Jenson, Nicolas

Französischer Kupferstecher, Graveur und Typograph. Nicolas Jenson wurde um 1420 im französischen Dorf Sommevoire im Departement Aube in der Champagne (heute Grand Est) geboren. Er starb 1480 in Venedig. Jenson gilt als der wesentliche Schöpfer der »Litterae Venetae« (Venezianische Lettern), die als die erste vollkommne ausgebildete Reinform einer gedruckten Antiqua gelten. Diese Venezianische Renaissance Antiqua hat die (Antiqua)Schriftkultur Europas bis heute nachhaltig geprägt. Alternative Schreibweisen seines Namens: Nicolaus Jenson und Nikolas Jenson.

Nach seiner Ausbildung zum Graveur in den Münzwerkstätten von Troyes (heute Region Grand Est, Départements Aube im Nordosten Frankreichs) wirkte er zunächst als Münzmeister in der Monnaie Royale, der Königlichen Münze, in Tours (heute Region Centre-Val de Loire, Départements Indre-et-Loire).

Die Venezianische Renaissance Antiqua »Jenson Pro« in normalen Schriftschnitt (Regular) von Adobe®.
Die Venezianische Renaissance Antiqua »Jenson Pro« in normalen Schriftschnitt (Regular) von Adobe®.

Hier erreichte ihn im Oktober 1458 eine Order des französischen Königs, in der Charles VII. (1403–1461) seine Münzmeister anwies, verständige Fachleute auszuwählen und heimlich nach Deutschland zu schicken, damit diese bei Johannes Gutenberg (um 1400–1468) in Mainz die Typographie erlernten und die Fähigkeit erlangten, die neue »Deutsche Kunst« im Königreich Frankreich auszuüben: 

(…) ayant sceu que Messire Guthenberg, chevalier, demourant à Mayence au pais d’Alemaigne, avoit mis en lumiere l’invencion d’imprimer par poincons et caracteres, Sa Majesté mande aux Generaux de ses Monnoies lui nommer personnes bien entendues a ladicte taille pour envoier au dict lieu secretement soy informer de la dicte forme et invencion, entendre, concevoir et apprendre l’art d’icelles, afin de parvenir à l’intelligence du nouvel art et execucion d’icelui audict Royaulme de France.

Jenson realisierte die Chance und begab sich daraufhin selbst nach Mainz und wurde, da Gutenberg im Rechtsstreit die Werkstatt an seinen Geldgeber Johann Fust (um 1400–1466) verloren hatte, in die Fust’sche Offizin – infolge Fust-Schöffer´sche Offizin – aufgenommen, wo er genauso wie alle übrigen Adepten auf die Bibel Geheimhaltung schwören mußte, bevor er von seinem Lehrmeister Peter Schöffer (um 1425/1430–1502/1503) in die »Deutsche Kunst« eingeweiht wurde. 1 )

Jenson lernte in der Mainzer Offizin des Johann Fust u.a. auch Arnold Pannartz (o.A.–um 1476), Conrad Sweynheym (o.A.–um 1474/1477) und Ulrich Zell (o.A.–nach 1507) kennen.

Nach der gewaltsamen Einnahme von Mainz durch die Truppen des von Papst und Kaiser favorisierten Adolf von Nassau (um 1423–1475), mussten in der Nacht vom 28. Oktober 1462 Nicolas Jenson und seine Kollegen die Offizin im Humbrechthof (die Keimzelle der Prototypographie) geradezu fluchtartig verlassen, da Fust und Schöffer Günstlinge des nunmehr abgesetzten Erzbischofs Diether von Isenburg (1412–1482) gewesen waren.

Jensons Spuren verlieren sich immer wieder für kurze Zeit. Nach Frankreich, wo inzwischen der wenig kunstsinnige Ludwig XI. (1423–1483) seinem Vater Charles VII. auf dem Thron nachgefolgt war, kehrte er allerdings nicht mehr zurück.

Möglicherweise arbeitete er ab 1462/1463 in der in Köln am Rhein neu gegründeten Offizin von Ulrich Zell (o.A.–nach 1507) und zog dann um 1464 mit Pannartz und Sweynheym nach Italien bzw. reiste dann nach Venedig weiter, wo er um das Jahr 1468 erstmals nachweislich in Erscheinung trat. Ob er in Mailand bei dem Typographen Dionysius Paravisinus (o.A.) oder in Subjaco (Latium) bei Pannartz und Sweynheym Zwischenstopps einlegte, lässt sich nur vermuten. 

Sicher ist erst wieder, dass Nicolas Jenson in Venedig zunächst für Johannes von Speyer (o.A.–1469/1470) – infolge für seinen Bruder Wendelin (o.A.–1477) – als Werkmeister arbeitete. Johannes von Speyer gründete 1496 die erste Druckerei in Venedig. 2 ) Wie lange er für die deutschen Gebrüder von Speyer arbeitete, ist ungewiss; vermutlich jedoch von 1496 bis 1475. 

Zusammen mit Johannes und Wendelin von Speyer (Giovanni and Vendelino da Spira) entwickelte er ab 1468/1459 aus der »Sublacensischen Antiqua« von Arnold Pannartz und Conrad Sweynheym die »Litterae Venetae« (Venezianische Antiqua). Sie gilt als die erste vollkommen ausgebildeten Reinform einer gedruckten Antiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition.

1470 druckte Jenson erstmals in dieser neuen Type die »Praeparatio Evangelica« (»Die Vorbereitung auf das Evangelium« in fünfzehn Bänden) des Bischofs Eusebius von Caesarea (um 260/64–339/340). Woraufhin dieser Schrifttypus in ganz Italien nachgeahmt wurde und als legendäre »Jenson Antiqua« des venezianischen Typus, der sogenannten Venezianischen Renaissance Antiqa, in die Geschichte der Typographie einging.

Eine Schriftprobe (Schnellwertskizze) der Litterae Venetae (Venezianische Antiqua) von Nicolas Jenson (um 1420–1480), wie sie um 1475 bei der Gründung der Offizin »Nicolaus Jenson Sociique« (Nicolaus Jenson und Gefährten) in Gebrauch war.
Eine Schriftprobe (Schnellwertskizze) der Litterae Venetae (Venezianische Antiqua) von Nicolas Jenson (um 1420–1480), wie sie um 1475 bei der Gründung der Offizin »Nicolaus Jenson Sociique« (Nicolaus Jenson und Gefährten) in Gebrauch war.

Ebenso verdankte die gedruckte Rotunda ihre ausdrucksvollste Blüte Nicolas Jenson. Seine rundgotischen Lettern, die bald europaweit als Vorbild für neue Rotundatraditionen dienten, sind von klarer Einfachheit und geradezu puristischer Schönheit, meist unverziert, breit, aber mit betonter Vertikale, und selbst in kleinsten Schriftgraden deutlich lesbar.

Gemeinsam mit dem Buchdrucker und Buchhändler Johannes von Köln (o.A.–um 1480) und seiner Frau Paula (der Witwe von Johannes von Speyer), Wendelin von Speyer, Johann Manthen (von Gerretzheim [Gernsheim am Rhein?], o.A.–um 1487), dem ehemaligen Leiter der Offizin der Gebrüder Speyer, den Frankfurter Kaufleuten und Buchhändlern Petrus Uglheimer (um 1445/1450–um1488 ) und Johannes Rauchfaß (o.A.–1478) gründete Jenson 1475 die große Offizin »Nicolaus Jenson Sociique« (Nicolaus Jenson und Gefährten), eine Handelsgesellschaft mit höchst florierenden Repräsentanzen in Mailand, Verona, Cremona und Perugia. Nicolaus Jenson Sociique druckte neben literarischen Klassikern auch eine Vielzahl von theologischen Werken und sämtliche Traktate des kanonischen Rechts, wofür er von Papst Sixtus IV. (Francesco della Rovere, 1414 –1484) in den Stand eines päpstlichen Kammerherrn erhoben wurde.

Nicolas Jenson starb 1480 in Venedig und wurde, wie er in seinem Testament gewünscht hatte, in der Kirche auf der Laguneninsel Santa Maria delle Grazie beigesetzt. Seine Offizin wurde in »Johannes de Colonia, Nicolaus Jenson et socii« unbenannt und von Andrea Torresani di Asolo (1451–1529), ab 1503 Schwiegersohn von Aldus Manutius, weitergeführt. 3 )

Immer wieder inspirierte die Jenson-Antiqua in den vergangenen fünfhundert Jahren die bedeutendsten Typographen zu Nachschnitten und Neuinterpretationen, unter anderen Nicholas Kis (Miklós Misztótfalusi Kis, 1650–1702 ), William Morris (1834–1896), Emery Walker (1851–1933), Thomas James Cobden-Sanderson (1840–1922), Bruce Rogers (1870–1957) und Hermann Zapf (1918—2015). Viele der originalen Jenson-Matrizen befanden sich im Besitz der deutschen Stempel AG (infolge Linotype®, infolge Montoype®).

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Ironie eines Meineids: Jenson war nicht nur der erste Wirtschaftsspion einer neuen Medienwelt, sondern er fühlte sich auch frank und frei – so wie seine Kollegen – einen Schwur auf die Bibel zu brechen. Bereits 50 Jahre nach Gutenbergs epochaler Erfindung gab es in Europa über 1000 Offizinen in mehr als 250 Orten, in denen nahezu 30.000 Buchtitel erschienen waren!
2.Anmerkung: Der »Magistri Joannis de Spira« besass vom 18. September 1496 bis 18. September 1501 ein alleiniges Druckmonopol in Venedig, das sein Bruder »Wendelinus de Spira« nach seinem Tod nicht auf sich übertragen konnte. Somit konnte ab dem Todestag von Johannes von Speyer jeder in der Lagunenstadt drucken. Venedig wurde dadurch ab 1470 zum wichtigsten Zentrum der Typographie. Venezianische Stadtchroniken verzeichnen allein für die Dekade von 1470 bis 1480 nicht weniger als fünfzig Typographen, nahezu ausnahmslos von deutscher Herkunft.
3.Literaturempfehlung: Falkenstein, Constantin Karl: Geschichte der Buchdruckerkunst in ihrer Entstehung und Ausbildung, Verlag und Druck von Teubner, Leipzig, 1840.