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Ratdolt, Erhard
Prototypograph, Deutschland [1], 14471527
Deutscher Prototypograph. 1447 in Augsburg geboren. Über Erhard Ratdolts Jugend und Ausbildung ist überliefert, dass er als Fünfzehnjähriger nach dem Tod seines Vaters, einem Schreiner, 1462 möglicherweise im Gefolge jener Gutenberg-Jünger, die wegen der Fehde unter den beiden Mainzer Kirchenfürsten nach Italien auswanderten, » zu dem ersten welssen land « und 1474 » das lest mal gen Venedig « zog. Die Jahre zwischen diesen wiederholten Auslandsaufenthalten verlebte er mit seinem älteren Bruder Hans im elterlichen Wohnhaus im Augsburger St. Antonius-Viertel. Welche Bedeutung die deutschen Prototypographen für die Entwicklung des Buchdrucks in Venedig hatten, geht übrigens aus den venezianischen Stadtchroniken hervor, die allein für die Dekade von 1470 bis 1480 nicht weniger als fünfzig Drucker, nahezu ausnahmslos von deutscher Herkunft, verzeichnen. Mit Erhard Ratdolt kam 1486 die Renaissance-Antiqua venezianischer Prägung nach Deutschland.
1475 gründete in Venedig auch Erhard Ratdolt gemeinsam mit dem Maler Bernhard (Pictor) von Augsburg und Peter Löslein aus Langenzenn/Nürnberg eine Offizin. Als erste Inkunabel aus dieser Buchdruckerei erschien 1476 das » Calendarium Regiomontani « des Königsberger Astronomen Johann Müller. Das von neuartigen floral-ornamentalen Randleisten gezierte Titelblatt der Parallel-Ausgabe auf Italienisch nennt in rotgedruckten (Zitat: » I nomi di impressorii, Son qui da basso di rossi colori «) Antiqua-Lettern » Erhardus ratdolt de Augusta « als Drucker, dazu seine beiden Geschäftspartner » Bernardus pictor «, ebenfalls aus Augsburg, und » Petrus loslein de Langencen «, der an anderer Stelle auch als Ratdolts » corrector ac socius « bezeichnet wird. Ratdolts venezianische Antiqua-Typen zeichnen sich durch einen eleganten und klaren Duktus aus, der offensichtlich vom Vorbild des Nicholas Jenson inspiriert ist. Dass sich jedoch Wendelin de Spiras (Wendelin von Speyer) eigenwilliges e mit Cedille (eigentlich also das französische c-Häkchen ¸) in Ratdolts Typenrepertoire wiederfindet, lässt auf enge Verbindungen zwischen diesen beiden deutschstämmigen Druckern schließen.
Seit dem Ausscheiden seiner beiden Teilhaber anno 1480 führte Ratdolt die venezianische Offizin allein. In der Ausstattung seiner Drucke mit kunstvollsten Holzschnitt-Initialen und Randleisten erreichte er eine Perfektion, die eine Ausschmückung von Hand des Miniators endgültig überflüssig machte. Ein besonderes Charakteristikum sind seine Initialen und Bordüren in sogenannter » Sgraffito-Manier «, also weiße Ornamentik auf schwarzem Grund. Ratdolts typographische Vorliebe galt neben liturgischen Prachtinkunabeln vor allem der exemplarischen Edition astronomischer und mathematischer Werke mit komplizierten Skizzen und geometrischen Diagrammen.
Als das wohl beeindruckendste Meisterstück seiner venezianischen Periode gilt die am 25. Mai 1482 publizierte Erstausgabe der » Elementa geometrica: Preclarissimus liber elementorum Euclidis perspicacissimi: in artem geometrie incipit ... « des Euclid (um 326 bis 265 v.Chr.) [1] Auftraggeber war der Doge Giovanni Mocenigo, für den Ratdolt diese kostbare Inkunabel mit aller Kunstfertigkeit ausstattete: auf den 137 Folios finden sich nicht weniger als 420 im Holzschnittverfahren, kombiniert mit feinsten Bleilinien, gedruckte Diagramme von äußerster Exaktheit, dazu viele prächtige Ornamentleisten; eine echte Innovation sind die in Gold gedruckten gotischen Rotunda-Lettern der Huldigungssentenzen und Widmung an Ratdolts italienischen Mäzen. Ein Exemplar dieser wertvollen und berühmten Euclid-Inkunabel befindet sich heute in der Augsburger Stadtbibliothek, ein zweites im British Museum in London.
Typohistorisch höchst bemerkenswert ist auch das mit Venedig, 13. September 1483 datierte » Chronicon « des Eusebius Pamphili [3]. Erhard Ratdolt druckte eine von Johannes Lucilius Santritter lektorierte zweite Edition dieser Chronik, die Matthias Palmerius Pisanus jedoch gegenüber der Mailänder Erstausgabe bis zum Jahr 1481 aktualisiert hatte. Nota bene, es ist dies die erste Inkunabel überhaupt, in der Johannes Gutenberg (daneben ist als Datierung 1440 vermerkt!) expressis verbis als Erfinder des Buchdrucks genannt wird. Der entsprechende Eintrag findet sich auf der Rückseite von Folio 3, unter der Jahreszahl 1457.
Ein typographisches Kuriosum ist der » Libellus Ysagogicus Abdilazi« von 1485, der höchstwahrscheinlich letzte Druck aus der venezianischen Offizin des Erhard Ratdolt: der Haupttext dieses von Johannes Hispalensis (nach dem arabischen Original des Abu-'s-Saqr Abd al-Aziz ibn Uthman al-Qabisi, latinisiert Alchabitius) überlieferten Handbuchs zur Sternenkunde ist in Antiqua gesetzt, der lateinische Kommentar des deutschstämmigen Johannes de Saxonia hingegen in einer gotischen Rotunda.
1485 folgte Erhard Ratdolt dem Ruf der Bischöfe Johann von Werdenberg beziehungsweise Friedrich von Zollern (der auch ausgebildeter Musiker und Komponist war) und kehrte in seine Geburtsstadt Augsburg zurück. Im Jahr darauf richtete er dort eine Druckerei ein, firmierte fortan als » Buchdrucker und Buchführer « und war Mitglied der Zunft der Salzfertiger. Nach dem Tod seiner ersten Frau Anna Eisenhofer (gestorben 1485) schloß er eine zweite Ehe mit Veronika Epishofer, der ein Sohn namens Georg (14861541/42) entspross. Aus dem Jahr 1486 stammt auch der legendäre Einblattdruck Ratdolts, ein » Schriftmusterblatt «, das 14 Typenarten demonstriert: eine griechische Schrift, drei Antiqua- und zehn Rotundatypen. Erst mit Ratdolts Rückkehr konnte sich die gotische Rotunda in der deutschen Typographie als ein praktikables Pendant zur dominanten Textura etablieren, bevor sie um 1520 von der neuen Fraktur fast völlig verdrängt wurde, die Ihren prototypographischen Ursprung auch in Augsburg hatte.
Ratdolts erster Augsburger Druck war das » Obsequiale Augustanum «, dessen schwarze, gotische Choralnoten noch im Holzschnittverfahren und auf vier roten Notenlinien im Blockdruck hergestellt wurden. In kollegialem Wettstreit mit seinem Zunftgenossen Johannes Froschauer druckte Ratdolt in den Folgejahren viele kostbare musikalische Inkunabeln, ab 1491 auch in Anwendung des Typendrucks für Noten; die bemerkenswertesten Zeugnisse seines hohen Könnens bewahrt heute die Musiksammlung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: so etwa die » Vigiliae ac vesperae mortuorum cum officiis secundum chorum Augustensem «, Augsburg 1491; die » Ordo processionis ac missae celebrationis ad divinum auxilium contra infideles impetrandum «, Augsburg 1496; oder das prachtvolle » Missale Augustanum « von 1496. Ein 1497 gedrucktes Missale zeigt Ratdolts Drucker-Signet in Rot mit schwarzen Konturen und farbfreien Binnenflächen: Merkur hält in seiner Rechten zwei ineinander gewundene Schlangen, anstelle des obligaten Feigenblatts bedeckt ein sechszackiger roter Stern, gehalten von der linken Hand, die göttliche Blöße ... » Erhardi Ratdolt foelicia conspice signa | Testata artificem qua valet ipse manum «, so steht über dem Signet zu lesen.
Die Augsburger Offizin, aus der mehr als 220 Werke - überwiegend Liturgica und Notendrucke - hervorgingen, entwickelte sich zu einem florierenden Unternehmen; Ratdolts Vermögensveranlagung stieg von anfänglich 1.600 fl (Gulden) auf stolze 5.400 fl anno 1510; den Steuerbüchern für die Jahre 1503 bis 1506 zufolge, war Ratdolt zu dieser Zeit im Bezirk » S. Kathrinen gaß « (der heutigen Katharinengasse zwischen Maximilianstraße und Königsplatz) ansässig, ab 1507 dann in einem Haus » uf dem Frawengraben « (dem heutigen Färbergäßchen). So bedeutende zeitgenössische Künstler wie Burgkmair und Breu waren für Ratdolt als Illustratoren tätig. Sohn Georg, der 1513 eine gewisse Walburga Arzt heiratete, war nach seinem Studium in Ingolstadt ab 1510 in der väterlichen Offizin für den Vertrieb zuständig, bevor er 1515 die Offizin samt allen Verlagsgeschäften übernahm. Die eigentliche Buchproduktion wurde 1522 ganz eingestellt, der lukrative Handel mit katholischer Literatur wurde hingegen auch während der Reformation weitergeführt.
Erhard Ratdolt, der » opifex maximus « der Augsburger Typographenzunft, starb zwischen Ende 1527 und mit Sicherheit dokumentarisch verbürgt vor dem 23. Januar des Jahres 1528 in Augsburg.
[1] Damals: Freie Reichstadt Augsburg, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation (9621806).
[2] Facsimile unter www.octavo.com/collections/projects/eucgeo/indexORF.html
[3] auch: Eusebius Caesariensis; der Erstdruck der lateinischen Übersetzung dieses griechisch-römischen Geschichtswerkes durch den Heiligen Hieronymus, ergänzt durch Prosper Aquitanus bis in die Mitte des 5. Jahrhunderts und Matthaeus Palmerius Florentinus bis 1449 stammt von Philippus de Lavagnia, Mailand ~1475.
[T] Interessant wäre eine Antwort auf die Frage, ob sich Leonhard Wagner und Erhard Ratdold gekannt und beeinflusst haben.
[L] Georg Wilhelm Zapf: Augsburgs Buchdruckergeschichte nebst den Jahrbüchern derselben. Teil I. Vom Jahre 1468 bis auf das Jahr 1500, erschienen Augsburg 1786; Teil II. Vom Jahre 1501 bis auf das Jahr 1530, erschienen Augsburg 1791. Unveränderter Nachdruck: Leipzig, 1968.
[L] Gilbert R. Redgrave, »Erhard Ratdolt and his work at Venice«, Chiswick Press, London, April 1894.
[L] H. Riemann: Bibliographisch-typographische Studien zu Notenschrift und Notendruck, Leipzig 1896.
[L] R. Molitor: Deutsche Choral-Wiegendrucke, Regensburg 1904.
[L] K. Schottenloher: Die liturgischen Druckwerke Erhard Ratdolts aus Augsburg 1485-1522, Mainz 1922.
[L] J. Schwarz: Die Memorabilien des Augsburger Buchdruckers E. Ratdolt, Leipzig 1924.
[L] Hans-Jörg Künast: » Getruckt zu Augspurg «: Buchdruck und Buchhandel in Augsburg zwischen 1468 und 1555. Dissertation 1993, publiziert bei Niemeyer, Tübingen 1997; (n.b.: kritisch rezensiert von Peter Amelung!)
[L] Augsburgs Buchdruck und Verlagswesen: von den Anfängen bis zur Gegenwart / hrsg. von Helmut Gier und Johannes Janota im Auftrag der Stadt Augsburg. (1413 Seiten) - Wiesbaden, Harrassowitz, 1997.
[L] Christoph Reske: Erhard Ratdolts Wirken in Venedig und Augsburg. In: Venezianisch-deutsche Kulturbeziehungen in der Renaissance. Pirckheimer-Jahrbuch 2003.
Aufsatz zuletzt bearbeitet am 24.08.2006
von Wolfgang Beinert
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