Hochschule für Gestaltung Ulm

Die  »hoch­schu­le für gestal­tung ulm« (HFG Ulm) war eine pri­va­te Hoch­schu­le für Gestal­tung, die 1953 von Inge Aicher-Scholl (1917–1998), Otl Aicher (1922–1991) und Max Bill (1908–1994) in Ulm, Baden-Würt­tem­berg, gegrün­det wur­de. Trä­ge­rin der HfG Ulm war die »Geschwis­ter-Scholl-Stif­tung« 1 ) in Ulm. Grün­dungs­rek­tor von 1953 bis 1956 war Max Bill.

Die Hoch­schu­le für Gestal­tung Ulm ver­stand sich selbst in der Tra­di­ti­on und Nach­fol­ge des Bau­hau­ses (1919–1933). 3 ) Ab den 1970er Jah­ren galt das »ulmer modell« in sei­nen Grund­zü­gen als Vor­bild für das Cur­ri­cu­lum neu­er Design­stu­di­en­gän­ge (z.B. Indus­trie­de­si­gn, Pro­dukt­de­si­gn, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gn) an vie­len neu­kon­sti­tu­ier­ten Fach­hoch­schu­len und Hoch­schu­len im In- und Aus­land. Als ers­te öffent­li­che Bil­dungs­ein­rich­tung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (BRD) über­nahm 1970 die in »Hoch­schu­le für Gestal­tung Offen­bach« 2 ) umbe­nann­te »Offen­ba­cher Werk­kunst­schu­le« gro­ße Tei­le des Lehr­kon­zepts der HfG Ulm. Ein Jahr spä­ter folg­te ihr bereits die »Staat­li­che Werk­kunst­schu­le Schwä­bi­sch Gmünd«, die sich ab 1971 »Fach­hoch­schu­le für Gestal­tung Schwä­bi­sch Gmünd« nann­te (heu­te HfG Schwä­bi­sch Gmünd). 4 )

Der Unter­richt erfolg­te in Theo­rie und Pra­xis. Das Cur­ri­cu­lum der HfG Ulm glie­der­te sich in eine ein­jäh­ri­ge (Pflicht-)Grundlehre (Dar­stel­lungs­mit­tel, Kul­tur­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts, Metho­do­lo­gie, Sozio­lo­gie, Visu­el­le Metho­dik, Werk­statt­ar­beit und Wahr­neh­mungs­leh­re) und eine drei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung in einer der so genann­ten »Abtei­lun­gen« (wahl­pflich­ti­ge Stu­di­en­rich­tun­gen) Archi­tek­tur oder Stadt­bau (spä­ter Bau­en), Infor­ma­ti­on, Pro­dukt­form (spä­ter Pro­dukt­ge­stal­tung) und Visu­el­le Gestal­tung (spä­ter Visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on und Film).

Das Lehr­kon­zept der HfG Ulm sah ins­ge­samt vier Aus­bil­dungs­jah­re für maxi­mal 150 Stu­die­ren­de vor, wobei per annum durch­schnitt­li­ch 43 neue Stu­den­ten in den Grund­kurs auf­ge­nom­men wur­den. Die Aus­bil­dung wur­de mit einem Diplom abge­schlos­sen. Im Zeit­raum von 1953 bis 1968 stu­dier­ten ins­ge­samt 644 Stu­die­ren­de an der HfG Ulm, davon waren 98 Frau­en (15,2%). 5 ) Der Anteil aus­län­di­scher Stu­die­ren­der betrug ab 1960 rund 40 Pro­zent. 6 )

Der Lehr­kör­per der HfG Ulm bestand infol­ge aus 18 Fest­do­zen­ten (Dozen­ten mit stän­di­gem Lehr­auf­trag), 7 ) zehn Werk­statt­lei­tern und tech­ni­schen Leh­rern, 216 Gast­do­zen­ten 8 ) und drei lehr­be­rech­tig­ten Assis­ten­ten.

Chronologie

Vor 1953 | Kon­zep­tio­nel­le Vor­be­rei­tung durch Inge Aicher-Scholl, 9 ) Otl Aicher und Max Bill. 10 )

1.4.1953 | Max Bill wird Grün­dungs­rek­tor.

3.8.1953 | Unter­richts­be­ginn mit 21 Stu­den­ten in den pro­vi­so­ri­schen Räu­men der Ulmer Volks­hoch­schu­le (vh ulm). 11 )

8.9.1953 | Bau­be­ginn des Hoch­schul­cam­pus am Oberen Kuh­berg in Ulm nach den Plä­nen von Max Bill.

2.10.1955 | Fei­er­li­che Eröff­nung des Hoch­schul­ge­bäu­des. Die Fest­re­de hält Wal­ter Gro­pi­us (1883–1969), Grün­der des Wei­ma­rer Bau­hau­ses.

März 1956 | Rück­tritt von Max Bill als Rek­tor der HfG, weil sei­ne Betrach­tungs­wei­sen über die Leh­re an der HfG Ulm kei­ne Mehr­heit mehr fan­den. Die Hoch­schul­lei­tung über­nimmt dar­auf­hin ein Rek­to­rats­kol­le­gi­um, dem Otl Aicher, Tomás Mal­do­na­do, Hans Guge­lot und Fried­rich Vor­dem­ber­ge-Gil­de­wart ange­hö­ren.

1957 | Max Bill ver­lässt die HfG Ulm wegen »unüber­brück­ba­rer Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über den päd­ago­gi­schen Auf­bau und das Lehr­pro­gramm der Schu­le«. Nach dem Aus­schei­den von Max Bill domi­nier­ten die Betrach­tungs­wei­sen von Otl Aicher und sei­ner Ehe­frau Inge Aicher-Scholl. 12 ) Dozen­ten um Tomás Mal­do­na­do (*1922) beein­flus­sen nun den Lehr­be­trieb maß­geb­li­ch; sie wol­len den »Visu­el­len Gestal­ter« aus dem Künst­lerkli­schee des 19. und 20. Jahr­hun­derts befrei­en und ihn in den indus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons­pro­zess inte­grie­ren.

1958 | Die HfG Ulm wir erst­mals in der Öffent­lich­keit durch ihre her­aus­ge­ge­be­ne Zeit­schrift »ulm« wahr­ge­nom­men. 13 ) Ein gewünsch­ter öffent­li­cher Dis­kurs außer­halb der Fach­welt über »Pro­dukt­form und Visu­el­le Gestal­tung«, so wie dies ein­st das Bau­haus und der Werk­bund rea­li­sier­te, blieb aller­dings aus. Statt­des­sen wur­de in der Öffent­lich­keit nahe­zu aus­schließ­li­ch über die Ver­schul­dung der HfG-Trä­ge­rin, die Geschwis­ter-Scholl-Stif­tung, und über den »rich­ti­gen päd­ago­gi­schen und poli­ti­schen Auf­bau der Leh­re« dis­ku­tiert.

1960 | Theo­re­ti­sie­rung der Leh­re. 14 ) 

1962 | Im Dezem­ber 1962 wird das Rek­to­rats­kol­le­gi­um durch Otl Aicher als neu­en Rek­tor abge­löst. Eine neue Hoch­schul­ver­fas­sung für die HfG Ulm tritt in Kraft.

1963 Die HfG Ulm gerät fort­dau­ernd mit über­wie­gend unvor­teil­haf­ten Pres­se­be­rich­ten in die Öffent­lich­keit. Selbst libe­ra­le Medi­en berich­ten unge­wöhn­li­ch kri­ti­sch über die HfG Ulm. Der Land­tag von Baden-Würt­tem­berg legt ein 10-Punk­te-Ulti­ma­tum vor, andern­falls sol­len die Zuschüs­se aus dem Lan­des­haus­halt gestri­chen wer­den. Der Stif­tungs­rat der Geschwis­ter-Scholl-Stif­tung geht auf das Ulti­ma­tum ein.

1964 | Thomás Mal­do­na­do wird Rek­tor.

1966 | Einer brei­ten Öffent­lich­keit wird bekannt, dass die Trä­ge­rin der HfG Ulm, die Geschwis­ter-Scholl-Stif­tung, desas­trös ver­schul­det ist. Neu­er Rek­tor wird Her­bert Ohl.

1967 | Otl Aicher zieht sich immer mehr aus dem Lehr­be­trieb zurück. Er ver­legt sei­nen Tätig­keits­schwer­punkt nach Mün­chen, wo er und sei­ne Assis­ten­ten (unter ihnen auch Stu­den­ten der HfG Ulm) 15 ) am Cor­po­ra­te Desi­gn der Olym­pi­schen Spie­le 1972 arbei­ten.

1967 | Die Bun­des­re­gie­rung (BRD) beschließt im Rah­men einer Föde­ra­lis­mus­re­form, dass Bil­dungs­po­li­tik zukünf­tig Län­der­sa­che ist. Dar­auf­hin ent­fal­len die Bun­des­zu­schüs­se für die HfG Ulm.

1968 | Die öffent­li­che Mei­nung über die HfG Ulm wird zum Desas­ter. So urteil­te bei­spiels­wei­se die libe­ra­le DIE ZEIT: (…) »Die avant­gar­dis­ti­sche Hoch­schu­le mit einem Rek­tor ohne Talar und Amts­ket­te, mit ihrem unver­ständ­li­chen, hoch­ge­sto­che­nen Jar­gon (»visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on«) und ihrer Gewohn­heit, alles klein zu schrei­ben, mit ihren dau­ern­den Kri­sen, ihrem hohen Anteil aus­län­di­scher Stu­den­ten und Dozen­ten [8] ist vie­len Bür­gern nicht nur im Bereich des Ulmer Müns­ters schon lan­ge unheim­li­ch. Sie hat es auch ihren Freun­den nicht immer leicht gemacht, hat selbst mit­ge­hol­fen, sich zu iso­lie­ren, hat in ihrer nächs­ten Umge­bung kei­ne gute Public-Rela­ti­ons-Arbeit geleis­tet (…) Die durch ihre Sat­zung zur poli­ti­schen Ver­ant­wor­tung auf­ge­ru­fe­nen Stu­den­ten pro­tes­tier­ten bereits gegen den Viet­nam­krieg und sam­mel­ten für den Viet­cong, als andern­orts noch nie­mand dar­an dach­te (…)«. 16 )

2.2.1968 | Der Stif­tungs­rat der Geschwis­ter-Scholl-Stif­tung beschießt, die Stif­tung zum 30. Sep­tem­ber auf­zu­lö­sen. Er spricht sich für den Anschluss der Hoch­schu­le an die Inge­nieur­schu­le aus. 17 )

21.2.1968 | Der Minis­ter­prä­si­dent von Baden-Würt­tem­berg, Hans Fil­bin­ger (1913–2007), 18 ) und sein Kul­tus­mi­nis­ter Wil­helm Hahn (1909–1996) 19 ) geben vor der Lan­des­pres­se­kon­fe­renz den Beschluss des Kabi­netts bekannt, dass die Hoch­schu­le für Gestal­tung Ulm mit der Inge­nieur­schu­le Ulm ver­ei­nigt wer­den soll.

5.7.1968 | Eini­gung der Minis­ter­prä­si­den­ten der Län­der (BRD) über das »Abkom­men der Län­der in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zur Ver­ein­heit­li­chung auf dem Gebiet des Fach­hoch­schul­we­sens«, das Fach­hoch­schu­len als eigen­stän­di­ge Ein­rich­tun­gen des Bil­dungs­we­sens im Hoch­schul­be­reich defi­nier­te und mit dem die Umwand­lung der Höhe­ren Fach­schu­len in Fach­hoch­schu­len beschlos­sen und ein­ge­lei­tet wur­de. Die Rati­fi­zie­rung erfolgt am 31.10.1968. Anmer­kung: Eine Kon­se­quenz die­ser Ent­schei­dung war auch die Ände­rung der Zugangs­vor­aus­set­zun­gen, eine wei­te­re Kon­se­quenz war die Aus­ar­bei­tung von Fach­hoch­schul­ge­setz­ent­wür­fen in den Län­dern, die auch erheb­li­chen Ein­fluss auf eine wei­ter­hin öffent­li­ch finan­zier­te HfG Ulm gehabt hät­ten.

30.11.1968 | Das Kabi­nett des Land­tags von Baden-Würt­tem­berg ver­sieht die Lan­des­zu­schüs­se für die pri­va­te HfG Ulm mit einem Sperr­ver­merk. Sie sol­len erst dann frei­ge­ge­ben, wenn die gestell­ten Bedin­gun­gen an die HFG Ulm erfüllt wer­den. 20 ) 

31.11.1968 | Der Lehr­be­trieb an der HfG Ulm wird, wie von der Geschwis­ter-Scholl-Stif­tung beschlos­sen, ein­ge­stellt. 21 )

Visuelle Kommunikation und Typographie

Der Aus­bil­dungs­fo­kus an der HfG Ulm kon­zen­trier­te sich auf die Gestal­tung indus­tri­ell her­stell­ba­rer Pro­duk­te (Pro­dukt­form, Pro­dukt­ge­stal­tung; heu­te Indus­trie- und Pro­dukt­de­si­gn) und deren »Kom­mu­ni­ka­ti­on« in der Öffent­lich­keit. Typo­gra­phie wur­de in der Abtei­lung »Visu­el­le Gestal­tung« (1953–1957, ab 1958 »visu­el­le kom­mu­ni­ka­ti­on« im »sek­tor fotografie/typografie« bzw. ab 1965 »gra­fik, foto­gra­fie, typo­gra­fie und tech­ni­sche kom­mu­ni­ka­ti­on«) ver­mit­telt, die von 1954 bis 1962 von Fried­rich Vor­dem­ber­ge-Gil­de­wart (1899–1962), von 1962 bis 1965 von Otl Aicher und von 1965 bis 1968 von Her­bert W. Kapitz­ki (1925–2005) gelei­tet wur­de.

»Die Abtei­lung ist auf­ge­baut wie ein gra­fi­sches Ate­lier. Die wich­tigs­ten Dar­stel­lungs­tech­ni­ken, wie Gra­phik, Pho­to­gra­phie, Typo­gra­phie und Aus­stel­lungs­ge­stal­tung, wer­den in ihrem Zusam­men­hang gelehrt 22 ) (…) Das Ziel der Aus­bil­dung in der Abtei­lung Visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on ist die Her­an­bil­dung von Fach­leu­ten für die gesam­te Wer­be­ge­stal­tung, ein­schließ­li­ch Buch­ge­stal­tung, Aus­stel­lungs­ge­stal­tung etc., also von Fach­leu­ten, die nicht inner­halb einer eng begrenz­ten Tätig­keit, wie z.B. Typo­gra­phie, Gra­fik oder Pho­to, aus­ge­bil­det sind, son­dern sol­che, die alle die­se Gebie­te beherr­schen und sie unter­ein­an­der ver­bin­den kön­nen«. 23 )

Typo­gra­phie wur­de folg­li­ch nicht im tra­di­tio­nel­len Sin­ne, son­dern – z.B. lt. Lehr­plan 1966/67 – im Fach Kom­mu­ni­ka­ti­ons­leh­re bzw. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken und ange­wand­te Dar­stel­lungs­tech­ni­ken ver­mit­telt. Dozen­ten in die­sem Fach waren u.a. Otl Aicher und Her­bert W. Kapitz­ki. Spe­zi­el­le Gast­vor­le­sun­gen oder Semi­na­re zur Typo­gra­phie sind nicht bekannt. 24 ) Die Wis­sens­ver­mitt­lung beschränk­te sich im Wesent­li­chen auf eine Grund­aus­bil­dung in der haus­ei­ge­nen Typo-Werk­statt (z.B. Wahl des Schrift­typs, Satz­brei­te, Schrift­grad, Groß- und Klein­schrei­bung, Posi­ti­on in der Flä­che, Druck auf far­bi­gen Papier, Durch­schuss, Spa­tio­nie­ren, Tabel­len­satz, Kor­rek­tur einer Schrift, Typen­be­schrei­bung, Les­bar­keits­ver­glei­che zwi­schen Gara­mond und Akzi­denz–Gro­tesk, typo­gra­phi­sche Gestal­tung von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten), die von Her­bert Maeser (1915–1998), einem Schrift­set­zer­meis­ter, von 1960 bis 1968 gelei­tet wur­de. »Die­se klei­ne Typo-Werk­statt war mit nur zwei Schrif­ten aus­ge­stat­tet, einer Gro­tesk – ich glau­be es war eine Hel­ve­ti­ca – und irgend einer Gara­mond, wobei uns natür­li­ch kei­ne kom­plet­ten Gar­ni­tu­ren zur Ver­fü­gung stan­den; denn wir hat­ten ja kein Geld dafür (…) wir haben ein­fach aus der Not eine Tugend gemacht …«. 25 )

Grafischer und typographischer Stil

Die HfG Ulm knüpf­te auch an die typo­gra­phi­schen Betrach­tungs­wei­sen des Bau­hau­ses an, das in der von der Deut­schen Schrift (Frak­tur) gepräg­ten Wei­ma­rer Repu­blik eine »Moder­ne (Neue) Typo­gra­phie« pro­pa­gier­te und ideo­lo­gi­sier­te, wel­che sich dann in der »Schwei­zer Gro­tesk-Typo­gra­phie« mani­fes­tier­ten konn­te (sie­he Gro­tesk). Wie für das Bau­haus auch, sym­bo­li­sier­te die Gro­tesk-Typo­gra­phie für die jun­gen »Visu­el­len Gestal­ter« der HfG Ulm eine neue, jun­ge Indus­trie­ge­sell­schaft, den Fort­schritt, die sozi­al ori­en­tier­te pro­le­ta­ri­sche Fra­ter­ni­sie­rung und den Inter­na­tio­na­lis­mus; viel­leicht auch eine Art typo­gra­phi­sche Zäsur (Typo­gra­phie = sicht­bar gemach­te Gedan­ken) zu den deutsch­na­tio­na­len, teils natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Denk­struk­tu­ren, die im Nach­kriegs­deutsch­land der 1950er und 1960er Jah­re noch immer und über­all zu spü­ren waren.

Geprägt wur­de der typo­gra­phi­sche und gra­fi­sche Stil der HfG Ulm ins­be­son­de­re durch Otl Aicher, der pri­mär Gro­teskschrif­ten (z.B. Akzi­denz Gro­tesk und Hel­ve­ti­ca) in ste­reo­ty­pen Lay­outs und Gestal­tungs­ras­tern kon­se­quent rea­li­sier­te. 26 ) Die­ser stren­ge gra­fi­sche Stil stand kon­trär zu den unor­tho­do­xen und neu­en Betrach­tungs­wei­sen ame­ri­ka­ni­scher und euro­päi­scher Art­di­rec­to­ren und Gra­fik­de­si­gner (sie­he Gra­fik­de­si­gn), wie sie im Nach­kriegs­deutsch­land (BRD) bei­spiels­wei­se von Wil­ly Fleck­haus (1925–1983) oder Olaf Leu (*1936) ver­kör­pert wur­den.

Die »Klein­schrei­bung« an der »hoch­schu­le für gestal­tung ulm« war eine wei­ter­ver­brei­te­te, wenn auch nicht durch­gän­gi­ge Prak­tik. 27 )

Einfluß der HFG Ulm auf die deutsche Nachkriegstypographie

Obwohl im Sin­ne der klas­si­schen west­eu­ro­päi­schen Anti­qua-Typo­gra­phie die typo­gra­phi­sche Aus­bil­dung an der HfG Ulm kei­ne inno­va­ti­ve Berei­che­rung dar­stellt, 28 ) ist deren Aus­wir­kung auf die typo­gra­phi­sche All­tags­pra­xis in Deutsch­land, ins­be­son­de­re im Seg­ment der Akzi­denz-, Wer­be- und Gebrauchs­ty­po­gra­phie sowie im geschäft­li­chen Brief­ver­kehr, bis heu­te unver­kenn­bar und ekla­tant. 29 )

Ins­be­son­de­re durch die oft unkri­ti­sche und miss­ver­ständ­li­che Inter­pre­ta­ti­on des Cur­ri­cul­ums der HfG Ulm durch vie­le der in den 1970er Jah­ren neu gegrün­de­ten Fach­hoch­schu­len sowie durch die dog­ma­ti­sche Über­nah­me und Adap­ti­on des makro­ty­po­gra­phi­schen Gestal­tungs­stils der HfG Ulm (Zei­len- und Bild­ras­ter, Gro­tesk, Text­um­bruch nach Aicher), führ­te bedau­er­li­cher­wei­se dazu, dass die typo­gra­phi­sche Leh­re – trotzt des tech­ni­schen Para­dig­men­wech­sels und der Demo­kra­ti­sie­rung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel – bis heu­te in den Fach­be­rei­chen »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gn« o.ä. noch immer unter­re­prä­sen­tiert und medio­kri­tär ist. 30 )

Mythos Ulm

Die HfG Ulm ver­än­der­te das bis dahin anti­quier­te Bil­dungs­sys­tem für vie­le gestal­te­ri­sche Beru­fe; sie ver­half vie­len ihrer Absol­ven­ten und Dozen­ten zu über­durch­schnitt­li­chen Kar­rie­ren als »Visu­el­ler Gestal­ter« (Pro­dukt-, Indus­trie- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner etc.) und/oder in der Leh­re an öffent­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen (Fach­hoch­schu­len, Aka­de­mi­en etc.). Abge­se­hen von der typo­gra­phi­schen Leh­re und dem ste­reo­ty­pen gra­fi­schen Stil, ist das »ulmer modell« auch aus heu­ti­ger Sicht – und ins­be­son­de­re im Ver­gleich zu den halb­her­zi­gen Bemü­hun­gen gegen­wär­ti­ger »Hoch­schu­len für Desi­gn« – immer noch als visio­när und inno­va­tiv zu bezeich­nen. Ins­be­son­de­re die Tat­sa­che, dass die intel­lek­tu­el­le Qua­li­tät und der ganz­heit­li­che Ansatz der Leh­re sowie das oft­mals lei­den­schaft­li­che Enga­ge­ment der Leh­ren­den an der HfG Ulm von ihren Imi­ta­ten nie über­trof­fen wur­de, wird letzt­end­li­ch dazu füh­ren, dass sich die »hfg ulm« dau­er­haft als eine Art Mythos in der deut­schen Design­ge­schich­te eta­blie­ren wird. 31 )

Ein beson­de­re Wür­di­gung ver­dient die uner­schro­cke­ne demo­kra­ti­sche und inter­kul­tu­rel­le Bil­dung jun­ger Men­schen in einer damals von Apart­heid und Ras­sis­mus durch und durch gepräg­ten Welt. 32 )

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmer­kung: Die Geschwis­ter-Scholl-Stif­tung wur­de am 4.12.1950 von Inge Aicher-Scholl als Trä­ge­rin der Ulmer Hoch­schu­le für Gestal­tung gegrün­det. Die Stif­tung war u.a. mit einer Anschub­fi­nan­zie­rung der US-Regie­rung (man spricht von 1.000.000,- DM), der Bun­des­re­gie­rung (BRD) und der Euro­pa­hil­fe aus­ge­stat­tet. Die Kon­zep­ti­ons- und Finan­zie­rungs­pha­se soll von 1945–1952gedauert haben (Quel­le: HfG Stif­tung, Ulm www​.ifg​-ulm​.de, besucht am 15.8.2006). Ursprüng­li­ch plan­te Scholl und Aicher in Ulm eine Tages­schu­le für die Erwach­se­nen­bil­dung, dann eine poli­ti­sch und reli­giös unab­hän­gi­ge Geschwis­ter-Scholl-Hoch­schu­le und letzt­end­li­ch – beein­flusst von Max Bill – die HfG Ulm. Die Stif­tung hat – abge­se­hen von der IFG Ulm – ihre Akti­vi­tät mit Been­di­gung des Hoch­schul­be­triebs 1968 ein­ge­stellt. 1986 wur­de auf Initia­ti­ve des ehe­ma­li­gen HfG-Stu­den­ten Fred Hoch­stras­ser (1929–2013) die Ein­rich­tung als »Stif­tung HfG Ulm« wie­der akti­viert.
2.Quel­le: Hoch­schu­le für Gestal­tung Offen­bach am Main, Schloss­stra­ße 31, 63065 Offen­bach am Main.
3.Anmer­kung: »Inge Scholl woll­te mit der HFG ein neu­es Bau­haus grün­den, eine Schu­le, wel­che die Tra­di­ti­on des 1919 von Gro­pi­us in Wei­mar gegrün­de­ten und 1933 von Göring in Ber­lin auf­ge­lös­ten Bau­hau­ses wei­ter­füh­ren soll­te — jener Hoch­schu­le für Gestal­tung, deren Schick­sal mit dem der Wei­ma­rer Repu­blik nicht nur durch die Gemein­sam­keit von Zeit und Ort ihres Anfangs und Endes so eng ver­bun­den war«. Quel­le: Kuh­han­del in Ulm, Her­mann Fun­ke, DIE ZEIT vom 8.3.1968, Aus­ga­be Nr. 10.
4.Quel­le: Hoch­schu­le für Gestal­tung Schwä­bi­sch Gmünd, Rek­tor-Klaus-Stra­ße 100, 73525 Schwä­bi­sch Gmünd.
5.Anmer­kung: Der Anteil der Frau­en an der HfG Ulm war für dama­li­ge Ver­hält­nis­se exor­bi­tant hoch. Denn das Berufs­bild (Gestal­tung im wei­te­ren Sin­ne, z.B. Form­ge­stal­tung, Wer­be- und Gebrauchs­gra­fik, Typo­gra­phie etc.) wur­de nahe­zu zu hun­dert Pro­zent von Män­nern domi­niert, was sich auch an der HfG Ulm bei der Beset­zung der Dozen­ten­stel­len wider­spie­gel­te. Zur Erin­ne­rung für die jün­ge­ren Leser: Frau­en waren gesetz­li­ch bis 1.7.1958 (Gesetz über die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bür­ger­li­chen Rechts) in der BRD nicht mit den Män­nern gleich­ge­stellt. Män­nern stand in der Ehe das »Letz­tent­schei­dungs­recht« zu. Das hieß u.a., Frau­en konn­ten nur dann stu­die­ren, arbei­ten oder poli­ti­sch aktiv wer­den, wenn ihre Män­ner damit ein­ver­stan­den waren. Eine gesetz­li­che Rege­lung »Glei­cher Lohn für glei­che Arbeit« exis­tiert bis heu­te nicht. Quel­le des Frau­en­an­teils an der HfG Ulm: Ger­da Mül­ler-Kraus­pe, Ursu­la Wen­zel, 2003, www​.frau​en​-hfg​-ulm​.de, besucht am 7.8.2008.
6.Anmer­kung: Der hohe Aus­län­der­an­teil war in den 1950/60er Jah­ren in einer von Apart­heid und Ras­sis­mus durch und durch gepräg­ten Welt mehr als avant­gar­de. Quel­le des Aus­län­der­an­teils: HfG-Archiv Ulm, Bas­tei­stra­ße 46, 89073 Ulm.
7.Anmer­kung: Fest­do­zen­ten an der HfG Ulm waren Otl Aicher (1922–1991), Max Bense (1910−1990), Max Bill (1908–1994), Gui Bon­sie­pe (*1934), Ant­hony Frös­haug (1920−1984), Hans Guge­lot (1920−1965), Gert Kalow (1921−1991), Her­bert W. Kapitz­ki (1925−2005), Han­no Kes­ting (1925−1975), Alex­an­der Klu­ge (*1932), Georg Leo­wald (1908−1969), Her­bert Lin­din­ger (*1933), Tomás Mal­do­na­do, Abra­ham A. Moles (1920−1992), Her­bert Ohl (*1926), Edgar Reitz (*1932), Hor­st W. J. Rit­tel (1930−1990), Clau­de Schnaidt (*1931), Chris­ti­an Straub (1918−2004), Fried­rich Vor­dem­ber­ge-Gil­de­wart (1899−1962) und Wal­ter Zei­schegg (1917−1983). Quel­le: HfG-Archiv Ulm.
8.Anmer­kung: Die Lis­te der Gast­do­zen­ten an der HfG Ulm ist beein­dru­ckend. Zu ihnen gehör­ten u.a. die Bau­h­aus­leh­rer Josef Albers (1888–1976) und Johan­nes Itten (1888–1967). Gast­vor­trä­ge hiel­ten u.a. Wal­ter Gro­pi­us, F.H.K. Hen­ri­on, Lud­wig Mies van der Rohe und Hans Wer­ner Rich­ter. Quel­le: Die Moral der Gegen­stän­de, her­aus­ge­ge­ben von Her­bert Lin­din­ger, Ern­st & Sohn, Ber­lin, 1987, ISBN 3−433−022720, ISBN 13: 9783433022726.
9.Anmer­kung: Inge Scholl war die Schwes­ter von Sophie und Hans Scholl, die Mit­glie­der der Wider­stands­grup­pe »Wei­ße Rose« waren und des­halb 1943 von den Natio­nal­so­zia­lis­ten hin­ge­rich­tet wur­den. 1950 hei­ra­te­te sie Otl Aicher, einen Schul­freund ihres Bru­ders Wer­ner.
10.Anmer­kung: Max Bill war ein schwei­zer Archi­tekt, Desi­gner, Gra­fi­ker und Künst­ler, der u.a. im Bau­haus Des­sau stu­dier­te. Er war der eigent­li­che Ide­en­ge­ber und anfäng­li­che Spi­ri­tus Rec­tor für die Grün­dung einer Hoch­schu­le für Gestal­tung nach dem Vor­bild des Bau­hau­ses. Durch ihn kamen auch die Kon­tak­te zu Wal­ter Gro­pi­us und ande­ren pro­mi­nen­ten Per­sön­lich­kei­ten zustan­de.
11.Anmer­kung: Die Volks­hoch­schu­le Ulm (vh ulm) wur­de am 24.4.1946 von Inge (Aicher-)Scholl als eine der ers­ten Volks­hoch­schu­len im Nach­kriegs­deutsch­land gegrün­det. Quel­le: vh Ulm, Korn­haus­platz 5, 89073 Ulm.
12.Anmer­kung: Inge Aicher-Scholl: (…) »Wir wol­len fach­li­ches Kön­nen, kul­tu­rel­le Gestal­tung und poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung zu einer Ein­heit ver­bin­den (…) eine neue demo­kra­ti­sche Erzie­hung jun­ger Men­schen und deren kul­tu­rel­ler Inte­gra­ti­on ermög­li­chen (…)«. OQa.
13.Anmer­kung: »Mit den auf ins­ge­samt vier­zehn Aus­ga­ben ver­teil­ten ein­und­zwan­zig Num­mern der Zeit­schrift ulm ver­schaff­te sich die HfG ein Platt­form, vor allem auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne, um einer­seits die Ergeb­nis­se aus Leh­re, Ent­wick­lung und For­schung einer Fach­öf­fent­lich­keit – und nicht nur ihr – zugäng­li­ch zu machen, ande­rer­seits zu zen­tra­len Fra­gen des Desi­gn­dis­kur­ses Stel­lung zu bezie­hen (…)«. Quel­le: Gui Bon­sie­pe aus ulmer model­le – model­le nach ulm, Ulmer Dis­kurs, Sei­te 107.
14.Anmer­kung: Dozen­ten wie Hor­st Rit­tel (Mathe­ma­ti­ker) und Han­no Kes­ting (Sozio­lo­ge) kipp­ten den Schwer­punkt der Leh­re an der HfG Ulm hin zu wis­sen­schaft­li­chen Ver­fah­rens­wei­sen; etwa ergo­no­mi­sche Stu­di­en und Unter­neh­mens­ana­ly­sen. Kri­ti­ker die­ser »Ana­ly­ti­schen Leh­re«, dar­un­ter auch Otl Aicher, bemän­gel­ten, dass zwar viel dis­ku­tiert und gere­det wird, die Qua­li­tät des gestal­te­ri­schen Resul­tats aber in kei­nem Ver­hält­nis mehr zum Auf­wand steht. »(…) oh ja, es wur­de viel gere­det, kon­zi­piert und dis­ku­tiert, aber dann kam oft nur ein Mäus­chen raus (…)«. Quel­le: Notiz von Wolf­gang Bei­nert bei einer Dis­kus­si­on auf dem Forum Typo­gra­fie »Typo­gra­fie zwi­schen Ulm und Ams­ter­dam« am 14.6.2008 an der Hoch­schu­le für Küns­te Bre­men. Das Zitat stammt von Her­bert Lin­din­ger, einem der ers­ten Stu­den­ten – und letz­ten Dozen­ten der HfG Ulm, der sich nach dem Vor­trag von Fran­co Cli­vio (1963–1968 Stu­dent HfG Ulm, Abtei­lung Pro­dukt­ge­stal­tung) zu Wort mel­de­te.
15.Anmer­kung: Otl Aicher arbei­te­te sehr ger­ne mit sei­nen Stu­den­ten an Auf­trags­ar­bei­ten, wie bei­spiels­wei­se für die Luft­han­sa. Mit nach Mün­chen ging u.a. auch der jun­ge HfG-Stu­dent Rolf Mül­ler (1940–2015), der spä­ter selbst Kar­rie­re als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner in Mün­chen mach­te. Mehr unter »Rolf Mül­ler: Neu­gier­de ist die Vor­aus­set­zung für Krea­ti­vi­tät« www​.bei​nert​.net/​r​o​l​f​-​m​u​e​l​l​e​r​-​n​e​u​g​i​e​r​d​e​-​i​s​t​-​d​i​e​-​v​o​r​a​u​s​s​e​t​z​u​n​g​-​f​u​e​r​-​k​r​e​a​t​i​v​i​t​a​et/.
16.Quel­le: Kuh­an­del in Ulm, Her­mann Fun­ke, DIE ZEIT vom 8.3.1968, Aus­ga­be Nr. 10.
17.Anmer­kung: Vor­gän­ger­ein­rich­tun­gen der Fach­hoch­schu­len waren so genann­te Staat­li­che Inge­nieur­schu­len, Höhe­re Fach­schu­len für …, Aka­de­mi­en für … und ähn­li­che Bil­dungs­ein­rich­tun­gen. Etwa ein Drit­tel der deut­schen Fach­hoch­schu­len hat sei­nen Ursprung in die­sen vor 1969 gegrün­de­ten Vor­gän­ger­ein­rich­tun­gen.
18.Anmer­kung: Hans Fil­bin­ger war von 1966 bis 1978 Minis­ter­prä­si­dent von Baden-Würt­tem­berg. 1978 ver­öf­fent­lich­te der deut­sche Dra­ma­ti­ker Rolf Hoch­hu­th (*1931) in der ZEIT vom 17.2.1978 einen Vor­ab­druck sei­nes Romans »Eine Lie­be in Deutsch­land«. Er bezeich­ne­te dar­in Hans Fil­bin­ger als »Hit­lers Mari­ne­rich­ter, der sogar noch in bri­ti­scher Gefan­gen­schaft nach Hit­lers Tod einen deut­schen Matro­sen mit Nazi-Geset­zen ver­folgt hat«. Hoch­hut schrieb wei­ter über Fil­bin­ger, er sei »ein so furcht­ba­rer Jurist gewe­sen, daß man ver­mu­ten muß — denn die Mari­ne­rich­ter waren schlau­er als die von Heer und Luft­waf­fe, sie ver­nich­te­ten bei Kriegs­en­de die Akten — er ist auf frei­em Fuß nur dank des Schwei­gens derer, die ihn kann­ten.« Dadurch wur­de einer brei­ten Öffent­lich­keit bekannt, dass Fil­bin­ger als Anklä­ger und Rich­ter der Kriegs­ma­ri­ne (See­streit­kräf­te der Wehr­macht) unter natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Herr­schaft noch 1945 Todes­ur­tei­le gegen Deser­teu­re bean­tragt und gefällt hat­te. Fil­bin­ger stritt dies ab, mus­s­te aber auf­grund der öffent­li­chen Empö­rung im August 1978 als Minis­ter­prä­si­dent und etwas spä­ter auch von sei­nen CDU-Par­tei­äm­tern zurück­tre­ten.
19.Anmer­kung: Am 31.7.1967 wur­de vom baden-würt­tem­ber­gi­schen Kul­tus­mi­nis­ter Wil­helm Hahn der Hoch­schul­ge­samt­plan von Baden-Würt­tem­berg (Dah­ren­dorf-Plan) vor­ge­stellt. Dem­entspre­chend soll­ten alle Hoch­schu­len neu for­miert wer­den. Dar­un­ter fiel auch die Trans­for­ma­ti­on der Staat­li­chen Inge­nieur­schu­len in neu­kon­sti­tu­ier­te Fach­hoch­schu­len. Auch die Grün­dung der Uni­ver­si­tät Ulm fiel in sei­ne Amts­zeit.
20.Anmer­kung: Die prä­zi­sen Zah­len kön­nen einer Stu­die (2001) über die poli­ti­sche Geschich­te der HfG Ulm von Dr. René Spitz, Köln, ent­nom­men wer­den. Quel­le: eMail von Dr. René Spitz an Wolf­gang Bei­nert vom 24.0.2009.
21.Anmer­kung: Die Grün­de, war­um die HfG Ulm von der Geschwis­ter-Scholl-Stif­tung – und somit von Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher – auf­ge­ge­ben wur­de, dürf­ten haupt­säch­li­ch die ver­än­der­ten Rah­men­be­ding­nun­gen für staat­li­che För­der­mit­tel auf­grund der Refor­men in der deut­schen Bil­dungs­po­li­tik gewe­sen sein. Poli­ti­sche Vor­ur­tei­le gegen­über der HfG Ulm waren unbe­streit­bar vor­han­den und nicht hilf­reich, sie waren aber dabei kei­nes­falls aus­schlag­ge­bend. Des Wei­te­ren war auch die sich ver­än­dern­de per­sön­li­che Erwar­tungs­hal­tung der Fami­lie Aicher-Scholl maß­geb­li­ch, die bei­de in der Mit­te ihres Lebens ange­kom­men waren. Das gestal­te­ri­sche Enga­ge­ment bei den Olym­pi­schen Spie­len und der Bau eines eige­nen Ate­liers in Rotis waren sicher­li­ch ver­lo­cken­der, als die stän­dig drü­cken­den Sor­gen eines per­ma­nent unter­fi­nan­zier­ten pri­va­ten Hoch­schul­be­triebs. Ob es dar­über hin­aus wirk­li­ch einen »Kuh­an­del am oberen Kuh­berg« mit der Lan­des­re­gie­rung von Baden-Wür­tem­berg gege­ben hat und wie die­ser finan­zi­ell aus­sah, dar­über kann nur spe­ku­liert wer­den.
22.Quel­le: Falt­blatt der HfG Ulm, ca. 1952, HfG-Archiv Ulm.
23, 24.Quel­le: Die Moral der Gegen­stän­de, Her­aus­ge­ge­ben von Her­bert Lin­din­ger, Ern­st & Sohn, Ber­lin, 1987, ISBN 3−433−022720 u. ISBN 9783433022726.
25.Quel­le: Notiz von Wolf­gang Bei­nert in einem Vor­trag von Prof. Peter von Kornatz­ki auf dem 23. Forum Typo­gra­fie »Typo­gra­fie zwi­schen Ulm und Ams­ter­dam« am 14.6.2008 an der Hoch­schu­le für Küns­te Bre­men. Von Kornatz­ki ist gelern­ter Schrift­set­zer und war zwi­schen 1963 und 1967 Stu­dent an der HFG Ulm (Abtei­lung Visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on).
26.Anmer­kung: Der dog­ma­ti­sch imple­men­tier­te gra­fi­sche Stil der HfG Ulm gilt – in wei­ten Krei­sen lei­den­schaft­li­cher Gra­fik­de­si­gner und Typo­gra­phen – als unper­sön­li­ch und ste­reo­typ. So sehen bei­spiels­wei­se Cor­po­ra­te Designs im Sti­le der HfG Ulm immer gleich aus, egal ob es sich dabei um eine Metz­ge­rei oder um eine Flug­ge­sell­schaft han­delt.
27.Anmer­kung: Die Klein­schrei­bung in Gro­teskschrif­ten ent­sprach der Bau­haus-Dok­trin, dass eine Minus­kel­schreib­wei­se ratio­nel­ler und moder­ner sei. Auf dem Gesel­len­brief des Bau­hau­ses, den der Bau­haus­ab­sol­vent und –leh­rer Her­bert Bay­er (Typo­gra­ph, Gra­fik­de­si­gner, Foto­graf und Maler, 1900–1985) ent­wor­fen hat­te, stand bei­spiels­wei­se links unten in der Ecke: »um zeit zu spa­ren, schrei­ben wir alles in klein­buch­sta­ben, und neben­bei: war­um zwei alfa­be­te ver­wen­den, wenn wir mit einem das­sel­be machen kön­nen? (…). (Quel­len: Regi­nald R. Isaacs: Wal­ter Gro­pi­us, Der Men­sch und sein Werk, Band 1, Sei­te 460, Gebrü­der Mann Ver­lag, Ber­lin, 1983, ISBN 3−7861−1372−6 und Bau­haus Archiv Ber­lin, Samm­lungs-Kata­log Ber­lin 1981, Sei­te 157, Nr. 301). Ande­rer­seits wur­de auch oft klein geschrie­ben, weil man aus der Not eine Tugend mach­ten mus­s­te; denn in der klei­nen (Bleisatz-)Typo-Werkstatt der HfG Ulm ging der Typen­vor­rat von Majus­keln regel­mä­ßig aus.
28.Anmer­kung: Deutsch­land stand bis Anfang der 1950er Jah­re immer noch in der über 500jäh­ri­gen Frak­tur-Tra­di­ti­on (Schrift­ge­schich­te); es ver­füg­te daher in der brei­ten Öffent­lich­keit über kei­ne Anti­qua-Tra­di­ti­on (Eng­li­sche Typo­gra­phie). Des Wei­te­ren war Typo­gra­phie zu jener Zeit noch aus­schließ­li­ch mate­ri­ell (Blei­satz). Der Steh­satz eines Romans wog mehr als ein VW-Käfer und jede Zei­le mus­s­te auf­wen­dig – Buch­sta­be um Buch­sta­be – spie­gel­ver­kehrt per Hand (Hand­satz) gesetzt wer­den.
29.Anmer­kung: Der etwas dürf­ti­ge typo­gra­phi­sche Stil der HfG Ulm wird heu­te noch an sehr vie­len (Fach-)Hochschulen ver­mit­telt oder in der Pra­xis in Form von Auf­trags­ar­bei­ten umge­setzt. Ver­mut­li­ch weil er – im Ver­gleich zur Eng­li­schen Typo­gra­phie – wenig makro­ty­po­gra­phi­sches und kei­ner­lei mikro­ty­po­gra­phi­sches Wis­sen erfor­dert.
30.Anmer­kung: Vie­le ehe­ma­li­ge Fest­do­zen­ten und über­durch­schnitt­li­ch vie­le Absol­ven­ten der HfG Ulm wur­den ab den 1970 Jah­ren im In- und Aus­land Pro­fes­so­ren, Lehr­be­auf­trag­te und Dozen­ten. Vie­le von ihnen präg­ten auch das Lehr­kon­zept ihrer jewei­li­gen Hoch­schu­le maß­geb­li­ch mit, so bei­spiels­wei­se Prof. Micha­el Klar an der HfG Schwä­bi­sch Gmünd bzw. spä­ter an der UdK Ber­lin. Quel­le: Eröff­nungs­ver­an­stal­tung und Aus­stel­lung »20+15 Jah­re Infor­ma­ti­ons­ge­stal­tung«, Werk­schau Prof. M. Klar anläss­li­ch sei­ner Pen­sio­nie­rung 2008, mit Reden von Gun­ter Ram­bow und Burk­hard Schmitz, 6.7.–22.8.2008, IDZ Inter­na­tio­na­les Desi­gn Zen­trum Ber­lin.
31.Anmer­kung: Die HfG Ulm wird heu­te – beson­ders von ehe­ma­li­gen Stu­den­ten – ver­klärt, inkor­rekt und sehr sub­jek­tiv dar­ge­stellt; ins­be­son­de­re die so oft for­mu­lier­te »legen­dä­re« Qua­li­tät der gestal­te­ri­schen Leis­tun­gen ent­spricht kei­nes­falls der Rea­li­tät. Behaup­tun­gen, dass Desi­gn­leis­tun­gen der HfG Ulm damals »welt­weit Auf­se­hen« erreg­ten, ist eher als nach­träg­li­cher Wunsch­ge­dan­ke und Public Rela­ti­ons von Lob­by­is­ten und Ver­wer­tern zu inter­pre­tie­ren, die die HfG Ulm als »Kader­schmie­de der Gestal­tung« (Quel­le: Stif­tung HfG Ulm & IFG Ulm GmbH, www​.ifg​-ulm​.de, besucht am 15.8.2008) für die Eigen-PR instru­men­ta­li­sie­ren.
32.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: ulmer model­le – model­le nach ulm, hoch­schu­le für gestal­tung 1953–1968, ulmer muse­um | hfg-archiv, Hat­je Cantz Ver­lag 2003, ISBN 3–7757-9142–6.