Kolumnentitel

Typographischer Terminus aus der Buchgestaltung für eine Pagina (Seitenzahl) ohne und mit beigefügtem Text oberhalb, unterhalb oder seitlich einer Kolumne bzw. innerhalb oder außerhalb eines Satzspiegels. Die klassische Buchtypographie unterscheidet zwischen »toten« und »lebenden« Kolumnentitel.

Kolumnentitel wurden bereits vom Mainzer Prototypographen Johannes Gutenberg (um 1400–1468) in seiner 42-zeiligen Gutenberg-Bibel verwendet. Gutenberg hatte die Methode, oberhalb von Kolumnen (Satzspalten) einen (Seiten)Titel hinzuzufügen, aus der Kalligraphie übernommen, wo sie bereits weit vor Erfindung des Buchdrucks zum Standardrepertoire von Kalligraphen und Kopisten gehörte. In der Inkunabelzeit (1440–1500) wurde diese Aufgabe oft auch an Rubrikatoren 1 ) deligiert.

Faksimile einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009.
Faksimile einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009. Auf Verso und Recto sind im Kopfsteg außerhalb des Satzspiegels Kolumnentitel eingearbeitet.

Kolumnentitel dienen dem Gliedern und dem Ordnen einer Publikation. Sie werden insbesondere bei Literatur verwendet, die selektierendes und konsultierendes Lesen 2 ) erfordert, beispielsweise Geschäftsberichte, wissenschaftliche Abhandlungen, juristische Texte, komplexe Verzeichnisse oder Schul- und Lehrbücher. 

Schriftstile, Schriftgrade, Schriftsatzarten sowie Satzausrichtungen für Kolumnentiteln unterliegen keinen bestimmten typographischen Regularien. 3 ) 4 ) Der Stand eines Kolumnentitels im Faksimile bzw. Layout und die Wahl einer Schriftstilvariante gehören in das Segment der Makrotypographie, der konkrete Schriftschnitt und dessen Zurichtung im Feinsatz in die Mikrotypographie. Bei Schriftmischungen werden tote und lebende Kolumnentitel in einer semantisch-typographischen Auszeichnungsstruktur separat erfaßt.

Kolumnentitel korrespondieren mit dem Inhaltsverzeichnis einer Publikation bzw. auch mit den Lesezeichen (Verknüpfungen) interaktiver Adobe® PDFs (Portable Document Format).

Buchgestaltung

Toter Kolumnentitel 

Unter einem toten Kolumnentitel versteht die traditionelle Buchtypographie eine solitär stehende Pagina eines Werkes (Werk = Buch), also eine durchgehende Seitenzahl (Seitennummerierung) eines Buches, die außerhalb des Satzspiegels steht. Sie dient dem Auffinden einer bestimmten Seite. Der tote Kolumnentitel wurde im gewerbespezifischen Sprachschatz deutscher Schriftsetzer und Drucker von Offizinen aus der Periode des materiellen Handschriftsatzes auch als »Kolumnenziffer« bezeichnet.

Ein Buchsatzspiegel beschreibt die unbedruckten und bedruckten Flächen einer Buchdoppelseite. Beispiel: Einspaltiger Satzspiegel mit Beschnitt, Symmetrieachse, Kopfsteg, Bundsteg, Außensteg und Fußsteg. Die linke Seite wird als »Verso« (Widerdruck) und die rechte Seite als »Recto« (Schöndruck) bezeichnet. Infografik: www.typolexikon.de
Ein Buchsatzspiegel beschreibt die unbedruckten und bedruckten Flächen einer Buchdoppelseite. Beispiel: Einspaltiger Satzspiegel mit Beschnitt, Symmetrieachse, Kopfsteg, Bundsteg, Außensteg und Fußsteg. Die linke Seite wird als »Verso« (Widerdruck) und die rechte Seite als »Recto« (Schöndruck) bezeichnet.

Gerade Paginas (z.B. 12, 14, 16 …) stehen auf der linken Buchseite, die als »Verso« oder »Widerdruck« bezeichnet wird, ungerade Seitenzahlen (z.B. 11, 13, 15 …) auf der rechten Buchseite, die »Recto« oder »Schöndruck« genannt wird.

Unter einem »toten Kolumnentitel« versteht man in der Buchtypographie die solitär stehende Pagina, also eine durchgehende Seitenzahl eines Buches. Gerade Paginas (z.B. 12, 14, 16 …) stehen auf der linken Buchseite (Verso), ungerade Seitenzahlen (z.B. 11, 13, 15 …) auf der rechten Buchseite (Recto). Verbindliche Vorgaben für den Schriftstil, den Schriftgrad, die Satzausrichtung und die Zurichtung eines toten Kolumnentitels existieren nicht. In diesem Beispiel ist die Pagina im Fußsteg im Axialsatz angeordnet. Infografik: www.typolexikon.de
Unter einem »toten Kolumnentitel« versteht man eine solitär stehende Pagina. Gerade Paginas (z.B. 12) stehen auf der linken Buchseite, ungerade Seitenzahlen (z.B. 13) auf der rechten Buchseite. In diesem Beispiel ist die Pagina im Axialsatz im Fußsteg gesetzt.

In der der klassischen Buchtypographie wird immer erst nach einem Inhaltsverzeichnis paginiert, wobei der tote Kolumnentitel aber bereits rechnerisch ab dem Schmutztitel (Recto, Seite 1) gezählt wird (siehe Titelei).

Der tote Kolumnentitel befindet sich bei Handbüchern (z.B. Taschenbuch) in der Regel im Kopfsteg oder im Fußsteg, bei großen Tischbüchern (z.B. großformatiger Bildband) ggf. auch im Außensteg, sehr selten im Bundsteg. Tote Kolumnentitel können sowohl auf Verso linksbündig und auf Recto rechtsbündig an der äußeren Satzkante ausgerichtet sein, als auch mit Einzügen oder im Axialsatz gesetzt werden. Verbindliche Vorgaben existieren dafür nicht. 

Lebender Kolumnentitel

Der lebende Kolumnentitel ist eine Pagina mit beigefügtem Text, der auf den nachfolgenden Seiten seinen Inhalt ändern kann. Er kann beispielsweise aus Hauptüberschriften, Kapitelüberschriften, Untertiteln, Rubrikentiteln oder Lemmata bestehen. In der prädigitalen typographischen Lehrliteratur, z.B. in der des deutschen Typographen Paul Renner (1878–1956), wird der lebende Kolumnentitel auch als »Seitentitel« bezeichnet. 5 )

In der traditionellen Buchgestaltung trägt die linke Buchseite (Verso) meist den übergeordneten Titel und die rechte Seite (Recto) den untergeordneten Titel, wobei in der Regel der rechtsseitige Textinhalt häufiger gewechselt wird. 6 )

Unter einem »lebenden Kolumnentitel« versteht man in der Buchtypographie eine Pagina (Seitenzahl) mit beigefügtem Text, der auf den nachfolgenden Seiten seinen Inhalt ändern kann. In der traditionellen Buchgestaltung trägt die linke Buchseite (Verso) meist den übergeordneten Titel und die rechte Seite (Recto) den untergeordneten Titel, wobei in der Regel der rechtsseitige Textinhalt häufiger gewechselt wird. Verbindliche Vorgaben für den Schriftstil, den Schriftgrad, die Satzausrichtung und die Zurichtung eines toten Kolumnentitels existieren nicht. In diesem Beispiel ist er im Kopf der Kolumne innerhalb des Satzspiegels jeweils links- und rechtsbündig angeordnet. Infografik: www.typolexikon.de
Unter einem »lebenden Kolumnentitel« versteht man eine Pagina mit beigefügtem Text, der auf den nachfolgenden Seiten seinen Inhalt ändern kann. Verbindliche Vorgaben für den Schriftstil, den Schriftgrad, die Satzausrichtung und die Zurichtung existieren nicht. In diesem Beispiel ist er im Kopf der Kolumne innerhalb des Satzspiegels jeweils links- und rechtsbündig angeordnet.
Auch in der klassischen Buchtypographie können heute der Titel und die Pagina eines »lebenden Kolumnentitels« getrennt werden. In diesem Beispiel ist der Titel im Kopf der Kolumne (im Satzspiegel), die Pagina im Fußsteg (außerhalb des Satzspiegels) – jeweils im Axialsatz angeordnet. Infografik: www.typolexikon.de
Auch in der klassischen Buchtypographie können heute der Titel und die Pagina eines »lebenden Kolumnentitels« getrennt werden. In diesem Beispiel ist der Titel im Kopf der Kolumne (im Satzspiegel), die Pagina im Fußsteg (außerhalb des Satzspiegels) – jeweils im Axialsatz angeordnet.

Laut Lehrmeinung des renommierten Typographen Jan Tschichold (1902–1974) gehört(e) in der traditionellen Buchgestaltung der lebende Kolumnentitel mit Trennlinie zur Kolumne hin zum Satzspiegel eines Buchsatzspiegels, ohne Trennlinie jedoch nicht. 7 ) Heute, im Zeitalter des DTP Desktop Publishing, dürfte dieser feine (produktionsbedingte) Unterschied obsolet sein. 

Corporate Publishing

Mit Einhergehen des mulitmedialen Strukturwandels – das Buch ist heute nur eines von vielen Medien und aus schlichten Satzspiegeln haben sich komplexe Gestaltungsraster entwickelt – werden heute im Grafikdesign, Editorial Design bzw. im Corporate Publishing, z.B. in der Investor Relations bei Geschäftsberichten, lebende Kolumnentitel auch ohne korrespondierende Paginas oder alternativ mit Kapitelzahlen oder -zeichen verwendet, meist in Form von Arabischen Ziffern, Römischen Zahlen, Buchstaben oder Icons (Piktogramme). 

Bei großformatigen Publikationen, z.B. bei Tischbüchern oder Geschäftsberichten, können lebende Kolumnentitel auch auf einer Hälfte einer Doppelseite mehrzeilig – sowohl im Kopfsteg wie auch im Fußsteg – getrennt gesetzt werden. Gleiches gilt für Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Gestürzte lebende Kolumnentitel sind ebenfalls möglich.

Kolumnentitel dienen dem Gliedern und dem hierarchischen Ordnen einer Publikation, insbesondere bei Literatur, die selektierendes und konsultierendes Lesen erfordert, beispielsweise bei Geschäftsberichten, wissenschaftlichen Publikationen, juristischen Texten, komplexen Verzeichnissen oder Schul- und Lehrbüchern. Beispiel: Ausschnitt eines getrennten lebenden Kolumnentitels im Kopfsteg auf der Recto eines Geschäftsberichts. Gesetzt in der Celeste Caps (1995) von Christopher Burke. Infografik: www.typolexikon.de
Kolumnentitel dienen dem Gliedern und dem hierarchischen Ordnen einer Publikation. Beispiel: Ausschnitt eines getrennten lebenden Kolumnentitels im Kopfsteg auf der Recto eines Geschäftsberichts. Gesetzt in der Celeste Caps (1995) von Christopher Burke.

Priorität hat hier das selektierende und konsultierende Lesen, beispielsweise das schnelle Auffinden oder die klare Zuordnung einer Seite zu einem bestimmten Publikation (z.B. Geschäftsbericht 2017), einem bestimmten Kapitel (z.B. Konzernlagebericht), einem bestimmten Geschäftsjahr (z.B. XXII) oder eines bestimmten Unternehmens (z.B. BMW AG).

Neben Gliederungs- und Ordnungsaspekten dient der Kolumnentitel heute auch zusätzlich als eine Art »Wasserzeichen« (Markierung), um kopierte oder digitalisierte Seiten auch im Nachhinein einer Quelle und einem bestimmten Zusammenhang zuordnen zu können.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Rubrikatoren sind Buchillustratoren, Buchmaler oder speziell geschulte Schreiber, welche in der Inkunabelzeit gedruckte Werke mit farbigen Initialen, Kolumnentiteln, Marginalien etc. versahen.
2.Literaturempfehlung: Forssman, Friedrich und Hans Peter Willberg: Lesetypografie, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, ISBN 978–3-87439–800-8.
3.Quelle: Luidl, Philipp: Typographie, Herkunft, Aufbau, Anwendung. Schlütersche Verlagsanstalt und Druckerei, Hannover, 1984, ISBN 3–87706-212–1, Seite 88–89.
4.Anmerkung: Obwohl keine Regeln für das typographische Gestalten von Kolumnentiteln existieren, ist in der gepflegten Englischen Typographie eine Vorliebe für die Nutzung von Konsultationsgrößen oder leicht spationierten Kapitälchen bzw. Majuskeln (Versalsatz) für lebende Kolumnentitel zu erkennen bzw. sie sind international ein Art »Code« für gekonnte Mikrotypographie.
5.Quelle: Renner, Paul: Die Kunst der Typographie, Verlag Frenzel & Engelbrecher, Berlin 1940, Seite 57–60.
6.Quelle: Luidl, Philipp: Typographie, Herkunft, Aufbau, Anwendung. Schlütersche Verlagsanstalt und Druckerei, Hannover, 1984, ISBN 3–87706-212–1, Seite 88–89.
7.Quelle: Tschichold, Jan: Ausgewählte Aufsätze über Fragen der Gestalt des Buches und der Typographie, Birkhäuser Verlag, Seite 68 und 70, ISBN-10: 3764319461 und ISBN-13: 978-3764319465.