Kerning

Typo­gra­phi­scher Ter­mi­nus für den opti­schen Aus­gleich kri­ti­scher Buch­sta­ben-, Zif­fern- bzw. Zei­chen­kom­bi­na­tio­nen (Zei­chen­ab­stands­kerning) und Wort­z­wi­schen­räu­men (Wort­ab­stands­kerning) bei Pro­por­tio­nal­schrif­ten; ästhe­ti­scher Schrift­wei­ten­aus­gleich kri­ti­scher Zei­chen­paa­re; Unter­schnei­dung von Buch­sta­ben­paa­ren oder Zei­chen­grup­pen; im mate­ri­el­len Schrift­satz (z.B. Blei­satz) auch als »Zurich­tung« einer Druck­schrift bezeich­net; dt. »Unter­schnei­dung«; CSS-Eigen­schaft »font–kerning«. In der Mikro­ty­po­gra­phie zählt das Kerning zum Opti­schen Schrift­wei­ten­aus­gleich

Mit der Eta­blie­rung des opto­me­cha­ni­schen Licht­sat­zes (Foto­satz) seit Anfang der 1960er Jah­re hat der Angli­zis­mus »Kerning« suk­zes­si­ve die deut­schen Fach­be­grif­fe »Zurich­tung« und »Unter­schnei­dung« in Tei­len ergänzt oder ersetzt, wobei der Begriff »Kerning« im Detail unter­schied­li­ch inter­pre­tiert wer­den kann.

Sinn und Zweck des rela­ti­ven Font Kernings (Schrift­zu­rich­tung) ist die ästhe­ti­sche Opti­mie­rung der Nor­mal­schrift­wei­te (NSW) einer Pro­por­tio­nal­schrift, um durch ein gleich­mä­ßi­ges Schrift­bild die Les­bar­keit eines Tex­tes zu erhö­hen. 1 )

Zeichen- und Wortabstandskerning

Sowohl das Zei­chen­ab­stands­kerning als auch das Wort­ab­stands­kerning hat sich im Lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te auf­grund neu­er Schrift­satz­sys­te­me, Her­stel­lungs­wei­sen und modi­scher Ambi­tio­nen stark ver­än­dert. Das rela­ti­ve Kerning unter­schei­den sich des­halb je nach Schrift, Schrift­satz­sys­tem, Font Found­ry und Erschei­nungs­jahr. 

Manuelle Korrektur der Schriftsatzästhetik durch eine negative (-LW) Laufweitenveränderung zwischen den kritischen Buchstabenpaaren VA und DA. Beispiel gesetzt im Photoshop® von Adobe® in der Celeste Caps (1995) von Christopher Burke, Publisher FontFont. Obere Zeile: Normalschriftweite (NSW) spationiert in +120/1000 Geviert. Untere Zeile: NSW spationiert in +120/1000 Geviert mit Unterschneidungen zwischen V und A mit -140/1000 Geviert und zwischen D und A mit -75/1000 Geviert. Infografik: www.typolexikon.de
Manu­el­le Kor­rek­tur der Schrift­sat­z­äs­the­tik durch eine nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung zwi­schen den kri­ti­schen Buch­sta­ben­paa­ren VA und DA. Bei­spiel gesetzt im Pho­to­shop® von Ado­be® in der Celeste Caps (1995) von Chris­to­pher Bur­ke, Publis­her Font­Font. Obere Zei­le: Nor­mal­schrift­wei­te (NSW) spa­tio­niert in +120/1000 Geviert. Unte­re Zei­le: NSW spa­tio­niert in +120/1000 Geviert mit Unter­schnei­dun­gen zwi­schen V und A mit −140÷1000 Geviert und zwi­schen D und A mit −75÷1000 Geviert.

Das Zei­chen­re­per­toire (Zei­chen­vor­rat) eines digi­ta­len Fonts, bei­spiels­wei­se eines Open­Ty­pe Fonts (.otf), kann bis zu 80.000 defi­nier­te Kerning-Paa­re umfas­sen. Ein wohl­pro­por­tio­nier­tes Kerning 2 ) gilt des­halb als wesent­li­ches Qua­li­täts­merk­mal einer sorg­fäl­tig ent­wi­ckel­ten Druck­schrift bzw. Screen Fonts und recht­fer­tigt einen höhe­ren Ver­kehrs­wert. Als kri­ti­sche Kerning-Paa­re (Unter­schnei­dungs­paa­re) gel­ten u.a.:

AV Av Aw Ay
Fa Fe Fi Fo Fr Fu
LT LV Ly
Pa Pe Pi Po
Ta Te Ti To Tr Ty
Va V.
Ya Yo Y.

aj av aw ay
ej ev ew ey
fa fe f, f.
oj ov ow oy
va ve vo v, v.
wa we wo w, w.
ya ye yo y, y.

 

Automatisches und manuelles Kerning

Im DTP Desk­top Publis­hing wird grund­sätz­li­ch zwi­schen auto­ma­ti­schen und manu­el­len Kerning unter­schie­den. Das »Auto­ma­ti­sche Kerning« zählt zu den Auf­ga­ben eines/r Schriftgestalters/in bzw. Schrif­ten­her­stel­lers, das »Manu­el­le Kerning« gehört in den Bereich der Mikro­ty­po­gra­phie.

Automatisches Kerning

Auch als »Auto­kerning« bzw. engl. »auto­ma­tic kerning« bezeich­net. Das Auto­kerning gehört zum »Relea­ti­ven Kerning« einer Schrift. Hier ist der ästhe­ti­scher Schrift­wei­ten­aus­gleich kri­ti­scher Zei­chen­paa­re inner­halb eines digi­ta­len Fonts gemeint, der in einer Unter­schnei­dungs-, Ästhe­tik- oder Kerning-Tabel­le durch den/die Schriftgestalter/in bzw. Schrift­her­stel­ler (Font Found­ry) vor­ge­ge­ben wird. Im mate­ri­el­len Schrift­satz (z.B. Blei­satz) auch als »Zurich­tung» einer Druck­schrift bezeich­net. Das Auto­kerning defi­niert auch die Nor­mal­schrift­wei­te (NSW).

Manuelles Kerning

Engl. »manu­al kerning«. Angli­zis­mus für die hän­di­sche »Unter­schnei­dung« (sie­he Unter­schnei­den), also die manu­el­le Ver­rin­ge­rung der Schrift­lauf­wei­te durch nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung mit­tels eines Desk­top Publis­hing Com­pu­ter­pro­gramms, z.B. InDe­si­gn® von Ado­be® oder Quar­kX­press® von Quark®. 

Der Raum zwischen den Zeichenpaaren ist in der Regel durch Kerningtabellen vorgegeben, was allerdings nicht bedeutet, dass dieser auch der optimale Zeichenabstand ist. Anders formuliert: Ein »Automatisches Kerning« kann keinesfalls das geübte Auge eines/r Typographen/in ersetzen, Schriften in ihrer Anwendung bestmöglich zu interpretieren. Beispiel: Manuelle Korrektur der Schriftsatzästhetik durch eine negative (-LW) Laufweitenveränderung (Unterschneidung) zwischen den kritischen Ziffernpaaren 1 und 0 sowie zwischen 0 und dem Gliederungspunkt. Gesetzt in der Trade Gothic (1958) von Jackson Burke (1908–1975), Vertrieb Linotype®. Infografik: www.typolexikon.de
Der Raum zwi­schen den Zei­chen­paa­ren ist in der Regel durch Kerningta­bel­len vor­ge­ge­ben, was aller­dings nicht bedeu­tet, dass die­ser auch der opti­ma­le Zei­chen­ab­stand ist. Anders for­mu­liert: Ein »Auto­ma­ti­sches Kerning« kann kei­nes­falls das geüb­te Auge eines/r Typographen/in erset­zen, Schrif­ten in ihrer Anwen­dung best­mög­li­ch zu inter­pre­tie­ren. Bei­spiel: Manu­el­le Kor­rek­tur der Schrift­sat­z­äs­the­tik durch eine nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung (Unter­schnei­dung) zwi­schen den kri­ti­schen Zif­fern­paa­ren 1 und 0 sowie zwi­schen 0 und dem Glie­de­rungs­punkt. Gesetzt in der Tra­de Got­hic (1958) von Jack­son Bur­ke (1908–1975), Ver­trieb Lino­ty­pe®.

InDe­si­gn® bie­tet für das manu­el­le Kerning die Optio­nen »Opti­sch« und »Metri­sch« an. Wobei das »Metri­sche Kerning« auto­ma­ti­sch die kri­ti­schen Buch­sta­ben­paa­re unter­schnei­det. Im Fal­le, dass Fonts kein Kerning beinhal­ten, emp­fiehlt sich das »Opti­sche Kerning«. Der Abstand zwi­schen den benach­bar­ten Zei­chen wird dann auf der Grund­la­ge der Zei­chen­form unter­schnit­ten. 3 )

Motive für das manuelle Kerning

Es gibt unter­schied­li­che Argu­men­te, die das manu­el­le Kerning (hän­di­sches Unter­schnei­den) der Nor­mal­schrift­wei­te (NSW) recht­fer­ti­gen kön­nen:

  • Opti­mie­rung der Schrift­sat­z­äs­the­tik durch nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung, bei­spiels­wei­se bei sehr gro­ßen Head­lines, ins­be­son­de­re bei sehr gro­ßen Majus­keln
  • Opti­mie­rung der Schrift­sat­z­äs­the­tik durch nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung bei kri­ti­schen Kerningpaa­ren, z.B. bei Av, AV, Aw, AW, LT, LV, Ly, Ta, Te, To, Ty, T., Va, Vo, V., Ya, Yo oder Y.
  • Nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­kor­rek­tur einer feh­ler­haf­ten, zu wei­ten NSW, um die Les­bar­keit der Schrift zu erhö­hen
  • Nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung bei Text­schrif­ten in Schau-, Fern- und Pla­kat­grö­ßen, um Tex­te in sehr gro­ßen Schrift­gra­den bes­ser les­bar zu machen
  • Selek­ti­ve nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung als mikro­ty­po­gra­phi­sche Ver­fah­rens­wei­se, um eine Zei­le, einen Tabel­len­satz oder eine Zah­len­kom­bi­na­ti­on aus­zu­trim­men
  • Selek­ti­ve nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung als Kor­rek­tur von zu gro­ßen Wort­z­wi­schen­räu­men im Foto­satz und DTP

Kerning bei Webfonts

Im Ver­gleich zu Druck­schrif­ten (Post­Script® Fonts) ist das Kerning bei der Bild­schirm­dar­stel­lung von Web­fonts gegen­wär­tig noch von gerin­ger Qua­li­tät. Ein prä­zi­ses Manu­el­les Kerning ist nicht mög­li­ch. Grund­sätz­li­ch kön­nen jedoch die meis­ten moder­nen Inter­net-Brow­ser (Cli­ents, z.B. Safa­ri ®, Goo­gle Chro­me ® oder Fire­fox ® etc.) heu­te Kerning- und Liga­tur­in­for­ma­tio­nen aus­wer­ten, wobei jeder Cli­ent die­se unter­schied­li­ch inter­pre­tiert und den Auf­bau einer Web­site ver­lang­samt.  

Mit der Sty­le­s­heet Eigen­schaft (CSS3) »text-ren­de­ring« im CSS Cas­ca­ding Sty­le Sheets 4 ) kann zwi­schen einer schnel­len unprä­zi­sen oder einer lang­sa­men kor­rek­te­ren Dar­stel­lung gewählt wer­den:

  • auto
    Der Brow­ser bestimmt auf­grund einer Kom­pa­ti­bi­li­täts­ta­bel­le selbst, ob Geschwin­dig­keit, Les­bar­keit oder typo­me­tri­sche Prä­zi­si­on opti­miert wird
  • opti­mi­ze­Le­gi­bi­li­ty
    Der Brow­ser favo­ri­siert Les­bar­keit zulas­ten der Geschwin­dig­keit und der typo­me­tri­schen Prä­zi­si­on. Kernin­gin­for­ma­tio­nen wer­den aus­ge­wer­tet
  • opti­mi­zeSpeed
    Der Brow­ser favo­ri­siert Geschwin­dig­keit zulas­ten der Les­bar­keit und der typo­me­tri­schen Prä­zi­si­on. Kernin­gin­for­ma­tio­nen wer­den nicht aus­ge­wer­tet
  • geo­metricPre­ci­si­on
    Der Brow­ser betont typo­me­tri­sche Prä­zi­si­on gegen­über Geschwin­dig­keit und Les­bar­keit. Die Ein­stel­lung ver­hin­dert, dass die Text­grö­ße zuguns­ten einer opti­ma­len Dar­stel­lung leicht ver­än­dert wird

Bei­spiel der Eigen­schaft »text-ren­de­ring« in einem CSS:

 1 h1, h2, h3 {
 2 text-rendering: optimizeLegibility;
 3 }

Bei­spiel einer CSSSyn­tax:

 1 /* Schlüsselwortwerte */
 2 text-rendering: auto;
 3 text-rendering: optimizeSpeed;
 4 text-rendering: optimizeLegibility;
 5 text-rendering: geometricPrecision;
 6
 7 /* Globale Werte */
 8 text-rendering: inherit;
 9 text-rendering: initial;
10 text-rendering: unset;

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmer­kung: Schrift­lauf­wei­te und Kerning sind in ihrer Bedeu­tung nicht gleich­zu­set­zen.
2.Anmer­kung: Die meis­ten Schrif­ten sind heu­te auf­grund feh­len­der finan­zi­el­ler oder fach­li­cher Res­sour­cen schlecht oder nicht »zuge­rich­tet«. Das bedeu­tet in der Regel nichts ande­res, dass die NSW und das »Rela­ti­ve Kerning« unzu­rei­chend sind. Dies trifft ins­be­son­de­re auf Zier­s­chrif­ten und vie­le kos­ten­lo­se Text­schrif­ten zu. Des­halb ist in vie­len Fäl­len ein OSW erfor­der­li­ch.
3.Quel­le: Ado­be® Com­mu­ni­ty Help, InDe­si­gn®, Kerning und Lauf­wei­te. Ver­füg­bar unter https://​hel​px​.ado​be​.com/​d​e​/​i​n​d​e​s​i​g​n​/​u​s​i​n​g​/​k​e​r​n​i​n​g​-​t​r​a​c​k​i​n​g​.​h​tml (11.12.2015).
4.Anmer­kung: CSS Cas­ca­ding Sty­le Sheets ist ein welt­wei­ter Stan­dard des W3C (World Wide Web Con­sor­ti­um). Infor­ma­tio­nen ver­füg­bar unter http://​www​.w3c​.de/​a​b​o​ut/ (12.12.2015).