Optischer Randausgleich

»Optischer Randausgleich« ist ein typographischer Terminus für den ästhetischen Ausgleich der rechten und linken Satzkante einer Kolumne; optische Korrektur von Zeilenanfängen und Zeilenenden eines Blocksatzes oder eines linksbündigen bzw. rechtsbündigen asymmetrischen Flattersatzes, die in senkrechter Ausrichtung untereinander stehen. Auch als  »Ästhetischer Randausgleich« oder »Ästhetischer Satzkantenausgleich« bezeichnet. Abkürzung »Randausgleich«. 

Der Optische Randausgleich gehört in das Segment der Mikrotypographie. Innerhalb einer Satzspalte ist der Optische Randausgleich eine Methode, um den Eindruck einer optisch – nicht rechnerisch – glatten Satzkante zu erzeugen.

Sinn und Zweck ist es, den Augen bei zeilen- und kolumnenwechselnden Fixationen und Regressionen mehr Ruhe zu verschaffen und so den Leseprozess zu harmonisieren. Salopp formuliert, ist der Optische Randausgleich eine Art »Feintuning«, um die Lesbarkeit und die Ästhetik eines Schriftsatzes zu optimieren. Grundlage eines Randausgleichs ist immer ein Gestaltungsraster oder ein Satzspiegel.

Optischer Randausgleich im Titelsatz

Im Titelsatz und im Akzidenzsatz werden aus ästhetischen Gründen Headlines in den Optischen Größen »Subhead« und »Display«, insbesondere Fonts mit Serifen (z.B. »Times« bzw. die »Times New Roman« von Stanley Morison, 1889–1967 und Victor Lardent, 1905–1968), Zierschriften (z.B. »Alivia« von Kelly Reed, Mellow Design Lab) und Arabische Ziffern optisch – je nach Schriftart mehr oder weniger – über die linke Satzkante gestellt. 

Im Titelsatz empfiehlt es sich oft, Headlines aus ästhetischen Gründen mehr oder weniger über die Satzkante des Kolumnenrasters zu stellen. Im Beispiel die Script »Alivia« von Kelly Reed über einer »Meta Plus« als Copy von Erik Spiekermann (* 1947).
Im Titelsatz empfiehlt es sich oft, Headlines aus ästhetischen Gründen mehr oder weniger über die Satzkante des Kolumnenrasters zu stellen. Im Beispiel die Script »Alivia« von Kelly Reed über einer »Meta Plus« als Copy von Erik Spiekermann (* 1947).

Optischer Randausgleich im Mengensatz

In der Copy bzw. im Fließtext werden in der Regel an der linken Satzkante insbesondere die geradlinigen Majuskeln A, T, V und W sowie die gerundeten Majuskeln O, C, G und Q optisch korrigiert. Sonderfälle können auch die Buchstaben J und j in Zeilenanfangskombinationen mit vertikalen Aufstrichen von Majuskeln sein, z.B. von I oder H sowie an der rechten Satzkante die Minuskel f. 1 )

Der obere Absatz wurden ohne Optischen Randausgleich abgesetzt. Im unteren Absatz wurde am Zeilenanfang die Majuskel W stark, die Majuskel G wenig und die Minuskel g leicht korrigiert. Derartige optische Korrekturen erfolgen nach Aktivierung der jeweiligen Option automatisch durch das Desktop Publishing Computerprogramm, beispielsweise bei InDesign® von Adobe® oder QuarkXpress® von Quark®, oder sie werden mittels Unterschneidung händisch angepasst.
Der obere Absatz wurden ohne Optischen Randausgleich abgesetzt. Im unteren Absatz wurde am Zeilenanfang die Majuskel W stark, die Majuskel G wenig und die Minuskel g leicht korrigiert. Derartige optische Korrekturen erfolgen nach Aktivierung der jeweiligen Option automatisch durch das Desktop Publishing Computerprogramm, beispielsweise bei InDesign® von Adobe® oder QuarkXpress® von Quark®, oder sie werden mittels Unterschneidung händisch angepasst.

Hängende Interpunktion

Ästhetischer Randausgleich, der ein Sonderzeichen bzw. ein Interpunktionszeichen betrifft, beispielsweise Anführung, Abführung, Divis oder Gedankenstrich, wird als »Hängende Interpunktion« oder bei Desktop Publishing Computerprogrammen sinnerweitert als »Hängende Zeichensetzung« bezeichnet. 

Bei freigestellten, großgradigen Zitaten wird die Anführung – egal ob es sich um deutsche oder englische Anführungszeichen bzw. um französiche Guillemets handelt, immer als hängende Interpunktion über die Satzkante gestellt.
Bei freigestellten, großgradigen Zitaten wird die Anführung – egal ob es sich um deutsche oder englische Anführungszeichen bzw. um französiche Guillemets handelt, immer als hängende Interpunktion über die Satzkante gestellt.

Ursprung und Historie

Die Epigraphik, die Paläographie und die Diplomatik dokumentieren bereits in vorrömischen Alphabeten erste Zeugnisse des Optischen Randausgleichs. Ein prominentes Beispiel hierfür ist u.a. die Inschrift am Sockel der Trajanssäule (Columna Traiana) in Rom.

In der Kalligraphie gehörte das Austrimmen einer optisch gleichmäßigen Satzkante zum Standardrepertoire eines »Copisti«. Satzkanten wurden im Blocksatz grundsätzlich auf beiden Seiten optisch ausgeglichen. Bis zur Spätantike wurden – wie bei epigraphischen Schriften – auch gerne Ligaturen zum ästhetischen Randausgleich am Zeilenende verwendet.

In der Frührenaissance zwischen 1450 und 1457 wurde der Optische Randausgleich mit der Blocksatztechnik durch den Mainzer Prototypographen Johannes Gutenberg (um 1400–1468) aus der Kalligraphie übernommen und in der Regel von allen Prototypographen mit eigener Offizin angewandt. 

Mit Beginn des 16. Jahrhunderts wurde im Handsatz (Bleisatz) der Optische Randausgleich mehrheitlich gecancelt, da der Zeitaufwand dafür enorm und die Technik diffizil war. Denn um auch nur einen »Viertelgeviertstrich« über die Satzkante stellen zu können, musste ein Handschriftsetzer jedes Zeilenende mit proportionalem Blindmaterial füllen, was trotz des hohen Aufwands aber oft nicht zum gewünschten Endergebnis einer optisch glatten Satzkante führte.

Nur in Druckwerken führender Druckereien, beispielsweise aus der Offizin des Aldus Manutius (1449–1515) oder von engagierten Typographen wie Linn Boyd Benton (1844–1932) oder Jan Tschichold (1902–1974) wurde der Optische Randausgleich auch im materiellen Schriftsatz angewandt.

Allerdings wurde mehrheitlich nur die rechte Satzkante mit überstehenden Strichen, z.B. bei Trennungen, optisch korrigiert. Die linke Satzkante wurde nur bei sehr besonderen Werken optimiert, da der Aufwand hier exorbitant hoch war, denn der Setzer musste am Zeilenanfang mit unterschiedlichen kleinen Spatien und/oder händisch unterschnittenen Lettern hantieren, wodurch auch oft die Druckvorlagen während des Druckprozesses instabil wurden und die Lettern aus der Druckform sprangen. Im Maschinensatz (Bleisatz) war es nicht üblich, Satzkanten optisch auszugleichen. Erst im optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) ab den 1970er Jahren wurde diese Technik vereinzelt wieder reaktiviert. 

Beispiel einer »Hängenden Interpunktion« im Bleisatz. Die Divise (Trennstriche) sind leicht über die rechte Satzkante gestellt, um einen perfekten Blocksatz zu erhalten. Dieses »Feintuning« dient nicht nur einer besseren Lesbarkeit, sondern es optimiert auch die Ästhetik der symmetrisch angeordneten Bundstege. Bildzitat: Doppelseite aus einem typographischen Lehrbuch von Jan Tschichold (1902–1974).
Beispiel einer »Hängenden Interpunktion« im Bleisatz. Die Divise (Trennstriche) sind leicht über die rechte Satzkante gestellt, um einen perfekten Blocksatz zu erhalten. Dieses »Feintuning« dient nicht nur einer besseren Lesbarkeit, sondern es optimiert auch die Ästhetik der symmetrisch angeordneten Bundstege. Bildzitat: Doppelseite aus einem typographischen Lehrbuch von Jan Tschichold (1902–1974).

In der typographischen Fachliteratur jener Zeit wird das Thema Optischer Randausgleich nicht oder nur selten beschrieben. 

Desktop Publishing (DTP) 

In modernen Desktop Publishing Computerprogrammen, beispielsweise InDesign® von Adobe® oder QuarkXpress® von Quark®, ist es heute problemlos möglich, den Optischen Randausgleich automatisch zu optimieren. 2 ) 3 ) 

Web Publishing

 In CSS Cascading Style Sheets 4 ) ist ein optischer Randausgleich nicht möglich. 

Thesen zum Optischen Randausgleich

  • Im Mengensatz optimiert der Optische Randausgleich die Lesbarkeit eines Schriftsatzes, da er den Augen bei zeilen- und kolumnenwechselnden Fixationen und Regressionen durch eine optisch ausgeglichene Satzkante mehr Ruhe verschafft. Dies gilt insbesondere für den Blocksatz.
  • Im Titelsatz dient der Optische Randausgleich nicht der besseren Lesbarkeit, sondern der Ästhetik. 
  • Schrift ist nicht gleich Schrift! Deshalb benötigt jede Schriftgattung, Hauptschriftgruppe, Schriftart und Schriftschnitt individuelle Parameter für den Optischen Randausgleich. 
  • Je größer der Schriftgrad, desto mehr Randausgleich ist nötig.
  • Schmalmagere und magere benötigen weniger Randausgleich als breithalbfette oder breite Schriftschnitte.
  • Nicht jede Schrift eignet sich für den Optischen Randausgleich. Im Zweifelsfall ist es besser, auf den Randausgleich zu verzichten.
  • Hängende Interpunktion verbessert die Harmonie symmetrisch angeordneter Bundstege eines Buchsatzspiegels.
  • Französische Anführungszeichen müssen im Mengensatz an den Satzkanten nicht korrigiert werden, da sie – im Gegensatz zu englischen Anführungszeichen – keine optischen Löcher verursachen. Sie fügen sich harmonisch in das Schriftbild ein.
  • Geviertstriche (z.B Gedankenstrich) und Halbgeviertstriche (z.B. Divis) sollten im Blocksatz wenn möglich – je nach Schriftart – immer leicht über die rechte Satzkante gestellt werden.
  • Bei rechtsbündigen Flattersatz, beispielsweise bei Legenden, sollten die Interpunktionszeichen immer über die Satzkante gestellt werden.
  • Im Titelsatz müssen Anführungen deutlich über die linke Satzkante gestellt werden.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Literaturempfehlung: De Jong, Ralf und Friedrich Forssman: Detailtypografie, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, ISBN 978-3-87439-642-4.
2.Quelle: Adobe® Benutzerhandbuch für InDesign®, Kapitel »Formatierung von Absätzen«, Absatz »Erstellen hängender Zeichensetzung«, online verfügbar unter https://helpx.adobe.com/de/indesign/using/formatting-paragraphs.html (7.1.2018).
3.Quelle: QuarkXpress® 2017, Benutzerhandbuch, Seite 272, »Arbeiten mit hängenden Zeichen«, online verfügbar unter http://files.quark.com/download/documentation/QuarkXPress/2017/German/QXP-2017-User-Guide-DE.pdf (7.1.2018).
4.Anmerkung: CSS Cascading Style Sheets ist ein weltweiter Standard des W3C (World Wide Web Consortium). Informationen verfügbar unter http://www.w3c.de/about/ (03.01.2018).