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Karolingische Minuskel
Carolina

Kalligraphische Schrift im Minuskelalphabet. In der Paläographie als »Carolina« bezeichnet. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts entstand im Rahmen der Karolingischen Schreibreform wohl in Kooperation des Klosterskriptoriums von Saint Martin in Tours unter seinem Abt Alkuin von York mit der Palastschule, der Reichskanzlei und den übrigen bedeutenden mittelalterlichen Schreibzentren im Auftrag von Karl dem Großen, der selbst des Lesens nicht mächtig gewesen sein soll, eine verbindliche und schnell schreibbare Normalschrift, die »Carolina«. Eine Neuschöpfung, welche die besten Merkmale der »Uncialis«, der »Semiuncialis« und der »Semikursiva« (Halbunziale) aufgenommen hatte.

Bereits ab 810/20 übernahmen die meisten Schreibschulen, Skriptorien und Kanzleien die Carolina mit ihren unverbundenen, gleichmäßig ausgebildeten kleinen
Buchstaben, den sogenannten Minuskeln, in der westfränkischen Schreibmethode. Mit wenigen Ausnahmen, beispielsweise Irland, setzte sich die Carolina in ganz Westeuropa durch.

Um die Jahrtausendwende (1000) beginnt die Epoche des langsamen Übergangs der »karolingisch-romanisch-gotischen Minuskel-Schrift«. Zunächst nimmt die Carolina romanische Formprinzipien auf, wie sie vor allem im Skriptorium von Montecassino, dem Zentrum der langobardisch-beneventanischen Schrift, praktiziert worden waren. Speziell aber in Nordfrankreich und im heutigen Belgien werden erste Tendenzen zur Umwandlung von der romanischen Anmutung hin zur »Gotica« (Gotische Minuskel) sichtbar.

Im 12. Jahrhundert existierte eine Art Misch- bzw. Übergangsminuskel, die in der Paläographie als »Carolino-Gotica« bzw. als »Romano-Gotica« bezeichnet wird.

Diese »Carolino-Gotica« bildet die Grundlage für die Hochformen der gotischen Buchschriften ab dem späten 13. und 14. Jahrhundert, den Vorläufern der Gebrochenen Schriften. Ihre Charakteristika sind gerade Striche, die scharfe Ecken und spitze Winkel bilden, gebrochene Rundungen, die an die Spitzbögen gotischer Kathedralen erinnern, sowie eine betont vertikale Ausrichtung der nun enger zusammen stehenden Buchstaben.

Die Textura, welche aus der frühgotischen Minuskel entstand und bis zum Ende des 15. Jahrhunderts verwendet wurde, gilt als die höchstentwickelte kalligraphische Buchschrift der Gotik, gefolgt von der Rotunda (Rundgotische Schrift), der »Gotico Cursiva« (Gotische Kursive) und diversen »Bastarda-Schriften« (Misch-Schriften). Die Gotik stellt in paläographischer Hinsicht die reichste Epoche europäischer Schriftgeschichte dar.

Ende des 14. Jahrhunderts tauchen in Italien die ersten Misch- und Übergangsschriften auf, die als »Scriptura fere-humanistica« bezeichnet werden und sich besonders in der »Gotico-Humanistica« manifestierten.

Mit der für die beginnende Renaissance typischen Rückbesinnung auf die Vorbilder der Antike und inspiriert von der Humanistischen Geisteshaltung, entwickelte Coluccio Salutati (1331–1406) eine aus Minuskeln bestehende »Humanistica« (Humanistische Minuskel), die im wesentlichen auf der Carolina und der klassischen »Littera antiqua« – einer klaren kalligraphischen Schrift, die bereits Augustinus verwendete – basierte.

[L] Harald Haarmann: Geschichte der Schrift, Verlag C. H. Beck, München 2002, ISBN 3406479987.
[L] Otto Mazal: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Otto Mazal: Lehrbuch der Handschriftenkunde, Reichert, Wiesbaden 1986.
[L] Károly Földes-Papp: Vom Felsbild zum Alphabet: Die Geschichte der Schrift von ihren frühesten Vorstufen bis zur lateinischen Schreibschrift, Belser, Stuttgart 1984.
[L] Hermann Delitsch: Geschichte der abendländischen Schreibschriftformen, Leipzig 1928.
[L] Hermann Degering: Die Schrift. Atlas der Schriftformen des Abendlandes vom Altertum bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, 1952.
[L] Hans Jensen: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 1958.
[L] Charles Samaran: Catalogue des manuscrits en écriture latine, Bibliothèque Nationale, fonds latin, Paris 1962.
[L] Hans Foerster: Abriß der lateinischen Paläographie, Verlag Haupt, Bern 1949; Nachdruck Stuttgart 1981.
[L] Wilfried Seipel (Herausgeber): Der Turmbau zu Babel, Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Band 2, 3a und 3b, Ausstellungskatalog des Kunsthistorischen Museum Wien, 2003, ISBN 3-85497-055-2.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 05.11.2008
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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