Garamond, Claude

Fran­zö­si­scher Schrift­schnei­der und Typo­gra­ph. Gebo­ren um 1498/99 in Paris. Gestor­ben 1561 in Paris. Schü­ler des Pari­ser Huma­nis­ten, Gra­veurs und Typo­gra­phen Antoi­ne Auge­re­au (um 1485–1534), dem »Dru­cker der Köni­gin Mar­gue­ri­te von Navar­ra«, bei dem Clau­de Gara­mond um 1510 eine Leh­re als Buch­dru­cker in der Druck­werk­statt von Hen­ri Esti­en­ne begann. Gara­mond schrieb sei­nen Fami­li­en­na­men selbst mit »t«, also »Gara­mont«.

1530 schnitt Clau­de Gara­mond ver­mut­li­ch für den fran­zö­si­schen Typo­gra­phen, Ver­le­ger und Lexi­ko­gra­ph Robert Esti­en­ne (um 1499/1503–1559) unter dem Ein­druck der Cice­ro- und Augus­tea-Schnit­te sei­nes Lehr­meis­ters Auge­re­au – Stan­ley Mori­son (1889–1967) bezeich­ne­te 1957 Auge­re­au als »… pioneer in Paris of typo­gra­phy in Roman let­ter who deser­ves immor­ta­li­ty« – und der Alpha­bet­samm­lung des »Champ-Fleu­ry« sei­nes Men­tors Geoff­roy Tory (Buch­dru­cker des fran­zö­si­schen Königs, 1480–1533) eine eige­ne Cice­ro-Type, die fast hun­dert Jah­re spä­ter, um 1620, unter dem Namen »Gara­mond« von Jean Jan­non (um 1580/1589–1658) nach­ge­schnit­ten und publi­ziert wur­de.

1533 schuf Gara­mond eine Cice­ro im aldi­ni­schen Stil für Clau­de Che­val­lon (o.A.-1537), in des­sen (spä­ter von der Wit­we wei­ter­ge­führ­ten) Dru­cke­rei er bis 1540 tätig war. 1540 schnitt er auf im Auf­trag des könig­li­chen Rat­ge­bers und Biblio­the­kars Pier­re Duchâ­tel (um 1480–1552) für den fran­zö­si­schen König François I. (1494–1547), den Bru­der von Mar­gue­ri­te von Navar­ra ( 1492–1549), die »Grecs du Roy«, »die Grie­chi­schen des Königs«, inspi­riert von den Manu­skrip­ten des Kre­ters Ange­lus Ver­ge­ci­us (Engel Ver­gè­ce, um 1505–1569), der zu die­ser Zeit als könig­li­cher Kal­li­gra­ph und Biblio­the­kar in Fon­tai­ne­bleau wirk­te. Die legen­dä­re Schreib­kunst die­ses gelehr­ten Exil­grie­chen, den König François I. wohl­wol­lend als »not­re écri­vain en grec« titu­lier­te, wur­de sogar noch bis in die Mit­te des 20. Jahr­hun­derts im fran­zö­si­schen Sprich­wort »écri­re com­me un ange« kol­por­tiert.

Schriftprobe aus der Seite des Neuen Testaments (Johannesevangelium) von Robert Estienne (um 1499/1503–1559), Paris 1550, gedruckt in der »Grecs du roi« von Claude Garamond. Quelle: Wikimedia Commons, Bridwell Bibliothek, Perkins School of Theology, Southern Methodist University.
Schrift­pro­be aus der Sei­te des Neu­en Tes­ta­ments (Johan­nes­evan­ge­li­um) von Robert Esti­en­ne (um 1499/1503–1559), Paris 1550, gedruckt in der »Grecs du roi« von Clau­de Gara­mond. Quel­le: Wiki­me­dia Com­mons, Brid­well Biblio­thek, Per­kins School of Theo­lo­gy, Sou­thern Metho­dist Uni­ver­si­ty.

Die grie­chi­schen Typen fan­den erst­mals 1543 in der Bibel­aus­ga­be »O miri­fi­cam« des könig­li­chen Dru­ckers und Ver­le­gers Robert Esti­en­ne Ver­wen­dung und fes­tig­ten Clau­de Gara­monds Ruhm als einer der hand­werk­li­ch bes­ten Stem­pel­schnei­der Frank­reichs. Die ori­gi­na­len Stem­pel die­ser »Regis typi« befin­den sich heu­te in der Natio­nal­dru­cke­rei in Paris.

Wobei anzu­mer­ken ist, dass es kei­nen Nach­weis dafür gibt, dass tat­säch­li­ch Clau­de Gara­mond die­se grie­chi­schen Buch­sta­ben ent­wor­fen und geschnit­ten hat. Fach­leu­te ver­mu­ten, dass die »Grecs du Roy« bereits von sei­nem Lehr­meis­ter Antoi­ne Auge­re­au ent­wor­fen wur­den, der, im Gegen­satz zu Gara­mond, der grie­chi­schen Spra­che in Wort und Schrift mäch­tig war, über die not­wen­di­gen Kon­tak­te und die erfor­der­li­che Bil­dung ver­füg­te. Antoi­ne Auge­re­au wur­de (des­halb) 1534 in Paris auf dem Pla­ce Mau­bert von der katho­li­schen Inqui­si­ti­on auf dem Schei­ter­hau­fen mit sei­nen Büchern ver­brannt. 1 )

Ähn­li­che Schluß­fol­ge­run­gen ver­tre­ten eini­ge Fach­leu­te, bei­spiels­wei­se der New Yor­ker Schrift­ge­stal­ter Geor­ge Abrams (um 19919/1920–2001), die sogar die Hypo­the­se ver­tre­ten, dass Schrif­ten, die Clau­de Gara­mond vor 1540 zuge­spro­chen wer­den, von sei­nem Lehr­meis­ter stam­men könn­ten; es sich jedoch zumin­dest um Kopi­en der Ent­wür­fe von Antoi­ne Auge­re­au han­deln müs­se, die hand­werk­li­ch von Gara­mond im Zuge des Nach­schnitts opti­miert wur­den.

In der Dru­cke­rei sei­nes ers­ten Schwie­ger­va­ters Pier­re Gaul­tier, mit des­sen Toch­ter Guil­le­met­te er bis zu ihrem Tod im Jah­re 1550 ver­hei­ra­tet war, ver­such­te sich Clau­de Gara­mond von 1545 bis 1546 kurz auch als Ver­le­ger, weil ihm sein typo­gra­phi­sches Métier als »Nest­bau­er und Honig­trä­ger« sprich: »als Hand­lan­ger von Buch­händ­lern zu wenig lukra­tiv schien«, wie er in sei­nem Vor­wort zur Edi­ti­on der »Medi­ta­tio pia et reli­gio­sa« des David Cham­bel­lan beklagt: »Je reti­rais vrai­ment peu de pro­fit de mon tra­vail qui est de sculp­ter et de fond­re les types de lett­re (…) Ceux qui savent seu­le­ment tail­ler les lett­res né pro­gres­sent guè­re (…) Ils con­strui­sent le nid des librairs, ils leur apport­ent leur miel.«

Die Pro­spe­ri­tät sei­ner eige­nen Werk­statt in der Rue des Car­mes, wo er gemein­sam mit sei­nem Kom­pa­gnon und Stem­pel­schnei­der Guil­lau­me Le Bé (1525–1598) auch etli­che Lehr­lin­ge aus­bil­de­te, wur­de in spä­te­ren Jah­ren vor allem durch den Ver­kauf von Typen­ma­tri­zen römi­scher Schrif­ten gesi­chert. Ab 1550 per­fek­tio­nier­te Gara­mond sei­ne Anti­qua-Let­tern und ent­wi­ckel­te auf Anre­gung des Rek­tors der Sor­bon­ne, Jean de Gagny (o.A.–1549), auch einen kur­si­ven Schrift­schnitt sei­ner Cice­ro von 1530, der spä­te­ren »Gara­mond«. Die­ser kur­si­ve Schnitt gilt bis heu­te unter Schrift­ge­stal­tern als typo­gra­phi­sche Quint­es­senz ästhe­ti­scher Voll­kom­men­heit.

Eine zwei­te Ehe ab 1551 mit der wohl­ha­ben­den Ysa­be­au Le Fèv­re brach­te ihm nebst meh­re­ren Wein­gär­ten auch ein Haus in Paris in der noblen rue Saint Denis, wo er 1561 mit rund 63 Jah­ren starb. Nach Gara­monds Tod ging ein klei­ner Teil sei­nes Typen­re­per­toires in den Besitz von Guil­lau­me Le Bé und spä­ter in den der Impri­me­rie roya­le über. Die meis­ten ori­gi­na­len Matri­zen und Stem­pel wur­den jedoch von Chris­to­phe Plan­tin (um 1520–1589), einem fran­zö­si­sch-flä­mi­schen Typo­gra­phen und Ver­le­ger aus Anvers erwor­ben, sie­ben Anti­qua-Seri­en auch vom Frank­fur­ter Schrift­gie­ßer Jac­ques Sabon (um 1535–1580/1590), in der Fol­ge Ege­nolff-Ber­ner.

Die vor allem wäh­rend des 17. Jahr­hun­derts oft kopier­ten Schrift­schnit­te von Clau­de Gara­mond (und Antoi­ne Auge­re­au?) gel­ten bis heu­te als Inbe­griff typo­gra­phi­scher Ästhe­tik, Ele­ganz und Les­bar­keit. Bis zum Ende des Blei­sat­zes wur­den des­halb auch Fran­zö­si­sche Renais­sance Anti­quas als »Gara­mond Schrif­ten« oder als »Renais­sance Anti­quas im Sin­ne Gara­monds« bezeich­net. Nach fast zwei­hun­dert­jäh­ri­gem Dorn­rös­chen­schlaf wur­den sie 1928 in der deut­schen »Gara­mond Stem­pel« auf Basis der alten Spe­ci­men (Schrift­mus­ter) aus der Frank­fur­ter Schrift­gie­ße­rei Ege­nolff-Ber­ner, revi­ta­li­siert.

Vergleich von drei Garamond-Schriften. Oben: Nachschnitt einer »Amsterdamer Garamond« im normalen Schriftschnitt von Morris Fuller Benton (1872–1948) für die ATF-Company (USA) aus dem Jahre 1917. Mitte: »Minion Pro« regular von Robert Slimbach (*1956) aus der Linotype® Schriftbibliothek. Unten: »Sabon« roman von Jan Tschichold (1902–1974) aus der Linotype® Schriftbibliothek. Infografik: www.typolexikon.de
Ver­gleich von drei Gara­mond-Schrif­ten. Oben: Nach­schnitt einer »Ams­ter­da­mer Gara­mond« im nor­ma­len Schrift­schnitt von Mor­ris Ful­ler Ben­ton (1872–1948) für die ATF-Com­pany (USA) aus dem Jah­re 1917. Mit­te: »Mini­on Pro« regu­lar von Robert Slim­bach (*1956) aus der Lino­ty­pe® Schrift­bi­blio­thek. Unten: »Sabon« roman von Jan Tschi­chold (1902–1974) aus der Lino­ty­pe® Schrift­bi­blio­thek.

Vie­le Stem­pel­schnei­der, Schrift­gie­ßer und Schrift­ge­stal­ter (Type Desi­gner) nah­men sich seit­dem »die Gara­mond« für ihre eige­ne Schrift zur Vor­la­ge. So auch Mor­ris Ful­ler Ben­ton (1872–1948) für sei­ne Ams­ter­da­mer Gara­mond, Tony Stan (1917–1988) für sei­ne ITC Gara­mond, Jan Tschi­chold (1902–1974) für sei­ne Sabon und Robert Slim­bach (* 1956) für sei­ne Mini­on.

Nach Clau­de Gara­mond wur­de auch das Mit­tel »Gara­mond« ben­nannt. 2 ) 3 ) 4 ) 5 ) 6 )

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Cuneo, Anne: Gara­monds Lehr­meis­ter, Roman, Lim­mat Ver­lag Zürich, 2004, ISBN 3857914637.
2.Muse­um­s­emp­feh­lung: Muse­um Plan­tin-More­tus, Vri­jd­ag­markt 22, 2000 Ant­wer­pen. Die­ses Muse­um besitzt die ein­zi­ge kom­plet­te Serie von authen­ti­schen Gara­mond-Stahls­tem­peln, nach denen Robert Slim­bach 1989/1991 die Ado­be Gara­mond gestal­te­te.
3.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Caf­li­sch, Max : Abrams Auge­re­au, Typo­gra­phi­sche Monats­blät­ter, Zürich, Mai 1997.
4.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Bar­ker, Nicho­las: The Aldi­ne Roman in Paris, The Libra­ry, 1974.
5.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Audin, Mari­us: His­toire de l’imprimerie par l’image, Tome I & II, Hen­ri Jon­quiè­res édi­teur, Paris 1929.
6.Web­site­emp­feh­lung: Gara­mond (online), Jubi­lä­ums­sei­te 1561–2011, Minis­tè­re de la Cul­tu­re et de la Com­mu­ni­ca­ti­on, Ver­füg­bar unter http://​www​.gara​mond​.cul​tu​re​.fr (31.5.2016)