Inkunabel

Terminus aus der Paläotypie für »Wiegendruck«; Druckwerke mit beweglichen Lettern aus den ersten fünfzig Jahren des Buchdrucks; Buchdrucke aus der Zeit von Johannes Gutenbergs (um 1400–1468) frühesten Straßburger Experimenten um 1438 bis zum 31. Dezember 1500, als das eigentliche Druckerhandwerk sozusagen noch »in der Wiege« lag (siehe Schriftgeschichte). Plural Inkunabeln. Die erste Generation der Erst- bzw. Inkunabeldrucker des 15. Jahrhunderts werden als Prototypographen bezeichnet.

Etymologisch vom lateinischen »incunabula« für »Wiege, Windeln« im metaphorischen Sinne für »Ursprung, Anfang, erste Kindheit«. Vermutlich stammt der Terminus aus der 1640 bis 1657 entstandenen handschriftlichen Bibliografie »Antiquarum impressionum a primaeva artis typographicae origine et inventione ad usque annum secularem MD deductio« des Münsterschen Decanus (Domdekan in Münster) Bernhard von Mallinckrodt (1591–1664). 

Charakteristische für eine Inkunabel ist, dass sie sich in Form, Schrift und Bildsprache noch sehr deutlich an der Kalligraphie orientieren. Wiegendrucke mit ihren typischen, reich ornamentierten Initialen haben in der Regel weder Titelblatt noch Impressum. Die üblichen bibliographischen Angaben sind in den »Incipit« genannten Einleitungssatz oder in das abschließende »Kolophon« des Textes eingefügt.

Buchumschläge wurden in der Regel individuell und separat von Klosterbuchbindern, bürgerlichen Buchbindern und »Studentenbuchbindern« gefertigt, die vom Buchbesitzer direkt beauftragt wurden. 1 ) 

Anfang des »Buchs Genesis« (Schöpfungsbericht) einer der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel aus dem Bestand der Staatsbibliothek Berlin. Quelle: Fol. 5r, Bd. 1 des illuminierten Exemplars der Staatsbibliothek Berlin.
Anfang des »Buchs Genesis« (Schöpfungsbericht) einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel aus dem Bestand der Staatsbibliothek Berlin. Quelle: Fol. 5r, Bd. 1 des illuminierten Exemplars der Staatsbibliothek Berlin.

Die meistverwendeten Schriftarten sind gebrochene Schriften bzw. Fraktur und Antiqua, deren kursive Formen und Ligaturen noch deutliche Ähnlichkeiten zur hier fortwirkenden Praxis der mittelalterlichen Handschriften aufweisen.

Erhard Ratdolts »Calendarius« des Königsberger Astronomen, Mathematikers und Verlegers Johann(es) Müller (Regiomontanus, 1436–1476) in deutscher Sprache, Venedig 1478. Titelblatt mit Rankenwerk und Druckernamen. Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Erhard Ratdolts »Calendarius« des Königsberger Astronomen, Mathematikers und Verlegers Johann(es) Müller (Regiomontanus, 1436–1476) in deutscher Sprache, Venedig 1478. Titelblatt mit Rankenwerk und Druckernamen. Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Namhafte deutsche Inkunabeldrucker (Wiegendrucker) zwischen 1440 und 1500 sind beispielsweise Johannes Gutenberg (um 1400–1468) in Mainz, Peter Schöffer (um 1425/1430–1502/1503) in Mainz, Erhard Ratdolt (1447–1527/1528) in Augsburg, Albrecht Pfisterer (um 1420–1466) in Bamberg, Anton Koburger (um 1440–1513) in Nürnberg, Günther Zainer in Augsburg (o.A.– 1478) und Johannes Mentelin (um 1410–1478) in Straßburg.

Als eine der schönsten und wertvollsten Inkunabeln gilt neben der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel in lateinischer Sprache (1452–1455, geschätzte Auflage 180 Stück, davon ungefähr 30 Exemplare auf Pergament) die Schedel’sche Weltchronik von 1493.

Faksimile einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009.
Faksimile einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009.

Das in den Jahren 1826 bis 1838 erstellte »Repertorium bibliographicum« des Schriftstellers, Lexikographen und Bibliographen von Inkunabeln Ludwig Friedrich Theodor Hain (1781–1836) ist ein erstes relevantes, wenn auch unvollständiges Verzeichnis von 16.299 Inkunabeln; 2 ) erst seit 1998 liegt der von Konrad Haebler (1857–1946) redigierte »Gesamtkatalog der Wiegendrucke« vor. 3 ) 4 ) 5 )

Die mit fast 28.000 Titeln weltgrößte Inkunabelkollektion besitzt das British Museum in London; 6 ) Deutschlands umfangreichste Wiegendruck-Sammlung (16.785 Exemplare bei 9.573 Titeln) befindet sich in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. 7 ) Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, das etwa 45.000 Inkunabeln (Titel) mit einer durchschnittlichen Auflage von 400 bis 500 Stück gedruckt worden sind.8 ) 9 ) 

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Share / Beitrag teilen:

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Um das gedruckte Buch beim Stapeln vor Farbabdruck, Abrieb und Transportschäden zu schützen, wurde der Buchblock mit einem sogenannten »Schmutztitel« versehen, der später vom Buchbinder meist entfernt wurde. Dieser Arbeitsschritt ist heute nicht mehr nötig, der Begriff »Schmutztitel« ist jedoch in der Buchgestaltung bis heute in einem anderen Kontext gebräuchlich.
2.Literaturempfehlung: Hain, Ludwig: Repertorium bibliographicum, in quo omnes libri ab arte typographica inventa usque ad annum MD typis expressi recensentur, Vol. I & II, Stuttgart und Tübingen 1826-1838.
3.Literaturempfehlung: Haebler, Konrad: Der italienische Wiegendruck in Original-Typenbeispielen mit 120 Inkunabelproben, München 1927.
4.Literaturempfehlung: Haebler, Konrad: Typenrepertorium der Wiegendrucke, Abt. 1-5, Halle & Leipzig, 1905-1924, Neudruck bei Nendeln, Wiesbaden 1968.
5.Literaturempfehlung: Haebler, Konrad: Handbuch der Inkunabelkunde. Neudruck, Stuttgart 1966.
6.Bibliotheks- und Museumsempfehlung: British Library im British Museum, Great Russell Street, London WC1B 3DG, www.britishmuseum.org bzw. www.bl.uk.
7.Bibliotheksempfehlung: Deutschlands umfangreichste Wiegendruck-Sammlung (16.785 Exemplare bei 9.573 Titeln) befindet sich in der Bayerischen Staatsbibliothek, Ludwigstraße 16, 80539 München, www.bsb-muenchen.de.
8.Literaturempfehlung: Mazal, Otto: Paläographie und Paläotypie, Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1984, ISBN-10: 3777284203 und ISBN-13: 978-3777284200.
9.Museumsempfehlung: Gutenberg-Museum, Liebfrauenplatz 5, 55116 Mainz, www.gutenberg-museum.de.