Paläographie

His­to­ri­sche Hilfs­wis­sen­schaft zur sys­te­ma­ti­schen Erfor­schung des Schreib­we­sens (Kal­li­gra­phie) und der Schrift­ge­schich­te von der Anti­ke bis zur Renais­sance, also bis zu den Anfän­gen der Pro­to­ty­po­gra­phie bzw. der Typo­gra­phie. Die Paläo­gra­phie umfasst auch die Klas­si­fi­ka­ti­on sämt­li­cher Schrift­ar­ten anhand ihrer gra­phi­schen Merk­ma­le sowie der Datie­rung, Ent­zif­fe­rung und Tran­skrip­ti­on von Manu­skrip­ten.

Ety­mo­lo­gi­sch von alt­gr. »palaiós« für »alt, urge­schicht­li­ch« und »gra­phia« für das »Schrei­ben, Dar­stel­len, Beschrei­ben« zu alt­grie­chi­sch »graphein« für »rit­zen, schrei­ben« im deut­schen Sin­ne von »Leh­re alter Schrif­ten«. 

Bernard de Montfaucon (1655–1741) gilt als Begründer der historischen Hilfswissenschaft Paläographie. Porträt (Ausschnitt): Kupferstich aus dem Jahre 1744 nach einem Motiv des Malers Charles-Étienne Geuslain (1685–1765), Paris. Kupferstecher: Benoît Audran II., Paris. Quelle: Die Porträtsammlung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Inventarnummer II 3602.2).
Ber­nard de Mont­fau­con (1655–1741) gilt als Begrün­der der his­to­ri­schen Hilfs­wis­sen­schaft Paläo­gra­phie. Por­trät (Aus­schnitt): Kup­fer­stich aus dem Jah­re 1744 nach einem Motiv des Malers Charles-Éti­en­ne Geus­lain (1685–1765), Paris. Kup­fer­ste­cher: Benoît Aud­ran II., Paris. Quel­le: Die Por­trät­samm­lung der Her­zog August Biblio­thek Wol­fen­büt­tel, Inven­tar­num­mer II 3602.2).

Die Paläo­gra­phie wur­de 1708 vom fran­zö­si­schen Bene­dik­ti­ner Ber­nard de Mont­fau­con (1655–1741) mit einer Stu­die über den Ursprung und die Ent­wick­lung der hel­le­nis­ti­schen Schrift­kul­tur »Palaeo­gra­phia grae­ca sive de ortu et pro­gres­su lit­terar­um grae­car­um« – ein Lehr­buch zu alten grie­chi­schen Schrif­ten – in die Wis­sen­schaft ein­ge­führt. 1 )

1713 gelang dem ita­lie­ni­schen Mar­che­se Sci­pio­ne Maff­ei (1675– 1755) durch den zufäl­li­gen Fund der ver­lo­ren geglaub­ten tau­send­jäh­ri­gen, kost­ba­ren latei­ni­schen Hand­schrif­ten­samm­lung des Vero­ne­ser Dom­ka­pi­tels der Nach­weis drei­er Arten der römi­schen Schrift, näm­li­ch der Majus­kel, der Minus­kel und der Cur­si­va.

Ähn­li­ch bedeut­sam waren die Schrift­for­schun­gen von Gode­f­re­dus Bes­sel und Jose­ph von Hahn an den deut­schen Kai­ser­ur­kun­den im 1732 edier­ten »Chro­ni­con Gott­wi­cen­se«. Das »Lexi­con diplo­ma­ti­cum«, Ulm 1756, des kur­fürst­li­chen Archi­vars Johann Ludolf Walt­her prä­sen­tier­te dann die ers­te Zusam­men­stel­lung von Abbre­via­tu­ren auf 225 Foli­o­ta­feln.

Eine umfas­sen­de Sys­te­ma­tik der latei­ni­schen Paläo­gra­phie erar­bei­te­ten bis 1765 die fran­zö­si­schen Bene­dik­ti­ner Charles Fran­cois Toustain (1700–1754) und René Pro­sper Tas­sin (1697–1777). In ihrem »Nou­veau Traité« wur­de die römi­sche Majus­kel­schrift erst­mals nach Capi­ta­lis und Uncia­lis unter­schie­den und zu Minus­kel und Kur­si­ve als beson­de­re Schrift­art eine Semi­un­cia­lis (Hal­bun­zia­le) ein­ge­führt, aus der sich im Ver­lauf der karo­lin­gi­schen Schrift­re­form die mit­tel­al­ter­li­che Minus­kel ent­wi­ckel­te.

Im 19. Jahr­hun­dert wur­de die fran­zö­si­sche »Ecole des Char­tes« vor allem durch die For­schun­gen von Nata­lis de Wail­ly (1805–1886) und Léo­pold Del­is­le (1826–1910) zum Zen­trum einer umfas­sen­den Paläo­gra­phie, die sich bald nicht mehr nur auf die römi­sche Schrift kon­zen­trier­te son­dern alle abend­län­di­schen Natio­nal­schrif­ten mit ein­be­zog und damit rich­tung­wei­send für die euro­päi­schen Geis­tes­wis­sen­schaf­ten wur­de.

Auf kon­fes­sio­nel­ler Ebe­ne war der Vati­kan in Rom Mit­tel­punkt der paläo­gra­phi­sch-diplo­ma­ti­schen Stu­di­en (Diplo­ma­tik), wo Kar­di­nal Franz Ehr­le S.J. (1845–1934 ) von 1895 bis 1911 wirk­te und mit pracht­vol­len Fak­si­mi­leaus­ga­ben vati­ka­ni­scher Kodi­zes Welt­ruhm erlang­te.

Als bedeu­ten­de deutsch­spra­chi­ge Paläo­gra­phen des 20. Jahr­hun­derts sind in der Nach­fol­ge des Mün­che­ner Pro­fes­sors Lud­wig Trau­be (1861–1907) unter ande­ren Bern­hard Bisch­off (1906–1991) 2 ), Franz Boll (1867–1924), Paul Leh­mann (1884–1964), Her­mann Delit­sch (1869–1947) 3 ), Her­mann Dege­ring (1866–1942) 4 ), Heri­bert Sturm (1904–1981) 5 ), Franz Dorn­seiff (1888–1960) 6 ), Leo San­ti­fal­ler (1890–1974) und Hans Förs­ter  7 ) zu nen­nen.

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Lite­ra­tur­tipp: De Mont­fau­con, Ber­nard: Palaeo­gra­phia grae­ca, sive de ortu et pro­gres­su literar­um grae­car­um, Paris 1708, als eBook digi­ta­li­siert von Goo­gle unter https://​books​.goo​gle​.de/​b​o​o​k​s​?​i​d​=​1​3​o​k​g​c​Z​h​P​A​o​C​&​a​m​p​;​h​l​=​d​e​&​a​m​p​;​p​g​=​P​P​1​1​#​v​=​o​n​e​p​a​g​e​&​a​m​p​;​q​&​a​m​p​;​f​=​f​a​lse, online zuletzt besucht am 26.9.2015.
2.Lite­ra­tur­tipp: Bisch­off, Bern­hard: Paläo­gra­phie des römi­schen Alter­tums und des abend­län­di­schen Mit­tel­al­ters, Ver­le­ger Erich Schmidt, Ber­lin, 2004, ISBN 3–503-07914–9.
3.Lite­ra­tur­tipp: Delit­sch, Her­mann: Geschich­te der abend­län­di­schen Schreib­schrift­for­men, Leip­zig 1928.
4.Lite­ra­tur­tipp: Dege­ring, Her­mann: Die Schrift. Atlas der Schrift­for­men des Abend­lan­des vom Alter­tum bis zum Aus­gang des 18. Jahr­hun­derts«, 1952.
5.Lite­ra­tur­tipp: Sturm, Heri­bert: Die Stil­for­men der deut­schen Schrift, Mün­chen 1955.
6.Lite­ra­tur­tipp: Dorn­seiff, Franz: Das Alpha­bet in Mys­tik und Magie, Leip­zig und Ber­lin 1925.
7.Lite­ra­tur­tipp: Förs­ter, Hans: Abriß der latei­ni­schen Paläo­gra­phie, Ver­lag Haupt, Bern 1949; Nach­druck Stutt­gart 1981.