Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Hochschule für Gestaltung Ulm, HfG Ulm [ hochschule für gestaltung ulm, hfg ulm ]
Deutschland 1953–1968

Private Hochschule für Gestaltung, die 1953 von Inge Aicher-Scholl (1917–1998) [1], Otl Aicher (1922–1991) und Max Bill (1908–1994) [2] in Ulm, Baden-Württemberg, gegründet wurde. Trägerin der HfG Ulm war die »Geschwister-Scholl-Stiftung« in Ulm [3]; Gründungsrektor von 1953 bis 1956 war Max Bill.

Die »hochschule für gestaltung ulm« verstand sich selbst in der Tradition und Nachfolge des Bauhauses (1919–1933) [4]. Ab den 1970er Jahren galt das »ulmer modell« in seinen Grundzügen als Vorbild für das Curriculum neuer Designstudiengänge (z.B. Industriedesign, Produktdesign, Kommunikationsdesign) an vielen neukonstituierten Fachhochschulen und Hochschulen im In- und Ausland. Als erste öffentliche Bildungseinrichtung in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) übernahm 1970 die in »Hochschule für Gestaltung Offenbach« [5] umbenannte »Offenbacher Werkkunstschule« große Teile des Lehrkonzepts der HfG Ulm. Ein Jahr später folgte ihr bereits die »Staatliche Werkkunstschule Schwäbisch Gmünd«, die sich ab 1971 »Fachhochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd« nannte (heute HfG Schwäbisch Gmünd) [6].

Der Unterricht erfolgte in Theorie und Praxis. Das Curriculum der HfG Ulm gliederte sich in eine einjährige (Pflicht-)Grundlehre (Darstellungsmittel, Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Methodologie, Soziologie, Visuelle Methodik, Werkstattarbeit und Wahrnehmungslehre) und eine dreijährige Ausbildung in einer der so genannten »Abteilungen« (wahlpflichtige Studienrichtungen) Architektur oder Stadtbau (später Bauen), Information, Produktform (später Produktgestaltung) und Visuelle Gestaltung (später Visuelle Kommunikation und Film).

Das Lehrkonzept der HfG Ulm sah insgesamt vier Ausbildungsjahre für maximal 150 Studierende vor, wobei per annum durchschnittlich 43 neue Studenten in den Grundkurs aufgenommen wurden. Die Ausbildung wurde mit einem Diplom abgeschlossen. Im Zeitraum von 1953 bis 1968 studierten insgesamt 644 Studierende an der HfG Ulm, davon waren 98 Frauen (15,2%) [7]. Der Anteil ausländischer Studierender betrug ab 1960 rund 40 Prozent [8].

Der Lehrkörper der HfG Ulm bestand infolge aus 18 Festdozenten (Dozenten mit ständigem Lehrauftrag) [9], zehn Werkstattleitern und technischen Lehrern, 216 Gastdozenten [10] und drei lehrberechtigten Assistenten.

CHRONOLOGIE
3.8.1953 Unterrichtsbeginn mit 21 Studenten in den provisorischen Räumen der Ulmer Volkshochschule (vh ulm) [11].
8.9.1953 Baubeginn des Hochschulcampus am Oberen Kuhberg in Ulm nach den Plänen von Max Bill.
2.10.1955 feierliche Eröffnung des Hochschulgebäudes. Die Festrede hält Walter Gropius (1883–1969), Gründer des Weimarer Bauhauses.
März 1956 Rücktritt von Max Bill als Rektor der HfG, weil seine Betrachtungsweisen über die Lehre an der HfG Ulm keine Mehrheit mehr fanden. Die Hochschulleitung übernimmt daraufhin ein Rektoratskollegium, dem Otl Aicher, Tomás Maldonado, Hans Gugelot und Friedrich Vordemberge-Gildewart angehören.
1957 verlässt Max Bill die HfG Ulm wegen »unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten über den pädagogischen Aufbau und das Lehrprogramm der Schule«. Nach dem Ausscheiden von Max Bill dominierten die Betrachtungsweisen von Otl Aicher und seiner Ehefrau Inge Aicher-Scholl [12]. Dozenten um Tomás Maldonado (*1922) beeinflußen nun den Lehrbetrieb maßgeblich; sie wollen den »Visuellen Gestalter« aus dem Künstlerklischee des 19. und 20. Jahrhunderts befreien und ihn in den industriellen Produktionsprozess integrieren.
1958 wurde die HfG Ulm erstmals in der Öffentlichkeit durch ihre herausgegebene Zeitschrift »ulm« [13] wahrgenommen. Ein gewünschter öffentlicher Diskurs außerhalb der Fachwelt über »Produktform und Visuelle Gestaltung«, so wie dies einst das Bauhaus und der Werkbund realisierte, blieb allerdings aus. Stattdessen wurde in der Öffentlichkeit nahezu ausschließlich über die Verschuldung der HfG-Trägerin, die Geschwister-Scholl-Stiftung, und über den »richtigen pädagogischen und politischen Aufbau der Lehre« diskutiert.
1960 Theoretisierung der Lehre [14].
Dezember 1962 wird das Rektoratskollegium durch Otl Aicher als neuen Rektor abgelöst. Eine neue Hochschulverfassung für die HfG Ulm tritt in Kraft.
1963 Die HfG Ulm gerät fortdauernd mit überwiegend unvorteilhaften Presseberichten in die Öffentlichkeit. Selbst liberale Medien berichten ungewöhnlich kritisch über die HfG Ulm. Der Landtag von Baden-Württemberg legt ein 10-Punkte-Ultimatum vor, andernfalls sollen die Zuschüsse aus dem Landeshaushalt gestrichen werden. Der Stiftungsrat der Geschwister-Scholl-Stiftung geht auf das Ultimatum ein.
1964 wird Thomás Maldonado Rektor.
1966 wird einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass die Trägerin der HfG Ulm, die Geschwister-Scholl-Stiftung, desaströs verschuldet ist. Neuer Rektor wird Herbert Ohl.
1967 Otl Aicher zieht sich immer mehr aus dem Lehrbetrieb zurück. Er verlegt seinen Tätigkeitsschwerpunkt nach München, wo er und seine Assistenten (unter ihnen auch Studenten der HfG Ulm [15]) am Corporate Design der Olympischen Spiele 1972 arbeiten.
1967 Die Bundesregierung (BRD) beschließt im Rahmen einer Föderalismusreform, dass Bildungspolitik zukünftig Ländersache ist. Daraufhin entfallen die Bundeszuschüsse für die HfG Ulm.
1968 Die öffentliche Meinung über die HfG Ulm wird zum Desaster. So urteilte beispielsweise die liberale DIE ZEIT: (...) »Die avantgardistische Hochschule mit einem Rektor ohne Talar und Amtskette, mit ihrem unverständlichen, hochgestochenen Jargon (»visuelle Kommunikation«) und ihrer Gewohnheit, alles klein zu schreiben, mit ihren dauernden Krisen, ihrem hohen Anteil ausländischer Studenten und Dozenten [8] ist vielen Bürgern nicht nur im Bereich des Ulmer Münsters schon lange unheimlich. Sie hat es auch ihren Freunden nicht immer leicht gemacht, hat selbst mitgeholfen, sich zu isolieren, hat in ihrer nächsten Umgebung keine gute Public-Relations-Arbeit geleistet (...) Die durch ihre Satzung zur politischen Verantwortung aufgerufenen Studenten protestierten bereits gegen den Vietnamkrieg und sammelten für den Vietcong, als andernorts noch niemand daran dachte (...)« [16].
2.2.1968 beschließt der Stiftungsrat der Geschwister-Scholl-Stiftung, die Stiftung zum 30. September aufzulösen. Er spricht sich für den Anschluss der Hochschule an die Ingenieurschule [17] aus.
21.2.1968 Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger (1913–2007) [18], und sein Kultusminister Wilhelm Hahn (1909–1996) [19] geben vor der Landespressekonferenz den Beschluss des Kabinetts bekannt, dass die Hochschule für Gestaltung Ulm mit der Ingenieurschule Ulm vereinigt werden soll.
5.7.1968 Einigung der Ministerpräsidenten der Länder (BRD) über das »Abkommen der Länder in der Bundesrepublik Deutschland zur Vereinheitlichung auf dem Gebiet des Fachhochschulwesens«, das Fachhochschulen als eigenständige Einrichtungen des Bildungswesens im Hochschulbereich definierte und mit dem die Umwandlung der Höheren Fachschulen in Fachhochschulen beschlossen und eingeleitet wurde. Die Ratifizierung erfolgt am 31.10.1968 [20].
30.11.1968 Das Kabinett des Landtags von Baden-Württemberg versieht die Landeszuschüsse für die private HfG Ulm mit einem Sperrvermerk. Sie sollen erst dann freigegeben, wenn die gestellten Bedingungen an die HFG Ulm erfüllt werden [32].
31.11.1968 Der Lehrbetrieb an der HfG Ulm wird, wie von der Geschwister-Scholl-Stiftung beschlossen, eingestellt [21].

VISUELLE KOMMUNIKATION UND TYPOGRAPHIE
Der Ausbildungsfokus an der HfG Ulm konzentrierte sich auf die Gestaltung industriell herstellbarer Produkte (Produktform, Produktgestaltung; heute Industrie- und Produktdesign) und deren »Kommunikation« in der Öffentlichkeit. Typographie wurde in der Abteilung »Visuelle Gestaltung« (1953–1957, ab 1958 »visuelle kommunikation« im »sektor fotografie/typografie« bzw. ab 1965 »grafik, fotografie, typografie und technische kommunikation«) vermittelt, die von 1954 bis 1962 von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899-1962), von 1962 bis 1965 von Otl Aicher und von 1965 bis 1968 von Herbert W. Kapitzki (1925-2005) geleitet wurde. »Die Abteilung ist aufgebaut wie ein grafisches Atelier. Die wichtigsten Darstellungstechniken, wie Graphik, Photographie, Typographie und Ausstellungsgestaltung, werden in ihrem Zusammenhang gelehrt [22] (...) Das Ziel der Ausbildung in der Abteilung Visuelle Kommunikation ist die Heranbildung von Fachleuten für die gesamte Werbegestaltung, einschließlich Buchgestaltung, Ausstellungsgestaltung etc., also von Fachleuten, die nicht innerhalb einer eng begrenzten Tätigkeit, wie z.B. Typographie, Grafik oder Photo, ausgebildet sind, sondern solche, die alle diese Gebiete beherrschen und sie untereinander verbinden können« [23].

Typographie wurde folglich nicht im traditionellen Sinne, sondern – z.B. lt. Lehrplan 1966/67 – im Fach Kommunikationslehre bzw. Kommunikationstechniken und angewandte Darstellungstechniken vermittelt. Dozenten in diesem Fach waren u.a. Otl Aicher und Herbert W. Kapitzki. Spezielle Gastvorlesungen oder Seminare zur Typographie sind nicht bekannt [24]. Die Wissensvermittlung beschränkte sich im Wesentlichen auf eine Grundausbildung in der hauseigenen Typo-Werkstatt (z.B. Wahl des Schrifttyps, Satzbreite, Schriftgrad, Groß- und Kleinschreibung, Position in der Fläche, Druck auf farbigen Papier, Durchschuss, Spationieren, Tabellensatz, Korrektur einer Schrift, Typenbeschreibung, Lesbarkeitsvergleiche zwischen Garamond und Akzidenz-Grotesk, typographische Gestaltung von Zeitungen und Zeitschriften), die von Herbert Maeser (1915-1998), einem Schriftsetzermeister, von 1960 bis 1968 geleitet wurde. »Diese kleine Typo-Werkstatt war mit nur zwei Schriften ausgestattet, einer Grotesk – ich glaube es war eine Helvetica – und irgend einer Garamond, wobei uns natürlich keine kompletten Garnituren zur Verfügung standen; denn wir hatten ja kein Geld dafür (...) wir haben einfach aus der Not eine Tugend gemacht ...« [25].

GRAFISCHER UND TYPOGRAPHISCHER STIL
Die HfG Ulm knüpfte auch an die typographischen Betrachtungsweisen des Bauhauses an, das in der von der Deutschen Schrift (Fraktur) geprägten Weimarer Republik eine »Moderne (Neue) Typographie« propagierte und ideologisierte, welche sich dann in der »Schweizer Grotesk-Typographie« manifestierten konnte (Grotesk). Wie für das Bauhaus auch, symbolisierte die Grotesk-Typographie für die jungen »Visuellen Gestalter« der HfG Ulm eine neue, junge Industriegesellschaft, den Fortschritt, die sozial orientierte proletarische Fraternisierung und den Internationalismus; vielleicht auch eine Art typographische Zäsur (Typographie = sichtbar gemachte Gedanken) zu den deutschnationalen, teils nationalsozialistischen Denkstrukturen, die im Nachkriegsdeutschland der 1950er und 1960er Jahre noch immer und überall zu spüren waren.

Geprägt wurde der typographische und grafische Stil der HfG Ulm insbesondere durch Otl Aicher, der primär Groteskschriften (z.B. Akzidenz Grotesk und Helvetica) in stereotypen Layouts und Gestaltungsrastern konsequent realisierte [26]. Dieser strenge grafische Stil stand konträr zu den unorthodoxen und neuen Betrachtungsweisen amerikanischer und europäischer Artdirectoren und Grafikdesigner (Grafikdesign), wie sie im Nachkriegsdeutschland (BRD) beispielsweise von Willy Fleckhaus (1925–1983) verkörpert wurden.

Die »Kleinschreibung« an der »hochschule für gestaltung ulm« war eine weiterverbreitete, wenn auch nicht durchgängige Praktik [27].

EINFLUSS DER HFG ULM AUF DIE DEUTSCHE NACHKRIEGSTYPOGRAPHIE
Obwohl im Sinne der klassischen westeuropäischen Antiqua-Typographie die typographische Ausbildung an der HfG Ulm keine innovative Bereicherung darstellt [28], ist deren Auswirkung auf die typographische Alltagspraxis in Deutschland, insbesondere im Segment der Akzidenz-, Werbe- und Gebrauchstypographie sowie im geschäftlichen Briefverkehr, bis heute unverkennbar und eklatant [29].

Insbesondere durch die oft unkritische und missverständliche Interpretation des Curriculums der HfG Ulm durch viele der in den 1970er Jahren neu gegründeten Fachhochschulen sowie durch die dogmatische Übernahme und Adaption des makrotypographischen Gestaltungsstils der HfG Ulm (Zeilen- und Bildraster, Grotesk, Textumbruch nach Aicher), führte bedauerlicherweise dazu, dass die typographische Lehre – trotzt des technischen Paradigmenwechsels und der Demokratisierung der Produktionsmittel – bis heute in den Fachbereichen »Kommunikationsdesign o.ä.« noch immer unterrepräsentiert und mediokritär ist [30].

MYTHOS ULM
Die HfG Ulm veränderte das bis dahin antiquierte Bildungssystem für viele gestalterische Berufe; sie verhalf vielen ihrer Absolventen und Dozenten zu überdurchschnittlichen Karrieren als »Visueller Gestalter« (Produkt-, Industrie- und Kommunikationsdesigner etc.) und/oder in der Lehre an öffentlichen Bildungseinrichtungen (Fachhochschulen, Akademien etc.). Abgesehen von der typographischen Lehre und dem stereotypen grafischen Stil, ist das »ulmer modell« auch aus heutiger Sicht – und insbesondere im Vergleich zu den halbherzigen Bemühungen gegenwärtiger »Hochschulen für Design« – immer noch als visionär und innovativ zu bezeichnen. Insbesondere die Tatsache, dass die intellektuelle Qualität und der ganzheitliche Ansatz der Lehre sowie das oftmals leidenschaftliche Engagement der Lehrenden an der HfG Ulm von ihren Imitaten nie übertroffen wurde, wird letztendlich dazu führen, dass sich die »hfg ulm« dauerhaft als eine Art Mythos in der deutschen Designgeschichte etablieren wird [31].

Ein besondere Würdigung verdient die unerschrockene demokratische und interkulturelle Bildung junger Menschen in einer damals von Apartheid und Rassismus durch und durch geprägten Welt.

[1] Inge Scholl war die Schwester von Sophie und Hans Scholl, die Mitglieder der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« waren und deshalb 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurden. 1950 heiratete sie Otl Aicher, einen Schulfreund ihres Bruders Werner.
[2] Max Bill war ein schweizer Architekt, Designer, Grafiker und Künstler, der u.a. im Bauhaus Dessau studierte. Er war der eigentliche Ideengeber und anfängliche Spiritus Rector für die Gründung einer Hochschule für Gestaltung nach dem Vorbild des Bauhauses. Durch ihn kamen auch die Kontakte zu Walter Gropius und anderen prominenten Persönlichkeiten zustande.
[3] Die Geschwister-Scholl-Stiftung wurde am 4.12.1950 von Inge Aicher-Scholl als Trägerin der Ulmer Hochschule für Gestaltung gegründet. Die Stiftung war u.a. mit einer Anschubfinanzierung der US-Regierung (man spricht von 1.000.000,- DM), der Bundesregierung (BRD) und der Europahilfe ausgestattet [32]. Die Konzeptions- und Finanzierungsphase soll von 1945–1952 (Quelle: HfG Stiftung, Ulm www.ifg-ulm.de, besucht am 15.8.2006) gedauert haben. Ursprünglich plante Scholl und Aicher in Ulm eine Tagesschule für die Erwachsenenbildung, dann eine politisch und religiös unabhängige Geschwister-Scholl-Hochschule und letztendlich – beeinflusst von Max Bill – die HfG Ulm. Die Stiftung hat – abgesehen von der IFG Ulm – ihre Aktivität mit Beendigung des Hochschulbetriebs 1968 eingestellt. 1986 wurde auf Initiative des ehemaligen HfG-Studenten Fred Hochstrasser (*1929) die Einrichtung als »Stiftung HfG Ulm« wieder aktiviert.
[4] »Inge Scholl wollte mit der HFG ein neues Bauhaus gründen, eine Schule, welche die Tradition des 1919 von Gropius in Weimar gegründeten und 1933 von Göring in Berlin aufgelösten Bauhauses weiterführen sollte — jener Hochschule für Gestaltung, deren Schicksal mit dem der Weimarer Republik nicht nur durch die Gemeinsamkeit von Zeit und Ort ihres Anfangs und Endes so eng verbunden war«. Quelle: Kuhhandel in Ulm, Hermann Funke, DIE ZEIT vom 8.3.1968, Ausgabe Nr. 10.
[5] Quelle: Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main, Schlossstraße 31, 63065 Offenbach am Main.
[6] Quelle: Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd, Rektor-Klaus-Straße 100, 73525 Schwäbisch Gmünd.
[7] Der Anteil der Frauen an der HfG Ulm war für damalige Verhältnisse exorbitant hoch. Denn das Berufsbild (Gestaltung im weiteren Sinne, z.B. Formgestaltung, Werbe- und Gebrauchsgrafik, Typographie etc.) wurde nahezu zu hundert Prozent von Männern dominiert, was sich auch an der HfG Ulm bei der Besetzung der Dozentenstellen widerspiegelte. Zur Erinnerung für die jüngeren Leser: Frauen waren gesetzlich bis 1.7.1958 (Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts) in der BRD nicht mit den Männern gleichgestellt. Männern stand in der Ehe das »Letztentscheidungsrecht« zu. Das hieß u.a., Frauen konnten nur dann studieren, arbeiten oder politisch aktiv werden, wenn ihre Männer damit einverstanden waren. Eine gesetzliche Regelung »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit« existiert bis heute nicht. Quelle des Frauenanteils an der HfG Ulm: Gerda Müller-Krauspe, Ursula Wenzel, 2003, www.frauen-hfg-ulm.de, besucht am 7.8.2008.
[8] Der hohe Ausländeranteil war in den 1950/60er Jahren in einer von Apartheid und Rassismus durch und durch geprägten Welt mehr als avantgarde. Quelle des Ausländeranteils: HfG-Archiv Ulm, Basteistraße 46, 89073 Ulm.
[9] Festdozenten an der HfG Ulm waren Otl Aicher (1922–1991), Max Bense (1910-1990), Max Bill (1908–1994), Gui Bonsiepe (*1934), Anthony Fröshaug (1920-1984), Hans Gugelot (1920-1965), Gert Kalow (1921-1991), Herbert W. Kapitzki (1925-2005), Hanno Kesting (1925-1975), Alexander Kluge (*1932), Georg Leowald (1908-1969), Herbert Lindinger (*1933), Tomás Maldonado, Abraham A. Moles (1920-1992), Herbert Ohl (*1926), Edgar Reitz (*1932), Horst W. J. Rittel (1930-1990), Claude Schnaidt (*1931), Christian Straub (1918-2004), Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899-1962) und Walter Zeischegg (1917-1983). Quelle: HfG-Archiv Ulm.
[10] Die Liste der Gastdozenten an der HfG Ulm ist beeindruckend. Zu ihnen gehörten u.a. die Bauhauslehrer Josef Albers (1888–1976) und Johannes Itten (1888–1967). Gastvorträge hielten u.a. Walter Gropius, F.H.K. Henrion, Ludwig Mies van der Rohe und Hans Werner Richter. Quelle: Die Moral der Gegenstände, herausgegeben von Herbert Lindinger, Ernst & Sohn, Berlin, 1987, ISBN 3-433-022720, ISBN 13: 9783433022726.
[11] Die Volkshochschule Ulm (vh ulm) wurde am 24.4.1946 von Inge (Aicher-)Scholl als eine der ersten Volkshochschulen im Nachkriegsdeutschland gegründet. Quelle: vh Ulm, Kornhausplatz 5, 89073 Ulm.
[12] Inge Aicher-Scholl: (...) »Wir wollen fachliches Können, kulturelle Gestaltung und politische Verantwortung zu einer Einheit verbinden (...) eine neue demokratische Erziehung junger Menschen und deren kultureller Integration ermöglichen (...)«. OQa.
[13] »Mit den auf insgesamt vierzehn Ausgaben verteilten einundzwanzig Nummern der Zeitschrift ulm verschaffte sich die HfG ein Plattform, vor allem auf internationaler Ebene, um einerseits die Ergebnisse aus Lehre, Entwicklung und Forschung einer Fachöffentlichkeit – und nicht nur ihr – zugänglich zu machen, andererseits zu zentralen Fragen des Designdiskurses Stellung zu beziehen (...)«. Quelle: Gui Bonsiepe aus ulmer modelle – modelle nach ulm, Ulmer Diskurs, Seite 107. Bezug siehe [L].
[14] Dozenten wie Horst Rittel (Mathematiker) und Hanno Kesting (Soziologe) kippten den Schwerpunkt der Lehre an der HfG Ulm hin zu wissenschaftlichen Verfahrensweisen; etwa ergonomische Studien und Unternehmensanalysen. Kritiker dieser »Analytischen Lehre«, darunter auch Otl Aicher, bemängelten, dass zwar viel diskutiert und geredet wird, die Qualität des gestalterischen Resultats aber in keinem Verhältnis mehr zum Aufwand steht. »(...) oh ja, es wurde viel geredet, konzipiert und diskutiert, aber dann kam oft nur ein Mäuschen raus (...)«. Quelle: Notiz von Wolfgang Beinert bei einer Diskussion auf dem Forum Typografie »Typografie zwischen Ulm und Amsterdam« am 14.6.2008 an der Hochschule für Künste Bremen. Das Zitat stammt von Herbert Lindinger, einem der ersten Studenten – und letzten Dozenten der HfG Ulm, der sich nach dem Vortrag von Franco Clivio (1963–1968 Student HfG Ulm, Abteilung Produktgestaltung) zu Wort meldete.
[15] Otl Aicher arbeitete sehr gerne mit seinen Studenten an Auftragsarbeiten, wie beispielsweise für die Lufthansa. Mit nach München ging u.a. auch der junge HfG-Student Rolf Müller, der später selbst Karriere als Kommunikationsdesigner in München machte. Mehr unter »Rolf Müller: Neugierde ist die Voraussetzung für Kreativität« www.beinert.net/kommuniques/10-270901-rolf-mueller-muenchen/gestalter-rolf-mueller.html
[16] Quelle: Kuhandel in Ulm, Hermann Funke, DIE ZEIT vom 8.3.1968, Ausgabe Nr. 10.
[17] Vorgängereinrichtungen der Fachhochschulen waren so genannte Staatliche Ingenieurschulen, Höhere Fachschulen für ..., Akademien für ... und ähnliche Bildungseinrichtungen. Etwa ein Drittel der deutschen Fachhochschulen hat seinen Ursprung in diesen vor 1969 gegründeten Vorgängereinrichtungen.
[18] Hans Filbinger war von 1966 bis 1978 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. 1978 veröffentlichte der deutsche Dramatiker Rolf Hochhuth (*1931) in der ZEIT vom 17.2.1978 einen Vorabdruck seines Romans »Eine Liebe in Deutschland«. Er bezeichnete darin Hans Filbinger als »Hitlers Marinerichter, der sogar noch in britischer Gefangenschaft nach Hitlers Tod einen deutschen Matrosen mit Nazi-Gesetzen verfolgt hat«. Hochhut schrieb weiter über Filbinger, er sei »ein so furchtbarer Jurist gewesen, daß man vermuten muß — denn die Marinerichter waren schlauer als die von Heer und Luftwaffe, sie vernichteten bei Kriegsende die Akten — er ist auf freiem Fuß nur dank des Schweigens derer, die ihn kannten.« Dadurch wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass Filbinger als Ankläger und Richter der Kriegsmarine (Seestreitkräfte der Wehrmacht) unter nationalsozialistischer Herrschaft noch 1945 Todesurteile gegen Deserteure beantragt und gefällt hatte. Filbinger stritt dies ab, musste aber aufgrund der öffentlichen Empörung im August 1978 als Ministerpräsident und etwas später auch von seinen CDU-Parteiämtern zurücktreten.
[19] Am 31.7.1967 wurde vom baden-württembergischen Kultusminister Wilhelm Hahn der Hochschulgesamtplan von Baden-Württemberg (Dahrendorf-Plan) vorgestellt. Dementsprechend sollten alle Hochschulen neu formiert werden. Darunter fiel auch die Transformation der Staatlichen Ingenieurschulen in neukonstituierte Fachhochschulen. Auch die Gründung der Universität Ulm fiel in seine Amtszeit.
[20] Eine Konsequenz dieser Entscheidung war auch die Änderung der Zugangsvoraussetzungen, eine weitere Konsequenz war die Ausarbeitung von Fachhochschulgesetzentwürfen in den Ländern, die auch erheblichen Einfluss auf eine weiterhin öffentlich finanzierte HfG Ulm gehabt hätten.
[21] Die Gründe, warum die HfG Ulm von der Geschwister-Scholl-Stiftung – und somit von Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher – aufgegeben wurde, dürften hauptsächlich die veränderten Rahmenbedingnungen für staatliche Fördermittel aufgrund der Reformen in der deutschen Bildungspolitik gewesen sein. Politische Vorurteile gegenüber der HfG Ulm waren unbestreitbar vorhanden und nicht hilfreich, sie waren aber dabei keinesfalls ausschlaggebend. Des Weiteren war auch die sich verändernde persönliche Erwartungshaltung der Familie Aicher-Scholl maßgeblich, die beide in der Mitte ihres Lebens angekommen waren. Das gestalterische Engagement bei den Olympischen Spielen und der Bau eines eigenen Ateliers in Rotis waren sicherlich verlockender, als die ständig drückenden Sorgen eines permanent unterfinanzierten privaten Hochschulbetriebs. Ob es darüber hinaus wirklich einen »Kuhandel am oberen Kuhberg« mit der Landesregierung von Baden-Würtemberg gegeben hat und wie dieser finanziell aussah, darüber kann nur spekuliert werden.
[22] Quelle: Faltblatt der HfG Ulm, ca. 1952, HfG-Archiv Ulm.
[23] [24] Quelle: Die Moral der Gegenstände, Herausgegeben von Herbert Lindinger. Bezug siehe [L].
[25] Notiz von Wolfgang Beinert in einem Vortrag von Prof. Peter von Kornatzki auf dem 23. Forum Typografie »Typografie zwischen Ulm und Amsterdam« am 14.6.2008 an der Hochschule für Künste Bremen. Von Kornatzki ist gelernter Schriftsetzer und war zwischen 1963 und 1967 Student an der HFG Ulm (Abteilung Visuelle Kommunikation).
[26] Der dogmatisch implementierte grafische Stil der HfG Ulm gilt – in weiten Kreisen leidenschaftlicher Grafikdesigner und Typographen – als unpersönlich und stereotyp. So sehen beispielsweise Corporate Designs im Stile der HfG Ulm immer gleich aus, egal ob es sich dabei um eine Metzgerei oder um eine Fluggesellschaft handelt.
[27] Die Kleinschreibung in Groteskschriften entsprach der Bauhaus-Doktrin, dass eine Minuskelschreibweise rationeller und moderner sei. Auf dem Gesellenbrief des Bauhauses, den der Bauhausabsolvent und -lehrer Herbert Bayer (Typograph, Grafikdesigner, Fotograf und Maler, 1900–1985) entworfen hatte, stand beispielsweise links unten in der Ecke: »um zeit zu sparen, schreiben wir alles in kleinbuchstaben, und nebenbei: warum zwei alfabete verwenden, wenn wir mit einem dasselbe machen können? (...). (Quellen: Reginald R. Isaacs: Walter Gropius, Der Mensch und sein Werk, Band 1, Seite 460, Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 1983, ISBN 3-7861-1372-6 und Bauhaus Archiv Berlin, Sammlungs-Katalog Berlin 1981, Seite 157, Nr. 301). Andererseits wurde auch oft klein geschrieben, weil man aus der Not eine Tugend machten musste; denn in der kleinen (Bleisatz-)Typo-Werkstatt der HfG Ulm ging der Typenvorrat von Majuskeln regelmäßig aus.
[28] Deutschland stand bis Anfang der 1950er Jahre immer noch in der über 500jährigen Fraktur-Tradition (Schriftgeschichte); es verfügte daher in der breiten Öffentlichkeit über keine Antiqua-Tradition (Englische Typographie). Des Weiteren war Typographie zu jener Zeit noch ausschließlich materiell (Bleisatz). Der Stehsatz eines Romans wog mehr als ein VW-Käfer und jede Zeile musste aufwendig – Buchstabe um Buchstabe – spiegelverkehrt per Hand (Handsatz) gesetzt werden.
[29] Der etwas dürftige typographische Stil der HfG Ulm wird heute noch an sehr vielen (Fach-)Hochschulen vermittelt oder in der Praxis in Form von Auftragsarbeiten umgesetzt. Vermutlich weil er – im Vergleich zur angelsächsischen Antiqua-Typographie – wenig makrotypographisches und keinerlei mikrotypographisches Wissen erfordert.
[30] Viele ehemalige Festdozenten und überdurchschnittlich viele Absolventen der HfG Ulm wurden ab den 1970 Jahren im In- und Ausland Professoren, Lehrbeauftragte und Dozenten. Viele von ihnen prägten auch das Lehrkonzept ihrer jeweiligen Hochschule maßgeblich mit, so beispielsweise Prof. Michael Klar an der HfG Schwäbisch Gmünd bzw. später an der UdK Berlin. Quelle: Eröffnungsveranstaltung und Ausstellung »20+15 Jahre Informationsgestaltung«, Werkschau Prof. M. Klar anlässlich seiner Pensionierung 2008, mit Reden von Gunter Rambow und Burkhard Schmitz, 6.7.–22.8.2008, IDZ Internationales Design Zentrum Berlin.
[31] Die HfG Ulm wird heute – besonders von ehemaligen Studenten – verklärt, inkorrekt und sehr subjektiv dargestellt; insbesondere die so oft formulierte »legendäre« Qualität der gestalterischen Leistungen entspricht keinesfalls der Realität. Behauptungen, dass Designleistungen der HfG Ulm damals »weltweit Aufsehen« erregten, ist eher als nachträglicher Wunschgedanke und Public Relations von Lobbyisten und Verwertern zu interpretieren, die die HfG Ulm als »Kaderschmiede der Gestaltung« (Quelle: Stiftung HfG Ulm & IFG Ulm GmbH, www.ifg-ulm.de, besucht am 15.8.2008) für die Eigen-PR instrumentalisieren.
[32] Die präzisen Zahlen können einer Studie (2001) über die politische Geschichte der HfG Ulm von Dr. René Spitz, Köln, entnommen werden. Quelle: eMail von Dr. René Spitz an Wolfgang Beinert vom 24.0.2009.
[L] ulmer modelle – modelle nach ulm, hochschule für gestaltung 1953–1968, ulmer museum | hfg-archiv, Hatje Cantz Verlag 2003, ISBN 3-7757-9142-6.
[L] Quelle: Die Moral der Gegenstände, Herausgegeben von Herbert Lindinger, Ernst & Sohn, Berlin, 1987, ISBN 3-433-022720 u. ISBN 9783433022726.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 27.10.2011
von
Wolfgang Beinert

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