Normalschriftweite

Typographischer Terminus für die natürliche Schriftlaufweite einer maschinell oder digital reproduzierbaren Schrift, beispielsweise einer Druckschrift oder eines Webfonts; auch als  »Normale Laufweite«, »Natürliche Laufweite« oder »Laufweite Null« (LW 0) bzw. bei physischen Schrifttypen (z.B. Bleisatz) als »Normaler Breitenlauf« oder »Normale Grundschriftweite« bezeichnet; fachspezifische Abkürzung »NSW«.

Unter der Normalschriftweite (NSW) wird die Schriftlaufweite verstanden, die bei physischen Drucktypen durch den natürlichen Breitenlauf 1 ) bzw. bei digitalen Fonts durch Long- oder Short-Kerning-Tabellen (Relatives Kerning) vom Schriftgestalter bzw. Schrifthersteller vorgegeben ist.

Eine optimale Normalschriftweite (NSW) bei Textschriften in Konsultations- und Lesegrößen ist neben anderen mikrotypographischen Parametern ausschlaggebend für die Lesbarkeit eines geschlossenen Schriftsatzes. Sie beeinflusst maßgeblich den Leseprozess (siehe Fixationen), den Grauwert eines Schriftbildes sowie den Satzumfang.

Je weiter eine Schriftlaufweite bei Textschriften bzw. Werksatzschriften in Lesegrößen durch positive (+LW) oder negative (-LW) Laufweitenveränderung von der Normalschriftweite (NSW) abweicht, desto unleserlicher wird das Schriftbild.

Allgemein gültige Werte für eine bestmögliche Schriftlaufweite existieren nicht. Die optimale Normalschriftweite (NSW) ist immer von der Schriftart, vom Schriftschnitt, vom Schriftgrad und vom Ausgabemedium (z.B. Retina-Display) bzw. Trägermaterial (z.B. Recyclingpapier) abhängig. 

Die ideale Normalschriftweite (NSW) hängt von der gewählten Schrift und ihrem Schriftgrad ab. Eine Faustregel besagt, dass sich die NSW an der Punze der Minuskel »n« orientieren könnte. Beispiel gesetzt in der Memphis Bold von Rudolf Wolf (1895–1942), D. Stempel AG, Frankfurt am Main, 1930. Vertrieb über Linotype®. Infografik: www.typolexikon.de
Die ideale Normalschriftweite (NSW) hängt von der gewählten Schrift und ihrem Schriftgrad ab. Eine Faustregel besagt, dass sich die NSW an der Punze der Minuskel »n« orientieren könnte. Beispiel gesetzt in der Memphis Bold von Rudolf Wolf (1895–1942), D. Stempel AG, Frankfurt am Main, 1930. Vertrieb über Linotype®.

Die »Zurichtung« bzw. das »Relative Kerning« 2 ) sowie die Normalschriftweiten (NSW) haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte aufgrund neuer Schriftsatzsysteme, Herstellungsweisen und modischer Ambitionen stark verändert. Normalschriftweiten (NSW) unterscheiden sich deshalb je nach Schrift, Schriftsatzsystem, Font Foundry und Erscheinungsjahr. Ein wohlproportioniertes Kerning gilt als wesentliches Qualitätsmerkmal eines digitalen Fonts und rechtfertigen einen höheren Verkehrswert.

Im Zuge der babylonischen Schriftenvielfalt und des oft fehlenden fachlichen Backgrounds in der gegenwärtigen Schriftgestaltung, gibt es keine Garantie, dass Fonts auch über eine optimale »Zurichtung« verfügen. In vielen Fällen ist die Normalschriftweite (NSW) und das »Relative Kerning« nur – wenn überhaupt – automatisch mittels Font Editor Software (z.B. Fontographer® von FontLAP®) generiert und somit unzureichend. Dies trifft insbesondere auf viele Zierschriften und kostenlose Textschriften zu.

Deshalb ist aus diesen und anderen Motiven in vielen Fällen ein »Optischer Schriftweitenausgleich« (OSW) erforderlich.

Optischer Schriftweitenausgleich (OSW)

Wird die Schriftlaufweite einer Zeichenkombination, eines Wortes oder Textes durch eine positive Laufweitenveränderung (+LW) oder Leerraumzeichen erweitert und/oder durch eine negative Laufweitenveränderung (-LW) verringert, wird dies in der Mikrotypographie als »Optischer Schriftweitenausgleich« (OSW) bzw. als »Laufweitenausgleich« bezeichnet.

  • Wird die Normalschriftweite (NSW) durch eine positive Laufweitenveränderung (+LW) generell erweitert, spricht man von »Spationieren«.
  • Wird der Breitenlauf einer physischen Drucktype mit gleich großen Trennfugen bzw. Spatien erweitert, nennt  man das »Sperren«.
  • Wird die Normalschriftweite (NSW) durch Leerraumzeichen erweitert, spricht man ebenfalls von »Sperren«.
  • Wird die Normalschriftweite (NSW) bei Nichtproportionalschriften (Festbreitenschriften oder Monospaced Fonts) mit Leerraumzeichen erweitert, bezeichnet man das als »Dicktengleiches Sperren«.
  • Wird die Schriftlaufweite durch eine negative Laufweitenveränderung (-LW) verringert, wird das »Unterschneiden« genannt. 
  • Werden innerhalb eines Wortes oder einer Textpassage die Abstände zwischen kritischen Zeichenpaaren individuell vergrößert (+LW) und verkleinert (-LW), um damit optisch einen gleichmäßigen Weißraum zu erzielen, wird dies als »Ausgleichen« oder »Ausmitteln« bezeichnet. 

Optischer Schriftweitenausgleich (OSW). Obere Zeile: Spationierung der Normalschriftweite mit +140/1000 Geviert erweitert. Mittlere Zeile: Unterschneidung der Normalschriftweite mit -100/1000 Geviert verengt. Untere Zeile: Normalschriftweite mit +/-Geviertwerten ausgemittelt. Beispiel gesetzt mit Photoshop® von Adobe® in Courier bold von Apple (Systemschrift). Infografik: www.typolexikon.de
Optischer Schriftweitenausgleich (OSW). Obere Zeile: Spationierung der Normalschriftweite mit +140/1000 Geviert erweitert. Mittlere Zeile: Unterschneidung der Normalschriftweite mit -100/1000 Geviert verengt. Untere Zeile: Normalschriftweite mit +/-Geviertwerten ausgemittelt. Beispiel gesetzt mit Photoshop® von Adobe® in Courier bold von Apple (Systemschrift).

© Wolfgang Beinertwww.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmerkung: Der normale Breitenlauf einer physischen Drucktype wird durch die Dickte des Schriftkegels bestimmt.
2.Anmerkung: Schriftlaufweite und Kerning sind in ihrer Bedeutung nicht gleichzusetzen.