Schöffer, Peter

Deutscher Prototypograph, Kalligraph, Verleger und Buchhändler. Meisterschüler von Johannes Gutenberg (um 1400–1468) und Lehrer von Arnold Pannartz (o.A.–1476), Conrad Sweynheym (o.A.–um1474/1476) und Nicolas Jenson (um 1420–1480). Peter Schöffer ist der zweite Typograph nach Gutenberg. Er gilt als der Wegbereiter des verfeinerten Schriftgusses für Buchschriften in Lesesgrößen. Alternative Schreibweisen seines Namens: Peter und Petrus bzw. Scheffer, Schoeffer, Schoffer, Schoiffer, Schoiffer, Schoifher, Schoyfer oder »Petrus Schoeffer de Gernsheim« und »Petrus Gernsheimensis«. 1 )

Peter Schöffer wurde zwischen 1420 und 1430 in Gernsheim, einer kleinen Stadt am östlichen Ufer des Reihns in der großherzoglichen hessischen Provinz Starkenburg geboren. Aus Schöffers Jugend ist nur wenig Konkretes 2 ) überliefert, doch scheint seine außerordentliche künstlerische Begabung, verbunden mit hohen intellektuellen Fähigkeiten, früh erkannt und vor allem vom benediktinischen Klerus ausgebildet worden zu sein. Auch soll der wohlhabende Mainzer Kaufherr und Advokat Johann Fust (um 1400–1466) bereits sehr früh sein väterlicher Gönner und Mentor gewesen sein.

Zwischen 1444 und 1448 war Schöffer an der Universität Erfurt immatrikuliert, wo er Theologie und Jurisprudenz studierte; danach war »Petrus de Gernsheim alias Moguntia« 1449 als Schreiber und Kalligraph (siehe Kalligraphie) an der Sorbonne in Paris tätig, wie im Kolophon einer Handschrift nachzulesen ist; ab 1452 arbeitete er in Mainz mit Johannes Gutenberg zusammen, dessen Meisterschüler und späterer »Erzrivale« er wurde.

Wenngleich Schöffer die Buchdruckerkunst nicht erfunden hat, so war er doch rasch ein Meister in diesem neuen Metier und Urheber von technischen und formalen Verbesserungen an den Lettern. Dazu vermerkte der Benediktinerabt und Humanist Johannes Trithemius (1462–1516) in seinem »Catalogus illustrium virorum Germaniae« von 1491:

»Der erwähnte Schöffer, ein kluger, gedankenreicher Kopf, dachte eine leichtere Art aus, Buchstaben zu gießen, und brachte die Kunst zur heutigen Vollendung.«

Als versierter Kalligraph wußte er die hohe Schriftästhetik der mittelalterlichen Manuskripte mit einem praktikablen Inventar an Abbreviaturen und Ligaturen aus der zeitgenössischen Textura zu verbinden und gekonnt in die Typographie der Inkunabeln zu transponieren; so hatte er wesentlichen Anteil am Entstehungsprozeß des Typenrepertoires zur Gutenberg-Bibel (B42), insbesondere an der variantenreichen Ausbildung des Systems der Anschlußbuchstaben.

1455 spielte Schöffer als Zeuge im Prozeß Fust contra Gutenberg eine wohl schicksalhafte Rolle und war nach Gutenbergs fatalem Abgang bis 1466 Werkstattleiter der prosperierenden Gemeinschaftsoffizin im Mainzer Humbrechthaus (siehe Gutenberg und Fust).

Eine Innenseite mit Notation des »Psalterium Moguntinum«, gedruckt auf Pergament unter Verwendung von Rotdruck sowie vielen roten und blauen Initialen. Erschienen 1457 bei der Fust-Schöffer´schen Offizin. Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Online verfügbar unter http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-v-7/0001/thumbs?sid=813b543f518dae9080247ce11d61aa64#current_page
Eine Innenseite mit Notation des »Psalterium Moguntinum«, gedruckt auf Pergament unter Verwendung von Rotdruck sowie vielen roten und blauen Initialen. Erschienen 1457 bei der Fust-Schöffer´schen Offizin. Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Online verfügbar unter http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-v-7/0001/thumbs?sid=813b543f518dae9080247ce11d61aa64#current_page (21.7.2017).

Hier vollendete er am 14. August 1457 das »Psalterium Moguntinum«, die erste datierte Inkunabel der Schriftgeschichte. Der »Mainzer Psalter« umfaßt zwar nur 175 Blatt, ist jedoch mit seinen mehr als 520 verschiedenen Typen, die der traditionellen Missal-Textura liturgischer Handschriften nachgebildet sind, und den erstmals farbig in Königsblau und Kardinalrot gedruckten Lombard-Unzialen einer der satztechnisch aufwändigsten Frühdrucke des 15. Jahrhunderts. Die Analyse zeigt allerdings einen deutlichen Bruch zwischen den ersten und den weiteren Lagen, weshalb die Paläotypie einzelne Psalterteile noch Gutenberg zuschreibt, auch wenn im Kolophon – dem ersten Impressum der abendländischen Typographie – Fust und Schöffer sich dezidiert als Drucker nennen.

Petrus Schöffer hatte neben der für Liturgica verwendeten Psaltertype frühzeitig auch eine Gotico-Antiqua geschaffen, die Elemente der Rotunda mit den Stilmerkmalen der italienischen Humanistenhandschríft verband. Der charakteristisch lichte Satz dieser berühmten »Durandus-Type« war durch die hochgezogenen Oberlängen der Minuskeln b, f, h, k, l, das lange s, ein offenes a und das doppelbäuchige g bedingt. Das am 6. Oktober 1459 publizierte »Rationale divinorum officiorum«, eine von Guilelmus Durandus (Guillelmo Duranti) um 1290 verfaßte allegorische Darstellung der Liturgie, zählt mit seinen kunstreich illuminierten Prunkinitialen zu den schönsten frühen Inkunabeln deutscher Provenienz.

Reproduktion des Druckerzeichens um 1471/1477 des Mainzer Prototypographen Peter Schöffer (um 1425/1430–1502/1503). Es gilt als das älteste europäische Druckersignet: zwei miteinander verbundene, an einem Ast hängende Wappenschilde, die mit stilisierten Winkelhaken und Sternen verziert sind.
Reproduktion des Druckerzeichens um 1471/1477 des Mainzer Prototypographen Peter Schöffer (um 1425/1430–1502/1503). Es gilt als das älteste europäische Druckersignet: zwei miteinander verbundene, an einem Ast hängende Wappenschilde, die mit stilisierten Winkelhaken und Sternen verziert sind.

Am 14. August 1462 präsentierte die Fust-Schöffer´sche Offizin mit der 48zeiligen »Biblia latina« ein Meisterwerk, für das Schöffer eine weitere, nun etwas größer dimensionierte Gotico-Antiqua entworfen hatte. In diesem Wiegendruck findet sich auch das älteste europäische Druckersignet: zwei miteinander verbundene, an einem Ast hängende Wappenschilde, die mit stilisierten Winkelhaken und Sternen verziert sind.

Neben solch opulenten liturgischen Prachtinkunabeln, den wichtigsten Standardwerken des kanonischen Rechts, der Theologie und theosophischen Erbauungsliteratur wurden in der Mainzer Gemeinschaftsoffizin aber auch die vielfältigsten Kleindrucke, Akzidenzien, aktuelle amtliche Verlautbarungen sowie gerichtliche Verordnungen und im Zuge der Mainzer Stiftsfehde sogar kirchenpolitische Propagandaschriften – diplomatischerweise für der Erzbischof Diether von Isenburg (1412–1482) und seinen erzbischöflichen Kontrahenten – produziert. Auch die klassische Literatur fehlte selbstverständlich nicht. Eine zweite Edition von Ciceros »De officiis« war das letzte Werk, in dem Fust und Schöffer gemeinsam als Drucker firmierten.

Als Johann Fust 1466 in Paris vermutlich an der Pest verstarb, übernahm Schöffer nicht nur die Offizin, sondern führte auch die bereits ausgedehnten buchhändlerischen Agenden höchst erfolgreich weiter. Anfangs organisierte er den Verkauf seiner Drucke noch über Faktoreien und eigene Bedienstete, die er mit prototypischen Werbeanzeigen ausstattete. Auf einer dieser noch auf lateinisch abgefaßten Reklamen findet sich der originelle Vermerk: »Venditor librorum reperibilis est in hospitio dicto zum Willden mann: Der Buchverkäufer ist in besagtem Wirtshaus Zum wilden Mann anzutreffen.«

Nach seiner Heirat mit Fusts Tochter Christina und dem Erbverzicht des Fustsohnes Johannes zu seinen Gunsten ging das Unternehmen 1476 vollständig in Schöffers Besitz über. Ein Jahr später kaufte er das Nachbarhaus »Zum Korb«, gründete Vertriebsniederlassungen in Paris und Trier, etablierte sich auf der Frankfurter Messe, erwarb dort ein Anwesen und erlangte 1479 sogar das Bürgerrecht. Bis zum Ende des Jahrhunderts hatte Schöffer den Handel mit eigenen und fremden Druckwerken über den gesamten deutschsprachigen Raum bis nach Lübeck, Breslau und Krakau ausgeweitet. Auch das Verlagsprofil wurde immer umfassender, bei inhaltlich und gestalterisch stets gleichbleibend hohem Qualitätsstandard.

In seiner fünfzig Jahre währenden Karriere als »Meister der Druckkunst« – so Petrus Schöffers Eigendefinition in einem Kolophon von 1471 – typographierte er nahezu 250 unterschiedliche Inkunabeln; darunter 1466 erstmals auch das Werk eines lebenden Autors, die lateinische »Grammatica rhythmica« von Johann Brunner (o.A.), einem engagierten deutschen Philologen, der als Korrektor in seiner Offizin arbeitete.

Mit höchst bibliophil gestalteten deutschsprachigen Drucken gewann Schöffer auch das bürgerliche Lesepublikum. Der um 1474 gedruckte »Spiegel der volcomenheit« des Franziskaners Henricus (de) Herpf (um 1400/1410–1477/1478) sprach erfolgreich die Frömmigkeit breiter Kreise an und sogar die musiktheoretischen Reformschriften eines Konrad von Zabern (o.A.–um 1476/1481) erfreuten sich einer weit über die Universitäts- und Klostermauern hinausgehenden Popularität.

Mit dem »Gart der Gesundheit« präsentierte Schöffer am 28. März 1485 das erste gedruckte Kräuterbuch in deutscher Sprache mit 378 Xylographien, die sein holländischer Grafiker und Illustrator Erhard Reuwich (1450–nach 1505) eigens für diese Inkunabel entworfen hatte. Eine typographische Besonderheit ist auch die hier verwendete Oberrheinische Druckbastarda mit ihren breiten Proportionen, wenig betonten Ober- und Unterlängen sowie dem schleifenförmig ausschwingenden Abschluß der Schäfte der Buchstaben b, d, h, und l. Publikumserfolge wurden auch die »Küchenmeisterei« von 1487 und die von Konrad Botho im niederdeutschen Dialekt verfaßte »Chronecken der Sassen« (Sachsenchronik), publiziert am 6. März 1492.

Neben seinen vielfältigen Aktivitäten in Druckerei, Verlag und Vertrieb übte Petrus Schöffer seit 1489 auch das Amt eines weltlichen Mainzer Stadtrichters aus, trieb Handel mit Wachs und besaß seit 1495 Anteile an einem Bergwerksunternehmen im nassauischen Amt Weilmünster. Von seinen vier Söhnen aus der Verbindung mit Christina Fust etablierten sich drei ebenfalls im typographischen Gewerbe: Gratian Schöffer (o.A.) wurde Drucker in Ostrich im Rheingau, Johannes Schöffer (o.A.) übernahm die Mainzer Offizin und Peter Schöffer junior (um 1475/1480–1547) spezialisierte sich auf Musiknoten und druckte überaus erfolgreich in Worms, Straßburg, Basel und Venedig.

Petrus Schöffer, der geniale Kalligraph, Typograph, Wiegendrucker, Buchgestalter, Verleger, Kaufmann – ein »gottbegnadeter Künstler und multifunktionaler Unternehmer, über dessen sämtlichen Werken der Segen des Gelingens lag«, wie einer seiner Biographen treffend bemerkte – starb im Winter, vermutlich zwischen dem 21. Dezember 1502 und dem 27. März 1503 in Mainz. 3 ) 4 )

Peter Schöffer gilt, neben Johann Fust und Konrad Henckis (um 1470–nach 1481), 5 ) als einer der Mitbegründer der Frankfurter Buchmesse, heute die größte internationale Buchmesse der Welt, die jährlich im Oktober auf dem Gelände der Messe Frankfurt stattfindet und seit 1949 im jetzigen Veranstaltungsformat vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels kuratiert wird.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Quelle und Literaturempfehlung: Lange, Adolph: Peter Schöffer von Gernsheim, der Buchdrucker und Buchhändler, Bernh. Hermann Verlag, Leipzig, 1864.
2.Anmerkung: Im Dreißigjährigen Krieg wurde Gernsheim durch die Schweden geplündert. Alle bis dahin noch vorhandenen Kirchenbücher und Gemeindeunterlagen wurden schlussendlich bei der Zerstörung der Stadt während des Mordbrennerkrieges (Orleansche Erbfolgekrieg) – mit dem Ludwig XIV (1638–1715) die Pfalz überzog – durch die Truppen Generals Ezéchiel de Mélac (1630–1704) im Jahre 1689 vernichtet.
3.Literaturempfehlung: Dahl: Johann Conrad: Peter Schöffer von Gernsheim, Miterfinder der Buchdruckerkunst, Verlag Ludwig Schellenberg, Wiesbaden, 1814.
4.Literaturempfehlung: Schaab, Carl Anton: Kritische Bemerkungen über Dahls neueste Schrift: Peter Schöffer, Miterfinder der Buchdruckerkunst, Mainz 1832, Großherzogliche Hofbuchdruckerei Theodors v. Zabern, Mainz, 1833.
5.Anmerkung: Der Buchdrucker und Buchhändler Konrad Henckis war ein Kompagnon von Peter Schöffer und der spätere Mann seiner Witwe.