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Paläographie

Hilfswissenschaft zur Erforschung des Schreibwesens und der Schriftgeschichte


Historische Hilfswissenschaft zur systematischen Erforschung des Schreibwesens (
Kalligraphie) und der Schriftgeschichte von der Antike bis zur Renaissance, also bis zu den Anfängen der Prototypographie bzw. Typographie, der Schriftklassifikation sämtlicher Schriftarten anhand ihrer graphischen Merkmale sowie der Datierung, Entzifferung und Transkription von Manuskripten. Etymologisch aus von altgr. »palaiós« für »alt, urgeschichtlich« und »graphia« für das »Schreiben, Darstellen, Beschreiben« zu altgriechisch »graphein« für »ritzen, schreiben«.

Die Paläographie wurde 1708 von Bernard de Montfaucon mit einer Studie über den Ursprung und die Entwicklung der hellenistischen Schriftkultur »Palaeographia graeca sive de ortu et progressu litterarum« in die Wissenschaft eingeführt. 1713 gelang dem italienischen Marchese Scipione Maffei durch den zufälligen Fund der verloren geglaubten tausendjährigen, kostbaren lateinischen Handschriftensammlung des Veroneser Domkapitels der Nachweis dreier Arten der römischen Schrift, nämlich der Majuskel, der Minuskel und der Cursiva. Ähnlich bedeutsam waren die Schriftforschungen von Godefredus Bessel und Joseph von Hahn an den deutschen Kaiserurkunden im 1732 edierten »Chronicon Gottwicense«. Das »Lexicon diplomaticum«, Ulm 1756, des kurfürstlichen Archivars Johann Ludolf Walther präsentierte dann die erste Zusammenstellung von Abbreviaturen auf 225 Foliotafeln. Eine umfassende Systematik der lateinischen Paläographie erarbeiteten bis 1765 die französischen Benediktiner Charles Francois Toustain und René Prosper Tassin; in ihrem »Nouveau Traité« wurde die römische Majuskelschrift erstmals nach Capitalis und Uncialis unterschieden und zu Minuskel und Kursive als besondere
Schriftart eine Semiuncialis (Halbunziale) eingeführt, aus der sich im Verlauf der karolingischen Schriftreform die mittelalterliche Minuskel entwickelte.

Im 19. Jahrhundert wurde die französische »Ecole des Chartes« vor allem durch die Forschungen von Natalis de Wailly und Léopold Delisle zum Zentrum einer umfassenden Paläographie, die sich bald nicht mehr nur auf die römische Schrift konzentrierte sondern alle abendländischen Nationalschriften mit einbezog und damit richtungweisend für die europäischen Geisteswissenschaften wurde.

Auf konfessioneller Ebene war der Vatikan in Rom Mittelpunkt der paläographisch-diplomatischen Studien (Diplomatik), wo Kardinal Franz Ehrle S.J. von 1895 bis 1911 wirkte und mit prachtvollen Faksimileausgaben vatikanischer Kodizes Weltruhm erlangte. Als bedeutende deutschsprachige Paläographen des 20. Jahrhunderts sind in der Nachfolge des Münchener Professors Ludwig Traube (1861–1907) unter anderen Bernhard Bischoff (1906–1991), Franz Boll, Paul Lehmann, Hermann Delitsch, Hermann Degering und Heribert Sturm zu nennen, dann auch die beiden Schweizer Franz Dornseiff und Hans Foerster sowie der österreichische Historiker Leo Santifaller.

[T] Die Paläographie versteht sich in der Regel als Hilfswissenschaft von Archäologie, Geschichtswissenschaft und Philologie.
[L] Theodor Sickel: Monumenta graphica medii aevi ex archivis Imperii Austriaci collecta, Wien 1858-1869.
[L] W.B. Sanders: Facsimiles of national manuscripts of England, 4 parts from William the Conqueror to Queen Anne, Southampton 1865–1868.
[L] Léopold Delisle: Album paléographique ou Recueil de documents importants relatifs à l'histoire et à la littérature nationales, Paris 1887.
[L] Paléographie Musicale. Les principaux Manuscrits de Chant Grégorien, Ambrosien, Mozarabe, Gallican ... en fac-similés phototypiques", édition Solesmes, 1889 ff.
[L] Wilhelm Wattenbach: Schriftwesen im Mittelalter, Heidelberg 1896.
[L] Anton Chroust: Monumenta palaeographica - Denkmäler der Schreibkunst des Mittelalters, Würzburg 1899.
[L] E. Petzet und O. Glauning: Deutsche Schrifttafeln des 9. bis 16. Jahrhunderts, München 1910.
[L] Sir Edward Maunde Thompson: An introduction to Greek and Latin Palaeography, Oxford 1912.
[L] Peter Wagner: Neumenkunde. Paläographie des gregorianischen Gesanges, Freiburg 1912.
[L] Enrico Marriott Bannister: Monumenti Vaticani di Paleografia Musicale Latina, Leipzig 1913.
[L] Luigi Schiaparelli: La scrittura latina nell'età romana, Como 1921.
[L] Franz Dornseiff: Das Alphabet in Mystik und Magie, Leipzig und Berlin 1925.
[L] Hermann Delitsch: Geschichte der abendländischen Schreibschriftformen, Leipzig 1928.
[L] O. Hurm: Schriftform und Schreibwerkzeug. Die Handhabung der Schreibwerkzeuge und ihr formbildender Einfluß auf die Antiqua bis zum Einsetzen der Gotik, Wien 1928.
[L] Hermann Degering: Die Schrift. Atlas der Schriftformen des Abendlandes vom Altertum bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts", 1952.
[L] Heribert Sturm: Die Stilformen der deutschen Schrift, München 1955.
[L] Hans Jensen: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 1958.
[L] Charles Samaran: Catalogue des manuscrits en écriture latine, Bibliothèque Nationale, fonds latin, Paris 1962.
[L] Hans Foerster: Abriß der lateinischen Paläographie, Verlag Haupt, Bern 1949; Nachdruck Stuttgart 1981.
[L] Bernhard Bischoff: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters, Verleger Erich Schmidt, Berlin, 2004, ISBN 3-503-07914-9.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 14.07.2013
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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