Gestaltungsraster

Ord­nungs­sys­tem; Kon­struk­ti­ons­sys­tem. Im gewer­be­spe­zi­fi­schen Sprach­schatz auch als »Lay­ou­tras­ter« oder kurz als »Ras­ter« bezeich­net. Sche­ma für ein durch­gän­gi­ges Desi­gn von Schrif­ten (sie­he auch Typo­me­trie), Druck­wer­ken, Benut­zer­ober­flä­chen und drei­di­men­sio­na­len Objek­ten, wel­ches ver­ein­facht for­mu­liert, auf einem hori­zon­ta­len und ver­ti­ka­len Koor­di­na­ten­sys­tem basiert – mit der Ziel­set­zung, Schrift, Bild, Far­be, Flä­che und Raum sys­te­ma­ti­sch und zweck­ge­rich­tet zu struk­tu­rie­ren.

Gestal­tungs­ras­ter 1 ) 2 ) wer­den sowohl als fixie­ren­des als auch ästhe­ti­sches Ord­nungs­sys­tem einer gestal­te­ri­schen Arbeit ver­stan­den, wel­ches nor­miert, Res­sour­cen bei der Imple­men­tie­rung mini­miert und Syn­er­gi­en unter­schied­lichs­ter Art ermög­licht. 3 )

Im Gra­fik­de­si­gn gehört der Ent­wurf eines Gestal­tungs­ras­ters in den Bereich der Makro­ty­po­gra­phie. Er unter­teilt ein Lay­out in Kolum­nen­ras­ter (Kolum­nen, Satz­spal­ten), 4 ) Zei­len­ras­ter (Zei­len­ab­stand), Tabel­len­ras­ter, Bild­ras­ter und Flä­chen­ras­ter. In der klas­si­schen Buch­ty­po­gra­phie wird der Gestal­tungs­ras­ter als Satz­spie­gel bzw. Buch­satz­spie­gel bezeich­net.

Beispiel eines Gestaltungsrasters mit integrierten Kolumnenraster, Zeilenraster und Bildraster. Infografik: www.typolexikon.de
Bei­spiel eines Gestal­tungs­ras­ters mit inte­grier­ten Kolum­nen­ras­ter, Zei­len­ras­ter und Bild­ras­ter.

Gestal­tungs­ras­ter sind bereits in der Epi­gra­phik doku­men­tiert und die Kon­struk­ti­on von »Kodex­re­gis­tern«, einer Arche­form des Buch­satz­spie­gels, gehör­te bereits seit dem 1. Jahr­hun­dert zum Stan­dard­re­per­toire eines Kal­li­gra­phen (Kal­li­gra­phie) oder Kopis­ten. Ab der ita­lie­ni­schen Renais­sance wur­den Satz­spie­gel dann auch nach den Pro­por­tio­nen des Gol­de­nen Schnitts bzw. nach der Fibo­nac­ci-Rei­he kon­stru­iert (Leo­nar­do Fibo­nac­ci, um 1180–1240)20. Die Vil­lard­sche Figur, ein auch heu­te noch ver­wen­de­ter Tei­lungs­ka­non für einen Buch­satz­spie­gel, stammt bei­spiels­wei­se aus der ers­ten Hälf­te des 13. Jahr­hun­derts.

Der Begriff »Ras­ter« bür­ger­te sich ab der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de in Deutsch­land mit der Erfin­dung des Auto­ty­pie­ver­fah­rens (geras­ter­tes Bild im Hoch­druck) durch Georg Mei­sen­bach (1841–1912) zuer­st in den Zei­tungs- und Akzi­denz­set­ze­rei­en ein. Gemeint war hier aller­dings nicht der Auto­ty­pie­ras­ter (Druck­ras­ter), son­dern ein ein­heit­li­cher Gestal­tungs­ras­ter, der stan­dar­di­sier­te Arbeits­pro­zes­se, also das sys­te­ma­ti­sche und ein­fa­che Anord­nen von Schrift und Halb­ton­bil­dern in der gesam­ten Zei­tungs­aus­ga­be bzw. in Akzi­denz­druck­sa­chen und Büchern ermög­lich­te.

Ety­mo­lo­gi­sch lei­tet sich das Wort »Ras­ter« vom latei­ni­schen »rastrum« aus »rade­re« her, das eigent­li­ch »Karst, Hacke, Rechen«, spä­ter »Instru­ment zum Zie­hen par­al­le­ler Lini­en« bzw. »krat­zen, scha­ben« bedeu­tet, sowie »rast­rel­lum« für »Kreu­zung«.

Gestal­tungs­ras­ter wer­den heu­te in allen Berei­chen der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­wen­det, so bei­spiels­wei­se für Brief­pa­pie­re, Bücher, Zei­tun­gen, Wer­be­kam­pa­gnen, Cor­po­ra­te Designs, For­mu­la­re, Fahr­plä­ne, Pla­ka­te, Web­sites et cetera. 5 ) 6 ) 7 )

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmer­kung: Der Begriff Satz­spie­gel bezieht sich in der Regel immer auf ein Buch oder im wei­te­ren Sin­ne auf ein buch­ähn­li­ches Druckerzeug­nis, bei­spiels­wei­se einen Geschäfts­be­richt. Der Begriff Gestal­tungs­ras­ter hin­ge­gen ist in sei­ner Anwen­dung offen, er kann sich also auch auf Web­sites oder drei­di­men­sio­na­le Objek­te bezie­hen.
2.Tipp: Bei Druckerzeug­nis­sen ermög­li­chen Gestal­tungs­ras­ter die Regis­ter­hal­tig­keit.
3.Tipp: Bei der Kon­struk­ti­on von Gestal­tungs­ras­tern für Druckerzeug­nis­se ist es rat­sam, natio­na­le und inter­na­tio­na­le Nor­men (z.B. die DIN 476 für Papier­for­ma­te) und Richt­li­ni­en zu veri­fi­zie­ren. Denn Unwis­sen­heit schützt bekann­ter­ma­ßen nicht vor den erschre­ckend hohen mone­tä­ren Fol­gen unüber­leg­ter For­ma­te.
4.Anmer­kung: Ein Kolum­nen­ras­ter ist ein Satz­spal­ten­ras­ter inklu­si­ve Mar­gi­nal­satz­spal­ten.
5.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Tschi­chold, Jan: Will­kürfreie Maß­ver­hält­nis­se der Buch­sei­te und des Satz­spie­gels, Der Druck­spie­gel, Typo­gra­phi­sche Bei­la­ge 7a von 1964. Die­ser fun­dier­te Fach­auf­satz ist auch in Tschi­cholds Buch »Schrif­ten 1925–1974, Band 2« ent­hal­ten (Ver­lag Brink­mann & Bose, Ber­lin. ISBN 3–922660-37–1.)
6.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Aicher, Otl und Rom­men, Josef: typo­gra­phie, 1988. Ver­lag Ern­st & Sohn, ISBN 3−433−02090−6.
7.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Hoch­u­li, Jost: Bücher machen. Eine Ein­füh­rung in die Buch­ge­stal­tung. Agfa Com­pu­gra­phic, 1989.