Gutenberg, Johannes

»Henchen zur Laden« oder »Henne Gensfleisch« (Johannes Gensfleisch) alias Johannes Gutenberg. Prototypograph. Geboren um 1400 in Mainz.  Gestorben am 3. Februar 1468 in Mainz.

Johannes Gutenberg zählt zu den wichtigsten Personen des zweiten Jahrtausends (n. Chr.). Er gilt als der Erfinder des europäischen Buchdrucks mit beweglichen, wiederverwendbaren Lettern aus Metall – als Erfinder der Typographie. Er revolutionierte damit grundlegend den bis dahin 6.500jährigen elitären Schriftgebrauch und demokratisierte die Schrifttechnologie; denn von nun an konnten Ideen und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte (siehe Schriftgeschichte und Typographie). Ende der 1990er Jahre wurde Gutenberg vom US-amerikanischen Nachrichtenmagazin TIME zum »Man of the Millennium« gewählt.

Erstmals wurde Gutenberg in der Inkunabel »Chronicon« (zweite Edition, lektoriert von Johannes Lucilius Santritter) des Augsburger Prototypographen Erhard Ratdolt (1447–1527/1528) expressis verbis als Erfinder des Buchdrucks genannt. Der entsprechende Eintrag findet sich auf der Rückseite von Folio 3, unter der Jahreszahl 1457 (daneben ist als Datierung 1440 vermerkt). Ein authentisches Bildnis (Zeichnung, Stich etc.) von Gutenberg existiert nicht.

Johannes Gutenberg war der jüngste Sohn des seit 1372 als Mainzer Bürger und Handelsherr genannten Friele Gensfleisch zur Laden, der 1386 in zweiter Ehe die Krämertochter Else Wirich geheiratet hatte. Die Familie zählte zum Patriziat von Mainz, das im hohen Mittelalter wegen seiner handels- und vor allem kirchenpolitischen Schlüsselposition zu den reichsten und bedeutendsten deutschen Städten gehörte; der Erzbischof von Mainz war zugleich »Primas Germaniae«, seit 965 ständiger Erzreichskanzler mit dem Recht der Königswahl und seit dem Ende des 12. Jahrhunderts als Kurfürstbischof ermächtigt, Reichs- und Fürstentage einzuberufen. Das 15. Jahrhundert allerdings war auch für die »Aurea Moguntia«, das goldene Mainz, eine Zeit der Umbrüche und sozialen Konflikte.

Faksimile einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009.
Faksimile einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009.
Anfang des »Buchs Genesis« (Schöpfungsbericht) einer der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel aus dem Bestand der Staatsbibliothek Berlin. Quelle: Fol. 5r, Bd. 1 des illuminierten Exemplars der Staatsbibliothek Berlin.
Anfang des »Buchs Genesis« (Schöpfungsbericht) einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel aus dem Bestand der Staatsbibliothek Berlin. Quelle: Fol. 5r, Bd. 1 des illuminierten Exemplars der Staatsbibliothek Berlin.
Viele Lehrbücher, darunter auch die von Raúl Rosarivo und Jan Tschichold, propagieren die These, dass der Buchsatzspiegel der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel (um 1455) nach dem Goldenen Schnitt konstruiert wurde. Misst man jedoch ein Original nach, stellt man sehr schnell fest, dass weder das Format im Goldenen Schnitt noch der Satzspiegel nach der Fibonacci-Reihe konstruiert wurde, sondern nach dem Villardschen Teilungskanon, einem geometrischen Teilungsverhältnis aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, das nach Villard de Honnecourt (um 1230–1235) benannt wurde. Beispiel: Fibonacci-Gitter mit hinterlegter Doppelseite (35% Deckkraft) der Gutenberg Bibel aus der Staatsbibliothek zu Berlin.
Viele Lehrbücher, darunter auch die von Raúl Rosarivo und Jan Tschichold, propagieren die These, dass der Buchsatzspiegel der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel (um 1455) nach dem Goldenen Schnitt konstruiert wurde. Misst man jedoch ein Original nach, stellt man sehr schnell fest, dass weder das Format im Goldenen Schnitt noch der Satzspiegel nach der Fibonacci-Reihe konstruiert wurde, sondern nach dem Villardschen Teilungskanon, einem geometrischen Teilungsverhältnis aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, das nach Villard de Honnecourt (um 1230–1235) benannt wurde. Beispiel: Fibonacci-Gitter mit hinterlegter Doppelseite (35% Deckkraft) der Gutenberg Bibel aus der Staatsbibliothek zu Berlin.

Gutenbergs Kindheit und Schulbildung ist nur spärlich dokumentiert; 1411 musste die Familie mit über hundert anderen Patriziern nach einer Bürgermeisterwahl, die zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit den Zünften geführt hatte, Mainz verlassen. Friele Gensfleisch übersiedelte ins Rheinstädtchen Eltville, wo seine Frau ein Anwesen besaß. Möglicherweise studierte Johannes Gutenberg kurz in Erfurt, das die Alma mater der Erzdiözese Mainz war und in deren Matrikel von 1418/19 ein »Johannes de Alta villa« (Eltville) erwähnt.

Der Vater starb im Herbst 1419 und im folgenden Jahr wurde Gutenbergs Name zum ersten Mal in einem Gerichtsdokument genannt, in dem es um Erbstreitigkeiten mit einer Stiefschwester Patze ging. Die folgenden zehn Jahre liegen völlig im Dunkeln. Erst aus dem Jahr 1430 ist eine weitere Urkunde erhalten, in der dem »Henchin zu Gudenberg« von einer gewissen Katherine von Delkenheim eine mit seiner Mutter zu teilende Leibrente von 13 Gulden jährlich ausgesetzt wurde. 1433 starb Gutenbergs Mutter und sein Erbteil wurde in Form von Renten abgegolten, was wieder vermuten lässt, dass er zu jener Zeit nicht in Mainz oder Eltville ansässig war.

Von 1434 an beweisen mehrere Dokumente, dass Gutenberg als Goldschmied, Spiegelmacher und nicht den Zünften angehörender Freimeister zumindest bis 12. März 1444 in Straßburg lebte, das mit rund 25.000 Bewohnern eine der größten Städte im deutschen Kaiserreich war. Er wohnte in der Vorstadt St. Arbogast, wo er sicher seit 1436 unter größtmöglicher Geheimhaltung auch an seiner drucktechnischen Erfindung arbeitete; so beauftragte er den Goldschmied Hans Dünne mit der Erzeugung diverser metallener Gerätschaften, die »zu dem trucken« gehören; die Herstellung der Druckerpresse oblag einem Tischler namens Conrad Sahspach; daneben lehrte Gutenberg einen gewissen Andreas Dritzehn das »Bolliren« (Polieren) und betrieb ab 1438 ein mit geborgtem Geld finanziertes, als »aventure und kunst« bezeichnetes Gemeinschaftsunternehmen mit Vogt Hans Riffe von Lichtenau, Andreas Heilmann und Andreas Dritzehn zur Herstellung von esoterisch wirksamen, konvexen »Heiltumspiegeln« (Wallfahrtsspiegeln) für die große Aachener »Ochevart«-Wallfahrt von 1440.

Aus den Straßburger Jahren zwischen 1440 und 1444 sind mehrere Fragmente der »Ars minor« erhalten, einer im Mittelalter weitverbreiteten lateinischen Sprachlehre und Elementargrammatik des Aelius Donatus, die Gutenberg mit seiner frühen sogenannten Donat-Prototype gedruckt hat. Als Ausgangsschrift für seine typographischen Experimente wählte er die großdimensionierte Textura, die damals für liturgische Prachthandschriften, Missale, Kodizes und xylographierte Blockbücher allgemein verwendet wurde. Auch ein mit dieser Donat-Prototype sicher vor 1453 gedrucktes Fragment des deutschsprachigen Sibyllenbuches zählt die Forschung zu Gutenbergs frühen Versuchen.

Wiederholt wurde Gutenberg in Straßburg vor Gericht zitiert: einmal von einer gewissen »Ennelin zur ysernen Türe« (Ennelin von der Isern Türe) wegen seines gebrochenen Eheversprechens, dann wegen einer Ehrenbeleidigung gegenüber Niklaus Schott, einem Zeugen der Klägerin Ennelin; 1439 wegen Übervorteilung seiner Geschäftspartner und nicht eingehaltener Kreditrückzahlungen; aber auch er selbst wandte sich an diverse Notare und Richter, wenn es galt, seine Ansprüche gegen die politische und klerikale Obrigkeit durchzusetzen. 1 )

Im Oktober 1448 war Gutenberg nachweislich wieder in Mainz ansässig, wo er mit geborgtem Familiengeld, vermutlich von Arnold Gelthuß, eine erste Werkstätte im Gutenberghof einrichtete. Zur weiteren Geldbeschaffung für das große »Werk der Bücher« schloss er dann 1449 jenen fatalen Gesellschaftsvertrag mit dem wohlhabenden Kaufherrn und Advokaten (Rechtsanwalt) Johann Fust, der ihn bis Ende 1454 um sein Lebenswerk bringen sollte. Das Kapital von Fust, insgesamt 1.600 Gulden, die immerhin einen Gegenwert von drei Mainzer Bürgerhäusern darstellten, ermöglichte die Etablierung einer zweiten, größeren Offizin im Humbrechthof, wo Gutenberg mit dem Kalligraphen und Fust-Schwiegersohn Petrus Schoeffer aus Gernsheim zusammenarbeitete und die erste Generation von Inkunabeldruckern (Prototypographen) ausbildete. Hier entstand auch das Opus principale, die legendäre in der weiterentwickelten Textura der Donat-Kalender-Type zweispaltig gesetzte 42zeilige Bibel, von der im Oktober 1454 die ersten 180 Exemplare bereits vollendet und auch verkauft waren, wie aus einem oft zitierten Piccolomini-Brief hervorgeht. 2 )

Im Streit und nach einem verlorenen Prozess mit Fust wegen dessen skrupelloser Kreditrückforderungen 3 ) – Fust wollte das Gewinn bringende Geschäft mit dem geschäftstüchtigen Schwiegersohn Schoeffer fortsetzen – samt Zins und Zinseszinsen, verließ Gutenberg Ende 1454 die gemeinschaftliche Offizin und zog sich 1455 finanziell ruiniert in die an den Mainzer Stadtschreiber Dr. Konrad Humery verpfändete Werkstatt im Gutenberghof zurück. Hier entstanden in den Folgejahren einige kleinere Donat-Ausgaben, Kalender, die »Zyprischen Ablaßbriefe« mit den frühesten Druckbastarden als Brotschriften und der Türkenkalender »Eyn manung der cristenheit widder die durken«. Er perfektionierte auch die Textura seiner Donat-Kalender-Type, mit der dann 1457 in Bamberg von Johann Neumeister und Albrecht Pfister die 36zeilige Bibel gedruckt wurde, das mit 884 Blättern umfangreichste Druckwerk der Inkunabelzeit. 1460 druckte Gutenberg erstmals das »Catholicon«, ein 1286 in Genua vom Dominikaner Johannes Balbus verfasstes etymologisches Wörterbuch nebst Orthographie, Grammatik, Verslehre und Rhetorik der lateinischen Sprache; für den Druck dieses stets aktualisierten Konversationslexikons entwarf Gutenberg eine Gotico-Antiqua-Urtype, die als seine letzte Schöpfung gilt; 22 Majuskeln, 103 Minuskeln mit und ohne Abbreviaturen, 81 Ligaturen und vier Sonderzeichen bilden das Inventar dieser berühmten Type.

Gutenbergs letzte Lebensjahre verliefen turbulent. 1461 ereilte ihn die Acht durch das Kaiserliche Hofgericht Rottweil, weil er seit 1457 die Zinsen für sein Straßburger Darlehen nicht bezahlt hatte. 1462 wurde er im Zuge der militanten Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Klerikern Diether von Isenburg und Adolf von Nassau aus Mainz vertrieben und fand in Eltville Zuflucht. Dort beteiligte er sich an der Errichtung der Druckerei der Gebrüder Heinrich und Nicolaus Bechtermünze, die wesentliche Teile seines Typenapparats übernahmen.

Als Gutenberg am 17. Januar 1465 in Würdigung seiner Verdienste vom neuen Erzbischof Adolf von Nassau zum Hofmann ernannt und mit Privilegien und Zuweisungen von Naturalleistungen ausgestattet wurde, kehrte er nach Mainz zurück, wo er angeblich fast erblindet bis zu seinem Tod in der »Algesheimer Bursch« wohnte.

Johannes Gutenberg starb am 3. Februar 1468 in Mainz: »Anno Domini 1468 uf St. Blasius Tag starb der ehrsame Meister Henne Gensfleisch, den Gott gnade …« und wurde in der Franziskanerkirche, abgetragen 1742, zu Mainz bestattet, wie Adam Gelthuß in seinem 1499 bei Peter Friedberg in Mainz gedruckten Buch »Ad illustrissimum Bavariae ducem Philippum« vermerkte.

Erstmals wurde Gutenberg in Venedig in der am 13. September 1483 datierte »Chronicon« des Eusebius Pamphili erwähnt. Der deutsche Prototypograph Erhard Ratdolt druckte dort eine von Johannes Lucilius Santritter lektorierte zweite Edition dieser Chronik, die Matthias Palmerius Pisanus jedoch gegenüber der Mailänder Erstausgabe bis zum Jahr 1481 aktualisiert hatte. Nota bene, es ist dies die erste Inkunabel überhaupt, in der Johannes Gutenberg (daneben ist als Datierung 1440 vermerkt!) expressis verbis als Erfinder des Buchdrucks genannt wird. Der entsprechende Eintrag findet sich auf der Rückseite von Folio 3, unter der Jahreszahl 1457.

1504 ließ der Mainzer Universitätsprofessor Ivo Wittig im Hof zum Gutenberg dem »Ersten aller Typographen« einen Gedenkstein mit folgender Inschrift errichten: Joanni Gutenbergensi Moguntino, qui primus omnium literas aere imprimendas invenit, hac arte de orbe tot bene merenti, Ivo Wittigis hoc saxum pro monimento posuit 1504 – Dem Mainzer Johannes Gutenberg, der als erster von allen eherne Buchstaben zum Drucken erfand und sich mit dieser Kunst um die ganze Welt verdient gemacht hat, setzte Ivo Wittig 1504 diesen Stein als Denkmal. 4 ) 5 ) 6 ) 7 ) 8 ) 9 ) 10 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmerkung: Sämtliche Gutenberg betreffende Gerichtsakten wurden um 1750 ausführlichst dokumentiert in den »Vindiciae typographicae« des Straßburger Historiographen und Begründers der Akademien von Mannheim und Brüssel Johann Daniel Schöpflin (1694–1771) publiziert; ein Werk, das schon 1760 von Pierre Simon Fournier (1712–1768) kommentiert wurde.
2.Anmerkung: Enea Silvio Piccolomini (id est Aeneas Sylvius de‘ Piccolomini, 1405–1464, seit 1458 Papst Pius II.), damals noch Sekretär und Rat von Kaiser Friedrich III., berichtet in einem Brief vom 12. März 1455 an den Kardinal Juan de Carvajal in Rom von dieser denkwürdigen Begegnung im Oktober 1454 in Frankfurt; er habe dort einen erstaunlichen Mann getroffen, der ihm verschiedene Lagen einer Bibel in sauberer und höchst korrekter Schrift vorgelegt habe; diese Bibel sei in 158 oder 180 Exemplaren bereits fertiggestellt, doch sei die gesamte Auflage vergeben, sodass Piccolomini keinen kompletten Bibeldruck habe erwerben können.
3.Anmerkung: Protokolliert im »Notariatsinstrument« des Ulrich Helmasperger vom 6. November 1455.
4.Museumsempfehlung: Gutenberg-Museum, Liebfrauenplatz 5, 55116 Mainz, www.gutenberg-museum.de.
5.Bibliotheksempfehlung: Deutschlands umfangreichste Wiegendruck-Sammlung (16.785 Exemplare bei 9.573 Titeln) befindet sich in der Bayerischen Staatsbibliothek, Ludwigstraße 16, 80539 München, www.bsb-muenchen.de.
6.Literaturempfehlung: Haebler, Konrad: Die Erfindung der Buchdruckerkunst und ihre Ausbreitung in den Ländern Europas, Gutenberg- Gesellschaft, Mainz 1930.
7.Literaturempfehlung: Halber, Konrad: Handbuch der Inkunabelkunde. Neudruck, Stuttgart 1966.
8.Literaturempfehlung: Kapr, Albert: Gutenberg. Leipzig 1977.
9.Literaturempfehlung: Mazal, Otto: Paläotypie. Zur Schriftgeschichte des 15. Jahrhunderts. Hamburg 1981.
10.Weiterführende Informationen: www.gutenberg.de, Offizielle Website der Stadt Mainz zu Johannes Gutenberg.