Prototypographen

Als Pro­to­ty­po­gra­phen wer­den in der Paläo­ty­pie und der Typo­gra­phie die ers­te Gene­ra­ti­on der Erst- bzw. Inku­na­bel­dru­cker des 15. Jahr­hun­derts bezeich­net, also die ers­te Gene­ra­ti­on von Typo­gra­phen seit Erfin­dung der Typo­gra­phie durch Johan­nes Guten­berg (um 1400–1468). Der Ter­mi­nus »Pro­to­ty­po­gra­phie« ist ein Syn­onym für den »Wie­gen­druck« bzw. »Inku­na­bel­druck« der Jah­re 1450 bis 1500. 

Ety­mo­lo­gi­sch ist das Prä­fix »Pro­to-« dem alt­grie­chi­schen »prõ­tos« für »vor­ders­ter, ers­ter, bedeut­sa­mer« ent­lehnt. Das Wort »Typo-« stammt vom alt­grie­chi­schen »typos« her, das eigent­li­ch »Schlag, Stoß«, spä­ter auch »Ein­druck, Mus­ter, Bild« bedeu­tet, ana­log zu »typt­ein« für »schla­gen, hau­en«, als Ursprung für das latei­ni­sche »typus«, das dann »Figur, Bild, Mus­ter« meint. Das Wort »-gra­phie« ent­spricht dem alt­grie­chi­schen »-gra­phia« für das »Schrei­ben, Dar­stel­len, Beschrei­ben« zu alt­grie­chi­sch »graphein« für »rit­zen, schrei­ben«. 

Auch wenn Guten­berg in der Straß­bur­ger Ent­wick­lungs­pha­se zwi­schen 1440/44 und auch noch im ers­ten Jahr­zehnt sei­ner Dru­cker­tä­tig­keit in Mainz jeden Mit­ar­bei­ter oder Schü­ler auf strik­te Geheim­hal­tung der »Deut­schen Kunst« auf die Bibel buch­stäb­li­ch ein­schwor, so brei­te­te sich die revo­lu­tio­nä­re Tech­no­lo­gie der Typo­gra­phie mit ihren ratio­nel­len Pro­duk­ti­ons­me­tho­den doch rasch aus.

Faksimile einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009.
Fak­si­mi­le einer 42-zei­li­gen Guten­berg-Bibel. Ori­gi­nal gedruckt von Johan­nes Guten­berg in Mainz um 1455. Quel­le: New York Public Libra­ry, 2009.

Das Zer­würf­nis zwi­schen Guten­berg, Johann Fust und Petrus Schöf­fer 1455 sowie die krie­ge­ri­sche Stifts­feh­de 1460–62 zwi­schen den bei­den riva­li­sie­ren­den Erz­bi­schö­fen Diet­her von Isen­burg und Adolf von Nas­sau mag wohl ent­schei­dend dazu bei­ge­tra­gen haben, dass Mainz die Mono­pol­stel­lung als ers­tes Medi­en­zen­trum der Neu­zeit nicht lan­ge hal­ten konn­te.

Ab 1462 sorg­ten die mehr­heit­li­ch deut­schen Pro­to­ty­po­gra­phen für die Aus­brei­tung der Deut­schen Kunst in die euro­päi­schen Han­dels-, Bischofs-, Reichs- und Uni­ver­si­täts­städ­te. Bis zum Jahr 1500 gab es euro­pa­weit in mehr als 250 Orten zumin­dest eine Offi­zin.

Zen­tren der Pro­to­ty­po­gra­phie waren Mainz, Straß­burg, Köln, Rom, Augs­burg, Basel, Vene­dig, Nürn­berg, Paris, Flo­renz, Lyon, Utrecht, Valen­cia, Lon­don, Wien und Leip­zig.

Erhard Ratdolts »Calendarius« des Königsberger Astronomen, Mathematikers und Verlegers Johann(es) Müller (Regiomontanus, 1436–1476) in deutscher Sprache, Venedig 1478. Titelblatt mit Rankenwerk und Druckernamen. Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Erhard Rat­dolts »Calen­da­ri­us« des Königs­ber­ger Astro­no­men, Mathe­ma­ti­kers und Ver­le­gers Johann(es) Mül­ler (Regio­mon­ta­nus, 1436–1476) in deut­scher Spra­che, Vene­dig 1478. Titel­blatt mit Ran­ken­werk und Dru­cker­na­men. Quel­le: Wiki­me­dia Com­mons, gemein­frei.

Ins­ge­samt wur­den in den ers­ten fünf Jahr­zehn­ten nach der Erfin­dung der Typo­gra­phie rund 27.000 unter­schied­li­che Inku­na­beln in 17 Mil­lio­nen Exem­pla­ren gedruckt. Guten­bergs epo­cha­le Erfin­dung kann wohl zurecht als die ers­te Medi­en­re­vo­lu­ti­on in der Schrift­ge­schich­te bezeich­net wer­den.

Chronographie

der Pro­to­ty­po­gra­phen mit eige­ner Offi­zin von 1450 bis 1500

1450 Mainz, Johan­nes Guten­berg und Johann Fust (infol­ge Petrus Schöf­fer)
1460 Straß­burg, Johann Men­tel­in
1461 Bam­berg, Albrecht Pfis­ter und Johann N(e)umeister
1462 Elt­vil­le, Hein­rich und Nico­laus Bech­ter­mün­ze, mit Unter­stüt­zung von Guten­berg
1464 Straß­burg, Adolf Rusch
1465 Subi­a­co bei Rom, Con­rad Sweyn­he­ym und Arnold Pann­artz
1465 Köln, Ulrich Zell
1466 Rom, Ulrich Han
1468 Augs­burg, Gün­ther Zai­ner
1468 Basel, Bert­hold Rup­pel
1469 Vene­dig, Johan­nes von Spey­er (Joan­nes de Spi­ra)
1469 Nürn­berg, Johann Sen­sen­schmidt
1470 Paris, Ulrich Gering, Micha­el Fri­bur­ger und Mar­tin Crantz
1470 Bero­müns­ter, Heli­as Heliae
1470 Foli­gno, Johann N(e)umeister
1470 Mai­land, Anto­nio Zarot­to
1470 Tre­vi, Johan­nes Rein­hard
1471 Flo­renz, Johan­nes Petri
1471 Bolo­gna, Bal­das­sa­re Azzo­gui­di (Bal­tha­s­ar Azo­gui­dus)
1471 Nea­pel, Six­tus Ries­sin­ger
1471 Peru­gia, Petrus Petri de Colo­nia und Johan­nes Nico­lai de Bam­ber­ga
1471 Man­tua, Petrus Adam de Michae­li­bus
1471 Fer­ra­ra, Andre­as Bel­for­tis
1471 Tre­vi­so, Gerar­dus de Lisa
1472 Mai­land, Chris­to­ph Valdar­fer
1472 Aal­st (Alost), Johan­nes von Pader­born (Johan­nes de West­fa­lia Pader­bor­nen­sis)
1472 Padua, Loren­zo Cano­zio
1472 Par­ma, Andrea(s) Por­ti­lia
1472 Köln, Johann Schil­ling
1473 Lyon, Guil­lau­me Le Roy
1473 Utrecht, Nico­laus Kete­la­er und Gher­ar­dus de Leempt
1473 Bar­ce­lo­na, Hein­rich Botel, Georg vom Holtz und Johan­nes Planck
1473 Valen­cia, Lam­bert Palm­art de Colo­nia, Johann von Salz­burg und Paul Hurus aus Kon­stanz
1473 Aal­st (Alost), Dirk (Theo­do­ri­co) Mar­tens (und Johann von Pader­born als Part­ner?)
1473 Mes­si­na, Hein­rich Alding
1473 Buda, Andre­as Hess
1473 Ulm, Johann Zai­ner
1474 Leu­wen, Con­ra­dus de Pader­born
1474 Turin, Joan­nes Fabri Lin­go­nen­sis
1475 Vene­dig, Erhard Rat­dolt (Erhar­dus rat­dolt de Augusta, ab 1485 selb­stän­dig in Augs­burg)
1475 Lübe­ck, Lucas Bran­dis
1475 Modena, Johann Wurs­ter
1475 Bres­lau, Kas­par Elyan
1476 West­mins­ter, Wil­liam Cax­ton
1476 Spey­er, Peter Drach
1476 Tou­lou­se, Hen­ri­cus Tur­ner
1478 Genf, Adam Stein­scha­ber
1479 Zürich, Sig­mund Rot
1479 Pil­sen, Anony­mus
1479 Würz­burg, Georg Rey­ser
1480 Mag­de­burg, Bar­tho­lo­ma­eus Gho­tan
1481 Ant­wer­pen, Mat­thi­as von der Goes
1482 Wien, Ste­fan Kob­lin­ger
1482 Mün­chen, Hans Schaur
1482 Oden­se, Johann Snell
1483 Leip­zig, Kon­rad Kachel­ofen
1483 Stock­holm, Johann Snell
1484 Siena, Hen­ri­cus de Colo­nia (Hein­rich von Köln)
1489 Lis­sa­bon, Anony­mus
1490 Kopen­ha­gen, Got­fred af Ghe­men
1491 Ham­burg, Johan­nes und Tho­mas Bor­chard
1491 Kra­kau, Swei­polt Fiol
1493 Cet­in­je, Mön­ch Maca­ri­us (Maka­ri­je)

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

Share / Bei­trag tei­len: