Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Kalligraphie

Kunst des Schönschreibens. Etymologisch leitet sich das Wort »Kalli-« vom altgriechischen »kalos« her, das »Schönheit« bedeutet; das Wort »-graphie« entspricht dem altgriechischen »-graphia« für das »Schreiben, Darstellen, Beschreiben« zu altgriechisch »graphein« für »ritzen, schreiben«. Allograph Kalligrafie.

Die Kalligraphie bzw. die Handschriftlichkeit prägte im wesentlichen unsere gesamte, rund 7.500jährige Schriftgeschichte. Die Mehrheit aller westeuropäischen Druck- und
Screen-Schriften basiert auf einer kalligraphischen Formgebung, deren Lettern- und Zeichenarchitektur maßgeblich durch die jeweilige Schreibtechnologie, also durch Schreibwerkzeuge, Schreibflüssigkeiten und Trägermaterialien bestimmt wurde. Europäische Handschriften von der Antike bis zur Renaissance werden in der historischen Hilfswissenschaft Paläographie erforscht.

Als Schreibwerkzeuge dienen dem Kalligraphen bis heute überwiegend pflanzliche Rohre (z.B. Bambusfeder), Federkiele (z.B. Gänsekiel), Pinsel, Stahlfedern (z.B. Bandzugfeder, Spitzfeder, Redisfeder, Doppel-Strich-Feder, Notenlinienfeder), Stifte (z.B. Bleistifte, Kreidestifte) und Füllfederhalter. Als Trägermaterial bzw. Beschreibstoffe werden seit der Römerzeit (A.D.) mehrheitlich Papyrus, Pergament und Papier bevorzugt. Schreibflüssigkeiten sind Tinten, Tuschen und Temperafarben, die bis zur industriellen Chemie manuell aus Pflanzen (z.B. Moosflechten für Grün, Gummiarabikum als Bindemittel, Nelkenöl zur Konservierung, gallierte Eichenblätter als Gerbsäure), Steinen (z.B. Lapislazuli für Blau) und Tieren (z.B. Purpurschnecke für Purpurrot, Tintenfisch für Sepia) hergestellt wurden.

Bis zur Erfindung der Typographie in der Frührenaissance zwischen 1450 und 1457 durch den Mainzer Prototypographen Johannes Gutenberg (um 1400 bis 1468) wurden Bücher ausschließlich von Kalligraphen geschrieben und von sogenannten »Copisti« skriptographisch vervielfältigt. Meist entstanden in klösterlichen Skriptorien, Palastschreibschulen und Kanzleien kunstvoll illuminierte Bibeln, Psalter und wissenschaftliche Werke. Beispielsweise benötigte ein Kopist für die Abschrift einer Bibel in lateinischer Sprache durchschnittlich ein halbes Jahr.

Der Beruf des Kalligraphen war ausschließlich der männlichen, sozialen und politischen Elite vorbehalten; Tommaso Parentucelli etwa, der spätere Pontifex Papst Nikolaus V. (1447–1451), war vor seiner Berufung in den Vatikan in Florenz als Kopist tätig. Berühmte Schreibmeister waren unter anderen Coluccio Salutati (Florenz, 1331–1406), Poggio Bracciolini (Florenz, 1380–1459), Niccolo Niccoli (Florenz, 1364–1437), Ludovico degli Arrighi (Rom, 1480–1527), Giovanantonio Tagliente (Venedig, ca. 1. Hälfte 16.Jh.),
Petrus Schoeffer (Mainz, 1425–1502/1503), Damianus Moyllus (Paris, ca. 2. Hälfte 15.Jh.), Vincenz Rockner (Augsburg/Innsbruck, ca. 2. Hälfte 15.Jh./1. Hälfte 16.Jh.), Geoffroy Tory (Paris, 1480-1533), Leonhard Wagner (Augsburg, 1453–1522), Giambattista Palatino (Rom/Neapel, 1515–1575) und John Seddon (London, ca. 2. Hälfte 17.Jh.).

Zu den kalligraphischen Hauptbuchschriften römischen Ursprungs zählt die Paläographie die Capitalis quadrata (Römische Quadratschrift), die
Uncialis (Unziale), die Carolina (Karolingische Minuskel), die Gotica (Gotische Minuskel), die Textura (Missal- oder Psalterschrift), die Rotunda (Rundgotische Schrift) und die Humanistica (Humanistische Minuskel).

Die Gotik stellt in paläographischer Hinsicht sicherlich die reichste Epoche der Kalligraphie dar. Die Textura, die zu den Gebrochenen Schriften zählt, gilt als die höchstentwickelte westeuropäische kalligraphische Hauptbuchschrift der Gotik. Sie war auch die Prototype der ersten Wiegendrucke Johannes Gutenbergs, so auch für seine 42-zeilige Bibel (1452–1454), die zu den schönsten und wertvollsten Inkunabeln gehört.

Die »Humanistica formata« und die »Capitalis quadrata« bildeten die Grundlage für die archetypische »Antiqua« der Typographie, die erstmals von den Mainzer Prototypographen Conrad Sweynheym und Arnold Pannartz im Benediktinerkloster von Subiaco in der Provinz Rom gedruckt wurde.

Heute spielt die Kalligraphie im Materialisieren von Sprache und Gedanken keine nennenswerte Rolle mehr. Sie findet in geringem Umfang nur noch privat, in der Kunst und im Graphik-Design Anwendung, beispielsweise bei der Entwicklung von Wortbildmarken oder bei der Beschriftung von Urkunden. Selbst in der Schriftgestaltung wurde sie durch den Einsatz von Electronic Publishing-Software, beispielsweise Fontographer ®, nahezu vollständig verdrängt.

[T] Der Gebrauch von digitalen Schreibschriften, einmal abgesehen von einzelnen Buchstaben, Wörtern und Zeilen, sollte im Schriftsatz und im Graphikdesign grundsätzlich vermieden werden, da diese generierten Schreibschriften immer künstlich und unnatürlich aussehen. Wird beispielsweise für eine Wortbildmarke bzw. für ein Signet eine Schreibschrift benötigt, sollte diese besser von einem/r Kalligraph/in handgeschrieben und anschließend zur Weiterverarbeitung digitalisiert werden.
[T] Digitale (künstliche) Schreibschriften werden leider immer noch gerne für Speisekarten und Einladungskarten verwendet. Die Autoren glauben vermutlich, dass dies persönlicher auf den Leser wirkt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn jeder kann heute eine echte Schreibschrift von einer PC-generierten Schreibschrift unterscheiden. Deshalb werden heute digitale Schreibschriften in der Regel als unnatürlich und »falsch« eingestuft. Digitale Schreibschriften sollten deshalb nur von sehr geübten Typographen eingesetzt werden; denn der Übergang zum »spießigen Kitsch« ist ziemlich schnell erreicht.
[L] Otto Mazal, Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Otto Mazal: Lehrbuch der Handschriftenkunde, Reichert, Wiesbaden 1986.
[L] Hermann Delitsch: Geschichte der abendländischen Schreibschriftformen, Leipzig 1928.
[L] Hans Foerster: Abriß der lateinischen Paläographie, Verlag Haupt, Bern 1949; Nachdruck Stuttgart 1981.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 04.05.2010
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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