Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Jenson, Nicolas
Typograph, Frankreich, um 1420–1480

Französischer Typograph und Graveur. Nicolas Jenson wurde um 1420 im französischen Dorf Sommevoire im Departement Aube in der Champagne geboren. Nach seiner Ausbildung zum Graveur in den Münzwerkstätten von Troyes wirkte er zunächst als Münzmeister in der Monnaie Royale, der Königlichen Münze, in Tours. Hier erreichte ihn im Oktober 1458 eine Order des französischen Königs, in der Charles VII. seine Münzmeister anwies, verständige Fachleute auszuwählen und heimlich nach Deutschland zu schicken, damit diese bei Johannes Gutenberg (um 1400–1468) in Mainz die Typographie erlernten und die Fähigkeit erlangten, die neue »Deutsche Kunst« im Königreich Frankreich auszuüben: »(...) ayant sceu que Messire Guthenberg, chevalier, demourant à Mayence au pais d'Alemaigne, avoit mis en lumiere l'invencion d'imprimer par poincons et caracteres, Sa Majesté mande aux Generaux de ses Monnoies lui nommer personnes bien entendues a ladicte taille pour envoier au dict lieu secretement soy informer de la dicte forme et invencion, entendre, concevoir et apprendre l'art d'icelles, afin de parvenir à l'intelligence du nouvel art et execucion d'icelui audict Royaulme de France.«

Jenson realisierte die Chance und begab sich daraufhin selbst nach Mainz und wurde, da Gutenberg im Rechtsstreit die Werkstatt an seinen Geldgeber Johann Fust verloren hatte, in die Fust'sche Offizin aufgenommen, wo er genauso wie alle übrigen Adepten auf die Bibel Geheimhaltung schwören mußte, bevor er von Petrus Schoeffer in die »Deutsche Kunst« eingeweiht wurde.

Nach der gewaltsamen Einnahme von Mainz durch die Truppen des von Papst und Kaiser favorisierten Adolf von Nassau in der Nacht vom 28. Oktober 1462 mussten Jenson und seine Kollegen, unter ihnen auch Conrad Sweynheym und Arnold Pannartz, die Offizin geradezu fluchtartig verlassen, da ihre Lehrherren Fust und Schoeffer Günstlinge des nunmehr abgesetzten Erzbischofs Diether von Isenburg gewesen waren.

Jensons Spuren verlieren sich für einige Jahre. Nach Frankreich, wo inzwischen der wenig kunstsinnige Ludwig XI. seinem Vater Karl VII. auf dem Thron nachgefolgt war, kehrte er nicht zurück. Vermutlich war er kurz in Köln bei Ulrich Zell und dann wohl im Gefolge von Sweynheym und Pannartz, die 1464 auf Ruf des Kardinals Turrecremata nach Italien auswanderten.

Sicher ist erst wieder, dass Nicolas Jenson 1465 in Venedig zunächst für Johannes von Speyer und ab 1468 als Typograph arbeitete. Aus der Renaissance-Minuskel der italienischen Humanistenhandschrift und deren Prototype von Sweynheym und Pannartz entwickelte Jenson seine eigenen »litterae Venetae«, die ersten vollkommen ausgebildeten Reinformen einer Antiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition.

1470 druckte Nicolas Jenson erstmals die »Praeparatio Evangelica« des Eusebius in dieser neuen Type, die alsbald in ganz Italien nachgeahmt wurde (auch von Francesco Griffo und Aldus Manutius) und als legendäre Jenson-Antiqua des venezianischen Typus, der sogenannten Venezianischen Renaissance-Antiqua, in die Geschichte der Typographie einging.

Ebenso verdankte die gedruckte Rotunda ihre ausdrucksvollste Blüte Nicolas Jenson. Seine rundgotischen Lettern, die bald europaweit als Vorbild für neue Rotundatraditionen dienten, sind von klarer Einfachheit und geradezu puristischer Schönheit, meist unverziert, breit, aber mit betonter Vertikale, und selbst in kleinsten
Schriftgraden deutlich lesbar.

Gemeinsam mit Johannes von Köln, Wendelin von Speyer, Johann Manthen und den deutschen Kaufleuten Petrus Uglheimer und Johannes Rauchfaß gründete Jenson 1475 die große Offizin »Nicholaus Jenson Sociique« mit höchst florierenden Repräsentanzen in Mailand, Verona, Cremona und Perugia. Jenson druckte neben literarischen Klassikern auch eine Vielzahl von theologischen Werken und sämtliche Traktate des kanonischen Rechts, wofür er von Sixtus IV. in den Stand eines päpstlichen Kammerherrn erhoben wurde.

Nicolas Jenson starb 1480 in Venedig und wurde, wie er in seinem Testament gewünscht hatte, in der Kirche auf der Laguneninsel Santa Maria delle Grazie beigesetzt. Seine Offizin wurde von Andrea d' Asolo, dem späteren Schwiegervater von Aldus Manutius, weitergeführt.

Immer wieder inspirierte die Jenson-Antiqua in den vergangenen fünfhundert Jahren die bedeutendsten Typographen zu Nachschnitten und Neuinterpretationen, unter anderen Nicholas Kis, William Morris
(1834–1896), Emery Walker, Thomas James Cobden-Sanderson (1840–1922), Bruce Rogers und Hermann Zapf. Viele der originalen Jenson-Matrizen befanden sich im Besitz der deutschen Stempel AG (infolge Linotype ®).

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 05.11.2008
von
Wolfgang Beinert

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