Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Lange, Günter Gerhard
Typograph, Deutschland, 1921–2008 [1]

Typograph, Lehrer und künstlerischer Leiter der von Hermann Berthold (1831–1904) gegründeten H. Berthold AG. Geboren am 12. April 1921 in Frankfurt an der Oder (Brandenburg). Gestorben am 2. Dezember 2008 in München (Bayern). Günter Gerhard Lange zählt weltweit zu den wichtigen Schriftgestaltern des 20. Jahrhunderts.

Günter Gerhard Lange wurde gleich zu Beginn des II. Weltkriegs knapp achtzehnjährig zur deutschen Wehrmacht einberufen und kurz darauf in Frankreich schwerst verwundet. Nach einer Beinamputation und langer Rekonvaleszenz begann er 1941 seine Ausbildung an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig. Günter Gerhard Lange studierte Kalligraphie und Schriftgestaltung, Satz und Druck bei Professor Georg Belwe sowie Zeichnen, Malerei, Radierung und Lithographie bei Professor Hans Theo Richter. Nach dem Studienabschluß mit Auszeichnung arbeitete er in Leipzig zwischen 1945 und 1949 als freischaffender Maler und Grafiker sowie als Assistent unter Professor Dr. Walter Tiemann. Ab 1.10.1949 setzte Günter Gerhard Lange seine akademischen Studien bei den Professoren Hans Ullmann und Paul Strecker an der Hochschule für Bildende Künste in West-Berlin fort.

Am 1.3.1950 begann Günter Gerhard Lange seine Tätigkeit als freier Mitarbeiter der H. Berthold Schriftgießerei und Messinglinienfabrik AG in Berlin am Mehringdamm am Fuße Kreuzbergs, wo er seine erste Schriftgußtype, die »Arena« entwarf. Ab 1.10.1955 übernahm er auch einen Lehrauftrag für typographische Gestaltung an der Meisterschule für Graphik, Druck und Werbung in Berlin, den er bis 31.12.1960 innehatte.

In den ersten Nachkriegsjahren engagierte sich Günter Gerhard Lange intensiv für den Wiederaufbau des Unternehmens und dessen Neupositionierung auf dem internationalen Markt. Nachdem die Berthold AG im Jahr 1958 mit der »Diatype« die Entwicklung von modernen Fotosatzsystemen erfolgreich initiiert hatte, schuf Günter Gerhard Lange, der am 1.1.1961 zum künstlerischen Direktor der Berthold AG ernannt worden war, neben fast hundert Originalschriften mit Referenzcharakter, wie beispielsweise die Concorde, die Akzidenz Grotesk Buch und die Imago, eine ganze Reihe von fotosatzkompatiblen, später auch digitalisierten Adaptierungen und Neuinterpretationen historischer Schriftschnitte; so etwa die Garamond«, die Walbaum-Antiqua, die Caslon und 1983 die von der französischen VOGUE bevorzugte hochelegante Bodoni Old Face, eine Type des italienischen Altmeisters Giambattista Bodoni, die Günter Gerhard Lange buchstäblich erst entdeckte. Von 1970 bis 1971 unterrichtete er an der Fachschule für Industriewerbung und Absatzförderung in Kassel das Lehrfach Typographik.

Mit dem Umzug der H. Berthold AG von Berlin nach Taufkirchen bei München war Günter Gerhard Lange ab 6.12.1971 ihr Prokurist und künstlerischer Leiter, somit also verantwortlich für das Gesamtschriftprogramm im Blei- und Fotosatz; wobei er in dieser Funktion - neben Anton Stankowski - auch der Akzidenz-Grotesk, favorisiert in der Schweiz, in Deutschland zum Durchbruch verhalf. Günter Gerhard Lange zeichnete in dieser Zeit für viele Sonderpublikationen des Hauses Berthold ganzheitlich verantwortlich, so auch für Bücher, die mehrfach von der Stiftung Buchkunst prämiert wurden.

Parallel zu seiner jahrzehntelangen Tätigkeit für Berthold war Günter Gerhard Lange stets als Dozent und rhetorisch brillant-provokanter Vortragender - der Frankfurter Typograph Manfred Klein [3] bezeichnete ihn 1983 in seiner schriftlichen Laudatio als »Das Maschinengewehr Gutenbergs« - (Zitat GGL [2]: »Eine Bleiletter in den Händen zu halten und deren Punzen zu fühlen – das wäre eine Therapie für euch tastaturgläubige Bildschirmglotzer!«) um die kontinuierliche Weiterentwicklung der Schriftkultur bemüht, was ihm unter seinen Initialen GGL den Nimbus einer »skriptoralen Instanz« von Weltgeltung eintrug.

1989 wurde er für seine Leistungen vom amerikanischen Rochester Institute of Technology (RIT) mit dem »Frederic W. Goudy Award« ausgezeichnet. Im Jahr darauf zog er sich zwar aus dem operativen Geschäftsleben zurück, um dann jedoch mit dem Millennium 2000 als knapp Achtzigjähriger die Leitung der Schriftenbibliothek »Berthold Exklusiv Collection« im Rahmen des 1995 in Chicago restituierten Unternehmens »Berthold Types Limited« erneut zu übernehmen. Günter Gerhard Langes vorerst letzte, am 17. März 2000 edierte digitale Font-Kreation ist die Whittingham, eine ursprünglich um 1840 von Charles Whittingham für dessen kommerziell höchst erfolgreiche Chiswick Press in Birmingham, England, entwickelte Type mit deutlich neoklassizistischer Anmutung.

Günter Gerhard Lange wurde international vielfach mit Medaillen, Preisen und Ehrenmitgliedschaften ausgezeichnet. Man kann sicherlich behaupten, dass er nach dem II. Weltkrieg unsere westliche Schriftkultur entscheidend mitgeprägt hat. »Seine« Berthold-Schriftenkollektion ist inzwischen zu einem internationalen Qualitätsstandard avanciert und dient heute der Typographie als Referenz-Schriftenbibliothek.


SCHRIFTEN VON GÜNTER GERHARD LANGE

AG extra, Schriftguss, Fotosatz 1958
AG halbfett, Fotosatz 1963
AG extrafett, Schriftguss, Fotosatz 1966
AG kursiv, Fotosatz 1967
AG Super, Fotosatz 1968
AG kursiv extra, Fotosatz 1968
AG light italic, 2001
AG Super italic, 2001
AG Buch mager, Fotosatz 1969
AG Buch normal und kursiv, Fotosatz 1969
AG Buch halbfett, Fotosatz 1969
AG Buch ultraleicht und kursiv, Fotosatz 1972
AG Buch kursiv mager, Fotosatz 1972
AG Buch kursiv halbfett, Fotosatz 1972
AG Buch fett und kursiv, Fotosatz 1972
AG Buch schmalmager, Fotosatz 1972
AG Buch schmal, Fotosatz 1972
AG Buch schmalhalbfett, Fotosatz 1972
AG Buch schmalfett, Fotosatz 1972
AG Buch breitmager, Fotosatz 1972
AG Buch breit, Fotosatz 1972
AG Buch breithalbfett, Fotosatz 1972
AG Buch breitfett, Fotosatz 1972
AG Buch kursivschmalmager, Fotosatz 1973
AG Old Face normal, Fotosatz 1984
AG Old Face halbfett, Fotosatz 1984
AG Old Face fett, Fotosatz 1984
AG Old Face licht, Fotosatz 1984
AG Old Face fett licht, Fotosatz 1984
AG Old Face schattiert, Fotosatz 1984
AG Buch Rounded halbfett, Fotosatz 1980
AG Buch Rounded fett, Fotosatz 1980
AG Buch Rounded schmalfett, Fotosatz 1980
Arena halbfett, Schriftguss 1951
Arena normal, Schriftguss 1952
Arena kursiv, Schriftguss 1954
Arena New mager und kursiv, 1991
Arena New Buch normal und kursiv, 1991
Arena New halbfett und kursiv, 1991
Arena New fett und kursiv, 1991
Baskerville Buch normal und kursiv, Fotosatz 1980
Baskerville Buch Kapitälchen, Fotosatz 1980
Baskerville Buch halbfett, Fotosatz 1980
Baskerville Buch kursiv halbfett, Fotosatz 1983
Berthold-Script normal, Fotosatz 1977
Berthold-Script halbfett, Fotosatz 1977
Bodoni Old Face normal und kursiv, Fotosatz 1983
Bodoni Old Face fett und kursiv, Fotosatz 1983
Bodoni Old Face Kapitälchen normal und kursiv, Fotosatz 1983
Bodoni Old Face Kapitälchen halbfett und kursiv, 2001
Bodoni Old Face Kapitälchen fett und kursiv, 2001
Boulevard, Schriftguss 1954
Caslon Buch normal und kursiv, Fotosatz 1977
Caslon Buch Kapitälchen normal, Fotosatz 1977
Caslon Buch halbfett, Fotosatz 1977
Caslon Buch fett, Fotosatz 1982
Champion, Schriftguss, Fotosatz 1957
City kursiv mager, Fotosatz 1988
City kursiv halbfett, Fotosatz 1988
City kursiv fett, Fotosatz 1988
Concorde normal und kursiv, Schriftguss, Fotosatz 1969
Concorde halbfett, Schriftguss, Fotosatz 1969
Concorde schmalhalbfett, Schriftguss, Fotosatz 1972
Concorde schmalfett, Fotosatz 1972
Concorde schmal, Fotosatz 1972
Concorde schmalfett licht, Fotosatz 1976
Concorde kursiv halbfett, Fotosatz 1978
Concorde normal Kapitälchen, Fotosatz 1980
Concorde Nova normal und kursiv, Fotosatz 1975
Concorde Nova Kapitälchen, Fotosatz 1975
Concorde Nova halbfett, Fotosatz 1975
Derby, Schriftguss 1952
Deepdene normal und kursiv, Fotosatz 1982
Deepdene halbfett und kursiv, Fotosatz 1983
El Greco, Schriftguss 1964
FAZ-Schrift, 2000
Franklin-Antiqua normal und kursiv, Fotosatz 1976
Franklin-Antiqua Kapitälchen, Fotosatz 1976
Franklin-Antiqua halbfett und kursiv, Fotosatz 1976
Franklin-Antiqua fett, Fotosatz 1976
Garamond normal und kursiv, Fotosatz 1972
Garamond kursiv Zierbuchstaben, Fotosatz 1972
Garamond Kapitälchen und Mediaevalziffern normal, Fotosatz 1972
Garamond schmalhalbfett, Fotosatz 1972
Garamond fett, Fotosatz 1975
Garamond schmal, Fotosatz 1975
Imago mager und kursiv, Fotosatz 1982
Imago Buch und kursiv, Fotosatz 1982
Imago halbfett und kursiv, Fotosatz 1982
Imago Buch extrafett und kursiv, Fotosatz 1982
Imago fett und kursiv, 2000
Imago Kapitälchen für alle Schnitte, 2000
Regina, Schriftguss 1954
Solemnis, Schriftguss 1953
Van Dijck Book normal und kursiv, Fotosatz 1984
Van Dijck Kapitälchen, Fotosatz 1984
Van Dijck Display normal und kursiv, Fotosatz 1983
Van Dijck Display Kapitälchen normal, Fotosatz 1983
Walbaum Buch normal, Fotosatz 1975
Walbaum Buch halbfett, Fotosatz 1975
Walbaum Buch kursiv normal, Fotosatz 1976
Walbaum Buch kursiv halbfett, Fotosatz 1976
Walbaum Buch fett und kursiv, Fotosatz 1976
Walbaum Buch Kapitälchen normal, Fotosatz 1978
Walbaum Standard normal und kursiv, Fotosatz 1976
Walbaum Standard Kapitälchen normal, Fotosatz 1978
Walbaum Standard halbfett, Fotosatz 1979
Whittingham normal und kursiv, 2000
Whittingham Kapitälchen normal, 2000
Whittingham halbfett und kursiv, 2000
Whittingham fett und kursiv, 2000

[1] Diese Kurzbiographie von Wolfgang Beinert wurde im September 2003 von Günter Gerhard Lange persönlich korrigiert und autorisiert.
[2][L] Wolfgang Beinert: »Was ist denn nun?« Eine Zusammenfassung des Werkstattgesprächs »Der Herr der Schriften« vom 25.09.2003 anhand von Zitaten von Günter Gerhard Lange unter www.beinert.net/kommuniques/24-250903-guenter-gerhard-lange/20-guenter-gerhard-lange.html 09/2003.
[3][L] Typographische Gesellschaft München: G.G.L., Jahresgabe zum 60. Geburtstag von Günter Gerhard Lange mit Beiträgen von Stefan Heym, Manfred Klein, Roswitha Quadflieg, G.W. Ovink, Gabriele Wohmann, Arnold Ihlenfeldt, Barbara König, Hermann Zapf und G.G. Lange. München 1983.
[L] Yvonne Schwemmer-Scheddin: Interview mit Günter Gerhard Lange: Schrift, die spröde Geliebte – ein mäanderndes Gespräch, Typografische Monatsblätter, 71. Jahrgang, 2.2003, Zürich.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 04.02.2009
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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