Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Ligatur
Minuskelligatur, Majuskelligatur, Tonligatur, Wortligatur und Kaufmannsligatur

In der Typographie ein Terminus für die Verbindung von zwei oder drei Buchstaben zu einer Drucktype; Buchstabenverbindung. Eigenständiges Zeichen, das aus der Verschmelzung von zwei (z.B. fi, fl) oder sehr selten auch drei (z.B. ffi, ffl) Buchstaben entstand, um während der Periode des materiellen Schriftsatzes (Bleisatz) den Ausschluß im Blocksatz zu optimieren und um problematische Buchstabenkombinationen bzw. Unterschneidungen im Sinne des
Optischen Schriftweitenausgleichs zu vermeiden. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen Minuskel-, Majuskel-, Ton- (Phonetikligaturen, z.B. ß) [1], Wort- (z.B. &) und Kaufmannsligaturen (Ligatura mercatoris, z.B. %, @). Ligaturen wurden in der deutschen Buchtypographie nahezu ausnahmslos für das Minuskelalphabet geschnitten. Majuskelligaturen (z.B. AE) [2] waren äußerst selten und wurden nur im Akzidenzsatz verwendet. Etymologisch steht das Substantiv »Ligatur« für »Verbindung, Haltebogen oder Buchstabenverbingung«. Dieser Begriff entstand im 18. Jahrhundert und wurde aus dem mittellateinischen »ligatura« für »Band« zu lateinisch »ligare« für »binden« entlehnt.

Bereits der
Protoypograph Johannes Gutenberg (um 1400–1468) übernahm mit der kalligraphischen Schreibtechnologie Ligaturen, die der Paläographie, z.B. in Form eines Et-Zeichens (Wortligatur), bereits seit dem 1. Jahrhundert bekannt sind. So entwarf Gutenberg beispielsweise für den Druck des aus dem Jahre 1286 stammenden etymologischen Wörterbuchs von Johannes Balbus eine Gotico-Antiqua-Urtype mit 22 Majuskeln, 103 Minuskeln mit und ohne Abbreviaturen (Abkürzungen), 81 Ligaturen und vier Sonderzeichen. Ab dem 13. Jahrhundert etablierten sich in den Offizinen Bogenligaturen, welche die Rundungen bestimmter Buchstaben (z.B. b, d, h und p) mit dem folgenden Bogen eines e oder o verbanden.

Eine Ligatur befand sich im Bleisatz, wie andere Buchstaben auch, auf einem Schriftkegel. Dadurch konnten unvorteilhafte Vor- und Nachbreiten vermieden werden. In Deutschland gab es beispielsweise in den 1930–40er Jahren laut dem
Typographen Paul Renner [3] in der Schriftart Fraktur die Doppel- oder Kuppellaute ch, ff, fi, fl, ll, fi, ff, ft, fz, kk (verdoppelter k-Laut) und tz. In der Schriftgattung Antiqua wurden in Deutschland die Ligaturen ff, fi, fl, ae und ce verwendet. Verbindliche Regeln, wie Ligaturen gesetzt wurden, existierten nicht. Jedoch galt bei den Schriftsetzern die ungeschriebene Faustregel: »Werden Buchstaben getrennt gesprochen, wird keine Ligatur verwendet«.

Mit der Umstellung auf den optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) in den 1970er Jahren verschwand der Ligaturensatz aus der Lesetypographie, was natürlich ab Mitte der 1980er Jahre auch veränderte Lesegewohnheiten (Fixationen) nach sich zog. Im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien/Südtirol) sind heute nur noch die Ton-, Wort- und Kaufmannsligaturen bzw. Abbreviaturen ß, &, % und @ gebräuchlich.

[1] Tonligaturen sind hier nicht zu verwechseln mit Musikligaturen.
[2] Sowohl die Epigraphik als auch die Kalligraphie kennen auch Majuskelligaturen. Vereinzelt finden sich Majuskelligaturen heute im Zeichenrepertoire von Zierschriften und Decorativen bzw. Designerfonts, beispielsweise die Majuskelligaturen CE, OC, OG, OO, CE, TE THE, TR, TT, TW TY oder VA bei der Mrs Eaves Smart Ligatures bzw. Fractions von Zuzana Licko, USA 1996.
[3] Paul Renner: Die Kunst der Typographie, Verlag Frenzel & Engelbrecher, Berlin 1940, Seite 253.
[T] Ligaturen sind keine Erfindung der Typographie. Bereits in nicht- und vorrömischen Alphabeten sind Ligaturen und Abbreviaturen zu finden. So entwickelte sich beispielsweise im 11./12. Jahrhundert auch der Buchstabe »w« aus einer Ligatur von zwei »v«. In der Notation (Musik) sind Ligaturen auch heute noch unverzichtbar.
[T] In der digitalen Lesetypographie machen – technisch gesehen – Ligaturen heute keinen Sinn mehr, da der Mikrotypographie leistungsfähige Schriftsatzprogramme zur Verfügung stehen. Ligaturen, insbesondere Bogenligaturen, sind deshalb heute rein geschmäcklerisch.
[T] Ligaturen entsprechen ab den 1980er Jahren nicht mehr unseren Lesegewohnheiten. Sie gelten deshalb heute in der Lesetypographie als lesehemmend.
[T]
Im HTML-Schriftsatz sind Ligaturen, abgesehen vom &-, %- und @-Zeichen, aufgrund systemimmanenter Technologiedefizite und unterschiedlicher Schriftsysteme im Webspace generell nicht darstellbar.
[T] Abgesehen von einigen wenigen Expertensätzen, Zierschriften bzw. Designerfonts, sind Ligaturen heute nicht mehr im Zeichenumfang von
Fonts zu finden.
[T]
Ligaturen verhalten sich inkompatibel zu Suchmaschinenalgorithmen und Rechtschreibprogrammen.
[T] Die ausschließlich im deutschen Sprachraum geläufige Minuskelligatur »ß« wird im Majuskelschriftsatz ausschließlich durch zwei Großbuchstaben, also »SS« dargestellt. Eine gesmischte Schreibweise, beispielsweise »MAßSYSTEM«, ist nicht zulässig. Bei automatischer Konvertierung von Kleinbuchstabenzeilen in Großbuchstabenzeilen bzw. in Kapitälchen ist im mikrotypographischen Schriftsatz darauf zu achten, dass die Minuskelligatur »ß« zweimal händisch durch »SS« ersetzt wird. Ansonsten stimmt die Spationierung zwischen den beiden Buchstaben nicht mehr.
[T] Das Deutsche Institut für Normung (DIN) und die Internationale Organisation für Normung (ISO) haben die Minuskelligatur »ß« in den Zeichensätzen ISO-10646 und Unicode 5.1. als Majuskelligatur »ß« 2008 normiert. Es hat dort den Platz mit der Bezeichnung 1E9E. Die deutschen Rechtschreibregeln sowie die typographischen Regeln sind davon nicht betroffen, es handelt sich ausschließlich um eine Empfehlung.
[T] Ligaturen sind abhängig von der jeweiligen Landessprache. So waren beispielsweise in England andere Ligaturen üblich, als im deutschsprachigen Schriftsatz.
[T] In Schriftsatzprogrammen, beispielsweise Adobe InDesign ®, werden Ligaturen missverständlich auch als Glyphen bezeichnet, welche über eine Glyphen-Palette ausgewählt werden können. Diese Begrifflichkeit wurde hier leider etwas zweckentfremdet und ist de facto falsch. Denn: Nur eine Formvariante eines Buchstabens wird in der Typographie als Glyphe bezeichnet. Eine Ligatur ist keine Glyphe, wobei natürlich eine Ligatur in einer Glyphe vorliegen kann.
[L]
Jan Tschichold: Herkunft und Form des ß in der Fraktur und der Antiqua, Fachaufsatz. Eingebunden auch in seiner Publikation »Schriften 1925–1974«, Brinkmann & Bose, Berlin, Band 1, Seiten 242–244, ISBN 3-922660-37-1.
[L] Jan Tschichold: Formenwandlungen der et-Zeichen, Fachaufsatz 1953. Eingebunden auch in seiner Publikation »Schriften 1925–1974«, Brinkmann & Bose, Berlin, Band 2, Seiten 121–140, ISBN 3-922660-36-3.
[L] Frutiger, Adrian: Der Mensch und seine Zeichen, 1978, Vourier Verlag ISBN 3-925037-39-X.
[L] Ernst/Joachim: Die gotischen Schriftarten. 2. Aufl. Braunschweig 1970,
[L] Thomson, Harrison: Latin Bookhands of the Later Middle Ages (1100-1500), Cambridge, 1969.
[L] Krichner, J.: Scriptura Gothica Libraria a saeculo XII usque ad finem Medii Aevi, München–Wien, 1966.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 06.09.2012
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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