Karolingische Minuskel

Kalligraphische Schrift im Minuskelalphabet; Minuskelschrift. Auch als »Karlingische Minuskel« bzw. in der Paläographie als »Carolina« bezeichnet. 

Unsere heutigen Kleinbuchstaben beziehen ihre Herkunft aus der Karolingischen Minuskel und der »Humanistica« (Humanistische Minuskel), die im Wesentlichen auf der Carolina und der klassischen »Littera antiqua« – einer klaren kalligraphischen Schrift (siehe Kalligraphie), die bereits der Theologe und Philosoph Augustinus von Hippo (um 354–430) verwendete – basierte.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts entstand im Rahmen der Karolingischen Schreibreform – wohl ab 796 in Kooperation des Klosterskriptoriums von Saint Martin (Saint-Martin de Tours, Frankreich) unter seinem Abt Alkuin von York (um 735–804) mit der Aachener Palastschule, der Reichskanzlei und den übrigen bedeutenden mittelalterlichen Schreibzentren (u.a. der Abtei Corbie) – im Auftrag von Kaiser Karl dem Großen (um 747/748–814), der vermutlich selbst ein »funktionaler Analphabet« (Illettrismus) 1 ) war, eine verbindliche und schnell schreibbare Normalschrift, die »Carolina«.

Ob diese Neuschöpfung, welche die besten Merkmale der »Uncialis«, der »Semiuncialis« und der »Semikursiva« (Halbunziale) aufgenommen hatte, schlussendlich im Kloster Saint-Martin, der Abtei Corbie unter ihren Äbten Leutchar und Maurdramnus, in der Aachener Palastschule (Hofschule Karl des Großen) oder gar vor Karls Regierungszeit entstand, darüber wird seit dem Fund einer unbekannten Handschrift in Fachkreisen diskutiert. 

Schriftprobe einer frühen Karolingischen Minuskel, vermutlich aus dem ehemaligen Kloster Corbie in Frankreich, die der Heidelberger Wissenschaftler Tino Licht um 765 datiert. Sie soll also bereits vor der Regierungszeit Karls des Großen entstanden sein. Quelle: Licht, Tino: Die älteste karolingische Minuskel, Mittellateinisches Jahrbuch, Internationale Zeitschrift für Mediävistik und Humanismusforschung 2012 (3. Heft), Band 47, S. 337-345. Weitere Information unter https://idw-online.de/de/news514180 (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, besucht am 17.12.2016). Bildnachweis: Staatsbibliothek zu Berlin.
Schriftprobe einer frühen Karolingischen Minuskel, vermutlich aus dem ehemaligen Kloster Corbie in Frankreich, die der Heidelberger Wissenschaftler Tino Licht um 765 datiert. Sie soll also bereits vor der Regierungszeit Karls des Großen entstanden sein. Quelle: Licht, Tino: Die älteste karolingische Minuskel, Mittellateinisches Jahrbuch, Internationale Zeitschrift für Mediävistik und Humanismusforschung 2012 (3. Heft), Band 47, S. 337-345. Weitere Information unter https://idw-online.de/de/news514180 (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, besucht am 20.6.2017). Bildnachweis: Staatsbibliothek zu Berlin.

Bereits ab 810/20 übernahmen die meisten Schreibschulen, Skriptorien und Kanzleien die Carolina mit ihren unverbundenen, gleichmäßig ausgebildeten kleinen Buchstaben, den sogenannten Minuskeln, in der westfränkischen Schreibmethode. Mit wenigen Ausnahmen, beispielsweise Irland, setzte sich die Carolina in ganz Westeuropa durch.

Um die Jahrtausendwende (1000) beginnt die Epoche des langsamen Übergangs der »karolingisch-romanisch-gotischen Minuskel-Schrift«. Zunächst nimmt die Carolina romanische Formprinzipien auf, wie sie vor allem im Skriptorium von Montecassino, dem Zentrum der langobardisch-beneventanischen Schrift, praktiziert worden waren. Speziell aber in Nordfrankreich und im heutigen Belgien werden erste Tendenzen zur Umwandlung von der romanischen Anmutung hin zur »Gotica« (Gotische Minuskel) sichtbar.

Im 12. Jahrhundert existierte eine Art Misch- bzw. Übergangsminuskel, die in der Paläographie als »Carolino-Gotica« bzw. als »Romano-Gotica« bezeichnet wird.

Diese »Carolino-Gotica« bildet die Grundlage für die Hochformen der gotischen Buchschriften ab dem späten 13. und 14. Jahrhundert, den Vorläufern der Gebrochenen Schriften (z.B. der Fraktur). Ihre Charakteristika sind gerade Striche, die scharfe Ecken und spitze Winkel bilden, gebrochene Rundungen, die an die Spitzbögen gotischer Kathedralen erinnern, sowie eine betont vertikale Ausrichtung der nun enger zusammen stehenden Buchstaben.

Die Textura, welche aus der frühgotischen Minuskel entstand und bis zum Ende des 15. Jahrhunderts verwendet wurde, gilt als die höchstentwickelte kalligraphische Buchschrift der Gotik, gefolgt von der Rotunda (Rundgotische Schrift), der »Gotico Cursiva« (Gotische Kursive) und diversen »Bastarda-Schriften« (Misch-Schriften). Die Gotik stellt in paläographischer Hinsicht die reichste Epoche europäischer Schriftgeschichte dar.

Ende des 14. Jahrhunderts tauchen in Italien die ersten Misch- und Übergangsschriften auf, die als »Scriptura fere-humanistica« bezeichnet werden und sich besonders in der »Gotico-Humanistica« manifestierten.

Mit der für die beginnende Renaissance typischen Rückbesinnung auf die Vorbilder der Antike und inspiriert von der Humanistischen Geisteshaltung, entwickelte Coluccio Salutati (1331–1406) eine aus Minuskeln bestehende »Humanistica« (Humanistische Minuskel), die im wesentlichen auf der Carolina und der klassischen »Littera antiqua« basierte. 2 ) 3 ) 4 ) 5 ) 6 ) 7 ) 8 ) 9 ) 10 ) 11 ) 12 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Share / Beitrag teilen:
></div><div class=

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Karls persönlicher Biograf Einhard (um 770 –840) notierte in seiner lateinischen Vita Karoli Magni im 9. Jahrhundert: »Auch versuchte er sich im Schreiben und hatte unter seinem Kopfkissen im Bett immer Tafeln und Blätter bereit, um in schlaflosen Stunden seine Hand im Schreiben zu üben. Da er aber verhältnismäßig spät damit begonnen hatte, brachte er es auf diesem Gebiet nicht weit.« Quelle: EINHARDI VITA KAROLI MAGNI, lateinischer Text online verfügbar unter http://www.thelatinlibrary.com/ein.html.
2.Literaturempfehlung: Haarmann, Harald: Geschichte der Schrift, Verlag C. H. Beck, München 2002, ISBN 3406479987.
3.Literaturempfehlung: Mazal, Otto: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984, ISBN 3-7772-8420-3.
4.Literaturempfehlung: Mazal, Otto: Lehrbuch der Handschriftenkunde, Dr. Ludwig Reichert Verlag, Wiesbaden 1986, ISBN: 3882263628 / 3-88226-362-8.
5.Literaturempfehlung: Földes-Papp, Károly: Vom Felsbild zum Alphabet: Die Geschichte der Schrift von ihren frühesten Vorstufen bis zur lateinischen Schreibschrift, Belser, Stuttgart 1984, ISBN: 3763016422 und ISBN-13: 9783763016426.
6.Literaturempfehlung: Delitsch, Hermann: Geschichte der abendländischen Schreibschriftformen, Hiersemann Verlag, Leipzig 1928.
7.Literaturempfehlung: Degering, Hermann: Die Schrift. Atlas der Schriftformen des Abendlandes vom Altertum bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen, 1952.
8.Literaturempfehlung: Jensen, Hans: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart, Deutscher Verlag der Wissenschaft, Berlin, 1958.
9.Literaturempfehlung: Samaran, Charles: Catalogue des manuscrits en écriture latine, Bibliothèque Nationale, fonds latin, Paris 1962, online verfügbar unter http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k4827f (20.6.2017).
10.Literaturempfehlung: Foerster, Hans: Abriß der lateinischen Paläographie, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1963.
11.Literaturempfehlung: Seipel, Wilfried (Herausgeber): Der Turmbau zu Babel, Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Band 2, 3a und 3b, Ausstellungskatalog des Kunsthistorischen Museum Wien, 2003, ISBN 3-85497-055-2.
12.Literaturempfehlung: Licht, Tino: Die älteste karolingische Minuskel, Mittellateinisches Jahrbuch, Internationale Zeitschrift für Mediävistik und Humanismusforschung 2012 (3. Heft), Band 47, S. 337-345.