Typolexikon.de : Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin.
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Mediävalziffern

Typographischer Terminus für indo-arabischen Ziffern mit variierenden Oberlängen und Unterlängen im Vierliniensystem (Schriftlinien). Auch als Minuskelziffern, Gemeine Ziffern, Charakterziffern oder Nautische Ziffern bezeichnet. Etymologisch von »mediaeval« für »mittelalterlich« zu lat. »medius« für »mittlere«, »aevum« für »Zeitalter« und arabisch »as-sifr«, mittellateinisch »cifra« oder »cephirum«, spätmittelhochdeutsch »zif(f)er« für Ziffer. Mediävalziffern sind in Westeueropa die älteste Form der Arabischen Ziffern. Im 19. Jahrhundert wurden aus den Mediävalziffern die Tabellenziffern im Zweiliniensystem entwickelt.

Bis zum Ende des materiellen Schriftsatzes (Bleisatz) unterschied man in der Antiqua-Typographie die Termini »Mediävalziffer« für die »älteren Ziffern« aus Renaissance-Antiquas sowie Vorklassizistischen Antiquas und »Französische Ziffern« für Ziffern aus Klassizistischen Antiquas. Diese Differenzierung wurde laut dem Typographen Paul Renner (1878–1956) [1] von der deutschen Typographie aus England übernommen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts verstand man in Deutschland (siehe auch Fraktur) unter dem Begriff »Mediaeval« ausschließlich Schriften gotischen Ursprungs, beispielsweise eine Textura.

[1] Paul Renner: Die Kunst der Typographie, Verlag Frenzel & Engelbrecher, Berlin 1940, Seite 256.
[T] Mediävalziffern fügen sich aufgrund ihrer Ober- und Unterlängen harmonischer als Tabellenziffern in Fließtexte ein. Sie sind auch innerhalb einer geschlossenen Schriftsatzarbeit besser und somit schneller lesbar.
[T] Seit dem fotomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) sind Mediävalziffern in der Regel nur noch im Figurenverzeichnis der Kapitälchen oder in separaten Schriftstildateien von Expertensätzen zu finden. Im normalen Schriftstil sind heute in der Regel nur noch Tabellenziffern.
[T] Mediävalziffern, beispielsweise in einem Buch (Roman) oder einem Geschäftsbericht, sind ein Qualitätsmerkmal einer Schriftsatzarbeit.
[T] In Bilanzen, GuV-Tabellen sowie anderen Tabellen sind Mediävalziffern – abgesehen von den Zwischensummen – ungeeignet, da sie zu unruhig laufen und für das Auge keine optische Grundlinie bilden. Sie sind deshalb innerhalb von Zahlenreihen und -spalten schlecht lesbar. Dafür sind Tabellenziffern besser geeignet.
[T] In Fließtexten sollten Mediävalziffern zur besseren Lesbarkeit leicht gesperrt werden.
[T] Sind Mediävalziffern nicht im normalen Schriftstil vorhanden, könnten diese problemlos mit der »Such- und Ändern-Funktion« des Schriftsatzprogramms (z.B. bei QuarXpress ® oder Indesign ®) automatisch aus einem anderen Schriftstil, beispielsweise aus dem Figurenverzeichnis der Kapitälchen, eingemischt werden.
[T] Auch Bruchziffern unterscheidet man zwischen Mediäval- und Tabellenbruchziffern. Ihre Form sollte immer mit der im Fließtext verwendeten Zifferform synchronisiert werden.
[L] Karl Menninger: Zahlwort und Ziffer. Eine Kulturgeschichte der Zahl. Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1979.
[L] Florian Cajori: A History of Mathematical Notations. Dover Publ., New York 1993.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 08.11.2008
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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