Mendell, Pierre

US-amerikanischer Grafikdesigner und Plakatgestalter. Geboren am 17.11.1929 in Essen in Nordrhein-Westfalen. Gestorben am 19.12.2008 in München in Bayern. Pierre Mendell zählt im Segment des Grafikdesigns zu den wichtigen Plakatkünstlern in Deutschland. Überregional bekannt wurde er insbesondere durch seine Plakate für die Neue Sammlung, einem staatlichen Museum für angewandte Kunst in München, und für die Bayerische Staatsoper. Von 1961 bis 2000 führte er zusammen mit Klaus Oberer (*1937) 1 ) in München das »Graphic Design Studio Mendell & Oberer«.

Pierre Mendell, US-amerikanischer Grafikdesigner und Plakatgestalter. Geboren am 17.11.1929 in Essen in Nordrhein-Westfalen. Gestorben am 19.12.2008 in München in Bayern. Foto: Auftragsarbeit von Pierre Mendell zur Veröffentlichung u.a. durch Wolfgang Beinert von ihm persönlich freigegeben. Fotograf und Jahr unbekannt. Die Fotografie könnte um das Jahr 2000 entstanden sein.
Pierre Mendell, US-amerikanischer Grafikdesigner und Plakatgestalter. Geboren am 17.11.1929 in Essen in Nordrhein-Westfalen. Gestorben am 19.12.2008 in München in Bayern. Foto: Auftragsarbeit von Pierre Mendell zur Veröffentlichung u.a. durch Wolfgang Beinert von ihm persönlich freigegeben. Fotograf und Jahr unbekannt. Die Fotografie könnte um das Jahr 2000 entstanden sein.

Einige seiner Plakate für die Neue Sammlung und die Bayerische Staatsoper fanden weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Beachtung. Neben der Plakatgestaltung arbeitete Pierre Mendell auch in den Disziplinen Corporate Design sowie Buch- und Verpackungsgestaltung. Seine grafischen Arbeiten, die bis Ende 1999 zusammen mit seinem Kompagnon Klaus Oberer entstanden, wurden im Zeitraum von 1971 bis 2002 rund ein Dutzend Mal international ausgezeichnet, u.a. mit der Goldmedaille des Art Directors Club New York. 1993 erhielt er den Designpreis der Landeshauptstadt München. 2 )

Über seine frühen Jahre war bisher wenig bekannt. Mendell galt diesbezüglich als sehr verschlossen. »Er hat niemals über seine Kindheit oder Jugend gesprochen (…) er war da immer äußerst zurückhaltend (…) obwohl ich ihn schon – ich glaub seit Anfang oder Mitte der 80iger Jahre – gut kannte (…) von der AGI her (…) aber er hat eigentlich nie über sich privat erzählt (…) vielleicht war da was? …«, so Kurt Weidemann (1922–2011) im Jahre 2009. 3 ) 

Seine Kindheit und Jugend waren geprägt durch die Flucht vor dem Naziregime. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 – und der einhergehenden Judenverfolgung – flüchten »Wolfgang Mendell« und seine Eltern 1934 in die neutralen Niederlande. Zu Beginn der deutschen Besetzung der Niederlande (1939–1945) fliehen sie dann weiter zu Fuß nach Paris (Frankreich), wo sie bis zum Einmarsch der deutschen Truppen bis 1940 leben. Wolfgang Mendell geht dort zu Schule. Da die Franzosen Probleme mit der Aussprache seines deutschen Vornamens »Wolfgang« hatten, änderte er diesen in »Pierre«. Auf der Flucht vor Nazi-Deutschland und ihren Kollaborateuren flüchten die Mendells vor Beginn des Einmarsches der Deutschen aus Paris in die Hafenstadt Marseille (Provence-Alpes-Côte d’Azur, Südfrankreich), wo sie ursprünglich per Schiff in die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) exilieren wollten. Dies erwies sich jedoch aufgrund ihrer Staatenlosigkeit als unmöglich – denn Juden galten für das nationalsozialistische Deutschland – und somit auch im besetzte Frankreich – als staatenlos. 

In Marseille konnte sich Mendells Mutter nur knapp einer Verhaftung durch französische Häscher des nationalsozialistischen Deutschlands entziehen, indem sie im Winter, mit nur einem Nachthemd bekleidet, aus dem Fenster sprang. Mendell wurde bei dieser Aktion von französischen Kollaborateuren festgehalten, wobei er sich aber losreißen und entfliehen konnte.

Erst nach der Befreiung von Marseille durch amerikanische Truppen findet sich eine Gelegenheit für Pierre Mendell und seine Mutter, mit einem Passagierschiff in die USA zu emigrieren. »Als der Krieg zu Ende war, schifften wir nach Amerika ein«, so Pierre Mendell 2007 zu Wolfgang Beinert. Sein Vater kehrt zeitgleich ins Elsass (Région Alsace, Frankreich), später dann nach Essen zurück.

In den USA angekommen, leben Mendell und seine Mutter an der Pazifikküste in Big Sur im US-Bundesstaat Kalifornien (USA). Sie finden dort Aufnahme bei einer Gastfamilie, bei der Mendells Mutter auch als Köchin arbeitet. Pierre Mendell wird von dieser Familie fast wie ein Sohn aufgenommen und gefördert. Zum Freundeskreis dieser Familie zählen Intellektuelle und Künstler, u.a. der Schriftsteller Henry Miller (1891–1980). Mendell kommt dadurch erstmals mit Kunst und Kultur in Berührung. Seine Mutter zieht es allerdings nach kurzer Zeit wieder nach Europa ins Elsass zurück. Pierre Mendell bleibt alleine in den USA und besucht dort eine Schule, vermutlich ein College.

Mit Hilfe seiner Gastfamilie erhält er 1947 die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten von Amerika (USA), da ihm die deutsche Staatsangehörigkeit von den Nationalsozialisten aus rassistischen Gründen entzogen wurde. Demonstrativ lehnte Mendell deshalb bis zu seinem Tode die durch das deutsche Grundgesetz verbriefte Option einer Wiedereinsetzung der deutschen Staatsangehörigkeit (Art. 116) ab. »Er war immer stolz darauf, US-Bürger zu sein (…) außer zur Zeiten George W. Bushs (…) er verlängerte jedes Mal pünktlich seine deutsche Aufenthaltsgenehmigung«, so Annette Kröger, Assistentin von Pierre Mendell. 4 )

1953 kehrt Pierre Mendell im Alter von 24 Jahren als Soldat der United States Army im Range eines »Private First Class« nach Deutschland zurück, wo er bis zum Ende seiner Wehrpflicht in der Nähe von Wiesbaden (Hessen) als Dolmetscher eingesetzt wird. Nach der Entlassung aus der US-Army findet er Arbeit bei einem Onkel, der im Elsass (Région Alsace) in der Nähe von Basel (Schweiz) ein Textilgeschäft betreibt und für den schon sein Vater als Handelsvertreter arbeitete. Die Tätigkeit sagt Mendell allerdings langfristig nicht zu. Er möchte kreativ tätig sein und Gebrauchsgrafiker werden. Er bemüht sich deshalb mittels seiner US-Kontakte um eine Ausbildung in der Schweiz.

1958 beginnt er im Alter von 30 Jahren eine Ausbildung an der »Allgemeinen Gewerbeschule Basel« – heute »Schule für Gestaltung Basel« – in der Grafikfachklasse des schweizer Gebrauchsgrafikers und Lithografen Armin Hofmann (*1920). Hofmann nimmt Mendell wegen seines höheren Alters ein Jahr früher in seine Fachklasse auf.

Aufgrund einer Anfrage des Gebrauchsgrafikers Klaus Oberer und einer daraus resultierenden Empfehlung von Armin Hofmann, erhält Pierre Mendell in München bei dem renommierten Werbegrafiker und Plakatgestalter Pavel Michael Engelmann (1928–1966) einen Ferienjob, wo er seinen späteren Kompagnon näher kennen lernt. 5 ) Oberer besuchte von 1955 bis 1959 ebenfalls die Grafikfachklasse von Armin Hofmann und ist von 1959 bis 1961 für Engelmann als ständiger freiberuflicher Mitarbeiter tätig.

Nach den Sommerferien kehrt Mendell nach Basel zurück. Im Studio von Engelmann herrschen unterdessen angespannte Verhältnisse: Engelmann ist oft im In- und Ausland unterwegs, die Aufträge häufen sich und Klaus Oberer kann als alleiniger Mitarbeiter diese nur schwerlich abarbeiten. Oberer nimmt deshalb Kontakt zu Mendell auf, um ihn zu überreden, wieder nach München zu kommen. In Rücksprache mit Hofmann, der auch mit Engelmann befreundet ist, bricht Mendell seine Ausbildung in Basel ab und zieht nach München, um zusammen mit Oberer für Engelmann zu arbeiten.

Im Atelier von Engelmann in der Münchner Uhlandstraße (Nähe Theresienwiesen) arbeiten Oberer und Mendell nahezu rund um die Uhr die Kundenaufträge ab, beispielsweise Anzeigen für Bols (Getränke) und Parke-Davis (Pharma). »Ich arbeitete damals für 400,- Mark im Monat rund um die Uhr, meist auch an den Wochenenden (…) der Mendell dann auch«, so Klaus Oberer. 6 )

Dabei freunden sich die beiden an; der Beginn einer symbiotischen Freundschaft, die rund 40 Jahre lang halten wird. Um den chaotischen Arbeitsbedingungen bei Engelmann zu entfliehen, entschließen Oberer und Mendell gemeinsam, dort aufzuhören und in Paris ein gemeinsames Grafikdesignstudio zu eröffnen. Kurz bevor die beiden ihren Plan allerdings in die Tat umsetzen können, verschwindet 1961 Engelmann spurlos aus seinem Atelier und kommt nicht wieder. Nach einer anfänglich großer Ratlosigkeit entscheiden Oberer und Mendell in Absprache mit Engelmanns Kunden und dem Wohnungsvermieter, das Atelier vorerst weiterzuführen. Sie firmieren fortan unter »Graphic Design Studio Mendell & Oberer«. Nach fast einem Jahr taucht Engelmann plötzlich wieder auf und fordert »sein Atelier und seine Kunden« zurück. Mendell, Oberer, Engelmann und die Auftraggeber verständigen sich. Etwa die Hälfte der Kunden bleibt bei Engelmann, die anderen Hälfte möchte mit Mendell & Oberer zusammenarbeiten.

1962 ziehen Mendell & Oberer mit ihren »neuen alten Kunden« in München aus der Uhlandstraße in ein Büro in der Ottostraße (Nähe Karlsplatz/Stachus) um. Die Arbeitsteilung der beiden sieht vor, dass Mendell sich um »außen« und Oberer sich um »innen« kümmert. Mendell ist fortan für die Außenwirkung des Studios (Öffentlichkeitsarbeit) und den Kontakt zu den Kunden verantwortlich, Oberer für das operative Geschäft, die Implementierung der Entwürfe, die Fotografie und die Produktion. Alle grafischen Arbeiten werden mehr oder weniger gemeinsam gestaltet und besprochen.

In den 1960er Jahren entstehen die ersten grafischen Arbeiten unter eigenem Namen, z.B. für das Internationale Design Zentrum Berlin (Signet, 1967), die Galerie Heiner Friedrich in München (Ausstellungsplakate Blinky Palermo und Gerhard Richter, 1967), das Gewerbemuseum Basel (Plakat für eine Austellung von Alumni der Kunstgewerbeschule Basel, 1967), Capsugel AG (Fachanzeigen, 1967) und Parke-Davis Pharmaceutical München (Fachanzeigen, 1962–1965).

1965 ziehen Mendell & Oberer von der Ottostraße in die Widenmayerstraße 12 (Lehel), in eine klassische Altbauwohnung aus der Gründerzeit. Zuerst in das Hochparterre, einige Jahre später dann in den ersten Stock. Pierre Mendell zog Jahre später auch privat in das gleiche Haus. Er wohnte zuert in den hinteren Räumen des Ateliers im 1. Stock, dann zog er privat in eine Wohnung in der dritten Etage. Ab 1965 arbeiten sie gelegentlich auch für Willy Fleckhaus (1925–1983), den Artdirector des Magazins »twen«, einem jungen und polarisierenden Lifstyle-Magazin, dessen Redaktionsräume sich ebenfalls in der Widenmayerstraße befanden. 7 )

1970 tritt Mendell auf Anraten von Oberer in den Werkbund ein und lernt dabei Hans Wichmann (*1905), den Leiter des Deutscher Werkbunds Bayern kennen. Wichmann wird zu einem wichtigen Förderer und PR-Multiplikator des Grafikdesignstudios Mendell & Oberer. 8 ) In den 1970er Jahren gestalten Mendell & Oberer u.a. für Capsugel AG (Signet, 1974), Europalia (Deutsch-Belgischer Kulturaustausch und Festival, 1976), Schlagheck & Schultes Design (Anzeige, 1979), Alois Dallmayr (Signet und Verpackungen, Entstehungsjahr unbekannt) und eine Edelstahlplastik in Ottobrunn (1974). Anfang der 1970er Jahre erhält Mendell & Oberer erstmals eine Auszeichnung, eine Goldmedaille des Art Directors Clubs Deutschland, dessen Präsident 1972 Willy Fleckhaus wird.

1980 wird Hans Wichmann leitender Sammlungsdirektor der Neuen Sammlung in München. Er bietet Pierre Mendell und Klaus Oberer die einmalige Chance, sämtliche Ausstellungsplakate, Einladungen und Buchumschläge zu gestalten. Die Neue Sammlung entwickelt sich fortan zum prestigeträchtigen Auftraggeber, der insbesondere im öffentlichen Raum und von anderen öffentlichen Einrichtungen und grafischen Sammlungen, z.B. vom Museum of Modern Art in New York, wahrgenommen wird.

Daneben arbeiten Mendell & Oberer in den 1980er Jahren für Agfa Gevaert (Plakat zur Produkteinführung einer Filmkamera, 1980), Bayerische Staatsgemäldesammlungen (Plakat zur Eröffnung der Neuen Pinakothek, 1981) Marker Skibindungen (Plakat zur Einführung einer neuen Skibindung, 1981), Harry´s (Tragetasche für ein Modegeschäft, 1981), Libero Kinder-Sportschuhe (Signet, 1981), Fischer Verlag (Umschläge Fischer Wissenschaft, 1981), Videon Videotheken (CD und Plakate, 1981) Kindler Verlag (Schutzumschlag, 1982), IBM (Umschlag für eine Broschüre zum 50-jährigen Jubiläum, 1984), Kieler Woche (Plakat für die Segelregatta, 1985), Angela Grashoff (Tragetaschen für ein Modegeschäft, 1985) und Keller & Kalmbach (Verpackung für Schrauben, 1985), Modehaus Lange (Signet 1985), Oldenbourg Verlag (Umschläge, 1986), designfunktion (Plakat, 1987), CityGolf (Schriftzug, 1986) und Siemens (Redesign Corporate Logo, 1989).

1984 erscheint das Portfolio »Graphic Design: Mendell & Oberer«, eine Begleitpublikation zu einer publikumswirksamen monographischen Ausstellung in der Neuen Sammlung in München, die von Hans Wichmann initiiert und gefördert wird. Mitte der 80iger Jahre tritt Mendell in die Alliance Graphique Internationale (AGI) ein, einer international agierenden Vereinigung von Grafikdesignern, die 1951 in der Schweiz gegründet wurde und bei der auch Mendells ehemaliger Lehrer Armin Hofmann Mitglied ist. Zuvor war Mendell Mitglied im Bund deutscher Grafikdesigner (BDG) und in der Typographischen Gesellschaft München (TGM), die er aber beide vor Eintritt in die AGI verlässt. 9 ) Ab 1987 bis 1996 unterrichtet Mendell an der Sommerakademie der Yale University in Brissago in der Schweiz, deren Leiter nun sein ehemaliger Lehrer Armin Hofmann ist und die 1977 vom US-amerikanischen Grafikdesigner Paul Rand (1914–1996) initiiert wurde. Ende der 1980er Jahre vermittelt Mendell eine Ausstellung mit grafischen Arbeiten von Armin Hofmann an die Neue Sammlung in München (27.10.1989 bis 14.1.1990), für die er 1989 auch das Plakat gestaltet.

1990 wird Florian Hufnagl (*1948) leitender Sammlungsdirektor der Neuen Sammlung in München. Hufnagl war bereits unter Hans Wichmann Kurator. 10 ) Er ist somit bestens mit der Arbeitsweise von Mendell & Oberer vertraut. Hufnagel setzt die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Mendell & Oberer fort, welche erst mit Mendells Tod 2008 enden wird. 11 ) 

Plakat »Vor Gott sind alle Menschen gleich«, eine Initiative von Pierre Mendell (Entwurf: Pierre Mendell, 1995) und Plakat »Japanische Plakate« für die Neue Sammlung München (Mendell & Oberer, Entwurf: Pierre Mendell, Foto: Klaus Oberer, 1988).
Plakat »Vor Gott sind alle Menschen gleich«, eine Initiative von Pierre Mendell (Entwurf: Pierre Mendell, 1995) und Plakat »Japanische Plakate« für die Neue Sammlung München (Mendell & Oberer, Entwurf: Pierre Mendell, Foto: Klaus Oberer, 1988).

Mendell & Oberer gestalteten von 1980 bis 2000 – bzw. Mendell alleine bis 2008 – mehrheitlich die Plakate für die Neue Sammlung in München, welche auch in die permanente Sammlung des Museums aufgenommen wurden. Das letzte Plakat entstand mit seiner Assistentin Annette Kröger und erschien im Zuge einer Franco Clivio Ausstellung im Februar 2009. 12 )

1993 beauftragt Sir Peter Jonas (*1946), Staatsintendant der Bayerischen Staatsoper in München, Mendell & Oberer, die Plakate für die Bayerische Staatsoper zu gestalten. Eine Zusammenarbeit, die während der gesamten Staatsintendanz von Sir Peter Jonas von 1993 bis 2006 bestehen wird. 13 ) 14 ) 

Ende 1995 wird Susanne May (*1959) Programmdirektorin der Münchner Volkshochschule (MVHS). Beeindruckt von den grafischen Arbeiten für die Bayerische Staatsoper beauftragt sie Mendell & Oberer mit der Überarbeitung des visuellen Erscheinungsbildes, welches 1996 zum einhundertjährigen Jubiläum der MVHS implementiert wird. Ab Ende 1998 bis 2008 gestaltet Mendell unterschiedliche Plakatserien für die MVHS. 15 ) Des Weiteren arbeiten Mendell & Oberer in den 1990er Jahren u.a. für Siemens, Vitra (Corporate Logo, Broschüre, 1994) und das Münchner Stadtmuseum (Plakat, 1995).

1999 erhält Mendell von der britischen Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures & Commerce (RSA) in London die Auszeichnung »Honorary Royal Designer for Industry of the Royal Society of Arts«, eine Würdigung der RSA für ausländische Designer.

Im Januar 2000 trennen sich nach 39 Jahren erfolgreicher Partnerschaft Pierre Mendell und Klaus Oberer. Die beiden vereinbaren, dass Mendell das Studio in der Widenmayerstraße in München behält, wobei dieses nun unter »Mendell Graphic Design« firmiert. Oberer zieht in die Schweiz in den Kanton Tessin und nimmt eine Beratertätigkeit bei der designafairs GmbH an, einer Designagentur ihres langjährigen Kunden Siemens. 16 )

2002 verdichten sich die Anzeichen, dass Mendell unter »Amyotrophe Lateralsklerose« leidet, einer degenerativen Krankheit des motorischen Nervensystems. Am 16. Mai 2002 hält Mendell in München im Atelier des Grafikdesigners Wolfgang Beinert seinen letzten öffentlichen Vortrag vor Studenten und Kollegen. 17 ) Ein paar Wochen später trifft er in einer Züricher Galerie ein letztes Mal Klaus Oberer. Mendell ist bereits von der Krankheit gezeichnet; er trägt seinen Arm in einer Binde, weil er die ersten Lähmungserscheinungen hat. Die Krankheit nimmt ab 2003 spürbar ihren Lauf. Mendell zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er ist fortan auf die Hilfe von Freunden angewiesen.

Annette Kröger, die seit 1997 als Grafikdesignerin bei Mendell & Oberer arbeitet, übernimmt sukzessive die operativen und repräsentativen Aufgaben des Studios. Vom 5. April bis 5. Juni 2008 findet in der Aspekte Galerie der Münchner Volkshochschule die Ausstellung »Pierre Mendell – Plakate für die Bildung« statt. »(…) leider konnte er selbst nicht anwesend sein, er wurde von seiner langjährigen Assistentin, Frau Kröger, vertreten. (…) er hat sich aber die Lagepläne schicken lassen, hat bestimmt wo welches Plakat gehängt wurde, wie plaziert und welche Auswahl getroffen werden sollte (…) das Booklet wurde auch von ihm bzw. Frau Kröger gestaltet (…)«, so Susanne Lößl. 18 )

Am 19. Dezember 2008 stirbt Pierre Mendell infolge seiner langen Krankheit in einer Münchner Klinik.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmerkung: Viele Informationen in dieser Kurzbiographie von Wolfgang Beinert zu Pierre Mendells Kindheit und Jugend basieren auf Erzählungen seines langjährigen Freundes und ehemaligen Kompagnons Klaus Oberer (* 1937 in Basel). Oberer lebt heute in Worpswede in Niedersachsen. Quelle: Klaus Oberer in Gesprächen mit Wolfgang Beinert am 27. und 28. Januar 2009.
2.Quellen: Website von Pierre Mendell, www.mendell-design.de, besucht am 29.1.2009 und Website der Lhst. München, www.muenchen.de, besucht am 29.1.2009.
3.Quelle: Prof. Dr. hc. Kurt Weidemann (1922–2011) in einem Gespräch mit Wolfgang Beinert am 27.1.2009 in München.
4.Quelle: Annette Kröger, Assistentin von Pierre Mendell, in einem Gespräch mit Wolfgang Beinert am 28.1.2009 in München.
5.Anmerkung: Michael Engelmann teilte ein ähnliches Schicksal wie Mendell. 1941 musste er als »Halbjude« mit seinem Vater in die USA exilieren. Engelmann zählte in Deutschland zu den renommierten Grafikdesignern. Er arbeitete u.a. für Bols, Libella, Renault und Roth-Händle. Im Alter von 37 Jahren nahm er sich in Düsseldorf das Leben.
6.Quelle: Klaus Oberer im Gespräch mit Wolfgang Beinert am 28. Januar 2009.
7.Quelle: Michael Koetzle und Carsten M. Wolff (Hrsg.): Fleckhaus. Deutschlands erster Art Director, Seite 89, Verlag Klinkhardt & Biermann, 1979, ISBN 3-7814-0405-6.
8.Quellen: Pierre Mendell im Gespräch mit Wolfgang Beinert am 2. Mai 2002 und der Aufsatz »Eine Spanne gemeinsamen Weges« von Hans Wichmann im Ausstellungskatalog »Graphic Design Mendell und Oberer«, herausgegeben von Hans Wichmann anlässlich einer Ausstellung in der Neuen Sammlung, Staatliches Museum für angewandte Kunst, München. Birkhäuser Verlag, 1987. ISBN 3-7643-1905-4.
9.Quelle: Annette Kröger, Assistentin von Pierre Mendell, in einem Gespräch mit Wolfgang Beinert am 28.1.2009. Die genauen Zeiträume der Mitgliedschaften konnten nicht eruiert werden.
10.Quelle: Josef Straßer, Konservator der Neue Sammlung in München in einem Gespräch mit Wolfgang Beinert im Januar 2009.
11.Quelle: Pressemitteilung zum Tode von Pierre Mendell, Form, The Making of Design, www.form.de, Website besucht am 2.2.2009.
12.Quelle: Dr. Josef Straßer, Konservator, Die Neue Sammlung, Staatliches Museum für angewandte Kunst, München, Türkenstraße 15 (Pinakothek der Moderne) im Gespräch mit Wolfgang Beinert im Januar 2009, www.die-neue-sammlung.de.
13.Quelle: Sir Peter Jonas im Gespräch mit Wolfgang Beinert im April 2009 in München und Pressemitteilung Dezember 2009 der Bayerischen Staatsoper, Max-Joseph-Platz 2, München, www.bayerische.staatsoper.de.
14.Literaturempfehlung: Pierre Mendell, Plakate für die Oper, Ausstellungskatalog in deutscher und englischer Sprache, Herausgegeben von der Bayerischen Staatsoper. Autoren: Sir Peter Jonas, Florian Hufnagl, Ulrike Hessler, Karl Michael Armer und Lars Müller.
15.Quellen: Vorwort »IQ statt PS …« von Susanne May aus dem Booklet zur Ausstellung »Pierre Mendell – Plakate für die Bildung«, Münchner Volkshochschule, und Susanne Lößl, Münchner Volkshochschule, Schriftverkehr mit Wolfgang Beinert vom 4.2.–12.2.2009. Münchner Volkshochschule GmbH, Gasteig, Kellerstraße 6, 81667 München, www.mvhs.de.
16.Literaturempfehlung: Pierre Mendell, Auf den ersten Blick, Verlag Lars Müller Publishers, 2001. ISBN 3-907044-49-5 (Cover english) und ISBN 3-907078-64-0 (Cover deutsch).
17.Quelle: Ateliergespräch mit Pierre Mendell vom 16. Mai 2002 im Atelier Beinert in München, http://www.beinert.net/pierre-mendell-auf-den-ersten-blick.
18.Quelle: Susanne Lößl, Münchner Volkshochschule, in einem Schreiben an Wolfgang Beinert vom 12.2.2009.