Lesegrößen

Typo­gra­phi­sche Typi­fi­ka­ti­on für Schrift­gra­de von Text­schrif­ten mit oder ohne Seri­fen, die bei aus­rei­chen­der Lese­schär­fe (Mini­mum legi­bi­le) 1 ) beim Erfas­sen län­ge­rer Text­pas­sa­gen im Nah­be­reich erfah­rungs­ge­mäß als sinn­voll erach­tet wer­den, um damit die Les­bar­keit eines Schrift­sat­zes best­mög­li­ch zu gestal­ten. 

Die Zuord­nung von Schrift­gra­den in »Lese­grö­ßen« stammt aus der tra­di­tio­nel­len Buch- und Zei­tungs­ty­po­gra­phie und ist sys­tem­im­ma­nent. Emp­foh­le­ne Lese­grö­ßen besit­zen nur für spe­zi­fi­zier­te Schrift­trä­ger (z.B. Tisch­bü­cher) eine Aus­sa­ge­kraft, die auf ande­re Medi­en nicht über­trag­bar ist. 

Die Eva­lu­ie­rung von Schrift­gra­den gehört sowohl in die Makro­ty­po­gra­phie als auch in die Mikro­ty­po­gra­phie.

Cicero – Der Ursprung aller Lesegrößen

Bereits in der Pro­to­ty­po­gra­phie des 15. Jahr­hun­derts galt eine »Cice­ro« im Stil einer rund­bo­gi­gen Druck­schrift römi­schen Ursprungs mit Seri­fen mit einem ein­deu­tig defi­nier­ten Schrift­grad von rund 5 mm und einem fes­ten Grö­ßen­ver­hält­nis der Kegel zuein­an­der, als die idea­le Schrift für Bücher (sie­he Cice­ro). 

Ab dem spä­ten 18. Jahr­hun­dert – nach der Erfin­dung des »Point typo­gra­phi­que« durch Pier­re Simon Four­nier (1712–1768), François Ambroi­se Didot (1730–1804) und sei­nen Sohn Fir­min Didot (1764–1836) – beka­men im Hand- und Maschi­nen­schrift­satz alle gän­gi­gen »Kegel­grö­ßen« Eigen­na­men, soge­nann­ten »Mit­tel­na­men«, die sowohl für Gebro­che­ne Schrif­ten (z.B. Frak­tur) als auch für Anti­qua-Schrif­ten, Zier­s­chrif­ten und für Zier­rat gal­ten. In Anleh­nung an den »Cice­ro-Schnitt« der deut­schen Pro­to­ty­po­gra­phen Con­rad Sweyn­he­ym und Arnold Pann­artz (erwähnt 1464, † um 1478) wur­de Cice­ro im deutsch­spra­chi­gen Raum als Mit­tel­na­me für »die Lese­grö­ße« über­nom­men.

Im Zuge der Indus­tria­li­sie­rung und ins­be­son­de­re nach der suk­zes­si­ven Ein­füh­rung der Schul­pflicht, wel­che die Nach­fra­ge nach Büchern und Zei­tun­gen stark for­cier­te, wur­den im pro­spe­rie­ren­den Werk­satz im Zuge der Pro­duk­ti­ons­op­ti­mie­rung die­se »Mit­tel« in Kon­sul­ta­ti­ons­grö­ßen, Lese­grö­ßen und Schau­grö­ßen unter­teilt. Neben Cice­ro gal­ten nun auch Cor­pus, Gara­mond und Rhein­län­der als Lese­grö­ßen. 

In der Akzi­denz­ty­po­gra­phie und im Holz­let­tern­druck wur­de die­se Klas­si­fi­ka­ti­on noch zusätz­li­ch durch Pla­kat­grö­ßen und Fern­grö­ßen ergänzt.

Lesegrößen im Hand- und Maschinenschriftsatz

Mit­te des 20. Jahr­hun­derts wur­den die­se »Mit­tel« von füh­ren­den deut­schen Schrift­gie­ße­rei­en und Dru­cke­rei­en in einer »Mit­tel­ta­bel­le« doku­men­tiert, einer Umrech­nungs­ta­bel­le mit Schrift­gra­den in Didot-Punk­ten, basie­rend auf dem deut­schen Kon­kor­danz­sys­tem. 

In die­ser Mit­tel­ta­bel­le gal­ten ab Mitte/​Ende der 1940er Jah­re mit der Umstel­lung der Ver­kehrs­schrift von der Frak­tur auf die Anti­qua fort­an bei Werk­satz­schrif­ten fol­gen­de »Kegel­grö­ßen« als ver­bind­li­che Lese­grö­ßen:

10 Didot-Punkt (Mittelname: Korpus, Corpus oder Garamond)
11 Didot-Punkt (Mittelname: Rheinländer)
12 Didot-Punkt (Mittelname: Cicero)

Lesegrößen im Optomechanischen Schriftsatz

Mit der Eta­blie­rung des opto­me­cha­ni­schen Schrift­sat­zes (Foto­satz) ver­lor die Mit­tel­ta­bel­le an Ver­bind­lich­keit, da Schrift­gra­de nun stu­fen­los ska­lier­bar waren und sich die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen in der Druck­vor­stu­fe und im Druck voll­stän­dig ver­än­dert hat­ten. In Deutsch­land, Öster­reich und der deutsch­spra­chi­gen Schweiz wur­de die Auf­tei­lung in Kon­sul­ta­ti­ons­grö­ßen (fort­an 6–8 Didot-Punk­te), Lese­grö­ßen in fort­an

 9 Didot-Punkt = 3,38 mm 2 )
10 Didot-Punkt = 3,76 mm 
11 Didot-Punkt = 4,14 mm 
12 Didot-Punkt = 4,51 mm
13 Didot-Punkt = 4,89 mm 

und Schau­grö­ßen (fort­an 14–48 Didot-Punk­te) in etwas abge­än­der­ter Abstu­fung über­nom­men. 3 )

Schriftbildgrößenvergleich Bleisatz vs. Fotosatz

Schrift­grö­ßen gedruck­ter Schrift­bil­der wei­chen im Hoch-, Tief- und Flach­druck­ver­fah­ren und von Papier­sor­te zu Papier­sor­te mehr oder weni­ger stark von­ein­an­der ab. Bei­spiels­wei­se fällt das gedruck­te Schrift­bild einer 12 Didot-Punkt Druck­ty­pe im Hoch­druck grö­ßer aus, als das gedruck­te Schrift­bild einer 12 Didot-Punkt Foto­satz­ty­pe im Off­set­druck. Denn eine Druck­ty­pe, z.B. aus einer Blei-Zinn-Anti­mon-Legie­rung, wird buch­stäb­li­ch in das Papier »gepres­st«. Sil­hou­et­te (Quet­schrän­der) und Farb­weg­schlag­ver­hal­ten sind des­halb deut­li­ch aus­ge­präg­ter, als dies im Off­set­druck mög­li­ch wäre.

12 Didot-Punkt Drucktype ≅ 13 Didot-Punkt Fotosatztype

Die Lese­grö­ße einer 12 Didot-Punkt gro­ßen Druck­ty­pe auf unge­stri­che­nen Papie­ren ent­spricht in ihrem gedruck­ten Schrift­bild also ziem­li­ch gen­au der Lese­grö­ße einer gedruck­ten 13 Didot-Punkt gro­ßen Foto­satz­ty­pe. 4 )

Lesegrößen im DTP Desktop Publishing und Web 

Grund­sätz­li­ch ist fest­zu­stel­len, dass im Sin­ne der Metro­lo­gie und Typo­me­trie heu­te kei­ne ver­bind­li­chen und ein­heit­li­chen Bemes­sungs­grund­la­gen für die Bema­ßung von Druck­schrif­ten und Screen Fonts exis­tie­ren.

Heute existieren in der digitalen Typographie im Sinne der Metrologie und Typometrie keine verbindlichen Bemessungsgrundlagen mehr. Schriftgrade sind deshalb heute relativ. Ein Typometer ist nutzlos – das Auge und die Erfahrung eines Typographen/in ist um so wichtiger geworden. Vergleich einer Baskerville, Curier, DIN 30640 und Zapfino. Alle Schriften wurden in Adobe Photoshop® im Originalmaßstab (1:1) in 72 DTP-Punkt gesetzt. Wie an den Schriftlinien erkennbar ist, weichen sowohl die Majuskelhöhen als auch sämtliche Ober-, Mittel- und Unterlängen voneinander ab.
Heu­te exis­tie­ren in der digi­ta­len Typo­gra­phie im Sin­ne der Metro­lo­gie und Typo­me­trie kei­ne ver­bind­li­chen Bemes­sungs­grund­la­gen mehr. Schrift­gra­de sind des­halb heu­te rela­tiv. Ein Typo­me­ter ist nutz­los – das Auge und die Erfah­rung eines Typographen/​in ist um so wich­ti­ger gewor­den. Ver­gleich einer Bas­ker­vil­le, Curier, DIN 30640 und Zap­fi­no. Alle Schrif­ten wur­den in Ado­be Pho­to­shop® im Ori­gi­nal­maß­stab (1:1) in 72 DTP-Punkt gesetzt. Wie an den Schrift­li­ni­en erkenn­bar ist, wei­chen sowohl die Majus­kel­hö­hen als auch sämt­li­che Ober-, Mit­tel- und Unter­län­gen von­ein­an­der ab.

Neben unter­schied­li­chen phy­si­schen und vir­tu­el­len sowie abso­lu­ten und rela­ti­ven Maß­ein­hei­ten exis­tie­ren diver­se Metho­den zur Ermitt­lung von Schrift­gra­den, die von der Ver­ma­ßung der Majus­kel­hö­he (Ver­sal­hö­he) bis hin zur durch­schnitt­li­chen hp-Ver­ti­kal­hö­he mit und ohne »Flei­sch« eines Wor­tes rei­chen.

Des Wei­te­ren sind Schrif­ten in ihrem typo­me­tri­schen Auf­bau sehr unter­schied­li­ch, bei­spiels­wei­se mit gro­ßen Mit­tel­län­gen, mit fast gleich gro­ßen Ober­län­gen, Mit­tel­län­gen und Unter­län­gen, klei­nen Mit­tel­län­gen sowie gro­ßen und klei­nen Unter­län­gen.

Auch ein Lese­ab­stand von ∅ 40 cm als ein­zi­ge Bezugs­grö­ße, dürf­te in einer mul­ti­me­dia­len Welt nicht mehr aus­rei­chend sein. Denn unter­schied­li­che Schrift­trä­ger gene­rie­ren unter­schied­li­che Betrach­tungs­ge­wohn­hei­ten und Lese­ab­stän­de, bei­spiels­wei­se beim Lesen am Schreib­ti­sch (z.B. eines groß­for­ma­ti­ges Tisch­buch, Lese­ab­stand ca. 40–50 cm), beim Lesen im Sit­zen (z.B. einer Tages­zei­tung im Nor­di­schen For­mat, Lese­ab­stand ca. 35–50 cm), beim Lesen am Moni­tor (z.B. einer Web­site an einem MacBook mit einer Dia­go­na­le von 39,11 cm, Lese­ab­stand ca. 60–80 cm), beim Lesen im Ste­hen (z.B. einer App­si­te an einem iPho­ne mit einer Auf­lö­sung von 750 x 1334 Pixel, Lese­ab­stand ca. 18–30 cm) oder beim Lesen im Lie­gen (z.B. eines Hand­buchs, Lese­ab­stand ca. 30–40 cm).

Die ideale Lesegröße gibt es nur in der Buchtypographie

Die »Cice­ro« präg­te seit vie­len Jahr­hun­der­ten die Lese­ge­wohn­hei­ten der west­li­chen Welt am nach­hal­tigs­ten. Eine Fran­zö­si­sche Renais­sance Anti­qua oder eine Vor­klas­si­zis­ti­sche Anti­qua mit einem Schrift­grad vom 5 mm – gemes­sen an der hp-Ver­ti­kal­hö­he – gilt bis heu­te bei Hand­bü­chern, z.B. bei Taschen­bü­chern, als »die Lese­grö­ße« schlecht­hin, wes­halb die Mehr­heit aller Buch­ver­la­ge ihre Bücher noch immer in die­ser Schrift­grö­ße set­zen läßt.

Aller­dings ist es nicht mög­li­ch, die­se gesi­cher­te Erkennt­nis auf ande­re Schrift­un­ter­grup­pen (Schrift­ar­ten) oder gar ande­re Schrift­trä­ger zu über­tra­gen. Pau­scha­le Emp­feh­lun­gen à la »Der Fließ­text wird am bes­ten in Schrift­grö­ße 12 geschrie­ben« (Tipp für Micro­soft Word®), »Die Schrift­grö­ße soll­te 30 Punkt betra­gen« (Tipp für Micro­soft Power­Point®), »das Ide­al­maß bei Roma­nen liegt bei 13 Punkt« (Tipp für Taschen­bü­cher) oder »16 Pixel ist die idea­le Schrift­grö­ße für ange­neh­mes Lesen am Bild­schirm« (Tipp für Web­sites) sind gut gemeint, aber lei­der nicht sehr hilf­reich. 

Die tra­di­tio­nel­le Abstu­fung von Schrift­gra­den in Kon­sul­ta­ti­ons­grö­ßen, Lese­grö­ßen, Schau­grö­ßen und Fern­grö­ßen, egal ob am Bild­schirm oder auf Papier, muss heu­te prin­zi­pi­ell hin­ter­fragt wer­den, da sie auf­grund der baby­lo­ni­schen Schrift­viel­falt, unter­schied­li­cher Schrift­trä­ger und Lese­ab­stän­de sowie ver­schie­den­ar­ti­ger Betrach­tungs- und Lese­ge­wohn­hei­ten ihre All­ge­mein­gül­tig­keit ver­lo­ren hat.

Heu­te muss jede Schrift, jede Schrift­stil­va­ri­an­te und jeder Schrift­schnitt auf jedem Schrift­trä­ger indi­vi­du­ell hin­sicht­li­ch sei­ner Lese­grö­ßen beur­teilt wer­den. Alles umfas­sen­de Regeln, wie sie noch bis zum Ende des Foto­sat­zes gebräuch­li­ch waren, sind nicht mehr up to date. Das Auge und der Erfah­rungs­schatz eines Typographen/​in ist des­halb heu­te wich­ti­ger denn je.

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmer­kung: Die »Lese­schär­fe« wird in der Augen­me­di­zin und in der Augen­op­tik als »Mini­mum legi­bi­le« bezeich­net. Sie unter­schei­det sich von ande­ren Seh­schär­fen (z.B. Mini­mum sepa­ra­bi­le) durch Mit­ein­be­zie­hens kon­di­tio­nier­ter For­men von Opto­ty­pen als Wort­bil­der (sie­he Fixa­tio­nen). Daher ist ihr Wert in der Regel auch höher als der Wert ande­rer Seh­schär­fen­ar­ten. Denn hier wer­den Wort­bil­der nicht nur erkannt, son­dern auch im Rah­men von kogni­ti­ven Kom­pen­sa­ti­ons­pro­zes­sen ein­ge­ord­net. Ob ein Rezi­pi­ent über eine aus­rei­chen­de Lese­schär­fe – egal ob mit oder ohne Bril­le – ver­fügt, kann mit­tels unter­schied­li­cher Unter­su­chung und Metho­den (z.B. Seh­test) bestimmt wer­den.
2.Anmerkung: Bemessungsgrundlage: 1 Didot-Punkt = 0,376 mm
3.Quel­le und Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Boss­hard, Hans Rudolf: Tech­ni­sche Grund­la­gen zur Satz­her­stel­lung, Bil­dungs­ver­band Schwei­zer Typo­gra­fen, Bern, 1980, ISBN: 3855840105 und 3−85584−010−5, Sei­te 145 und 146.
4.Anmer­kung: Ein Pro­blem in der gegen­wär­ti­gen Inter­pre­ta­ti­on alter Schrif­ten ist, dass Schriftgestalter/​innen zwar sich an alten Schrift­stem­peln aus den Muse­en ori­en­tie­ren, jedoch nicht berück­sich­ti­gen, dass die Typo­me­trie die­ser Stem­pel auf das dama­li­ge Papier und die Druck­tech­nik abge­stimmt wur­de. Bei­spiels­wei­se beur­teil­te der Typo­gra­ph Giam­bat­ti­s­ta Bodo­ni (1740–1813) sei­ne Schrif­ten aus­schließ­li­ch nach dem gedruck­ten Schrift­bild. Er schnitt sei­ne Schrif­ten so, dass sie erst in Ver­bin­dung mit »sei­nen« spe­zi­el­len Far­ben und auf »sei­nem« spe­zi­el­len (blau­en) Papier zu ihren wah­ren For­men und Grö­ßen fan­den. Die »dün­nen« Seri­fen sei­ner klas­si­zis­ti­schen Schrift­schnit­te ver­dick­ten sich näm­li­ch, sobald sie auf dem Papier stan­den. Zum einen durch den Druck­pro­zess selbst, also das Ein­drin­gen der Type in das Mate­ri­al, dann durch die Eigen­schaf­ten des Papiers und durch das Weg­schlag­ver­hal­ten der Far­be. Des­halb sieht auch eine gedruck­te Vene­zia­ni­sche Renais­sance Anti­qua heu­te völ­lig anders aus, als dies im 16. Jahr­hun­dert der Fall war.