Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Garamond, Claude [1]
Typograph, Frankreich, 1498/99–1561

Französischer Typograph und Schriftschneider. Geboren um 1498/99. Schüler des Pariser Humanisten, Graveurs und Typographen Antoine Augereau (um 1485-1534), dem »Drucker der Königin Marguerite von Navarra«, bei dem er um 1510 eine Lehre als Buchdrucker in der Druckwerkstatt von Henri Estienne begann.
 
1530 schnitt Claude Garamond vermutlich für Robert Estienne unter dem Eindruck der Cicero- und Augustea-Schnitte seines Lehrmeisters Augereau – Stanley Morison
(1889–1967) bezeichnete 1957 Augereau als »... pioneer in Paris of typography in Roman letter who deserves immortality« – und der Alphabetsammlung des »Champ-Fleury« seines Mentors Geoffroy Tory eine eigene Cicero-Type, die fast hundert Jahre später, um 1620, unter dem Namen »Garamond« von Jean Jannon nachgeschnitten und publiziert wurde.

1533 schuf Garamond eine Cicero im aldinischen Stil für Claude Chevallon (o.A.-1537), in dessen (später von der Witwe weitergeführten) Druckerei er bis 1540 tätig war. 1540 schnitt er auf im Auftrag des königlichen Ratgebers Pierre Duchâtel für den französischen König François I., den Bruder von Marguerite von Navarra, die »Grecs du Roy«, »die Griechischen des Königs«, inspiriert von den Manuskripten des Kreters Angelus Vergecius (Ange Vergece, Angelo Vergecio), der zu dieser Zeit als königlicher Kalligraph und Bibliothekar in Fontainebleau wirkte. Die legendäre Schreibkunst dieses gelehrten Exilgriechen, den König François I. wohlwollend als »notre écrivain en grec« titulierte, wurde sogar noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts im französischen Sprichwort »écrire comme un ange« kolportiert. Die griechischen Typen fanden erstmals 1543 in der Bibelausgabe »O mirificam« des königlichen Druckers und Verlegers Robert Estienne Verwendung und festigten Garamonds Ruhm als einer der handwerklich besten Stempelschneider Frankreichs. Die originalen Stempel dieser »Regis typi« befinden sich heute in der Nationaldruckerei in Paris [2].

In der Druckerei seines ersten Schwiegervaters Pierre Gaultier, mit dessen Tochter Guillemette er bis zu ihrem Tod im Jahre 1550 verheiratet war, versuchte sich Claude Garamond von 1545 bis 1546 kurz auch als Verleger, weil ihm sein typographisches Metier als »Nestbauer und Honigträger« sprich: »als Handlanger von Buchhändlern zu wenig lukrativ schien«, wie er in seinem Vorwort zur Edition der »Meditatio pia et religiosa« des David Chambellan beklagt: »Je retirais vraiment peu de profit de mon travail qui est de sculpter et de fondre les types de lettre (...) Ceux qui savent seulement tailler les lettres ne progressent guère (...) Ils construisent le nid des librairs, ils leur apportent leur miel.«
 
Die Prosperität seiner eigenen Werkstatt in der Rue des Carmes, wo er gemeinsam mit seinem Kompagnon Guillaume Le Bé auch etliche Lehrlinge ausbildete, wurde in späteren Jahren vor allem durch den Verkauf von Typenmatrizen römischer Schriften gesichert. Ab 1550 perfektionierte Garamond seine Antiqua-Lettern und entwickelte auf Anregung des Rektors der Sorbonne, Jean de Gagny, auch einen kursiven Schriftschnitt seiner Cicero von 1530, der späteren »Garamond«. Dieser kursive Schnitt gilt bis heute unter Schriftgestaltern als typographische Quintessenz ästhetischer Vollkommenheit.
 
Eine zweite Ehe ab 1551 mit der wohlhabenden Ysabeau Le Fèvre brachte ihm nebst mehreren Weingärten auch ein Haus in Paris in der noblen rue Saint Denis, wo er 1561 mit rund 63 Jahren starb. Nach Garamonds Tod ging ein kleiner Teil seines Typenrepertoires in den Besitz von Guillaume Le Bé und später in den der Imprimerie royale über. Die meisten originalen Matrizen und Stempel wurden jedoch von Christophe Plantin aus Anvers erworben, sieben Antiqua-Serien auch vom Frankfurter Schriftgießer Jacques Sabon (in der Folge Egenolff-Berner).

Die vor allem während des 17. Jahrhunderts oft kopierten Schriftschnitte von Claude Garamond (und Antoine Augereau?) gelten bis heute als Inbegriff typographischer Ästhetik, Eleganz und Lesbarkeit. Bis zum Ende des Bleisatzes wurden deshalb auch
Französische Renaissance-Antiquas als »Garamond-Schriften« oder als »Renaissance-Antiquas im Sinne Garamonds« bezeichnet. Nach fast zweihundertjährigem Dornröschenschlaf wurden sie 1928 in der deutschen Garamond-Stempel auf Basis der alten Spezimen aus der Gießerei Egenolff-Berner, revitalisiert. Viele Stempelschneider, Schriftgießer und Schriftgestalter nahmen sich seitdem »die Garamond« für ihre eigene Schrift zur Vorlage. So auch Tony Stan für seine ITC Garamond und Jan Tschichold (1902–1974) für seine Sabon-Antiqua.

Nach Claude Garamond wurde das Mittel »Garamond« bennannt. Über Garamond gibt es bis heute keine wissenschaftlich fundierte Biographie. Alle Angaben sind deshalb mit Bedacht zu bewerten.

[1] Claude Garamond schrieb seinen Familiennamen selbst mit »t« am Ende, also »Garamont«.
[2] Es ist anzumerken, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür gibt, dass tatsächlich Claude Garamond diese griechischen Buchstaben entworfen und geschnitten hat. Fachleute vermuten, dass die »Grecs du Roy« bereits von seinem Lehrmeister Antoine Augereau entworfen wurden, der, im Gegensatz zu Garamond, der griechischen Sprache mächtig war, über die notwendigen Kontakte und die erforderliche Bildung verfügte. Ähnliche Schlußfolgerungen vertreten einige sehr ernstzunehmende Fachleute, so beispielsweise George Abrams und Nicholas Barker, welche sogar die Hypothese vertreten, dass Schriften, die Garamond vor 1540 zugesprochen werden, von seinem Lehrmeister stammen könnten; es sich jedoch zumindest um Kopien der Entwürfe von Augereau handeln müsse, die handwerklich von Garamond im Zuge des Nachschnitts optimiert wurden.
[T] Garamond zum Anfassen: Museum Plantin-Moretus, Vrijdagmarkt 22, 2000 Antwerpen. Dieses Museum besitzt die einzige komplette Serie von authentischen Garamond-Stahlstempeln, nach denen Robert Slimbach 1989/1991 die Adobe Garamond (®) gestaltete.
[L]
Max Caflisch: Abrams Augereau, Typographische Monatsblätter, Zürich, Mai 1997
[L] Nicholas Barker: The Aldine Roman in Paris, The Library, 1974
[L] Marius Audin: Histoire de l'imprimerie par l'image, Tome I & II, Henri Jonquières éditeur, Paris 1929.
[L] Fernand Baudin: L'effet Gutenberg, Editions du cercle de la librairie, Paris 1994.
[L] Eugène Boutmy: Dictionnaire de l'argot des typographes, Flammarion et Marpon, Paris 1883.
[L] Annie Parent: Les Métiers du livre à Paris au XVIème siècle, Coll. Histoire & civilisation du livre, Librairie Droz, Genève 1974.
[L] Paul Dupont: Histoire de l'imprimerie, Librairie Edouard Rouveyre, Paris 1853.
[L] Anne Cuneo: Garamonds Lehrmeister, Roman, Limmat Verlag Zürich, 2004. ISBN 3857914637.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 05.11.2008
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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