Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Mikrotypographie

Detailtypographie


Segment der angewandten Typographie, auch als Detailtypographie bezeichnet. Im Gegensatz zur Makrotypographie beschreibt die Mikrotypographie die Schrift und ihre Anwendung selbst. Mikrotypographie umfasst sowohl die Typometrie von Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen, als auch deren ins Detail gehende Anwendung im Schriftsatz.

Etymologisch rührt das Präfix »Mikro-« für »sehr klein« vom altgriechischen »mikrós« für »klein, gering, fein« her und »Typo-« vom altgriechischen »typos«, das eigentlich »Schlag, Stoß«, später auch »Eindruck, Muster, Bild« bedeutet, analog zu »typtein« für »schlagen, hauen«, als Ursprung für das lateinische »typus«, das dann »Figur, Bild, Muster« meint das Wort »-graphie« entspricht dem altgriechischen »-graphia« für das »Schreiben, Darstellen, Beschreiben« zu altgriechisch »graphein« für »ritzen, schreiben«.

Mikrotypographische Schriftsatzarbeiten setzen sowohl produktionsfähige Fonts als auch einen in sich schlüssigen und fertigen makrotypographischen Entwurf im Rahmen eines Zwischenlayouts
voraus.

Zur Mikrotypographie gehören die Evaluierung, Wahl, Feinabstimmung, Korrektur und Kalibrierung nachfolgender Parameter (alphabetisch zugeordnet):


KOLUMNE UND UMBRUCH

Absatzmethode
Durchschuß
Optischer Randausgleich
Registerhaltigkeit des Gestaltungsrasters bzw. Satzspiegels
Satzbreite(n)
Satzkantenausgleich
Schriftsatzart(en)
Silbentrennung
Waisenkinder
Witwen
Zeilenabstand (ZAB)

KORRELATIONEN

Exponentenzeichen
Fußnoten
Fußnotenzeichen
Kolumnentitel
Konsultation
Konsultationszeichen
Legenden
Marginalien
Paginas


SCHRIFT UND FIGURENZEICHNIS

Alineas
Anführungszeichen
Apostrophen
Glyphen
Grund- und Auszeichnungsschriften [1][2][3]
Hoch- und Tiefstellungen
Horizontalstriche (Divis, Gedankenstrich, von/bis)
Initialen
Leeraumzeichen
Ligaturen
Pagina- und Gliederungszeichen
Parenthesen und Akkoladen
Schriftauszeichnungsredundanzen
Satzzeichen
Sonderzeichen

WORT UND ZEILE

Ausmittelungen
Laufweiten
Normalschriftweiten (NSW)
Optischer Schriftweitenausgleich (Spationierungen und Unterschneidungen)
Schriftgrade [4]
Vor- und Nachbreiten von Satzzeichen
Wort- und Wortabstandkerning
Wortzwischenräume
Zurichtung der Schrift

ZIFFERN

Gliederung von Wert-, Gewichts-, Maß- und Telekommunikationsangaben
Zahlenweitenausgleich
Zifferndickten (Proportionalziffern, Tabellenziffern)
Zifferngrade
Ziffernwahl (Mediävalziffern, Majuskelziffern)

[1] In Makrotypographie erfolgt die Schriftwahl auf den Schriftklassifikationsebenen der Haupt-, Unter- und Nebengruppen. Im folgenden Beispiel eine feine, edel anmutende Schrift mit feinen Serifen, eine kursive Klassizistische Antiqua im Stil einer Bodoni:

SCHRIFTGATTUNG [HAUPTGRUPPE]: Antiqua
SCHRIFTART [UNTERGRUPPE]: Klassizistische Antiqua
NEBENGRUPPE: Bodoni-Varianten
SCHRIFTSTIL [SCHRIFTSCHNITT]: Kursiv

In der Mikrotypographie entscheidet man sich dann für eine bestimmte Bodoni:
FONT: Bauer Bodoni ®
FOUNDRY: Linotype Library ®, 1996
TYPE DESIGNER: Giambattista Bodoni (1790), Jost, Heinrich und Höll, Lois (1926/1927)
FIGURENVERZEICHNIS: Mitteleuropa (nach ISO), Mac
TECHNOLOGIE: PostScript Type 1 für Mac

[2] Schrift ist nicht gleich Schrift, auch wenn Schriften auf den ersten Blick ähnlich aussehen können oder vordergründig sogar den gleichen Namen tragen. Beispielsweise gibt es heute Duzende von Bodonis in den unterschiedlichsten Formen, Lagen, Stärken, Figurenverzeichnissen, Technologien, die auch noch völlig unterschiedlich auf Produktionsverfahren, Farben sowie Trägermaterialien reagieren und auch unterschiedliche Lauf- und Umbruchverhalten (Lesbarkeit) aufweisen.
[3] Ausgehend von der Grundschrift werden sämtliche Auszeichnungschriften, also alle gewählten Schriftgattungen, Schriftarten und Schriftstile kalibriert. U.a. die Dickten, Vor- und Nachbreiten, Punzen, Schriftstärken, Schriftbreiten, Schriftlagen (Schriftstil), Unterlängen, Mittellängen, Oberlängen, Schrifthöhen (Schriftlinien), Schriftgraden und Laufweiten.
[4] Im Segment der Makrotypographie wird der Schriftgrad relativ festgelegt. Z.B. eine Bodoni in 10 Punkt. Erst in der Mikrotypographie wird dann – nachdem ein konkreter Font gewählt wurde, der Schriftgrad exakt fixiert, also beispielsweise eine Bauer Bodoni von Linotype in 10,5 Pica Point. Ebenso werden sämtliche Auszeichnungsschriften, welche in der Schriftmatrix dokumentiert wurden, auf Basis der Grundschrift kalibriert.
[T] Natürlich gehen Makro- und Mikrotypographie Hand in Hand. Je mehr Wissen und Übung ein/e Typograph/in hat, desto mehr verschmelzen die Arbeitschritte beider Segmente ineinander.
[T] Die mikrotypographische Qualität optimiert deutlich die Lesbarkeit einer Schriftsatzarbeit. Sie beeinflusst auch wesentlich deren Glaubhaftigkeit, Anmutung, Inszenierung und Funktion.
[T] Mikrotypographisches Wissen ist eine der Grundvoraussetzungen für die Königsdisziplin Schriftmischung.
[T] Mikrotypographisches Wissen ist nicht nur im Segment der Lesetypographie sinnvoll, sondern auch in allen anderen typographischen Teildisziplinen.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 03.01.2014
von Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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