­ten aus­glei­chen. Cha­rak­te­ris­ti­sch für die Bas­tar­da sind ihre beton­ten Ober­län­gen und Unter­län­gen in schwung­voll wei­ten, wenn­gleich gebro­che­nen Bogen­li­ni­en und die ver­gleichs­wei­se geräu­mi­gen Run­dun­gen, die das Schrift­bild auf­ge­lo­ckert und hell erschei­nen las­sen. Die »lett­re bâtar­de« genann­te Hoch­form wur­de im 15. Jahr­hun­dert in Frank­reich unter Phil­ipp dem Guten und Karl dem Küh­nen von Bur­gund zur offi­zi­el­len Hof­schrift. Durch ihre pre­ziö­se Anmu­tung und deko­ra­ti­ve Wir­kung bei rela­tiv unkom­pli­zier­ter Aus­führ­bar­keit erober­te die Bas­tar­da rasch auf dynas­ti­schem und diplo­ma­ti­schem Wege die unter­ein­an­der ver­bun­de­nen höfi­schen Kanz­lei­en sowie auch die urba­nen und uni­ver­si­tä­ren Schreib­schu­len.

Unterschiedliche Frakturschriften. Ausschnitt aus »Schrift-Proben« der Schriftgießerei Julius Klinkhardt, Leipzig und Wien, Handausgabe, ca. 1885. Quelle: www.typolexikon.de
Unter­schied­li­che Frak­tur­schrif­ten. Aus­schnitt aus »Schrift-Pro­ben« der Schrift­gie­ße­rei Juli­us Klink­hardt, Leip­zig und Wien, Hand­aus­ga­be, ca. 1885.

In der Inku­na­bel­zeit wur­den die frü­hes­ten Bas­tar­da­ty­pen vom Pari­ser Typo­gra­phen Pas­quier Bon­hom­me zwi­schen 1475 und 1477 ent­wi­ckelt, wäh­rend sich in Deutsch­land eine spe­zi­el­le Vari­an­te der Druck­bas­tar­den aus­bil­de­te, näm­li­ch die »Schwa­ba­cher«. 1485 wand­te der Nürn­ber­ger Dru­cker Fried­rich Creuß­ner erst­mals die­se reiz­voll gerun­de­te und leicht les­ba­re goti­sche Type an. Anton Kober­ger druck­te die deut­sche Aus­ga­be der Sche­del­schen Welt­chro­nik in der Schwa­ba­cher, was deren Aus­brei­tung und Beliebt­heit for­cier­te.

Die skrip­to­gra­phi­schen Urfor­men der eigent­li­chen Frak­tur sind mit all ihren loka­len Aus­prä­gun­gen vor­nehm­li­ch in den Urkun­den der kai­ser­li­ch-habs­bur­gi­schen Hof­kanz­lei Fried­richs III. doku­men­tiert. Auch in den Lehr­bü­chern, die der Wie­ner-Neu­städ­ter Schrei­ber Wolf­gang Spitz­weg um 1465 für den jun­gen Prin­zen Maxi­mi­li­an ver­fass­te, zeigt sich bereits eine Art Pro­to­f­rak­tur. Exem­pla­ri­sch für die pro­fa­nen, goti­schen Kanz­lei­schrif­ten sei das »Ambra­ser Hel­den­buch« genannt, eine Samm­lung mit­tel­hoch­deut­scher Ver­se­pen, die der kai­ser­li­che Beam­te und Zöll­ner am Eisack bei Bozen in Süd­ti­rol Hans Ried zwi­schen 1504 und 1516 für Maxi­mi­li­an I. schrieb.

1508 erteil­te der an das Schrift­bild der Frak­tur gewöhn­te und über­aus biblio­phi­le Kai­ser dem Augs­bur­ger Dru­cker Johan­nes Schön­sper­ger den Auf­trag, auch eine der­ar­ti­ge Type zu schnei­den, die dann erst­mals 1513 im Maxi­mi­lia­ni­schen »Gebet­buch« zur Anwen­dung kam. Die monu­men­ta­le goti­sche Druck­schrift die­ses von Albrecht Dürer illus­trier­ten, pri­va­ten Bre­viers für den Kai­ser geht auf den Ent­wurf eines Kal­li­gra­phen im Skrip­to­ri­um des Augs­bur­ger Bene­dik­ti­ner­klos­ters zu St. Ulrich und Afra 1 ) namens Leon­hard Wag­ner ali­as Wirst­lin (oder Würst­lin, gebo­ren 1453 in Schwab­mün­chen, gestor­ben 1522 in Augs­burg) zurück. Schon 1507 hat­te Meis­ter Leon­hard dem Kai­ser sei­ne groß­ar­ti­ge »Pro­ba cen­tum scrip­turar­um una manu exa­ratar­um« gewid­met, einen Kanon von ein­hun­dert Schrift­ar­ten der mediä­va­len »let­tera anti­ca« und goti­schen »let­tera moder­na«, unter denen auch die »frac­tu­ra ger­ma­ni­ca« und eine »semifrac­tu­ra« prä­sen­tiert wur­den.

1517 druck­te die Offi­zin Schön­sper­ger den legen­dä­ren »Theu­er­dank« in einer Frak­tur-Type, die von Vin­zenz Röck­ner ent­wor­fen und von Hier­ony­mus And­reae geschnit­ten wor­den war. Der »Theu­er­dank« ist ein teils auto­bio­gra­phi­sches, teils alle­go­ri­sier­tes Rit­te­r­e­pos, in dem Maxi­mi­li­an sei­ne Braut­fahrt nach Bur­gund von den Augs­bur­ger Huma­nis­ten Johan­nes Sta­bi­us und Kon­rad Peu­tin­ger in poe­ti­scher Form ver­ar­bei­ten ließ, um die­sen mit 118 Holz­schnit­ten von Hans Burg­kmai­er und ande­ren Künst­lern der Dürer­schu­le illus­trier­ten Foli­an­ten sei­ner jun­gen Gemah­lin Marie als Mor­gen­ga­be zu über­rei­chen.

In typo­gra­phi­sch voll aus­ge­bil­de­ter Form fin­det sich die Frak­tur um 1525 in den kunst­theo­re­ti­schen Wer­ken Albrecht Dürers, deren Typen vom Nürn­ber­ger Johan­nes And­reae geschnit­ten wur­den, der nach Vor­la­gen des Kal­li­gra­phen Johan­nes Neu­dörf­fer arbei­te­te. Die Cha­rak­te­ris­ti­ka der arche­ty­pi­schen Frak­tur bestehen im lan­gen f und lang­ge­zo­ge­nen s, die der Kanz­lei­schrift ent­lehnt sind; die Majus­keln haben mit­un­ter dop­pelt geführ­te Kon­tur­li­ni­en und sind mit orna­men­ta­len Schnör­keln, soge­nann­ten »Ele­fan­ten­rüs­seln« ver­ziert; die Ober­län­gen der Minus­keln b, h, k und l enden in schma­len, gekrümm­ten und gega­bel­ten Gra­ten, an ihrem unte­ren Ende wer­den die Schäf­te durch schräg­ge­stell­te qua­dra­ti­sche Gebil­de abge­schlos­sen, ähn­li­ch den Füß­chen, die man von der Tex­tu­ra her kennt. Ein wei­te­res Merk­mal sind auch die sporn­ar­ti­gen Fort­sät­ze, die auf den Köp­fen von Minus­keln wie a, c, e und q auf­schei­nen. Der auch für die Frak­tur­ty­pen bei­be­hal­te­ne ange­deu­tet kur­si­ve Duk­tus bewirkt ein hel­les, auf­ge­lo­cker­tes Schrift­bild, das im Ver­gleich zur form­s­treng und gera­de­zu her­me­ti­sch anmu­ten­den Tex­tu­ra eine deut­li­ch leich­te­re Les­bar­keit garan­tier­te.

Im Ver­lauf der zwei­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts wur­de die Frak­tur zur vor­herr­schen­den Type für deutsch­spra­chi­ge Druck­wer­ke, neben der sich die aus der huma­nis­ti­schen Minus­kel gene­rier­te Anti­qua für fremd­sprach­li­che und latei­ni­sche Tex­te behaup­te­te. Die breit lau­fen­de und deut­li­ch mehr Raum bean­spru­chen­de Schwa­ba­cher fand bald nur noch als Aus­zeich­nungs­schrift für die Wer­ke Mar­tin Luthers Ver­wen­dung. Um 1555 begann die Blü­te­zeit des Druck­we­sens in Frank­furt, initi­iert durch Chris­ti­an Ege­nolff und die von ihm gegrün­de­te Typen­gie­ße­rei, die nach sei­nem Tod vom aus Lyon stam­men­den Typen­schnei­der Jac­ques Sabon höchst erfolg­reich wei­ter­ge­führt wur­de. Ab 1572 arbei­te­te die Frank­fur­ter Schrift­gie­ße­rei als unab­hän­gi­ger Betrieb, der ers­te sei­ner Art in Deutsch­land, der als Ege­nolff-Sabon-Ber­ner-Luthe­ri­sche Gie­ße­rei bis 1810 Bestand hat­te.

Das 17. Jahr­hun­dert, gezeich­net von den Ver­hee­run­gen des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges und des­sen geis­tes- und sozi­al­ge­schicht­li­chen Fol­gen, brach­te für Deutsch­land zunächst einen deut­li­chen Ver­fall sei­ner Druck­kunst, sowohl in tech­ni­scher wie auch ästhe­ti­scher Hin­sicht. Der durch die Refor­ma­ti­on initi­ier­te Schrift­ge­gen­satz deut­sche Frak­tur ver­sus latei­ni­sche (sprich: katho­li­sche) Anti­qua wur­de immer mehr zum Zei­chen des sozia­len Gegen­sat­zes zwi­schen den Gelehr­ten und dem ein­fa­chen Volk und ver­schärf­te sich in der Gegen­re­for­ma­ti­on zu einer hoch­gra­dig wert­be­setz­ten Schrift­spal­tung. Mil­dernd wirk­te ledig­li­ch, dass ab der zwei­ten Jahr­hun­dert­hälf­te der Cha­rak­ter eines Buches in ers­ter Linie von Kup­fer­ste­chern – bei­spiels­wei­se der Fami­lie Meri­an – und nicht mehr so sehr von den Typo­gra­phen bestimmt wur­de. Mit der Publi­ka­ti­on der ers­ten deut­schen, natür­li­ch in Frak­tur gesetz­ten Zei­tung (1660) als neu­em Infor­ma­ti­ons- und Bil­dungs­me­di­um sowie der Ent­ste­hung des Zeit­schrif­ten­we­sens ver­la­ger­te sich auch der Schwer­punkt der deut­schen Buch­pro­duk­ti­on nach Leip­zig.

Im 18. Jahr­hun­dert war Leip­zig das Zen­trum der deut­schen Typo­gra­phie, die ab 1719 signi­fi­kant von den Akti­vi­tä­ten der Dru­cker-, Schrift­gie­ßer-, Ver­le­ger- und Buch­händ­ler­fa­mi­lie Breit­kopf geprägt wur­de. Der hoch gebil­de­te Johan­nes Gott­lob Imma­nu­el Breit­kopf (1719–1794) revo­lu­tio­nier­te den Musi­ka­li­en­druck und sys­te­ma­ti­sier­te die mathe­ma­ti­sche Berech­nung von Schrift­ver­hält­nis­sen, bei­des gewis­ser­ma­ßen in kol­le­gia­ler Riva­li­tät zu Pier­re Simon Four­nier, der eben­so wie vie­le ande­re in- und aus­län­di­sche Geis­tes­grö­ßen aus Wis­sen­schaft, Lite­ra­tur, Musik und Kunst zu Breit­kopfs stän­di­gen Kor­re­spon­denz­part­nern zähl­te. Gegen Ende des Jahr­hun­derts war Breit­kopf neben Johann Fried­rich Unger (1750–1804) und Joa­chim Hein­rich Cam­pe (1746–1818) maß­geb­li­ch an der Reform der Frak­tur betei­ligt. Beein­flusst von der Schrif­täs­the­tik eines John Bas­ker­vil­le, Fir­min Didot oder Giam­bat­ti­s­ta Bodo­ni und in Reak­ti­on auf die Ten­denz der füh­ren­den deut­schen Lite­ra­ten, ihre Wer­ke in Anti­qua gedruckt zu sehen, wan­del­ten sich in Deutsch­land die typo­gra­phi­schen Stan­dards und es wur­den klas­si­zis­ti­sch anmu­ten­de, von allen Schnör­keln befrei­te Frak­tur-Neu­schnit­te geschaf­fen: so die Cam­pe-Frak­tur 1790, die Breit­kopf-Frak­tur 1793, die Unger-Frak­tur 1793/94 und die zier­li­che »Jean-Paul-Frak­tur« aus der Offi­zin Breit­kopf 1798.

»Fette Fraktur«, entstanden um 1830–1840 als deutsche »Reklameschrift«. Beispiel gesetzt in »Fette Fraktur LT Std Regular« von Adobe ®, einem Remake nach einem Schriftschnitt aus den Jahren 1867–1875 der AG Schriftgießerei, Offenbach am Main. Schriftgestalter unbekannt. Quelle: www.typolexikon.de
»Fet­te Frak­tur«, ent­stan­den um 1830–1840 als deut­sche »Rekla­me­schrift«. Bei­spiel gesetzt in »Fet­te Frak­tur LT Std Regu­lar« von Ado­be ®, einem Remake nach einem Schrift­schnitt aus den Jah­ren 1867–1875 der AG Schrift­gie­ße­rei, Offen­bach am Main. Schrift­ge­stal­ter unbe­kannt.

Schon kurz nach 1800 zeig­te sich jedoch, dass die­sen refor­mie­ren­den Bemü­hun­gen von Unger & Co. um eine prag­ma­ti­sche – nütz­li­ch im Sin­ne von lese­freund­li­ch – und ästhe­ti­sche Syn­the­se von Frak­tur und Anti­qua kein nach­hal­ti­ger Erfolg beschie­den sein konn­te; nicht zuletzt des­halb, weil im Zuge der Napo­leo­ni­schen Krie­ge die als »fran­zö­si­sch« kon­no­tier­te Anti­qua zwangs­läu­fig zum feind­li­chen Sym­bol degra­diert wur­de. Frak­tur­schrif­ten des frü­hen 19. Jahr­hun­derts, wie etwa die legen­dä­re aus der Wei­ma­rer Gie­ße­rei von Jus­tus Erich Wal­baum, zeich­nen sich durch eine deut­li­ch tra­di­tio­na­lis­ti­sche, ja his­to­ri­sie­ren­de Anmu­tung aus, mit ver­schnör­kel­ten Ver­sa­li­en, exak­ten Bre­chun­gen und gega­bel­ten Schäf­ten. Die um 1830 ent­stan­de­ne bie­der­mei­er­li­che »Nor­mal-Frak­tur«, auch bekannt als Armin-, Büxen­stein-, Mars- und Pres­sa-Frak­tur, gehör­te, oft­mals nur mit einer Lager­num­mer bezeich­net, in sämt­li­chen deut­schen Gie­ße­rei­en zum obli­ga­ten Typen­re­per­toire. Und auch wenn sich Jakob Grimm 1854 im Vor­wort zum »Deut­schen Wör­ter­buch« vehe­ment für die Anti­qua ein­setz­te, so ver­wei­ger­te doch Otto von Bis­marck (1815–1898) 1886 die Lek­tü­re einer wie übli­ch in Anti­qua gesetz­ten wis­sen­schaft­li­chen Abhand­lung, mit der Begrün­dung, dass er es ableh­ne, Tex­te in deut­scher Spra­che mit latei­ni­schen Let­tern gedruckt zu lesen, zumal 1871 mit der Grün­dung des Deut­schen Rei­ches die Frak­tur zur offi­zi­el­len Amts­schrift erklärt wor­den war.

In den ers­ten vier Jahr­zehn­ten des 20. Jahr­hun­derts wur­de die­se gera­de­zu staats­tra­gen­de Dimen­si­on der Frak­tur auch in Reichs­tags­de­bat­ten zuneh­mend par­tei­po­li­ti­sch kom­men­tiert und ideo­lo­gi­siert: als deut­sche Schrift war die Frak­tur nicht nur der deut­schen Spra­che adäquat, son­dern Aus­druck des Deutsch­tums an sich. Die typo­gra­phi­sche Moder­ne hin­ge­gen sah die Kon­tro­ver­se Frak­tur ./. Anti­qua eher unter his­to­ri­schen Aspek­ten und ver­band die Frak­tur mit Tra­di­ti­on und alt­her­ge­brach­tem Kul­tur­gut ganz all­ge­mein. Der ame­ri­ka­ni­sche Typo­gra­ph Mor­ris Ful­ler Ben­ton etwa, bekannt ger­ma­no­phil und ein glü­hen­der Wag­ne­ria­ner, kre­ierte 1907 eine Frak­tur, die er nach dem ers­ten Prä­si­den­ten »Lin­coln-Goti­sch« nann­te. Unge­ach­tet des­sen, dass »ele­men­ta­re« Avant­gar­dis­ten vom For­mat eines Jan Tschi­chold (1902–1974) und Paul Ren­ner eigent­li­ch lie­ber über die schrift-, druck- und wir­kungs­äs­the­ti­schen Kon­se­quen­zen der Dis­tink­ti­on Anti­qua ./. Gro­tesk dis­ku­tier­ten, ent­stand bis 1940 doch eine Viel­zahl von bemer­kens­wert schö­nen »gebro­che­nen« Schrif­ten.

Rudolf Koch (1876−1934) wur­de so zum Schöp­fer der moder­nen Frak­tur: zwi­schen 1910 und 1921 war sei­ne sti­lis­ti­sch an der Schwa­ba­cher ori­en­tier­te Frak­tur, die er lapi­dar »Eine deut­sche Schrift« nann­te, einer der größ­ten Ver­kaufs­er­fol­ge der Offen­ba­cher Gie­ße­rei Gebrü­der Kling­s­por; 1913 ent­warf Koch die gra­zi­le »Kar­ten­schrift« und eine tra­di­tio­nel­le »Maxi­mi­li­an-Goti­sch«, zwi­schen 1920 und 1926 die Frak­tur »Kling­s­por«; 1924–1929 schuf Koch die »Jes­sen-Frak­tur«, die wegen ihre augen­fäl­li­gen Tex­tu­ra-Ähn­lich­keit auch »Bibel-Goti­sch« genannt wur­de, und zeit­gleich die »Wall­au«, deren Anmu­tung an die Rotun­da mit­tel­al­ter­li­cher Mis­sa­li­en erin­ner­te.

Zu Beginn der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ära war die Frak­tur zunächst ein durch­aus will­kom­me­nes Instru­ment der ideo­lo­gi­schen und poli­ti­schen Pro­pa­gan­da. Neben den Koch-Frak­tu­ren erfreu­ten sich auch ande­re Neu­schnit­te, dar­un­ter soge­nann­te »Neu-Frak­tu­ren«, die eine kla­re Syn­the­se von tra­di­tio­nell gebro­che­nen und moder­nis­ti­sch gro­tes­ken Form­prin­zi­pi­en anstreb­ten, hoher Wert­schät­zung: so etwa die »Kleist-Frak­tur«, ent­wor­fen 1928 und 1934 die »Fich­te-Frak­tur« von Wal­ter Tie­mann; die »Tan­nen­berg« von Emil Mey­er, ent­stan­den zwi­schen 1933 und 1935 für die D. Stem­pel AG (Frank­furt am Main), eine »gebro­che­ne Gro­tesk«, benannt nach der Schlacht bei Tan­nen­berg 1914, durch die der Vor­mar­sch der Rus­sen auf­ge­hal­ten wor­den war; die »Post-Frak­tur« von Her­bert Post (1903−1978), Schü­ler von Rudolf Koch und spä­ter Lei­ter der Mün­che­ner Aka­de­mie für das gra­phi­sche Gewer­be, ent­stan­den zwi­schen 1935 und 1940, für die Bert­hold AG in Ber­lin; die sehr kon­struk­ti­vis­ti­sch und intel­lek­tu­ell anmu­ten­de »Weiß-Goti­sch« von E. R. Weiß, 1936 und schließ­li­ch die »Zen­ten­ar« von Fried­rich Herr­mann Ern­st Schneid­ler (1882–1956), ent­wor­fen 1937 aus Anlass des 100-jäh­ri­gen Bestehens der Bau­erschen Gie­ße­rei in Frank­furt am Main. 1939 erleb­te auch die klas­si­zis­ti­sche Reform­schrift von Johann Fried­rich Unger als »Kabi­nett-Frak­tur« eine kur­ze Renais­sance.

Ab 1939 aller­dings wur­den die gebro­che­nen Schrif­ten zum The­ma einer zuneh­mend ras­sis­ti­sch-anti­se­mi­ti­schen Pole­mik, die am 3. Janu­ar 1941 in einem von Mar­tin Bor­mann stell­ver­tre­tend für den Füh­rer gezeich­ne­ten gro­tes­ken Schrift-Ver­dikt gip­fel­te, in dem die Frak­tur ver­bo­ten und die Anti­qua zur Nor­mal­schrift erklärt wur­de:

»Zu all­ge­mei­ner Beach­tung tei­le ich im Auf­trag des Füh­rers mit: Die soge­nann­te goti­sche Schrift als eine deut­sche Schrift anzu­se­hen und zu bezeich­nen ist fal­sch. In Wirk­lich­keit besteht die soge­nann­te goti­sche Schrift aus Schwa­ba­cher-Juden­let­tern. Genauso wie sie sich spä­ter in den Besitz der Zei­tun­gen setz­ten, setz­ten sich die in Deutsch­land ansäs­si­gen Juden bei der Ein­füh­rung des Buch­drucks in den Besitz der Buch­dru­cke­rei­en, und dadurch kam es in Deutsch­land zu der star­ken Ein­füh­rung der Schwa­ba­cher-Juden­let­tern. Am heu­ti­gen Tage hat der Füh­rer in einer Bespre­chung mit Herrn Reichs­lei­ter Amann und Herrn Buch­dru­cke­rei­be­sit­zer Adolf Mül­ler ent­schie­den, dass die Anti­qua-Schrift künf­tig als Nor­mal­schrift zu bezeich­nen sei. Nach und nach sol­len sämt­li­che Druckerzeug­nis­se auf die­se Nor­mal­schrift umge­stellt wer­den. Sobald dies schul­buch­mä­ßig mög­li­ch ist wird in den Dorf­schu­len und Volks­schu­len nur mehr die Nor­mal­schrift gelehrt wer­den. Die Ver­wen­dung der Schwa­ba­cher-Juden­let­tern durch die Behör­den wird künf­tig unter­blei­ben; Ernen­nungs­ur­kun­den für Beam­te, Stra­ßen­schil­der u. der­gl. wer­den künf­tig nur mehr in Nor­mal­schrift gefer­tigt wer­den. Im Auf­tra­ge des Füh­rers wird Herr Reichs­lei­ter Amann zunächst jene Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, die bereits eine Aus­lands­ver­brei­tung haben, oder deren Aus­lands­ver­brei­tung erwünscht ist, auf Nor­mal­schrift umstel­len.« 2 )

Verbot der Fraktur durch die Nationalsozialisten: Schrift-Verdikt vom 3. Januar 1941 auf dem Briefpapier der NSDAP. Gekennzeichnet von Martin Bormann. Quelle: Bundesarchiv Koblenz im Bestand NS 6/334.
Ver­bot der Frak­tur durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten: Schrift-Ver­dikt vom 3. Janu­ar 1941 auf dem Brief­pa­pier der NSDAP. Gekenn­zeich­net von Mar­tin Bor­mann. Quel­le: Bun­des­ar­chiv Koblenz im Bestand NS 6/334.

Para­do­xer­wei­se wer­den aber auch heu­te noch gera­de die Frak­tur­schrif­ten allent­hal­ben mit Anti­se­mi­tis­mus, dem Drit­ten Reich oder dem rechts­ra­di­ka­len Neo­na­zis­mus in Zusam­men­hang gebracht, was umso bedau­er­li­cher ist, als es der Schrift­for­schung trotz jahr­zehn­te­lan­ger Bemü­hun­gen schein­bar noch immer nicht gelin­gen will, die durch einen bei­spiel­lo­sen kul­tur­ge­schicht­li­chen Faux­pas dop­pelt dis­kre­di­tier­ten goti­schen Schrif­ten end­li­ch zu reha­bi­li­tie­ren.

Ins­be­son­de­re die unbe­grün­de­te Ver­ur­tei­lung der Frak­tur nach dem III. Reich als »natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Schrift«, die Zer­stö­rung deut­scher Druck­ma­tri­zen und Biblio­the­ken durch den II. Welt­krieg sowie die Lizen­zie­rung und Dis­tri­bu­ti­on von angel­säch­si­schen Schrif­ten sorg­te im Zeit­raum von 1945 bis 1960 dafür, dass die Frak­tur nahe­zu voll­stän­dig aus der deutsch­spra­chi­gen Buch- und Lese­ty­po­gra­phie ver­schwand. 3 ) 4 ) 5 ) 6 ) 7 ) 8 )

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmer­kung: Das Augs­bur­ger Bene­dik­ti­ner­klos­ters (Reichs­stift) zu St. Ulrich und Afra wur­de nach der Säku­la­ri­sa­ti­on von König Lud­wig I. indi­rekt als »Bene­dik­ti­ner­stift St. Ste­phan« revi­ta­li­siert. Es ist heu­te als Huma­nis­ti­sches und Musi­ka­li­sches Gym­na­si­um bekannt und gehört zur Baye­ri­schen Bene­dik­ti­ner­kon­gre­ga­ti­on.
2.Quel­le: Das Ori­gi­nal­do­ku­ment des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Frak­tur-Ver­dikts vom 3.1.1941 befin­det sich unter der Signa­tur »NS 6÷334« im Bun­des­ar­chiv Koblenz schrei­ben (Dienst­stel­le Ber­lin, NS 18/374).
3.Biblio­theks­emp­feh­lung: Biblio­thek des Bischöf­li­chen Ordi­na­ri­ats Augs­burg, Fron­hof 4, 86152 Augs­burg. 
4.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Mazal, Otto: Paläo­gra­phie und Paläo­ty­pie, Stutt­gart 1986.
5.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Kapr, Albert: Frak­tur. Form und Geschich­te der gebro­che­nen Schrif­ten, Ver­lag Her­mann Schmidt, Mainz, 1993. ISBN 3–87439-260–0.
6.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Tschi­chold, Jan: Die neue Typo­gra­phie. Ein Hand­buch für zeit­ge­mäß Schaf­fen­de, Ber­lin 1928.
7.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Weh­de, Susan­ne: Typo­gra­phi­sche Kul­tur, Pro­mo­ti­ons­chrift, Tübin­gen 2000.
8.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Schalansky, Judith: Frak­tur mon Amour, Ver­lag Her­mann Schmidt, Mainz, 2006. ISBN 978–3-87439–748-3.