Gebrochene Schriften

Schriftgattung; Terminus für handgeschriebene und gedruckte »gebrochene« Schriftarten gotischen Ursprungs. Die Sammelbezeichnung »Gebrochene Schriften« wird in der Paläographie und Paläotypie sowohl für handgeschriebene als auch für gedruckte gebrochene Schreib- und Buchschriften und in der Typographie für gebrochene Drucktypen unterschiedlicher Epochen und Stilrichtungen verwendet. 

Zu der Schriftgattung der Gebrochenen (Druck)Schriften zählen die Textura (hochgotisch, gedruckt um 1450), die Rotunda (rundgotisch, gedruckt um 1480), die Schwabacher (spätgotisch, gedruckt um 1490) und die Fraktur (Renaissance, gedruckt ab 1513). 1 )

Vergleich zweier Schriftgattungen anhand der Minuskel »g«. Links: Eine Antiqua gesetzt in der »Simoncini Garamond« (1961) von Francesco Simoncini (1912–1975) nach einem Schriftschnitt von Jean Jannon (1580–1658), die zu den Runden Schriften römischen Ursprungs zählt. Rechts eine gebrochene Schrift, die »Wilhelm-Klingspor-Schrift« von Rudolf Koch (1876–1934), die zwischen 1920 und 1926 bei der Schriftgießerei der Gebrüder Klingspor in Offenbach am Main erschien und zu den Gebrochenen Schriften zählt.
Vergleich zweier Schriftgattungen anhand der Minuskel »g«. Links: Eine Antiqua gesetzt in der »Simoncini Garamond« (1961) von Francesco Simoncini (1912–1975) nach einem Schriftschnitt von Jean Jannon (1580–1658), die zu den Runden Schriften römischen Ursprungs zählt. Rechts eine gebrochene Schrift, die »Wilhelm-Klingspor-Schrift« von Rudolf Koch (1876–1934), die zwischen 1920 und 1926 bei der Schriftgießerei der Gebrüder Klingspor in Offenbach am Main erschien und zu den Gebrochenen Schriften zählt.
Die Hauptschriftgruppen der Schriftgattung der »Gebrochene Schriften« im Vergleich. Die Minuskel »g« von links in einer Textura (»Gutenberg Bibelschrift« von Dr. C.H. Wunderlich aus dem Jahre 1996), Rotunda (»San Marco« von Karlgeorg Hoefer aus dem Jahre 1991), Schwabacher (»Alte Schwabacher« von URW++ aus dem Jahre 1992) und einer Fraktur (»Fette Fraktur« von Adobe aus dem Jahre 1989).
Die Hauptschriftgruppen der Schriftgattung der »Gebrochene Schriften« im Vergleich. Die Minuskel »g« von links in einer Textura (»Gutenberg Bibelschrift« von Dr. C.H. Wunderlich aus dem Jahre 1996), Rotunda (»San Marco« von Karlgeorg Hoefer aus dem Jahre 1991), Schwabacher (»Alte Schwabacher« von URW++ aus dem Jahre 1992) und einer Fraktur (»Fette Fraktur« von Adobe aus dem Jahre 1989).

Semantisch rührt die Bezeichnung »gebrochen« daher, dass insbesondere die Rundungen der Minuskeln in dieser Schriftgattung – im Gegensatz zur Antiqua – nicht rund, sondern »gebrochen«, also »fraktural« wirken.

Gebrochene Schriften werden deshalb im deutschen Sprachraum auch als »Frakturschriften« bezeichnet, wobei diese Bezeichnung aus Sicht der typographischen Schriftklassifikation, der Paläographie und Paläotypie für die Schriftgattung im Sinne der obersten taxonomischen Ebene streng genommen etwas ungenau ist. Denn eine Fraktur ist zwar eine gebrochene Schrift und gehört somit zu den Gebrochenen Schriften, aber eine gebrochene Schrift ist nicht zwangsläufig eine Fraktur. Allerdings dürfte diese Spitzfindigkeit nur aus heutiger akademischer Sicht von Bedeutung sein. Die immer noch gebräuchliche alternative Bezeichnung »Deutsche Schriften« ist jedoch für die obersten taxonomischen Ebene unzutreffend, da nur die Schwacher und die Fraktur deutschen Ursprungs sind. 2 ) 3 ) 4 )

Anfang des »Buchs Genesis« (Schöpfungsbericht) einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel von Johannes Gutenberg (um 1400–1468), dem Erfinder der Typographie, gesetzt in einer »Textura«, einer Gebrochenen Schrift. Quelle: Fol. 5r, Bd. 1 des illuminierten Exemplars der Staatsbibliothek Berlin.
Anfang des »Buchs Genesis« (Schöpfungsbericht) einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel von Johannes Gutenberg (um 1400–1468), dem Erfinder der Typographie, gesetzt in einer »Textura«, einer Gebrochenen Schrift. Quelle: Fol. 5r, Bd. 1 des illuminierten Exemplars der Staatsbibliothek Berlin.

Zu den Vorläuftern der Gebrochenen Schriften zählen die Hochformen der gotischen Buchschriften ab dem späten 13. und 14. Jahrhundert, diese widerum haben ihren Ursprung im 12. Jahrhundert in der »Carolino-Gotica« bzw. »Romano-Gotica« (siehe Carolina). Die Gotik stellt in paläographischer Hinsicht die reichste Epoche Gebrochener Schriften dar.

Historie der Gebrochenen Schriften siehe Fraktur und Schriftgeschichte.

Ihre Charakteristika sind gerade Striche, die scharfe Ecken und spitze Winkel bilden, gebrochene Rundungen, die an die Spitzbögen gotischer Kathedralen erinnern, sowie eine betont vertikale Ausrichtung der nun enger zusammen stehenden Buchstaben.

Hauptschriftgruppen der Gebrochenen Schriften

Im deutschen Sprachraum werden Gebrochene Schriften in der Typographie in folgende Hauptschriftgruppen bzw. u.a. in folgende Schriftuntergruppen (chronologisch geordnet) eingeteilt: 

  • Textura
  • Rotunda
  • Schwabacher
  • Fraktur
    • Renaissance Fraktur
    • Vorklassizistische Fraktur (Barock Fraktur)
    • Klassiszitische Fraktur
    • Reform Fraktur
    • Fraktur Varianten (Hybride)
  • Bastarda (Hybride)

Von deutschsprachigen Schriftsetzern wurde im materiellen Schriftsatz (z.B. Bleisatz) die Textura auch als »Gotische Fraktur«, die Rotunda als »Rundgotische Fraktur« und die Schwabacher als »Spätgotische Fraktur« bezeichnet. 

Die Typometrie von Gebrochenen Schriften weicht signifikant von der Letternarchitektur der Antiqua ab. Beispielsweise unterscheidet sich die Minuskel »x« vom »r« nur durch eine offene Schleife am Zeichenfuß. Ebenso weichen die Regeln im Schriftsatz mit Gebrochenen Schriften von den Regeln des Schriftsatzes mit Antiqua Schriften ab. So gibt es beispielsweise unterschiedliche Formen der Minuskel »s«, unterschiedliche Arten von Ligaturen und Regeln für das Setzen von Ligaturen. Auch weichen die Methoden in der Schriftauszeichnung, bei der Spationierung, im Sperrsatz und im Majuskelsatz voneinander ab.

Im Vergleich zur »Englischen Typographie« gilt der Gebrochene Schriftsatz (z.B. Fraktursatz) in der Mikrotypographie eher als anspruchslos. Semantisch motivierte Schriftmischung sind nur sehr eingeschränkt möglich, womit die Ausdrucksmöglichkeit einer Sprache in ihrer Schriftlichkeit bei Gebrochenen Schriften – im Gegensatz zur Antiqua – sehr begrenzt erscheint. 

»Fette Fraktur«, entstanden um 1830–1840 als deutsche »Reklameschrift«. Beispiel gesetzt in »Fette Fraktur LT Std Regular« von Adobe ®, einem Remake nach einem Schriftschnitt aus den Jahren 1867–1875 der AG Schriftgießerei, Offenbach am Main. Schriftgestalter unbekannt. Quelle: www.typolexikon.de
»Fette Fraktur«, entstanden um 1830–1840 als deutsche »Reklameschrift«. Beispiel gesetzt in »Fette Fraktur LT Std Regular« von Adobe ®, einem Remake nach einem Schriftschnitt aus den Jahren 1867–1875 der AG Schriftgießerei, Offenbach am Main. Schriftgestalter unbekannt.

In der deutschen Kalligraphie zählen – neben diversen gotischen Minuskelhandschriften – auch die deutsche Handverkehrsschrift »Kurrentschrift« sowie die preußische Handverkehrsschrift »Sütterlinschrift« zu den Gebrochenen Schriften.

In Deutschland wurden Gebrochene Schriften offiziell bis zu ihrem Verbot im Jahre 1941 5 ) als Verkehrs-, Hand-, Kanzlei-, Schreibmaschinen- und Buchschriften genutzt (siehe Fraktur). 6 ) 

Verbot der Gebrochenen Schrift (Gotische Schrift) durch die Nationalsozialisten: Schrift-Verdikt vom 3. Januar 1941 auf dem Briefpapier der NSDAP. Gekennzeichnet von Martin Bormann. Quelle: Bundesarchiv Koblenz im Bestand NS 6/334.
Verbot der Gebrochenen Schrift (Gotische Schrift) durch die Nationalsozialisten: Schrift-Verdikt vom 3. Januar 1941 auf dem Briefpapier der NSDAP. Gekennzeichnet von Martin Bormann. Quelle: Bundesarchiv Koblenz im Bestand NS 6/334.

Vertreter dieser Schriftgattung

Gebrochene Schriften (Auswahl):

SchriftHauptschriftgruppeFont FoundryJahr
Breite KanzleiHybrideGießerei Flinschum 1830
Luthersche FrakturFrakturD. Stempel AG1708
Manuskript-GotischTexturaBauerschen Gießerei1899
Original SchwabacherSchwabacherLudwig & Mayer1907
WallauRotundaD. Stempel AG1925–1930

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Literaturempfehlung: Kapr, Albert: Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schriften, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, 1993. ISBN 3-87439-260-0.
2.Literaturempfehlung: Das Handbuch der Schriftarten, Eine Zusammenstellung der Schriften der Schriftgießereien deutscher Zunge nach Gattungen geordnet, Albrecht Seemann Verlag, Leipzig, 1926.
3.Literaturempfehlung: Tschichold, Jan: Meisterbuch der Schrift, Otto Maier-Verlag Ravensburg 1952, ISBN 10: 347361100X und ISBN 13: 9783473611003.
4.Literaturempfehlung: Mazal, Otto: Paläographie und Paläotypie, Stuttgart 1986.
5.Quelle: Das Originaldokument des nationalsozialistischen Fraktur-Verdikts vom 3.1.1941 befindet sich unter der Signatur »NS 6/334« im Bundesarchiv Koblenz schreiben (Dienststelle Berlin, NS 18/374).
6.Literaturempfehlung: Wehde, Susanne: Typographische Kultur, Promotionschrift, Tübingen 2000.