Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Rotunda
Rundgotische Schrift
 
Schriftart (Unterschriftgruppe), die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation zu der Schriftgattung (Hauptschriftgruppe) der Gebrochenen Schriften zählt. Kalligraphische und typographische, rundgotische Buchschrift. Die paläotypographischen Varianten (Paläographie) gehören zu den »Littera textualis formata«.

Etymologisch leitet sich der Begriff »Rotunda« vom lateinischen »rotundus, -a, -um« für »rund, abgerundet « her, bedeutet also »die Runde, Abgerundete«, und bezeichnet seit dem frühen 13. Jahrhundert in der Terminologie der Schreibmeister die gerundete Form der gotischen Minuskel. Als Variante der gebrochenen Schriftarten wurde die Rotunda vorwiegend in Italien, im 14. Jahrhundert besonders in den juristischen Manuskripten der Universität Bologna (daher auch ihr Beiname »littera Bononiensis«) praktiziert. Nördlich der Alpen, wo ja auch in der Buchtypographie die Textura vorherrschte, wurde die Druck-Rotunda erst ab 1485 häufiger verwendet.
 
Die handschriftliche Rotunda hat ihre Wurzeln unverkennbar in der langobardischen »Beneventana«. So bezeichnet die paläographische Forschung jene auf ganz spezielle Weise bereits »gebrochene« Variante einer präkarolingischen Minuskel, die - ausgehend vom süditalienischen Benediktinerzentrum Montecassino, wo sie seit dem 6. bis ins 12. Jahrhundert in ihrer formstrengen Eigenart kultiviert wurde – die Kalligraphie der monastischen Skriptorien (La Cava, S. Sofia di Benevent, S. Liberatore alla Maiella; Klöster in Capua, Neapel, Salerno und Bari sowie in Calabrien und der Basilicata) entscheidend geprägt hatte. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts drang sie über die Kanzlei der Fürsten von Benevent auch in den weltlichen Kulturraum zu beiden Seiten der südlichen Adria ein und konnte sich im Buch- wie im Urkundenwesen (Diplomatik) mancherorts bis ins frühe 14. Jahrhundert halten; skriptographische Ausläufer der Beneventana reichten am Ende des 11. Jahrhunderts durch den klosterinternen benediktinischen Literaturtransfer sogar bis nach Nordfrankreich (Mont Saint Michel) und verdrängten von dort her als Carolino-Gotica genannte Mischform zunehmend die runde »Karlingische Minuskel«. Die authentische »Gotische Minuskel« konnte sich erst im Verlauf des 13. Jahrhunderts durchsetzen.
 
Charakteristisch für die vollendet kalligraphierte Beneventana sind die gleichmäßige Deutlichkeit ihrer Zeichen und das Ebenmaß des Schriftbildes. Eine ganz bestimmte Haltung des schräg zugeschnittenen Federkiels, verbunden mit einer sorgfältigen Verteilung des Drucks, bewirkte die gebrochene Form der Buchstabenschäfte von i, m, n, u, h und t und die eckigen Linien der Bogenbestandteile von a, b, c, d, e, f, g, p, q, s und t. Die Langstriche zeigen an ihrem oberen Ansatz eine typische Verdickung; die Minuskel a wird seit dem 10. Jahrhundert immer durch die geschlossene, oben leicht eingekerbte cc-Form dargestellt, das o ähnelt einer weitdimensionierten Raute. Manuskripte in der Schrift von Montecassino und Benevent weisen ganz eigenartige, sonderbare Initialen auf, die aus phantastischen Fabelwesen, geometrischen Figuren und kompliziert verschlungenen Bändern bestehen. Signifikant sind auch die Abbreviaturen und Ligaturen, besonders aber die neuartige Bogenverbindung, mit der Buchstaben, die mit einer Rundung enden, in den folgenden rund beginnenden Buchstaben hineingeschrieben werden.
 
Hauptcharakteristikum der skriptographischen Hochform der altitalienischen Rotunda im 13. und 14. Jahrhundert ist neben den betonten vertikalen Grundstrichen vor allem ihr breiter Duktus. Die zeitgemäß gotischen Brechungen der Rundteile der Buchstaben sind sichtbar gemildert, die zarten An- und Abstriche hingegen fehlen fast völlig. Typisch für eine Rotunda ist der zweistöckig ausgebildete Buchstabe a, mit einer auffallend kleinen unteren Schlinge und einem hochgezogenen Hals, der mit einem Haarstrich nach links umgebogen wird und zumeist so tief hinunter reicht, daß der Kopf völlig geschlossen wirkt. Signifikant ist auch die trapezartige Weitung der unteren, ebenfalls geschlossenen g-Schlinge.
 
Die schon in den benediktinischen Skriptorien jahrhundertelang gepflegte rundgotische Schrifttradition wirkte natürlich auch stilbildend in den Anfängen des italienischen Buchdrucks fort. Neben der aus der Humanistenhandschrift generierten, weltlich-intellektuellen Antiqua für den Druck der antiken Klassiker und Humanistentexte konnte sich die »klerikale« Rotunda vor allem für biblische, liturgische und kirchenrechtliche Literatur zumindest bis 1500 durchaus behaupten. Während Konrad Sweynheym und Arnold Pannartz, die deutschstämmigen Prototypographen Italiens, im Kloster von Subiaco bereits mit den Prototypen einer (noch gotisch anmutenden) Antiqua experimentierten, druckte der Ingolstädter Ulrich Han in Rom 1466 die »Meditationes« des Johannes de Turrecremata mit einer großformatigen Rotunda, die in Schnitt und Dimension die zeitübliche Schreibschrift wiedergibt. Der Unterschied zwischen zarten Haar- und dunklen Schattenstrichen ist vor allem bei den Minuskeln a, e, u und n recht deutlich ausgeprägt, die Schäfte der Oberlängen sind mit ganz kleinen Ansatzstrichen verziert. Die Majuskeln hingegen sind fast völlig schmucklos und ohne jede Verschnörkelung. Charakteristisch für die Rotunda von Han ist das i mit und ohne Punkt respektive Strich und mit verschieden geschnittenem Schaft. Die beiden frühesten Ausgaben (21. April 1475 und 12. Oktober 1476) des Missale Romanum (Hauptbuch der katholischen Liturgie) setzte Ulrich Han in zwei Schriftgraden der Rotunda.
 
Zum Zentrum der italienischen Druckrotunda wurde Venedig. Vor allem in der Offizin der Gebrüder Johannes und Wendelin de Spira (Gebrüder von Speyer) entwickelte sich die rundgotische Schrift zu einer ersten Hochform. Für juristische Werke schuf Wendelin de Spira (Wendelin von Speyer) 1470 eine später weitverbreitete mittelgroße Textschrift, die jener des Ulrich Han in Rom wohl ähnlich war, aber Verzierungen an fast allen Majuskeln, parallele Diagonalstriche in deren Rundungen und zumeist auch verdoppelte Schäfte aufweist; bemerkenswert an de Spiras Typen ist vor allem das große Ebenmaß der Minuskeln. Ihre ausdrucksvollste Blüte verdankt die Rotunda - wie auch die Antiqua - jedoch Nicolas Jenson, der nach seinen Mainzer Lehrjahren vermutlich als Werkmeister in der Offizin de Spira gearbeitet und sich 1469 selbständig gemacht hatte. Jensons rundgotische Lettern, die bald europaweit als Vorbild für neue Rotundatraditionen dienten, sind von klarer Einfachheit und geradezu puristischer Schönheit, meist unverziert, breit, aber mit betonter Vertikale, und selbst in kleinsten Schriftgraden deutlich lesbar.
 
Als ein weiteres, exemplarisch schönes Beispiel für die klassische Form der italienischen Rotunda gilt die in Venedig am 25. Mai 1482 publizierte Editio princeps der »Elementa geometrica« von Euclid, eine (in der Widmung an den Dogen Giovanni Mocenigo erstmals!) mit Golddruck, floralen Zierinitialen, fast zweihundert geometrisch exakten Diagrammen und nahezu fünfhundert ornamentalen Holzschnittbordüren verschwenderisch ausgestattete Prachtinkunabel aus der Offizin des Erhard Ratdolt. Die vollkommensten zwischen 1490 und 1500 in Rotunda gesetzten Liturgica stammen aus der venezianischen Offizin des Johann Emerich, in dessen gotischem Typenrepertoire sich achtzehn nach dem Vorbild von de Spira, Jenson und Ratdolt gestaltete Rotundas in allen Graden von der großen Auszeichnungs- und Missalschrift bis zur kleinstformatigen Breviertype befanden. Eine ganz besondere Stellung nahm die Rotunda in der Prototypographie der iberischen Halbinsel ein. In Spanien wurden liturgische und profane, lateinische und landessprachliche Inkunabeln fast ausschließlich in Rotunda gedruckt.  
 
In der deutschen Paläotypographie begegnen wir der Rotunda erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts; genauer gesagt ab 1485, also dem Jahr der Rückkehr von Erhard Ratdolt aus Venedig nach Augsburg. Ratdolts legendäres Schriftmusterblatt von 1486 zeigt erstmals neben einer griechischen Type und drei Venezianischen Antiquas auch zehn Rotundatypen; diese wegen ihrer Herkunft »litterae Venetae« genannten Druckschriften konnten besonders im Druck von liturgischen Werken rasch die Monopolstellung der von Petrus Schöffer favorisierten Textura schwächen. Auf Ratdolt geht auch die stärkere Differenzierung der Typen innerhalb desselben Druckwerks zurück: so verwendete er beispielsweise im »Missale Frisingense« von 1492 fünf verschiedene Rotunda-Typen. Wenngleich die hochqualitativen Augsburger Drucke von Ratdolt entschieden zur europaweiten Ausbreitung der Rotunda beitrugen, so konnte sie sich auf deutschem Boden gegen die mit der Reformation nach 1520 immer populärer werdende Fraktur doch nicht behaupten.
 
Gebrochene Schriften des 20. Jahrhunderts mit ausgeprägter Rotunda-Anmutung sind beispielsweise: San Marco, Wallau von Rudolf Koch (1876-1934), Weiß-Rundgotisch; Clemente Rotunda und Bollatica; die elegante Clairvaux und die schwungvolle Duc de Berry von Linotype; Francesca, Monmouth und Lombardic Capitals; die Linotext von Morris Fuller Benton (1872-1948) und die strenge Notre Dame-Rotunda von Linotype; und schließlich die Rudolph mit ihren besonders auffälligen Schattenstrichen und parallelen Diagonalstrichen in den Rundungen.

[L] Ernst Crous und Joachim Kirchner: Die gotischen Schriftarten, Leipzig 1928, Neudruck Braunschweig 1970.
[L] Luigi Schiaparelli: Influenze della scrittura beneventana sulla gotica, Archivio storico italiano 7. ser. 11, Roma 1929.
[L] Otto Mazal: Buchkunst der Gotik, Graz 1975.
[L] Eef Overgaauw: Die Nomenklatur der gotischen Schriften bei der Katalogisierung von spätmittelalterlichen Handschriften, in: Codices manuscripti 17, 1994.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 08.06.2012
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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