Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Renaissance-Antiqua
Oldstyle

Schriftart; Unterschriftgruppe, die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation zur Schriftgattung (Hauptschriftgruppe) Antiqua zählt; rundbogige Druckschrift römischen Ursprungs mit Serifen. Renaissance-Antiquas werden in die Nebengruppen Venezianische Renaissance-Antiqua und Französische Renaissance-Antiqua untergliedert.

Unter »Renaissance« wird eine europäische Kulturepoche verstanden, die sich durch die »Wiederbelebung« antiker Ideale – insbesondere in Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Malerei und Architektur – auszeichnet. Der Ursprung der Renaissance liegt in Italien, insbesondere in Florenz [1], Venedig [2], Rom [1] und Mailand [4]. Die Kulturwissenschaft unterscheidet in Frührenaissance (ab ca. 1420), Hochrenaissance (ab ca. 1500) und Spätrenaissance (ab ca. 1520). In der Frührenaissance entwickelte sich auch ab 1450–1457 die Typographie durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Durch sie konnten von nun an Ideen und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte. Humanismus, Aufklärung, die Entdogmatisierung der Wissenschaft, Liberalisierung und Typographie sind deshalb untrennbar miteinander verbunden. Etymologisch bedeutet Renaissance »Rückbesinnung, Wiederbelebung«, was aus dem frz. »renaissance« für »Wiedergeburt« zu frz. »renitre« für »wiedergeboren werden, aufleben« zu frz. »naitre« für »geboren werden »und« re-« für »wieder« stammt. In Deutschland ist der Begriff ab Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich, um kulturwissenschaftlich den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zu skizzieren.

Die Bezeichnung »Antiqua« leitet sich etymologisch von der lateinischen weiblichen Form zu »antiquus« für »vorig, alt«, einer Nebenform von »anticus« für »der vordere« vom lateinischen »ante« für »vor« ab. Mit »Antiqua« ist somit die »alte Schrift« gemeint. Der Begriff »Antiqua« wird als Terminus primär im deutschsprachigen Raum sowohl für die Schriftgattung als auch für eine Schriftart verwendet. Er bezeichnet ausschließlich eine typographische Schrifttype mit - in der Regel - einem Majuskel- und einem Minuskelfigurenverzeichnis. Die Antiqua ist heute die führende Verkehrsschrift der westlichen Welt.

Die Typometrie der Renaissance-Antiqua venezianischer Prägung orientiert sich bis zum Ende der Inkunabelzeit aus merkantilen Gründen immer noch an der Kalligraphie. Die Formgebung ihrer Buchstaben und ihre Anmutung wirken deshalb bis zur Schöpfung der »Aldinischen Antiqua« noch sehr rudimentär. Eine Französische Renaissance-Antiqua zeichnet sich dagegen durch ein sehr harmonisches Schriftbild und in gedruckter Form durch eine sehr gute Lesbarkeit selbst unterhalb von Lesegrößen aus. Sie wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre venezianische Vorlage; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet; der Innenbalken beim »e« ist bereits waagrecht.

PRIMÄRE KLASSIFIKATIONSMERKMALE:

Dachansätze der Minuskeln: Schräg
Oberlängen der Minuskeln: Enden bei der k-Linie (
Schriftlinien)
Achse der Minuskel e bei der Venezianischen Renaissance-Antiqua: Schräger Innenbalken nach links geneigt
Achse der Minuskel e bei der Französischen Renaissance-Antiqua: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Nach links geneigt
Serifenübergänge: Rund bis konisch
Serifenseitenkante: Bogenform bis gerade
Serifenunterkante: Leicht bis stark gekehlt
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Gleichmäßige Kontrastunterschiede
Bemerkung: Generelle Erkennungsmerkmale einer Renaissance-Antiqua sind gekehlte Serifen, nach links geneigte Rundformen und Minuskeloberlängen, die über die Versalhöhe ragen


Mit frühen »Archetypen« einer Antiqua im Minuskelalphabet experimentierten bereits um 1465 die deutschen Prototypographen Conrad Sweynheym und Arnold Pannartz im Benediktinerkloster von Subiaco in der Provinz Rom. In ihrer eigenen Offizin in Rom druckten Sweynheym und Pannartz 1467 die erste Ausgabe der berühmten »Epistulae familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.), einem römischen Dichter, Redner und Staatsmann, in ihrer zur Reinform weiterentwickelten Sublacensischen Antiqua-Type.

Die deutschen Gebrüder von Speyer und letztendlich der französische Typograph Nicolas Jenson entwickelten um 1468 in Venedig aus dieser Sublacensischen Antiqua-Type die Antiqua »Litterae Venetae«. Sie gilt als die erste vollkommen ausgebildeten Reinform einer gedruckten Antiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition.

In Frankreich entwickelte sich aus der Venezianischen Renaissance-Antiqua, insbesondere aus den Griffo-Lettern, ab 1530 die Französische Renaissance-Antiqua (Mediäval, Garalde), an deren Formgebung maßgeblich die französischen Typographen Antoine Augereau (um 1485–1534) und Claude Garamond (1480/1500–1561) beteiligt waren. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts reformierte der französische Typograph Pierre Simon Fournier (1712–1768) die Französische Renaissance-Antiqua; aus ihr entstand die »Halbmediäval«, die sogenannte Vorklassizistische Antiqua.

Vertreter der Venezianischen Renaissance-Antiqua: Amalthea (Ernst Schneidler), Berkeley Old Style ITC (Tony Stan, 1983), Centaur (Bruce Rogers, 1914/1916/1929), Guardi (Reinhard Haus, 1986), Hadriano (Frederic W. Goudy, 1918), Italia Linotype (Colin Brignall, 1975), Italian Old Style (Frederic W. Goudy, 1924), Jenson Classico (Franko Luin, 1993), Lagacy Serif ITC, Schneidler Stempel (Ernst Schneidler, 1939), Weidemann ITC (Kurt Weidemann, 1983), Tiffany (Edward Benguiat, 1974) und Trajanus (Warren Chappell, 1940).

Vertreter der Französischen Renaissance-Antiqua: Aldus (Hermann Zapf, 1954), Apollo (Adrian Frutiger, 1964), Beinert Geraldes (Wolfgang Beinert, 2002), Bembo (Original von Francesco Griffo, 1496, Neuinterpretation von Monotype, 1929), Berling (Karl-Erik Forsberg, 1951), Breughel (Adrian Frutiger, 1981), Caxton (Leslie Usherwood, 1981), Celestia, Columbus, Comenius, Corporate A (Kurt Weidemann, 1990), Dante (Giovanni Mardersteig und Charles Malin, 1952, Ron Carpenter, 1993), De Roos, Diotima (Gudrun Zapf-von Hesse, 1954), Esprit ITC (Jovica Veljovic, 1985), Galliard ITC (Matthew Carter, 1978), Gamma ITC (Jovica Veljovic, 1986), Garamond Adobe (Robert Slimbach, 1989/1991), Garamond Amsterdam (Morris Fuller Benton, 1917), Garamond Berthold (Günter Gerhard Lange, 1972), Garamond ITC (Tony Stan), Garamond Simoncini, Garamond Stempel (D. Stempel AG, 1925), Garth Graphic, Giovanni ITC (Robert Slimbach, 1989), Goudy (Frederic W. Goudy, 1915), Gody Modern Monotype (Frederic W. Goudy, 1918), Granjon (George W. Jones, 1928), Griffo (Franko Luin, 1993), Granjon (George W. Jones, 1928), Helicon (David Quay, 1989), Hiroshige (Cynthia Hollandsworth Batty, 1986), Hollander (Gerard Unger, 1983), Horley Old Style (Robert Norton, 1977), Leawood ITC (Leslie Usherwood, 1985), Lutetia, Mendoza ITC (Jose Mendoza Almeida, 1991), Meridien (Adrian Frutiger, 1957), Minion (Robert Slimbach, 1992), Minister (Carl Albert Fahrenwaldt, 1929), Novarese ITC (Aldo Novarese, 1984), New Aster (Linotype ®, 1958), Octavian (Will Carter und David Kindersley, 1962), Old Claude, Palatino (Hermann Zapf, 1950), Perpetua (Eric Gill, 1928), Platin, Poliphilus, Poppl-Pontifex (Friedrich Poppl, 1974), Post-Antiqua (Herbert Post, 1932–1939), Quadraat FF, Quadriga, Remer, Romanée, Romulus, Ruit, Sabon (Jan Tschichold, 1967), Spectrum (Jan van Krimpen, 1952), Stone Serif ITC (Sumner Stone, 1988), Trinité, Trump Mediaeval (Georg Trump, 1954), Van Dijck, Veljovic (Jovica Veljovic, 1984), Vendome (Francois Ganeau, 1952), Weiß-Antiqua und Zapf-Renaissance-Antiqua (Hermann Zapf).

[1] Damals: Republik Florenz, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation (962–1806).
[2] Damals: Republik Venedig.
[3] Damals: Kirchenstaat (Vatikan).
[4] Damals: Herzogtum Mailand, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation (962–1806).
[T] Schriftklassifikation und die kunstgeschichtliche Zuordnung von Schriften werden in der Paläographie und Paläotypie erforscht.
[L] Otto Mazal: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Herbert Brekle: Die Antiqualinie von ca. -1500 bis ca. +1500, Nodus Publikationen Münster, 1994, ISBN 3-89323-259-1.
[L] Jan Tschichold, Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952, ISBN 3-473-61100-x.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 22.01.2009
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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