Typolexikon.de : Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie : Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin.
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Pannartz, Arnold
Prototypograph, Deutschland [1], o.A. bis 1476

Deutscher Prototypograph aus Mainz. Mutmaßlich geboren im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts, gestorben eventuell um 1476. Schüler des deutschen Kalligraphen und Prototypographen Petrus Schoeffer (1425–1502/1503), dem zweiten Typographen nach Johannes Gutenberg (um 1400–1468). Arnold Pannartz lernte in der Mainzer Offizin des Johann Fust seinen späteren Partner Conrad Sweynheym sowie Nicolas Jenson (1420–1480) kennen, der höchstwahrscheinlich im Gefolge von Pannartz und Sweynheym nach Italien emigrierte, wo er ab 1468 in Venedig aus deren Antiqua-Prototype seine berühmte » litterae Venetae « (Venezianische Renaissance-Antiqua) entwickelte.

Nach der gewaltsamen Einnahme von Mainz durch die Truppen des von Papst und Kaiser favorisierten Adolf von Nassau, mussten in der Nacht vom 28. Oktober 1462 Arnold Pannartz und seine Kollegen die Offizin im Humbrechthof (die Keimzelle der Prototypographie) geradezu fluchtartig verlassen, da Fust und Schoeffer Günstlinge des nunmehr abgesetzten Erzbischofs Diether von Isenburg gewesen waren.

Pannartz und Sweynheym folgten deshalb nach der Schließung der Fust'schen Offizin 1462 einem Ruf des Kardinals Turrecremata nach Rom und brachten somit die Typographie, die bis dahin geheime » Deutsche Kunst «, um 1464 nach Italien. Sie stellten im Benediktinerklosters von Subiaco, in der Provinz von Rom, Inkunabeln her und druckten dort erstmals eine Antiqua, die sie aus der » Humanistica formata « einer Minuskelschrift (skriptographisches Kleinbuchstabenalphabet) u.a. von Coluccio Salutati (1331–1406) und Poggio Bracciolini (1380–1459) sowie aus der römischen Majuskelschrift (skriptographisches Großbuchstabenalphabet), der Capitalis quadrata (Römische Quadratschrift), als Druckschrift adaptierten. Die Bibliothek des Klosters Santa Scolastica besaß somit die frühesten Druckwerke deutscher Provenienz im Ausland sowie die ersten Inkunabeln, welche in einer Antiqua gesetzt und gedruckt wurden.

In ihrer eigenen Offizin in Rom druckten Pannartz und Sweynheym 1467 die erste Ausgabe der berühmten » Epistulae familiares « von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.), einem römischen Dichter, Redner und Staatsmann. Sie legten hier den Grundstein des Cicero-Schriftschnitts, welche in Venedig die Gebrüder von Speyer (Johannes de Spira) und insbesondere Nicolas Jenson in der » Litterae Venetae « weiterentwickelten.

Pannartz und Sweynheym haben bis heute mit ihrer gedruckten » Antiqua-Prototype « Generationen von Typographen inspiriert; die ersten unter ihnen waren neben Nicolas Jenson u.a. die venezianischen Typographen Aldus Manutius (1449/50–1515) und Francesco Griffo.

[1] Damals: Kurfürstentum Mainz, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation (962–1806).
[T] Obwohl Pannartz und Sweynheym die kalligraphische » Schrift der Humanisten und Gelehrten « für die Typographie » nur « adaptiert haben, gelten sie – salopp formuliert – als die Erfinder der Antiqua. Denn nur eine Druckschrift römischen Ursprungs wird als Antiqua bezeichnet, nicht die kalligraphische Formvariante. Für kalligraphischen Schriftarten bedient sich die Paläographie anderer Termini. Ergo: Eine Antiqua ist immer Druckschrift, keine kalligraphische Schrift.
[L] Otto Mazal: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Chr. Fr. Harless: Die Lit(t)eratur der ersten hundert Jahre nach der Erfindung der Typographie, Fest´sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1840.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 08.11.2008
von
Wolfgang Beinert




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Quelle: © Wolfgang Beinert, Typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie
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