Französische Renaissance Antiqua

Schriftart; Nebenschriftgruppe, die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation zur Schriftuntergruppe der Renaissance Antiqua (Mediaeval, Old Style, Old Face) gehört, welche wiederum zur Schriftgattung (Hauptschriftgruppe) der Antiqua zählt; rundbogige Druckschrift römischen Ursprungs mit Serifen.

Die »Sabon Antiqua« von Jan Tschichold (1902–1974) ist eine Renaissance Antiqua in der Tradition von Claude Garamond. Beispiel gesetzt in der Sabon roman, italic und bold von Linotype®.
Die »Sabon Antiqua« von Jan Tschichold (1902–1974) ist eine Renaissance Antiqua in der Tradition von Claude Garamond. Beispiel gesetzt in der Sabon roman, italic und bold von Linotype®.

In der typographischen Literatur wird die Französische Renaissance Antiqua auch als »Renaissance Antiqua im Sinne Garamonds« (Abk. Garamondschrift), 1 ) »Französische Mediaeval (Mediäval)«, »Französische Elzevir« 2 ) oder »Französische Ältere Antiqua«, in Frankreich und im angelsächsischen Sprachraum (GB, USA etc.) als »Garalde« 3 ) bezeichnet. 

Etymologie

»Französisch« bezieht sich auf Frankreich, insbesondere auf die Stadt Paris. Paris entwickelte sich in der Spätrenaissance zu einem der wichtigsten europäischen Zentren der Typographie.

Unter »Renaissance« wird eine europäische Kulturepoche verstanden, die sich durch die »Wiederbelebung« antiker Ideale – insbesondere in Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Malerei und Architektur – auszeichnet. Der Ursprung der Renaissance liegt in Italien, insbesondere in Florenz, Venedig, Rom und Mailand. Die Kulturwissenschaft unterscheidet in Frührenaissance (ab ca. 1420), Hochrenaissance (ab ca. 1500) und Spätrenaissance (ab ca. 1520).

In der Frührenaissance entwickelte sich auch die Typographie durch die Erfindung Johannes Gutenbergs (um 1400–1468). Durch sie konnten von nun an Ideen und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte. Humanismus, Aufklärung, die Entdogmatisierung der Wissenschaft, Liberalisierung und Typographie sind deshalb untrennbar miteinander verbunden.

Etymologisch bedeutet Renaissance »Rückbesinnung, Wiederbelebung«, was aus dem frz. »renaissance« für »Wiedergeburt« zu frz. »renitre« für »wiedergeboren werden, aufleben« zu frz. »naitre« für »geboren werden »und« re-« für »wieder« stammt. In Deutschland ist der Begriff ab Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich, um kulturwissenschaftlich den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zu skizzieren.

Die Bezeichnung »Antiqua« leitet sich etymologisch von der lateinischen weiblichen Form zu »antiquus« für »vorig, alt«, einer Nebenform von »anticus« für »der vordere« vom lateinischen »ante« für »vor« ab. Mit »Antiqua« ist somit die »alte Schrift« gemeint. Der Begriff »Antiqua« wird als Terminus primär im deutschsprachigen Raum sowohl für die Schriftgattung als auch für eine Schriftart verwendet. Er bezeichnet ausschließlich eine Druckschrift. Vorlagen aus der Epigraphik und Kalligraphie werden in der Paläographie anders bezeichnet. Die Antiqua ist heute die führende Verkehrsschrift der westlichen Welt.

Typometrie

Eine Französische Renaissance Antiqua zeichnet sich durch ein harmonisches Schriftbild und in gedruckter Form durch eine sehr gute Lesbarkeit in allen Lesegrößen und Konsultationsgrößen aus. Sie wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre Vorlage, die als Venezianischen Renaissance Antiqua bezeichnet wird; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet; der Innenbalken beim »e« ist bereits waagrecht.

Renaissance Antiquas werden in Venezianische und Französische Renaissance Antiquas unterschieden. Eine Französische Renaissance Antiqua wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre venezianische Vorlage; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet, der Innenbalken beim »e« ist bereits waagrecht. Beispiel gesetzt in der Stempel Schneidler Roman (Adobe) von F. H. Ernst Schneidler und der Garamond Premier Pro Regular (Adobe) von Robert Slimbach. Infografik: www.typolexikon.de
Renaissance Antiquas werden in Venezianische und Französische Renaissance Antiquas unterschieden. Eine Französische Renaissance Antiqua wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre venezianische Vorlage; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet, der Innenbalken beim »e« ist bereits waagrecht. Beispiel gesetzt in der Stempel Schneidler Roman (Adobe) von F. H. Ernst Schneidler und der Garamond Premier Pro Regular (Adobe) von Robert Slimbach.
Die primären Klassifikationsmerkmale einer Französischen Renaissance Antiqua sind die schrägen Dachansätze der Minuskeln, die grundsätzlich über die H-Linie zur k-Linie gehen, runde Serifenübergänge, leicht gekehlte Serifenunterkanten, eine waagrechte Achse der Minuskel »e« und eine optische Achse, die bei den Rundformen leicht nach links geneigt ist. Beispiel gesetzt aus der »Simoncini Garamond« (1961) von Francesco Simoncini (1912–1975) nach einem Schriftschnitt von Jean Jannon (1580–1658).
Die primären Klassifikationsmerkmale einer Französischen Renaissance Antiqua sind die schrägen Dachansätze der Minuskeln, die grundsätzlich über die H-Linie zur k-Linie gehen, runde Serifenübergänge, leicht gekehlte Serifenunterkanten, eine waagrechte Achse der Minuskel »e« und eine optische Achse, die bei den Rundformen leicht nach links geneigt ist. Beispiel gesetzt aus der »Simoncini Garamond« (1961) von Francesco Simoncini (1912–1975) nach einem Schriftschnitt von Jean Jannon (1580–1658).

Die wichtigsten Klassifikationsmerkmale 4 ) 5 ) einer Französischen Renaissance Antiqua:

  • Dachansätze der Minuskeln: Schräg
  • Minuskeloberlängen: Über die H-Linie bis zur k-Linie
  • Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
  • Optische Achse der Rundformen: Leicht nach links geneigt
  • Serifenübergänge: Rund
  • Serifenseitenkante: Leichte Bogenform
  • Serifenunterkante: Leicht bis wenig gekehlt
  • Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Deutlich stärker als bei der venezianischen Variante

Heute existieren unzählige Repliken, 6 ) Remakes, 7 ) Klone, 8 ) Formvarianten, 9 ) und Mischformen 10 ) von Französischen Renaissance Antiquas, die für die Mehrheit der Schriftnutzer nicht oder kaum zu unterscheiden sind. 11 ) Seit dem 19. Jahrhundert werden auch serifenlose Schriften (Grotesk) aus den Grundformen der (Französischen) Renaissance Antiqua entwickelt.

Historie

1496 druckte erstmals der Humanist, Verleger und Typograph Aldus Manutius (1449–1515) eine Antiqua mit Serifen, die sich weitweitgehend von den typographischen Protoformen der »Sublacensischen Antiqua-Type« und der »Litterae Venetae« distanzierte. 

Diese von seinem bologneser Schriftgießer und Stempelschneider Francesco Griffo (Francesco da Bologna, 1450–1518) geschnittene »Bembo-Type« (Griffo-Lettern), leitete die neue Ära der sogenannten »Antiqua des Aldinischen Typs« ein, welche später dann als »Garamondschriften« bzw. Französische Renaissance Antiquas bezeichnet wurden.

Die »Bembo-Type« wurden von Francesco Griffo (1450–1518) im Auftrag von Aldus Manutius geschnitten und erstmals 1496 in der Officina »Aldina« gedruckt. Die Prototype gilt als typometrische Grundlage für die nachfolgende Garamondschrift. Sie wird deshalb heute als Französische Renaissance Antiqua klassifiziert, nicht – was Nahe läge – als Venezianische Renaissance Antiqua. 1929 wurde ein Remake – die Bembo – unter der künstlerischen Leitung von Stanley Morison (1889–1967) nach Pietro Bembo (1470–1547) benannt. Sie gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa zu den erfolgreichsten Werksatzschriften. Beispiel gesetzt in einer Bembo der Monotype Corporation London aus dem Jahre 1990.
Die »Bembo-Type« wurden von Francesco Griffo (1450–1518) im Auftrag von Aldus Manutius geschnitten und erstmals 1496 in der Officina »Aldina« gedruckt. Die Prototype gilt als typometrische Grundlage für die nachfolgende Garamondschrift. Sie wird deshalb heute als Französische Renaissance Antiqua klassifiziert, nicht – was Nahe läge – als Venezianische Renaissance Antiqua. 1929 wurde ein Remake – die Bembo – unter der künstlerischen Leitung von Stanley Morison (1889–1967) nach Pietro Bembo (1470–1547) benannt. Sie gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa zu den erfolgreichsten Werksatzschriften. Beispiel gesetzt in einer Bembo der Monotype Corporation London aus dem Jahre 1990.

In Frankreich entwickelte sich aus dieser Aldinischen Antiqua ab 1530 die Garamondschriften, an deren Formgebung maßgeblich die französischen Typographen Antoine Augereau (um 1485–1534) und sein Schüler Claude Garamond (1480/1500–1561), Jean Jannon (1580–1658), Philippe Grandjean (1666-1714) sowie Charles-Louis Simonneau (1645–1728) beteiligt waren.

Im »Goldenen Zeitalter« (de Gouden Eeuw) 12 ) des 17. Jahrhunderts sowie im frühen 18. Jahrhundert kamen neue Impulse aus den Niederlanden, wie beispielsweise von der Offizin Enschedé & Zonen (Koninklijke Joh. Enschedé) in Haarlem, die von dem Typographen und Verleger Izaak Enschedé (1681–1761) im Jahre 1703 gegründet wurde und die 1743 mit dem Kauf einer Schriftgießerei die Drucktypen der Stempelschneider Dirk Vosken (o.A.) aus Amsterdam, Johann Michael Fleischmann (1701–1768) aus Nürnberg und Christoffel van Dyck (1605–1669) aus Haarlem erwarb und weiterentwickelte.

Die Unterschiede zwischen den »Amsterdamer Alphabeten« und der von Garamond lagen u.a. in der größeren Punze des »e«, in der Höhe der Minuskel »n«, sie wurde größer und die Serifen stärker verfeinert. Während die Majuskeln (Versalien) kaum noch einen schrägen Duktus haben, erkennt man bei den Minuskeln noch deutlich ihre Herkunft aus der mit der Feder geschriebenen Humanistenhandschrift.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts reformierte der französische Typograph Pierre Simon Fournier (1712–1768) die Französische Renaissance Antiqua; aus ihr entstand die »Halbmediäval«, die sogenannte Vorklassizistische Antiqua.

Vertreter dieser Schriftart

Französischen Renaissance Antiquas (Auswahl):

SchriftSchriftgestalterFont FoundryJahr
AlbertinaBrand, ChrisMonotype1965
AldusZapf, HermannD. Stempel1954
ApolloFrutiger, AdrianMonotype1962/64
BemboMorison, StanleyMonotype1929
Bembo TypeGriffo, FrancescoOfficina Aldina1496
BerlingForsberg, Karl-ErikBerling foundry1951
BreughelFrutiger, AdrianLinotype1981
CaxtonUsherwood, LeslieITC1981
ColumbusCoci, JorgeN. N.1513
ComeniusZapf, HermannBerthold1976
Corporate AWeidemann, KurtURW1990
DanteMardersteig, Giovanni
Carpenter, Ron
Officina Bodoni1947/52
DanteCarpenter, RonMonotype1993
DiotimaZapf-von Hesse, GudrunD. Stempel AG1951/63
EspritVeljovic, JovicaITC1985
GalliardCarter, MatthewITC1978
GammaVeliovic, JovicaITC1986
GaramondStan, TonyITC1993
GaramondSlimbach, RobertAdobe1989/91
GaramondSimoncini, Francesco
Bilz, W.
Simoncini SA1961
GaramondLange, Günter GerhardBerthold1972
GaramondN. N.D. Stempel1925
Garamond AmsterdamBenton, Morris FullerITC1917
Garth GraphicMatt, JohnCompugraphic1979
GiovanniSlimbach, RobertITC1989
GoudyGoudy, Frederic W.Monotype1915
Goudy ModernGoudy, Frederic W.Monotype1918
GranjonJones, George W.Linotype1928
Griffo ClassicoLuin, FrankoEricsson (?)1993
HaarlemmerVan Krimpen, JanMonotype1938
HeliconQuay, DavidBerthold1989
HiroshigeHollandsworth, CynthiaAlpha Omega1986
HollanderUnger, GerhardHell1983
Horley Old StyleNorton, RobertMonotype1925
LeawoodUsherwood, LeslieITC1985
MendozaMendoza Almeida, JoséITC1991
MeridienFrutiger, AdrianDeberny & Peignot1957
MinionSlimbach, RobertAdobe1990
MinisterFahrenwaldt, Carl AlbertN. N.1929
New AsterSimoncin, FrancescoLinotype1958
NovareseNovarese, AldoITC1984
OctavianCarter, Will
Kindersley, David
Monotype1961
PalatinoZapf, HermannD. Stempel1950
PlantinPierpont, Frank HinmanMonotype1913
Poliphilus (?)Manutius, AldusOfficina Aldina1499
Poppl-PontifexPoppl, FriedrichBerthold1974
Post-AntiquaPost, HerbertBerthold1932/39
QuadraatSmeijers, FredFF1992/97
Romanéevan Krimpen, Jan
Rädisch, Paul H.
Joh. Enschedé en Zonen1928
SabonTschichold, JanD. Stempel1967
SpectrumVan Krimpen, JanDutch Enschedé Foundry1952
StoneStone, SummerITC1988
TrinitéDe Does, BramEnschedé Font Foundry1982
Trump MediaevalTrump, GeorgC. E. Weber1954
Van Dijck (Otiyot Amsterdam)Van Dijck, ChristoffelOfficina Van Dijck1632
VendomeGaneau, FrançoisFonderie Olive1952
WarnockSlimbach, RobertAdobe2000
Weiß-AntiquaWeiß, Emil RudolfBauersche Gießerei1928
Zapf-Renaissance-AntiquaZapf, HermannScangraphic1984/87

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Ob und inwieweit die Namensgebung »Garamondschriften« gerechtfertigt ist, dazu siehe »Claude Garamond«.
2.Anmerkung: Benannt nach »Elzevir« (später Elsevier), einer berühmten Familie von niederländischen Buchhändlern, Verlegern und Typographen um 1583–1712.
3.Anmerkung: Die Bezeichnung »Gar | ald | e« ist eine Hommage. Sie setzt sich aus den ersten drei Silben von Claude Garamond (um 1498/99–1561) und Aldus Manutius (1449–1515) zusammen.
4.Literaturempfehlung: Tschichold, Jan: Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952, ISBN 3-473-61100-x.
5.Literaturempfehlung: Cheng, Karen: Designing Type, Anatomie der Buchstaben, Verlag Hermann Schmidt Mainz, ISBN 3-87439-689-4.
6.Anmerkung: Eine Replik ist eine erneute Ausführung eines bereits vorhandenen Originals durch den Schriftgestalter selbst.
7.Anmerkung: Ein Remake ist eine spätere Nachbildungen einer bereits existierenden, aber nicht mehr am Markt verfügbaren Schrift, die sich streng am Original orientiert.
8.Anmerkung: Ein Klon ist eine 1:1-Kopie einer Schrift.
9.Anmerkung: Eine Formvariante ist eine abweichende Interpretation einer bereits existierenden Schrift.
10.Anmerkung: Mischformen sind Hybride aus unterschiedlichen Schriftuntergruppen und/oder Schriftnebengruppen.
11.Anmerkung: Auch für sehr geübte Typographen/innen ist es oftmals unmöglich, eine späte Venezianische Renaissance Antiqua von einer frühen Französischen Renaissance Antiqua und einer Französischen Renaissance Antiqua aus der Spätrenaissance von einer frühen Vorklassizistischen Antiqua zu unterscheiden. Den Schriftarten können durchaus über hybride Klassifikationsmerkmale verfügen.
12.Anmerkung: Das »Goldene Zeitalter« bezeichnet in der Geschichte der Niederlande eine gut hundertjährige wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit, die ungefähr das 17. Jahrhundert ausfüllt und in der Kunstgeschichte ohne Beispiel ist.