Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Linotype

Type Library;
Font Foundry; Schriftenanbieter. Linotype ® war ursprünglich der Name einer vom deutschen Erfinder Ottmar Mergenthaler 1886 konstruierten Zeilensetz- und Gießmaschine; aktuell verbindet man mit diesem englisch (laino'taip) ausgesprochenen Begriff primär eine der umfangreichsten Schriftenbibliotheken der Welt. Unter ihren mehr als 7.700 Originaldruckschriften - die im typographischen Sprachgebrauch kurz als Font bzw. Fonts bezeichnet werden – befinden sich neben meisterhaften Repliken der berühmten historischen Typen etwa von Garamond, Baskerville, Bodoni oder Didot eine Vielzahl von authentischen Neuschöpfungen der renommiertesten Schriftgestalter sowohl des vergangenen 20. Jahrhunderts wie auch der zeitgenössischen Typographie. Stellvertretend für andere, nicht minder bedeutende Schriftkünstler seien hier ein Hermann Zapf, Adrian Frutiger, Georg Trump und A. M. Cassandre, ein Max Miedinger, Hermann Eidenbenz oder Neville Brody genannt. Zu den bekanntesten Schriftschnitten bzw. Schriftstilen im Linotype-Inventar gehören beispielsweise die Arcadia, Industria, Bell Gothic, Shelley und Frutiger, die Univers, Omnia, Syntax von Hans Eduard Meier, Sho, Arioso, Palatino, Helvetica und Optima, die Centennial, Fairfield, PMN Caecilia, Present, Herculanum, Vectora, die Facts of Life oder die Zapfino.

Die »Linotype GmbH« mit dem Firmensitz in Bad Homburg ist seit Mitte 2006 eine Tochtergesellschaft der »Monotype Imaging Inc.« (Woburn, Massachusetts, USA). Als legitime Nachfolgerin der namhaftesten und traditionsreichsten europäischen Schriftgießereien ist das Unternehmensziel der Linotype die Produktion von hochqualitativen Fonts im PostScript-, TrueType- und OpenType-Format sowie deren erfolgreiche Positionierung auf dem internationalen Computer-, Drucker- und DTP-Markt. Linotypes Schriften gehören weltweit zum Standard und wurden von den großen Softwareanbietern Microsoft Corporation ® und Apple Computer ® für die Verwendung in ihren Betriebssystemen lizenziert.

Wie eine typisch amerikanische Pionier- und Erfolgsstory, allerdings von geradezu epochalem Zuschnitt, so liest sich die Linotype-Firmengeschichte: 1872 wanderte der im württembergischen Hachtel am 11. Mai 1854 geborene Schulmeistersohn Ottmar Mergenthaler, der von seinem Onkel Luis Hahl in Bietigheim zum Uhrmacher ausgebildet worden war, nach Amerika aus. Nach einer kurzen Station in Washington D.C. fand er Arbeit in der Maschinenfabrik von Charles T. Moore in Baltimore, wo Mergenthaler 1882 seine erste Setzmaschine »Blower« konstruierte, die am 3. Juni 1886 in der Zeitungsdruckerei der New Yorker »Tribune« installiert wurde; einer gern kolportierten Anekdote zufolge soll der Herausgeber Whitelaw Reid bei der Inbetriebnahme fasziniert gemeint haben: »Ottmar, you've cast a line of types«. Damit war der treffende Name für diese geniale, die Printmedien radikal revolutionierende und rationalisierende Erfindung geboren – »Linotype«.

Auf der Pariser Weltausstellung von 1889 war Mergenthalers Zeilensetzmaschine mit ihren hochkomplizierten, an ein überdimensionales Uhrwerk erinnernden Präzisionsmechanismen die Sensation; Thomas Alva Edison bezeichnete sie sogar als achtes Weltwunder. Die bahnbrechende Innovation bestand darin, daß die Linotype nicht Lettern sondern seitenrichtig vertiefte Matrizen setzte und ähnlich einer Schreibmaschine über eine 90 Zeichen umfassende Tastatur bedient werden konnte; diese sorgfältig im Blocksatz ausgeschlossene Matrizenzeile wurde vor ein Gießrad transportiert und, nachdem die Spatienkeile für die Wortzwischenräume hochgeschoben worden waren, mit einer knapp 300 Grad heißflüssigen Legierung aus Blei, Antimon und Zinn ausgegossen. Es waren stets drei Zeilen zugleich in Arbeit: während der Setzer eine Zeile über die Tastatur eingab, wurde die zuvor gesetzte Matrizenzeile auf Blocksatzbreite spationiert und ausgegossen, sowie deren Vorgängerin wieder abgelegt. Auf diese Weise wurde eine Kapazität von 6.000 Buchstaben pro Stunde erreicht; im Handsatz betrug die Stundenleistung vergleichsweise nur 1.400 Zeichen. Die Linotype verfügte auch über mehrere Schriftmagazine, die untereinander mischbar waren; und da jede Matrize zwei unterschiedliche Schriftformen aufwies, waren bis zu acht kombinierbare Schriftarten im Zugriff. Nach dem Guß sortierte die Maschine automatisch die Matrizen und Spatienkeile in die Ablage zurück. Die Zeilen wurden von Hand zu Seiten zusammengefügt und nach dem Drucken wieder eingeschmolzen.

Im Jahr 1890 wurden die »Mergenthaler Linotype Company« in Brooklyn, New York, USA, sowie das europäische Tochterunternehmen »Mergenthaler Linotype & Machinery Ltd.« in Manchester, England, gegründet und schon 1892 konnte man in Amerika stolz die Produktion der eintausendsten Linotype vermelden; 1894 wurde die erste englische Linotype in Amsterdam aufgestellt, 1896 die »Mergenthaler Setzmaschinen«-Fabrik in Berlin gegründet und 1898 nahm die erste Linotype auch in Frankreich den Betrieb auf. Das Jahr 1899 war vom frühen Tod Mergenthalers tragisch überschattet; er starb am 28. Oktober knapp 45-jährig in Baltimore an der Tuberkulose.

1900 wurde der für die weitere Unternehmensentwicklung entscheidende Kooperationsvertrag zwischen Mergenthaler Berlin und der D. Stempel-Gießerei Frankfurt geschlossen; Stempel produzierte fortan alle Typenmatrizen für die Linotype-Setzmaschine; die ersten Schriftschnitte waren die Kolonel Fraktur No. 5, die Petit Fraktur No. 5 und die Kolonel Doppellettern Fraktur. 1904 waren bereits 10.000 Linotype-Setzmaschinen weltweit im Einsatz, 1911 wurde erstmals ein arabischer Text auf einer Linotype gesetzt. In den Kriegsjahren zwischen 1915 und 1919 übernahm Stempel eine Reihe von renommierten deutschen Schriftgießereien, so beispielsweise Brötz & Glock in Frankfurt, Roos & Junge in Offenbach, Heinrich Hoffmeister und Wilhelm Drugulin in Leipzig; man stelle sich vor - allein Drugulins legendäres Schrifteninventar umfaßte 274 orientalische, 258 Fraktur- und 457 Antiqua-Schriften.

1925 führte Linotype speziell für den Zeitungsdruck die Schrift »Ionic« ein, die zur Inspirationsquelle und zum Vorbild für zahlreiche neue Schriftschnitte wurde, die man aufgrund ihrer ausgezeichneten Lesbarkeit als »Legibility Group«
klassifizierte. 1927 wurde die D. Stempel Teilhaberin der 1790 gegründeten Haas'schen Schriftgießerei in Basel; von 1933 datiert die wohl auch zeitpolitisch motivierte Teilhaberschaft an der Schriftgießerei Benjamin Krebs Frankfurt, für die Künstler wie Auspurg und Riedinger tätig waren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Berliner Firmensitz 1948 nach Frankfurt verlegt. Im Mergenthaler-Jubiläumsjahr 1954 standen weltweit über 100.000 Linotype-Setzmaschinen im Einsatz. 1956 übernahm die D. Stempel AG zur Gänze die Offenbacher Schriftgießerei der Gebrüder Klingspor, in deren Schriftenbibliothek sich u.a. die Kreationen eines Tiemann, Koch, Kühne oder Hoefer befanden.

Eine zukunftsbestimmende Innovation brachte das Jahr 1958 mit der Einführung des weltersten integrierten Photosatz-Verfahrens, genannt »Linofilm System«. Dabei wurden die bis dahin manuell bedienten Setzmaschinen durch elektronisch gesteuerte Lochstreifen-Perforatoren ergänzt. Mit der Entwicklung der ersten Prozessoren wurde der Lochstreifen endlos getastet und von einem "Satzrechner" ausgeschlossen, also mit Zeilenendekommandos bzw. Worttrennungen versehen. Diese Satzrechner waren Voraussetzung für den 1966 konstruierten »LinoQuickSetter«, eine Photosetzmaschine mit einer Leistung von 24.000 Lettern pro Stunde. Zum Meilenstein in der Printtechnologie wurde 1968 die Kathodenstrahl-Setzmaschine »Linotron 505«. Im selben Jahr startete die D. Stempel AG die Produktion von »typefaces«, speziellen Schriftbildern für den Photosatz.

1970 übernahm Stempel die bankrotte Schriftgießerei C. E. Weber Stuttgart (u.a. mit den Schriften von Trump und Schneidler). Als die Haas'sche Schriftgießerei, an der die Stempel AG seit der Zwischenkriegszeit Mehrheitsanteile hielt, 1972 das renommierte Haus Deberny & Peignot Paris aufkaufte, wurde die gemeinsame Schriftenbibliothek durch die stilvoll-eleganten Kreationen der frankophonen Typographen A.M. Cassandre, G. Vidal, G. Auriol und Adrian Frutiger bereichert. 1973 erfolgte die Fusion der Mergenthaler Setzmaschinen GmbH mit der englischen Linotype Ltd. zur neuen Mergenthaler-Linotype GmbH mit Sitz in Frankfurt bzw. ab 1974 in Eschborn. 1975 wurde das erste »Linotronic« Fotosatzsystem mit Screen-display und Floppy-disk-drive auf der Düsseldorfer »Imprinta« vorgestellt. Die Einführung der »Typomatic« Fotosetzmaschine durch die Stempel AG 1976 markierte nach 90 Jahren Vorherrschaft im Sektor der Printmedien definitiv das Ende der traditionellen Linotype-Zeilensetzmaschinenära. 1978 übernahm die Haas'sche Schriftgießerei Basel die Fonderie Olive Marseille und mit ihr u.a. die typographisch höchst reizvollen Mistral-Schriften von Roger Excoffon. Im Jahr 1979 wurde die amerikanische Muttergesellschaft nach finanziellen Turbulenzen von der Allied Chemical in Morristown, N.J., aufgefangen.

Mit der Einführung des Laser RIP »Linotronic 101« im Jahr 1983 wurde erstmals eine Stundenleistung von bis zu zwei Millionen Zeichen erreicht; die zum Jubiläum 1986 präsentierte Laser RIP »Linotronic 500« gewährleistete schließlich die Produktion von kompletten Tageszeitungen und Bildmagazinen auf höchstem drucktechnologischen Niveau. Im Jubiläumsjahr absorbierte die Mergenthaler-Linotype GmbH die D. Stempel AG inklusive Haas Basel (u.a. mit den kommerziell sehr erfolgreichen Helvetica- und Clarendon-Schriften von Miedinger und
Eidenbenz) und schloß einen wichtigen Kooperations- und Lizenzvertrag mit Adobe, ITC und Apple; gleichzeitig forcierte Linotype die Produktion von PostScript-Fontformaten. 1987 erwarb eine deutsche Bankengruppe das amerikanische Linotype-Stammunternehmen von der Allied Chemical und reorganisiert den Konzern als Linotype AG.

1990 schlossen sich Linotype AG und Hell GmbH (mit G. Unger und Hermann Zapf) zur Linotype-Hell AG zusammen. Vom 1. Mai 1997 bis 31. Oktober 2005 Umfirmierung in »Linotype Library GmbH«; ab 1. November 2005 in »Linotype GmbH«, welche bis zum Verkauf im August 2006 an die Monotype zum Firmenkonsortium der Heidelberg-Gruppe AG gehörte. Heute ist die »Linotype GmbH« ein Unternehmen der Monotype Imaging Inc.

[T] Linotype GmbH, Du-Pont-Straße 1, 61352 Bad Homburg, Deutschland,
linotype.com und monotypeimaging.com
[T] Im Gegensatz zu Ottmar Mergenthalers Linotype war die vom Amerikaner Tolbert Lanston 1897 konstruierte Monotype eine Einzelbuchstabensetzmaschine; eine separate Gießmaschine, die von einem über die Tastatur perforierbaren Lochband gesteuert wurde, goß einzelne Lettern, die zu ausgeschlossenen Zeilen zusammengestellt wurden; die Monotype wurde in erster Linie für komplizierte und anspruchsvollere typographische Arbeiten eingesetzt.
[L] Otto Höhne, Geschichte der Setzmaschinen, Leipzig 1925.
[L] Fritz Schröder, Ottmar Mergenthaler - Leben und Schaffen eines großen deutschen Erfinders im Ausland, Berlin 1941.
[L] Herbert Moll, Das Setzmaschinenbuch, Stuttgart 1960.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 07.11.2008
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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